Er hatte, gleich nach Spielende, angefangen Majena anzubaggern, in dem er pausenlos auf sie einredete. Er lobte sie wegen der wenigen, erfolgreichen Aktionen, bewunderte ihre Flinkheit, rühmte ihr „überirdisches“ Reaktionsvermögen und bedankte sich, speziell bei ihr, dass er hatte mitspielen dürfen. Sie lachte, freute sich über seine Komplimente und antwortete in einem schwerfälligen Deutsch „ichch bin doch garr nicht gutt und das weißt du auch“. Am Kiosk fragte er sie, ob er ihr ein Wasser oder eine Limo oder ein Eis spendieren könne. Sie schüttelte den Kopf, schaute ihn schelmisch an und sagte „piwo“. Er bestellte ihr ein Bier und für sich ein Wasser. Sie setzte die Flasche sofort an und trank sie fast auf einen Zug leer. Denn lächelte sie wieder und sagte: „Danke serr.“ Er lächelte zurück und fragte, ob sie noch ein „piwo“ wolle, dabei starrte er unverhohlen auf ihre braune Haut mit den vielen kleinen Schweißperlen, auf den Pferdeschwanz, der endlich zur Ruhe gekommen war und natürlich auf ihre Rundungen und Wölbungen, auf ihren Ausschnitt, die kompakten Arme, die massiven Oberschenkel, den festen Po, dessen unteres Ende von dem rosaroten Kleid kaum verborgen wurde. Sie setzten sich auf eine der Brauereibänke und er rutschte immer dichter, immer näher an sie heran, bis er sich eng an sie schmiegte. Sie wollte ihn auf Distanz halten, aber das ging nicht, weil sie sonst von der Bank gefallen wäre. Sie konnte deshalb nicht vermeiden, dass er immer näher kam, aber sie schien auch nicht direkt etwas dagegen zu haben. Jedenfalls wehrte sie sich nicht deutlich, sagte nicht „nein, genug jetzt, bleib wo du bist“ und suchte sich auch keinen anderen Sitzplatz. Im Gegenteil, nach einer Weile kokettierte sie und machte ihrem aficionado schöne Augen, gurrte und lachte kehlig. Auch den anderen, die sich um das Kiosk geschart hatten, konnte nicht entgangen sein, wie er sie anstarrte, anmachte, ja geradezu anhimmelte und weiter heftig auf sie einredete, um endlich die angestrebte abendliche Verabredung unter Dach und Fach zu bringen. Dabei legte er seine Hand wie unbeabsichtigt erst auf ihren Arm, dann um ihre Taille und sein Oberschenkel drückte fest den ihren.
Einem jedenfalls war das Gebalze nicht entgangen, aber er sagte nichts, dafür handelte er. Wladimir beobachtete eine Weile dies Treiben, dann stellte er die halbleere Bierflasche auf den Tisch, stand auf, baute sich vor den beiden Schäkernden auf und verpasste ohne Vorwarnung, ohne ein klärendes Wort, ohne eine Frage dem verliebten Geck einen Nasenstüber, der schon fast eine rechte Gerade war. Verblüfft starrte dieser seinen Gegner an, den er bis jetzt als solchen gar nicht wahrgenommen hatte und der sich nun um so eindringlicher und eindeutiger bemerkbar gemacht hatte. Mit den Worten „du Arsch, lass bloß deine dreckige Finger von diese Frau“ packte er Majena bei der Hand, zerrte sie von der Bank hoch und sie machten sich, unter dem betretenen Schweigen der anderen, auf den Weg zu ihrem Liegeplatz. Majena sagte kein Wort, drehte sich nicht um, ihr Körper wackelte, als sie sich bemühte, Anschluss an den davon stürmenden Wladimir zu halten. Mit der freien Hand versuchte sie, mehrfach vergebens, ihr rosa Kleid nach unten zu ziehen.
Der Geschlagene saß perplex da, merkte dann, dass etwas aus seiner Nase lief, fasste hin, sah, dass seine Finger rot geworden waren. Er stand auf, ging wortlos zurück zu seinem Buch und seinen Sachen, kramte in der Hose nach einem Taschentuch, hielt es sich an die blutende Nase und verfluchte den Tag.
Animalische Komplikationen
Er hatte Indien bisher gemieden. Indien? Nein, das musste nicht sein! Die Menschenmassen, das Elend auf der Straße, das diskriminierende Kastenwesen, die wenigen unglaublich Reichen einerseits und die vielen, die absolut nichts haben. Dazu die verwirrende Religion mit ihren 30 Millionen Göttern, die fremdartige, für uns seltsame Kultur, die Unkenntnis über geschichtliche Zusammenhänge in diesem Raum, all das hatte ihn abgehalten, Indien als Reiseland überhaupt in Erwägung zu ziehen. Doch dann kam ganz plötzlich die Erkenntnis, wenn nicht jetzt, dann nie und er buchte eine Indienreise. Drei Wochen mit Mietwagen und Fahrer durch Südindien. Natürlich sah er Menschenmassen, beobachtete überfüllte Busse und Bahnen und wurde, wenn auch nur passiv, mit dem Wahnsinnsverkehr in den Städten konfrontiert. Auch das Elend und den Unrat auf den Straßen sah er, wenn dies auch, wie er von Reisebekanntschaften hörte, längst nicht so drastisch ausgeprägt war wie im Norden. Vom Kastenwesen bekam er gar nichts mit und die positiven Eindrücke der Religion und der Kultur überwogen. Er war sehr angetan von dem uralten kulturellen Erbe, von den phantastischen Tempeln, von der sichtbaren, ja geradezu greifbaren Frömmigkeit der Menschen. Auch die Natur, das angenehme Klima und die fast ständige Abwesenheit von Regen, trugen zu diesem positiven Bild bei. Er hätte mit seiner Reise sehr zufrieden sein können, wenn da nicht diese Viecher gewesen wären. Nicht die Mücken, die manchmal schon sehr lästig waren, nicht die giftigen Kobras oder die menschenfressenden Tiger, die keinem Touristen jemals gefährlich werden können, weil man ihnen nur im Zoo begegnet. Nein, es waren andere animalische Erfahrungen und Verwicklungen, auf die er lieber verzichtet hätte.
Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel verschaffte ihm einen ersten Eindruck von dem chaotischen Verkehr, der ihn auf seiner weiteren Reise ständig umtosen würde: das ewige Hupen, das ständige Aufjaulen der Motoren, das nervige Blubbern der Diesel, das „tuk-tuk“ der gelb-schwarzen Motorrad-Rikschas. Alle fuhren durcheinander, gerade wie sie wollten, nutzten jede Lücke, die sich bot, rücksichtslos, draufgängerisch, uneinsichtig. Es war ihm schleierhaft, wie man in diesem Chaos abbiegen, wenden oder überholen konnte, ja selbst das Überqueren einer größeren Straße zu Fuß war eine Kunst, die man erlernen musste. Zum Glück konnte er die meiste Zeit das Gewusel, das sich letztlich aber doch selbst organisierte und irgendwie funktionierte, aus seiner klimatisierten Schutzzelle namens Suzuki verfolgen. Und er konnte auch die heiligen Kühe beobachten, die wie erwartet seelenruhig durch die Straßen schlenderten, sich mitten im Verkehr hinlegten, als ob sie auf einer herrlichen grünen Weide wären. Sie genossen höchste Priorität, kein Autofahrer wagte es, sie zu vertreiben oder gar anzufahren, welch Sakrileg wäre das. Bei einem abendlichen Spaziergang sah er eine Kuh, die im Müll, direkt neben einer vielbefahrenen Straße wühlte. Er war fasziniert von ihrem Tun und wollte die Schmankerl, die sie sich ins Maul beförderte, besonders gut aufnehmen. Deshalb machte er, die Kuh fest im Sucher der Kamera, einen Schritt nach rückwärts auf die Straße, mit ihrem brandenden Verkehr. Ein wütender Schrei, ein schepperndes Klingeln, das kratzende, schleifende Geräusch einer Vollbremsung, im letzten Moment konnte der Fahrer eines Tuk-tuks in den Verkehrsstrom eintauchen, der Zusammenstoß war vermieden. Erschrocken hielt er kurz inne, um dann von einem sichereren Standpunkt aus weiterhin aufzunehmen, was die Kuh fraß: Palmblätter, Bananenschalen, Kokosnusshüllen, Zeitungen, Packpapier, Pappendeckel, Plastiktüten.
Dann das Erlebnis mit dem Hund, einem der Viecher, die in Massen Straßen und Plätze bevölkern. Der Wagen fuhr langsam auf den Tempel zu. Er sah seinen ersten, grandiosen, vielfarbigen Tempelturm, war begeistert, öffnete die Tür, schaute ehrfurchtsvoll hinauf zu den überbordenden Massen steinerner Götter und menschlicher Helden, um schließlich mit einem weiten Schritt aus dem Auto zu steigen, den Blick zwar noch nicht im Sucher der Kamera, aber bei dem Pantheon. Bei diesem unüberlegten Schritt trat er einem der faul herumdösenden Köter auf den Schwanz. Dieser jaulte auf, sprang hoch, drehte sich um seine eigene Achse und wehrte sich, indem er nach dem Bein des Angreifers schnappte. Der Biss war nicht tief, nicht bösartig, mehr ein Kneifen, aber es blutete. Ihm wurde mulmig. Indien, das wusste er, war das Land mit den meisten Tollwutfällen. Tollwut ist unheilbar, hatte er gelesen, man ist unausweichlich zum Tode verurteilt, wenn man nicht geimpft ist. Der faszinierende Tempel wurde nicht besucht, stattdessen trieb er den Fahrer an, so rasch wie möglich in das nächste Krankenhaus zu fahren. Spritzen, Tests, Untersuchungen, viel, viel Zeit ging mit Warten drauf. Zum Glück, zum großen Glück, brachte das Ergebnis Entwarnung. Der Hund war sauber und der Biss nicht Folge eines tollwütigen, sondern nur seines tollpatschigen Verhaltens.
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