Charly schüttelte den Kopf. »Das mit dem Bier ist nett, aber nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass es deinem Mädchen bald wieder besser geht. Wie alt ist sie jetzt?«
»Fünf. Nächsten Monat wird sie Sechs.«
»Bestelle ihr bitte einen Gruß von mir. Unbekannterweise. Bis dann, Bruce!«
Mit diesen Worten drehte Charly sich um und ging mit hängenden Schultern in die Richtung davon, in der irgendwo sein Zuhause liegen musste. Bruce sah ihm noch einen Augenblick lang nachdenklich hinterher. Er mochte Charly, diesen stillen und irgendwie immer leicht traurig wirkenden Mann, der nie ausfallend oder laut wurde. Obwohl Bruce Charly bereits seit einigen Jahren kannte, wusste er kaum mehr über ihn, als dass er in der Stadtverwaltung arbeitete, verheiratet und kinderlos war und ihn keine Sportart sonderlich interessierte.
Mit einem Mal bekam Bruce ein schlechtes Gewissen. Er hatte Charly belogen. Doch Menschen wie Charly belog man nicht, herzensgute Menschen, für die das Leben nichts Aufregendes vorsah und erst recht keine Wunder bereithielt. Allerdings hatte er auch gar keine andere Wahl gehabt, als Charly zu belügen. Sicher, er hätte es sich verkneifen können, seine Frau für abwesend zu erklären, ebenso hätte er nicht erzählen müssen, dass seine Tochter krank sei. Doch was sollte es jetzt noch, er hatte es nun mal gesagt und Schluss.
Bruce drückte entschlossen den vierten Klebestreifen an die Tür, dann verriegelte er sie von innen. Nein, sagte er sich, heute konnte er das Lucky beim besten Willen nicht öffnen und mit seinen Gästen plaudern und lachen und über die Mannschaft vom Ipswich Town FC schimpfen als sei nichts geschehen. Heute musste er alleine sein. Nachdenken. So konnte es nicht weitergehen. Die ständige Sorge musste endlich ein Ende haben. Was, wenn es seine Tochter erwischt hätte und nicht die Kleine der Cashmans? Wer oder was garantierte ihm denn, dass nicht irgendwann seine Tochter dran sein würde? Und selbst wenn der Kelch an ihr vorüber ging, musste was unternommen werden. Nur ... was?
Bruce stieß einen tiefen Seufzer aus.
*
Joachim legte Hammer, Nagel und das Holzkästchen auf den Wickeltisch. Er rückte das Bett von der Wand ab, stellte sich auf den Tritt und schlug den Nagel in die Zimmerdecke ein. Anschließend kippte er den Inhalt der kleinen Holzkiste auf den Wickeltisch. Gedankenverloren drehte er die Holzkugel in seiner Hand hin und her, bis er schließlich die Holzstäbe, an denen die sechs bunten Holzfiguren baumelten, willkürlich in die kleinen Löcher der Kugel steckte. Langsam hob er das Mobile auf Augenhöhe und betrachtete die kleinen Figuren, die ungeordnet hin und her tanzten. Um sie sich genauer ansehen zu können, nahm er jede einzeln in die Hand.
Die Holzfiguren waren geschlechtslose Menschenfiguren mit kleinen, runden Köpfen. Die Ober- und Unterkörper waren oval und aus einem Stück gearbeitet. Kleinere ovale Kugeln stellten die Arme und Beine dar. Doch damit endeten die Gemeinsamkeiten der Holzfiguren auch schon. Das wirklich Erstaunliche war ihre Individualität, denn jede der Figuren hatte ein sorgfältig mit dünnen Pinselstrichen aufgetragenes Gesicht. Und ganz offensichtlich sollten auch ein paar Figuren durch unterschiedliche Hautfarben und stark voneinander abweichende Gesichtszüge andere Rasse symbolisieren. Bei drei Figuren deuteten dicke Pinselstriche auf volles und kräftiges Haar hin, zweien hatte man einen spärlichen Schopf gemalt, und eine Figur hatte man sogar glatzköpfig gelassen. Außerdem unterschieden sich die Figuren in ihrer aufgemalten Kleidung: Es gab rote, grüne, gelbe und blau-weiße Hosen und verschiedenartige Hemden und Kittel. Und Joachim glaubte sogar zu erkennen, dass die einzelnen Figuren sich fast unmerklich in der Länge unterschieden. Ganz eindeutig war dieses Mobile eine Handarbeit, und zwar eine sehr sorgfältige.
Joachim befestigte das Mobile an der Decke, trat dann zwei Schritte zurück und betrachtete amüsiert die leicht tanzenden Figuren. Schließlich schob er das Bett an seinen angestammten Platz zurück und achtete darauf, dass die vier Beine wieder genau auf den Druckstellen standen, die sie bereits im Teppich hinterlassen hatten.
Der Tag war knapp zwei Stunden jung, als sich Joachim von dem zweiundneunziger Salice Salentino nachschenkte. Der Besuch war gerade gegangen und die Wohnungstür noch nicht ganz ins Schloss gefallen, als Carola mit den Worten »Lass alles stehen, wir räumen morgen auf« und einem besonders auffälligen Gähnen ins Schlafzimmer verschwunden war, was gleichzusetzen war mit einem Versuch-es-besser-gar-nicht-erst!
In der Docking Station steckte Joachims iPhone. Er wählte eine Musikdatei aus und stellte die Lautstärke herunter, dimmte das Licht und setzte sich in den Sessel, legte die Füße auf den Wohnzimmertisch. Er lauschte der Musik, nippte ab und zu an seinem Glas und verlor sich schon bald in Gedanken. Doch es dauerte nicht lange, als Joachim von einer plötzlichen Unruhe, die ihn überkam, aus seinen Träumereien gerissen wurde.
Was war los?
Joachim lauschte, doch er hörte nichts weiter als die Musik.
Dennoch: Etwas stimmte nicht.
Er stand er auf und verließ das Wohnzimmer, schaltete das Flurlicht an und lauschte.
Nichts. Selbstverständlich nicht.
Doch vielleicht sollte er besser mal nach Daniel sehen.
Joachim ging leise in Daniels Zimmer. Die Flurbeleuchtung warf ausreichend Licht durch die geöffnete Zimmertür, er konnte das tief schlafende Baby gut sehen. Joachim beugte sich über das Gitter des Kinderbettes und hauchte seinem Sohn einen Kuss auf die Stirn. Liebevoll betrachtete er ihn für einige Augenblicke. Er musste daran zurückdenken, wie Carola ihm vor etwas mehr als einem Jahr gesagt hatte, dass sie erneut schwanger sei. Eigentlich hatten sie kein zweites Kind gewollt. Niklas war aus dem Gröbsten raus und mit jedem Jahr, das verging, entfernten sie sich mehr von dem Gedanken an ein zweites Kind, doch Carola vertrug die Pille nicht und so geschah es gelegentlich, dass sie nicht verhüteten und sich darauf verließen, dass nichts passierte. Bis es dann doch passierte. Die Freude über die Schwangerschaft und auf das Kind wollte sich bei Joachim nicht recht einstellen, doch er tat alles, damit Carola glaubte, er könne es kaum erwarten, erneut Vater zu werden. Tatsächlich empfand Joachim das Timing als denkbar schlecht. Der Senior des Unternehmens, für das er arbeitete, hatte ihm gerade erst den Vorschlag unterbreitet, in drei Jahren seine Nachfolge anzutreten. Joachims Motivation und sein Ehrgeiz waren förmlich in die Höhe geschossen, und das Letzte, was er nun gebrauchen konnte, war ein zweites Kind. Doch das alles war vergessen, als er Daniel schließlich zum ersten Mal in den Armen hielt. Er liebte dieses winzige Kind mit einer plötzlichen Wucht, die er nicht für möglich gehalten hatte.
Joachim atmete tief ein. Er empfand die Luft im Raum als verbraucht und beschloss, für eine Minute das Fenster zu öffnen. Die Nacht war ungewöhnlich mild für die Jahreszeit, dem Jungen konnte nichts passieren.
Joachim zog das Rollo hoch und öffnete das Fenster. Er setzte sich auf den Fußboden und betrachtete zwischen den Holzgitterstäben hindurch seinen Sohn. Es würde nicht lange dauern, bis Daniel die ersten Schritte ging, die ersten Worte sagte. Die Zeit flog dahin, das hatte Joachim bei Niklas erlebt, dabei schien es erst vor wenigen Wochen gewesen zu sein, dass Niklas noch so klein und hilflos gewesen war wie Daniel es jetzt war.
Plötzlich wimmerte Daniel. Seine Atmung ging unregelmäßig. Er schien schlecht zu träumen. Joachim war kurz unentschlossen, dann entschied er, den Jungen liegen zu lassen. Daniel würde schon gleich wieder ruhiger schlafen.
Mit einem Mal seufzte Daniel auf. Sein Kopf zuckte hin und her, sein Mund öffnete und schloss sich immer wieder. Doch die Augen waren geschlossen, Daniel schlief noch immer.
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