Was die Fremden vom Mars aus nicht ausreichend erforscht und in den vergangenen Jahrhunderten ihrer Machtkämpfe auf dem Nachbarplaneten versäumt hatten zu beobachten, waren Stand und Entwicklung des höheren biologischen Lebens der Gaiazu Wasser und zu Lande. Besonders die Frage, ob man mit einer intelligenten, abwehrfähigen Spezies zu rechnen hatte und auf welchem wissenschaftlich-technischen Entwick-lungsstand sich diese befand, war für die Exulanten noch unbeantwortet. Deshalb herrschte große Gespanntheit unter den rund achttausend Bewohnern ihres Weltraumhabitats, als die erste Raumpatrouille in einen nahen Orbit des blau-weiß-grünen Planeten einsteuerte, um zunächst eine genaue 3D-Karthografierung ihrer künftigen Heimat vorzunehmen.
Die kleinen Explorer begannen ohne Verzögerung mit der systematischen Erkundung der Gaia. Während sie in nahen und eng versetzten Orbits über die Erdpole hinweg ihr zukünftiges Siedlungsterritorium umkreisten, drehten ihre hochauflösenden Spezialkameras unablässig Filme von der Planetenoberfläche und ihre Speziallaser erfassten pausenlos dreidimensionale geografische wie biochemische Daten.
Bald setzten sie ihre Erkundungen mit der näheren Erforschung der Flora und Fauna in mehreren Explorerteams fort. Die Tier- und Pflanzenwelt der Erde erwies sich als noch reichhaltiger als jene auf dem Mars. Und noch bevor die ersten dutzend Erdumdrehungen vergangen waren, hatten sie sie entdeckt: Primaten in größeren Populationen, die in den Wäldern und am Rande der Steppen der eisfreien Kontinente herumstreiften. Dazu gewaltige Herden großer und kleinerer vierbeiniger Säuger auf dem Lande und in den Ozeanen, sowie tausende schwimmender Kiemenatmer in allen Gewässern. Die Zahl der niederen Tiergattungen, angefangen bei den Vögeln und Kriechtieren, bis hin zu den Insekten, Würmern und sonstigen Wirbellosen, war schier unübersehbar und ihre Erfassung musste von den Anunnaki zunächst vernachlässigt werden, denn die Suche nach einer intelligenten, abwehrfähigen Spezies besaß die höhere Priorität.
Bereits nach wenigen Tagen hatten sie dann auch mehrere aufrecht gehende Humanoiden ausgemacht, die in kleinen, wandernden Gemeinschaften zu dreißig bis vierzig Personen sowohl in Wäldern, als auch in Steppen und Savannen jagten und vorwiegend in Höhlen lebten. In den Schneeregionen konnten die Anunnaki dagegen nur ganz vereinzelt Gruppen von dahinziehenden Jägern und Sammlern entdecken. Doch eine viel höher entwickelte Rasse war das eigentliche Ziel ihrer näheren Untersuchungen. Die Anunnaki hatten mehrere umfangreiche Populationen dieser Art auf den Inseln eines Archipels entdeckt, welcher sich zu dieser Zeit inmitten des kleineren der beiden Hauptozeane von Nordosten nach Südwesten hinzog. Diese lebten bereits in festen, gesicherten Ansiedlungen, mit Wohnstätten aus Holz, Lehm und Steinen. Es waren, wie Sie sich denken können, Cro-Magnon-Menschen.
Meine Damen und Herren, im Folgenden verwende ich die uns heute geläufigen Begriffe und Eigennamen, die zum größten Teil aus jener goldenen Vorzeit stammen. Ich habe aus Gründen der bereits genannten begrenzten Speicher-kapazität meines Chips darauf verzichtet, die Berichte der Anunnaki von der Erkundung des pazifischen Raums einzuspielen. Für unsere Betrachtungen ist der atlantische Raum vorerst wesentlich interessanter, da uns hier vor Augen geführt wird, dass es vor unserer DRITTEN WELT bereits eine großartige Zivilisation gegeben hat, nämlich die der so genannten Atlanter.
Deshalb wissen wir nun auch, warum die heutigen, ebenso wie die antiken, kartografischen Darstellungen unserer Erde die großen Kontinente rechts und links des Atlantiks gruppieren. Damals war Atlantis der Mittelpunkt der Welt. Heute geht man aus Gründen, die womöglich mit dem Übergang in eine VIERTE WELT zu tun haben, mehr und mehr dazu über, die großen Festlandplatten Eurasien und Amerika rechts und links des Pazifik, mit der Inselkette Hawaiis als Mittelpunkt, darzustellen. Unnötig vielleicht der Hinweis für Sie, dass die beiden gewaltigsten Vulkane der Welt, der Mauna-Kea und der Mauna-Loa, einer der wichtigsten strategischen Häfen der USA, Pearl Habour, sowie die beiden größten Observatorien der Welt, dort gelegen sind. Aber das ist eine andere Geschichte.“
Im Weiteren bekamen die Konferenzteilnehmer eine Folge von Filmsequenzen mehrerer Flüge der schnellen Raumdiscs in etwa zehn Kilometer Höhe über die kleinen und größeren Inseln jenes besonderen Archipels, bis hin zur großen, nördlich des Äquators gelegenen, Hauptinsel geboten. Deren Ausdehnung konnte man auf etwa die Hälfte Australiens schätzen. Im Norden war sie von einem hohen, schnee- und gletscherbedeckten Gebirgsmassiv eingefasst. Diese Kordillere schützte die Großinsel vor den kalten Nordwinden und verlieh ihr zusammen mit einer warmen Meeresströmung entlang ihrer südlichen und westlichen Gestade ein besonders günstiges Klima.
Der Flug einer Explorerdisc führte zuletzt über dieses Nordgebirge hinweg und gab den Blick in eine unendlich scheinende Eiswüste frei: Die nordatlantischen Eisfelder der letzten Glacialperiode. Wieder gingen Laute des Erstaunens und der Bewunderung durch die Reihen der auserwählten Zuschauer. Schließlich kehrte die Kamera von da zurück und verharrte im südlichen Teil des Festlandes über einer größeren, bebauten Ansiedlung. Die Umgebung wurde so nahe herangezoomt, dass die Einzelheiten einer Siedlung deutlich erkennbar wurden. Selbst das Treiben der Bewohner ließ sich problemlos beobachten.
Cromagnon-Menschen der jüngeren Vorzeit, wir bezeichnen sie heute als frühe Bronzezeit, gingen dort ihren vielfältigen Beschäftigungen nach. Ihre Stadt, so konnte man diese Ansiedlung wohl bereits bezeichnen, war in einem Oval von etwa eineinhalb auf einen halben Kilometer angelegt und von einem über zwei Meter hoch aufgeschichteten Erd- und Steinwall umfasst, der mit eben so hohen Holzpalisaden gekrönt war. Um den gesamten Palisadenwall herum führte ein etwa fünf Meter breiter Wassergraben, der vom nahen Flusssystem abgezweigt worden war und nördlich des Dorfes in den ein wenig tiefer liegenden See abgeleitet wurde. In der Mitte befand sich ein Steinturm von etwa zehn Metern Höhe.
Die so gesicherte Siedlungsfläche war deutlich zweigeteilt. Ein Teil war entlang der parallel und rechtwinklig verlaufenden Gassen mit achtzehn rechteckigen, schilfgedeckten Langhäusern bebaut, deren Länge ungefähr dreißig, ihre Höhe fast sechs Meter betrug.
Diese Wohnsiedlung belegte zwei Drittel der Gesamtfläche des Ovals und mochte vielleicht zweitausend Menschen aufnehmen. Das andere Drittel beherbergte im kleineren Teil hofartige Areale, in denen offensichtlich verschiedenes Handwerk betrieben wurde. Im größeren Teil befanden sich einige Koppeln für Ziegen, Schafe und eine merkwürdige Art langhörniger Rinder, die es in unserer heutigen Welt nicht mehr gibt. Entlang des Schutzwalls waren auf dieser Seite des Großdorfes unterschiedlich hohe Tonkrüge aneinander gereiht, von denen einige die Spitzen der Palisaden erreichten und die allem Anschein nach als Speicher für verschiedene Nahrungsgüter dienten. Im Innern des Walls lief rund um die Siedlung direkt unter den Palisaden ein schmaler Trampelpfad entlang.
An die Siedlung schloss sich der weit nach Norden führende Süßwassersee an. An mehreren stabilen Holzstegen lagen stattliche Einbäume mit einseitigen Auslegern, und westlich der Siedlung konnte man kleine Getreide- und Gemüsebeete erkennen, die dem umgebenden Urwald abgetrotzt worden waren. Nach unserer Einteilung der Jahreszeiten war es auf dieser nördlichsten Großinsel des Archipels gerade Sommer.
Der Film wurde nun ausgeblendet und es blieb einen Moment dunkel im Raum. Langsam flutete das elektrische Licht hoch und Li Hui, schlank und unauffällig mit schwarzem Hosenanzug und weißer Leinenbluse gekleidet, ließ ihren forschenden Blick verstohlen über die Versammlung huschen.
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