»Hast du das gesehen?«, flüsterte Michael atemlos.
»Die haben echt am helllichten Tag 'nen Bruch gemacht«, sagte Joachim ungläubig.
»Und wir sind Zeugen, Jo, das ist wie in einem Krimi im Fernsehen. Komm, das gucken wir uns mal von drinnen an!«
»Du willst da rein?«, fragte Joachim erschrocken.
»Logo, klar.«
»Michi, du kannst da nicht einbrechen!«
»Wieso einbrechen? Da ist doch schon längst eingebrochen worden, von den Kerlen eben. Wir gehen doch nur rein. Oder hast du schon mal gehört, dass man in ein Haus, in das gerade eingebrochen wurde, noch mal einbrechen kann?«
»Nein«, gab Joachim zu.
»Na also, siehst du. Und nun komm schon, du Angsthase!«
Das saß. Joachim schluckte. Er gab gerne zu, dass er nicht unbedingt zu den mutigsten Jungen der Welt zählte, aber ein Angsthase war er deshalb noch längst nicht - und das würde ihm auch niemals jemand nachsagen. Und so folgte er, obwohl er sich unwohl fühlte und ihm das alles nicht recht war, Michael langsam durch die weit aufstehende Tür ins Innere des Geschäftes.
So achtlos, wie die Einbrecher beim Parken des Wagens und bei der aufgebrochenen Tür gewesen waren, waren sie auch drinnen zu Werke gegangen. Auf dem Boden lag eine Menge zerbrochenes Porzellan, das aus den Regalen gerissen worden war. Überall lagen umgestoßene Gegenstände herum, viele davon waren kaputt. Die Kasse auf dem Verkaufstresen war gewaltsam geöffnet und leer geräumt worden.
»Das ist ja klasse«, rief Michael begeistert. »Ob wir hier was für uns finden, Jo? Los, lass uns mal gucken, ob für uns etwas dabei ist!«
»Bist du bescheuert?«, stieß Joachim erschrocken aus. »Wir können hier nicht einfach was mitnehmen, das geht nicht. Das ist Diebstahl.«
Michael machte eine abfällige Handbewegung und sagte: »Die anderen haben hier eingebrochen, nicht wir.«
»Dafür gehen wir in den Knast, Michi.«
»Wir sind Kinder, du Idiot, Kinder gehen nicht in den Knast.«
»Aber in die Erziehungsanstalt.«
»Nur, wenn man jemanden getötet hat. So, was ist jetzt? Es ist erlaubt, in einem aufgebrochenen Haus etwas mitzunehmen, wenn man nicht selbst eingebrochen hat, ich kenn mich mit Gesetzen gut aus.«
Joachim glaubte ihm nicht, dennoch nickte er.
Neben einem barocken Stuhl lag ein leerer Rucksack auf dem Boden. Michael hob ihn auf. »Hier können wir ein bisschen was reinpacken. Lass mal gucken … .«
Er sah sich um. Dann nahm er eine kleine Vase aus dem Regal und legte sie behutsam in die Tasche. Joachim sah ihm zu. Michael nahm ein samtbezogenes Kästchen in die Hand und schätzte sein Gewicht. Ohne hineinzusehen, steckte er es in den Rucksack.
Obgleich ihm alles andere als wohl dabei war, hob Joachim einen Bierkrug mit Zinndeckel vom Boden auf und verstaute ihn im Rucksack. Michael steckte ein weiteres Kästchen ein. Es war lang, schmal und aus unbehandeltem Holz, und auch hier hatte er nicht hineingesehen. Als Nächstes nahm er einen Korkenzieher, auf dem der Stoßzahn eines Keilers prangte, dann eine alte Pfeffermühle. Beides stopfte er in den Rucksack.
Plötzlich fuhr Joachim zusammen und hob erschrocken den Kopf.
»Was ist das, Michi? Hörst du das?«
»Was höre ich?«
»Das da draußen.«
Michael sah zur Tür, legte den Kopf schief und lauschte angestrengt. Dann sah er seinen Freund entsetzt an und rief: »Die Bullen kommen!«
»Ich wusste, dass sie uns erwischen«, kreischte Joachim. »Ich wusste es, du bist Schuld!«
»Komm, Jo, los!«, schrie Michael, ergriff den Rucksack und stürmte aus dem Geschäft. Dann rannte auch Joachim los. Die beiden Polizeiwagen stoppten im gleichen Moment vor dem Gebäude, als die beiden Jungen sich auf ihre Räder schwangen. Michael verschenkte eine wertvolle Sekunde, als er versuchte, den Rucksack aufzusetzen, doch er war zu groß für seinen schmalen Rücken und rutschte ihm von der Schulter.
»Mach' endlich!«, brüllte Joachim, der bereits einige Meter entfernt war.
Zwei Polizisten liefen bereits auf Michael zu, aber der Junge schaffte es gerade noch rechtzeitig, den Rucksack über das Lenkrad zu werfen und das Fahrrad mit kräftigen Tritten in Bewegung zu setzen.
»Gib' Gas!«, brüllte er, doch das tat Joachim längst. Sie fuhren so schnell sie konnten, drehten sich nicht um und kümmerten sich nicht im Geringsten darum, in welche Richtung sie fuhren. Nur weg, Hauptsache weg.
Irgendwann wurde Michael langsamer. »Ich kann nicht mehr«, japste er. Sein Herz raste und er rang lautstark nach Luft. »Wo sind die Bullen?«
»Wir sind ihnen entkommen«, sagte Joachim. Auch er war atemlos.
Sie sahen sich um. Von der Polizei war tatsächlich weder etwas zu sehen noch zu hören. Michael stoppte sein Fahrrad, ließ vorsichtig den Rucksack zu Boden gleiten, stieg dann ab und lehnte das Rad gegen einen Gartenzaun. Erschöpft setzte er sich auf den Bürgersteig.
»Was machst du denn jetzt?«, fragte Joachim verwundert.
»Ich brauche 'ne Pause«, keuchte Michael. »Nur kurz. Ich hatte den Rucksack, was glaubst du denn, was der wiegt? Das Ding ist schwer.«
»Aber du kannst doch nicht hier eine Pause machen, spinnst du? Was ist, wenn die Bullen doch noch kommen?«
»Die suchen uns doch gar nicht. Die suchen die anderen, die Einbrecher. Bestimmt machen sie schon die Steckbriefe fertig.«
»Komm, Michi, lass uns weiterfahren. Am besten nach Hause, bitte!«
Michael rappelte sich hoch. »Meinetwegen. Wir fahren zu mir. Meine Eltern sind nicht da. Die sind mit Uli bei irgendwelchen Leuten.«
Joachim nickte erleichtert. Ungeduldig sah er zu, wie Michael die Rucksackgurte enger zog. Dann setzte er sich den Rucksack auf den Rücken und stieg aufs Fahrrad. Im gemäßigten Tempo fuhren sie weiter. Noch wussten sie nicht, wo sie sich befanden, doch schon bald stellten sie fest, dass sie gar nicht so weit von zu Hause entfernt waren, wie sie vermutet hatten.
Irgendjemand stand draußen vor dem Pub und rüttelte kräftig am Türknauf. Dann wurde einige Male heftig geklopft und schließlich der Tür ein kräftiger Tritt verpasst, begleitet von einigen wütenden Worten. Wer auch immer draußen vor dem The Ghost Of Lady Luck stand, hatte ganz offenbar kein Verständnis dafür, dass die Tür verschlossen war. Wie auch? Schließlich hatte das Lucky , wie die Stammkunden Bruce’ gemütlich eingerichteten Pub am Ipswicher Holywells Park nannten, täglich geöffnet, es war also ungewöhnlich, dass die Tür verschlossen war und sogar die Jalousien heruntergelassen waren.
Bruce, ein kahlköpfiger Hüne mit tätowierten Unterarmen und gutgläubigem Gesicht, stand hinter dem Tresen und schrieb in großen Buchstaben Heute leider geschlossen auf einen Bogen Papier. Einen Moment lang betrachtete er trübsinnig seine eigene Handschrift. Dann gab er sich einen Ruck, kam hinter dem Tresen hervor, entriegelte die Tür und zog sie auf, um den Zettel außen anzubringen. Er war gerade dabei, den letzten Klebestreifen an die Tür zu kleben, als ihn jemand ansprach: »Was ist denn los, Bruce?«
Bruce erschrak leicht, dann blickte er sich um und sah Charly. Charly war ein treuer Gast mit Stammplatz am Tresen, seit Jahren bereits kam er Abend für Abend nach der Arbeit her und trank zwei Pint Bier.
»Ich kann heute leider nicht öffnen, Charly. Unsere Kleine ist krank. Sie hat hohes Fieber und meine Frau kommt erst morgen wieder zurück, sie ist zu Besuch bei ihrer Mutter in Ashford. Ich habe niemanden, der sich um die Kleine kümmern kann, deshalb muss der Laden heute geschlossen bleiben.«
»Das mit deiner Tochter tut mir leid«, entgegnete Charly. Man sah ihm an, dass er es nicht bloß sagte, sondern tatsächlich so meinte.
»Morgen wieder, Charly, okay? Das erste Bier geht dann auf mich, alter Kumpel, weil ich dich heute abgewimmelt habe.« Bruce bemühte sich zu lächeln, doch es blieb beim gequälten Versuch.
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