Diese ruhigen Worte ärgerten ihn seltsamerweise mehr als ihr Geschrei und ihr Geheul, mehr als ihre Tränen und ihre Wut. Er packte eines der Ruder und fuchtelte damit drohend über ihrem Kopf, stieß wüste Flüche und Verwünschungen aus, stand erneut auf, stieg sogar, um sein Tun und seine Worte zu verstärken auf die Ruderbank und wuchtete mit langen, ausholenden Bewegungen das Ruder von links nach rechts und von rechts nach links. Daraufhin schwankte der Kahn so bedrohlich, dass ein Schwall Wasser nach dem anderen über Bord schwappte und die Pfütze zu ihren Füßen immer größer wurde. Angesichts dieser konkreten Bedrohung, angesichts des unabwendbaren Ertrinkens oder Erschlagenwerdens und angesichts des rasenden Mannes, ihres Mannes, der hoch über ihr stand und mit dem Ruder so bedrohlich gestikulierte, wuchs ihre Angst zur Todesangst und mobilisierte ungeahnte Kräfte. Als er, so glaubte sie, zu einem endgültigen, einem finalen Todesschlag auf ihren Kopf ausholte, ließ sie sich rückwärts von dem schmalen Brett fallen, riss dabei mit einer unvermutet schnellen Bewegung ein Bein hoch und trat ihm mit aller Kraft den spitzen Absatz ihres Stöckelschuhs zwischen die Beine. Er versuchte dem Tritt auszuweichen, heulte auf, als sie ihn dennoch traf, ließ das Ruder los, das aufklatschend ins Wasser fiel, und griff sich, Linderung suchend, in den Schritt. Dabei verlor er das Gleichgewicht, schwankte noch stärker als das Boot und eine Sekunde später erfolgt ein zweites, diesmal weit heftigeres Aufklatschen.
Sie zog sich langsam an der Bordwand hoch und setzte sich auf das Brett. Dann sah sie, wie ihr Mann, ein, zwei Meter vom Boot entfernt, heftig mit den Armen ruderte, nach Luft japste, keuchte, Wasser soff und aus spie und dazwischen atemlos rief, sie solle ihm helfen, verdammt noch mal, und ihm endlich das Ruder hinstrecken, das zweite, das auf der Bank liege. Sie strich sich die Haare zurück und ergriff dann das Ruder mit beiden Händen. Er war mit seinem wilden Herumgefuchtel, mit seinen unsystematischen, hilflosen Schwimmbewegungen immerhin bis an das Boot herangekommen, hielt sich mit beiden Händen an der Bordwand fest und versuchte sich daran hochzuziehen. Sie schaute zu, machte aber keine Anstalten, ihm zu helfen. Als er schon ein Bein über die Bordwand gehievt hatte und das Boot sich dadurch so weit neigte, dass es fast umkippte, kehrte die Todesangst vor dem Ertrinken, die sich nach ihrem Befreiungstritt gelegt hatte, auf einen Schlag wieder zurück. Sie wollte nur noch diese entsetzliche Gefahr abwenden, dieser bedrohlichen Situation endgültig entkommen. Sie fasste das Ruder noch fester, hob es über ihren Kopf und schlug mit aller Kraft auf die klammernden Finger. Ein tierischer Schrei, ein lautes Platschen, als er losließ, ein erneutes heftiges Schwanken des Bootes in die andere Richtung, ein blubbernder, erstickter Ruf. Seine wild um sich schlagenden Arme wirbelten das Wasser auf, er näherte sich wieder dem Boot, da schlug sie noch einmal zu. Sie schlug mit aller Kraft auf seinen Kopf, der aus dem Wasser ragte, dann ging er unter. Alle Geräusche waren verstummt, das Wasser beruhigte sich, das Boot fand in eine stabile Lage zurück. Die nebelig wattige Stille wurde durch nichts mehr gestört.
Sie starrte eine Weile wie gelähmt auf das Wasser, auf die Stelle, an der er versunken war, als fürchtete sie sich, dass er wieder auftauchen könne. Dann tauchte sie das Ruder in das Wasser und versuchte paddelnd voranzukommen. Das Boot drehte sich im Kreis und schlingerte, doch schließlich schaffte sie es, aus dem Nebel hinauszufinden. Sie sah wieder die Sonne, die gerade dabei war, unterzugehen und sie sah in einiger Entfernung einen Fischer in einem kleinen Kahn, der seine Netze auslegte und von dem Geschehen in der Nebelbank offensichtlich nichts mitbekommen hatte. Bevor sie anfing, laut zu rufen und das hochgehaltene Ruder zu schwenken, hob sie das Handtäschchen aus der Pfütze auf, entnahm ihren Taschenspiegel und prüfte ihr Aussehen. Als der Fischer sie endlich bemerkte, kam er rasch auf sie zu. Sie verspürte plötzlich großen Hunger.
Das warme Wasser tat nach dem anstrengenden Tag gut. Er hatte es genossen, entspannt Runde für Runde in dem großen Becken der Jugendstilhalle des Hotels zu drehen und sich die Säulen, die Skulpturen, das Dekor der Wände ausgiebig anzuschauen. Er hatte die alten Männer beobachtet, die in einem kleinen Nebenbecken, bis zum Hals im Wasser, Schach auf schwimmenden Brettern spielten. Immer wieder guckte er den jungen, hübschen Frauen nach, die in gewagten Bikinis oder in Badetücher gehüllt über die Marmorfliesen schritten und nach lohnenden Kontakten Ausschau hielten. Ihr Lächeln war verhalten, ihre Blicke dezent herausfordernd, gerade so, dass es nicht als offensichtliche Anmache ausgelegt werden konnte. Aber vermutlich waren die dezenten halb versteckt im Hintergrund wartenden Herren, die unendlich viel Zeit zu haben schienen, ohnehin eingeweiht oder gar die Strippenzieher der angestrebten Fraternisierungen. Nachdem er diesen Blicken widerstanden hatte, lag er nun auf einem wohlig warmen Steintisch und ein bärtiger Masseur, ein kariertes Handtuch um die schmalen Lenden geschlungen, durchwalkte seine Oberschenkel, seinen Po und seinen Rücken und murmelte pausenlos, welche Schnäppchen der verehrte Gast für seine begehrten Devisen „erwäärben könne - Zigaretten, Marillenschnaps, original Salami aus der Puschta oder ächt beehmische Krischtallglääser“.
Er war geschäftlich in Budapest und es war die Zeit des real existierenden Sozialismus, des Kalten Kriegs, des Eisernen Vorhangs, der den revolutionär dahinsiechenden Osten vom dekadenten, kapitalistischen Westen trennte. Sein Zimmer war im Gellert, das in dieser grauen, eintönigen Welt, die nach Zweitakterabgasen und Desinfektionsmittel auf Karbolbasis roch, den Charme der glanzvollen k-u-k-Zeit bewahrt hatte. Er fühlte sich wohl, genoss das vorzügliche Essen, die aufmerksame Bedienung, das Baden in den Art-nouveau-Gewölben, die Massage durch den bärtigen Chefmasseur und nahm sogar die Pediküre in Anspruch, die zu einem Spottpreis gebucht werden konnte. Seine Geschäfte waren gut, das heißt wie geplant verlaufen. Er war mit sich und der Welt zufrieden und wollte den letzten Abend noch voll genießen, doch dazu brauchte er ein paar Forint, sein beim Eintreffen umgetauschtes Kontingent war nahezu vollständig ausgegeben. Doch statt nun seine begehrten D-Mark in einer Bank oder an der Rezeption des Hotels zum kümmerlich niedrigen, offiziellen Wechselkurs zu tauschen oder wenigstens einen der Kellner auf das WC zu begleiten, die ihm zwischen Suppe und Schweinebraten den aktuellen Schwarzmarktkurs zuflüsterten, wollte er den Geldtausch auf der Straße ausprobieren. Er war bei seinen Gängen durch die Straßen permanent angesprochen worden, rasch, heimlich, im Vorbeigehen und die jungen Männer, es waren ausschließlich junge Männer, hatten ihm unglaubliche Kurse genannt. Die Gier trieb ihn an und er hoffte, am Schluss der Reise noch ein besonderes Schnäppchen machen zu können.
An einer stillen, dunklen Straßenecke kamen zwei junge Burschen auf ihn zu und nannten ihm ungefragt, in der sicheren Annahme, er könne an einem solch klandestinen Ort nur Geld tauschen wollen, einmal mehr den phantastischen Kurs. Im selben Moment gingen zwei andere junge Männer an ihnen vorbei, schauten leicht spöttisch auf die Drei und sagten etwas, das wie „Achtung Dina“ klang. Er hatte keine Ahnung, was sie damit meinten. Der eine Typ hielt mittlerweile ein Päckchen ungarischer Banknoten in seinen Händen, blätterten es durch und zählten ihm die Summe, die er für einhundert Mark erhalten sollte, schön langsam und deutlich vor. Alles stimmte exakt, alles war in Ordnung. Die Beiden waren nur etwas enttäuscht, als er sagte, dass er nur zwanzig tauschen wolle, das reiche ihm für ein gutes Abendessen, er sei ja nur noch heute im Land. Daraufhin zog der Mann flugs ein neues Päckchen aus der Hosentasche, es schien dieselbe Größe zu haben, wie das Erste, und zählten erneut. Die ganze Zeit späten die Beiden vorsichtig um sich, ob kein unerwünschter Beobachter oder gar ein verkappter Polizist in Zivil in der Nähe war, immer bereit gegebenenfalls rasch im Dunkeln zu verschwinden. Nachdem er sich versichert hatte, dass die Summe auch für das neue Angebot stimmte, holte er aus seinem Portemonnaie einen Zwanziger hervor. Der Austausch ging dann blitzschnell vonstatten. Der eine Bursche entriss ihm die grüne Anette von Droste-Hülshoff und drückte ihm dafür das abgezählte Bündel in die Hand, dann rannten beide los und waren im Nu in den engen Nebenstraßen verschwunden. Dieses Verhalten kam ihm etwas seltsam vor, und als er das Geldbündel genauer ansah, merkte er, dass nur das Deckblatt eine Forintnote war, der Rest waren wertlose jugoslawische Dinare und jetzt verstand er auch die Warnung. Erst ärgerte er sich, doch dann nahm er das Geschehen hin, wie es nun einmal war. Das war halt sein Eintrittsgeld für die Stadt und der Preis für eine nützliche Lebenserfahrung. Es war ein lauer, schöner Frühlingsabend, er ging auf die Kettenbrücke und in der Mitte, zwischen Buda und Pest, ließ er einen Dinarschein nach dem anderen in die Donau flattern.
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