Albert machte eine Pause und sah Claire hilfesuchend an. Daraufhin fuhr sie fort.
"An diesem Tag hatten wir, außer an zwei Engländer, gar keine Ausrüstung herausgegeben und auch keine weitere Eintragung im Buch. Was aber noch merkwürdiger war, die Ausrüstung trug zwar unser Namenslabel, doch die laufende Nummer haben wir noch nie besessen. Wir hatten weder Geld, Ausweis noch Kleidungstücke von diesem Mann. Wir haben ihn noch nie im Leben gesehen."
"Und was war dann?", fragte Perone interessiert. Albert räusperte sich kurz und sagte: "Es waren nicht nur die Sachen, die er uns zurückbrachte, sondern, dass er uns sehr gut kannte, wir angeblich schon mit ihm am Strand gesessen und Wein getrunken hatten. Er wusste allerhand über uns, aber wir überhaupt nichts über ihn. Er glaubte eher an einen Scherz, fragte ständig, wo wir eine Kamera versteckt hätten und so."
"Und weiter?", fragte Perone. Claire holte hörbar tief Luft und antwortete: "Als er merkte, dass wir uns keinen Spaß mit ihm erlaubten, hat er es wohl aufgegeben. Na ja, Albert hat ihn erst einmal was zum Anziehen geliehen, damit er wenigsten in seine Pension zurück konnte, in der er wohnte. Konnten ihn doch nicht nackt wegschicken."
"Welche Pension?", fragte Perone, "Und wie hieß der Mann?"
"Dirk Boregard ", antwortete Albert, "ein Deutscher. Gewohnt hat er in der Pension "Labarre", an der Rue de Sole."
"Kam er noch einmal zurück?", fragte Perone weiter. Beide verneinten die Frage. Unausgesprochen gingen aber alle davon aus, dass der vermeintliche Einbruch nicht unbedingt etwas mit diesem mysteriösen Boregard zu tun haben musste. Wenn auch gerade die Ausrüstung gestohlen wurde, die dieser Fremde zuvor zurückbrachte.
"Na gut", sagte Perone, "wenn ihr für die Versicherung ein Aktenzeichen braucht, könnt ihr ja Bescheid sagen. Kleiner Tipp, ihr lasst die Nummer einfach weg. Interessiert doch sowieso niemand."
Mit diesem Hinweis und einer kurzen Ehrenbezeigung drehte er sich um und machte sich auf den Weg zur Pension. Sie war nur zweihundert Meter weit vom Strand entfernt und war ein alter, renovierungsbedürftiger Bau, der sich von den übrigen Häusern kaum unterschied. Der Anstrich der Fassade lag schon einige Jahre zurück und die Begonien auf den Fenstersimsen lockerten das Ganze auch nicht gerade auf. Die verwitterte Holztür stand weit offen und wurde von einem Schild mit dem Menühinweis des heutigen Tages am Zufallen gehindert. Als er Minuten später vor dem Tresen der Pension stand, kam Phillip Labarre, der Inhaber direkt auf ihn zu und begrüßte ihn. Perone fragte ihn nach dem Namen Dirk Boregard und hoffte natürlich, dass dieser sich hier angemeldet hatte, wie das Ehepaar Clemont ihn berichtete. Automatisch zog er sein Notizbuch aus der Tasche und schlug es für eventuelle Eintragungen auf.
"Ein Dirk Boregard?", wiederholte Phillip nachdenklich und schien sich daran zu erinnern. "Ja, vor einer Woche tauchte hier so ein Typ auf. Ein Deutscher. Er behauptete hier zu wohnen. Aber wir hatten keinen Gast mit diesem Namen."
"Wissen Sie, wohin er gegangen ist?", fragte Perone weiter.
"Nein, es wurde nur kurz vor seinem Eintreffen ein Brief für ihn hinterlegt, den ich ihm überreichte."
"Und wer war der Bote des Briefes? Ich meine, kannten Sie ihn?" fragte Perone weiter.
Phillip schüttelte nur den Kopf und antwortete: "Ein älterer Herr, so um die 80. Er hatte sich mit Monsieur Thomsen vorgestellt. Gesehen hatte ich diesen Mann aber noch nie."
"Thomsen?", wiederholte Perone, "Hört sich auch nach einem deutschen Namen an."
"Schon möglich", antwortete Phillip tonlos, "er sprach fließend Französisch. Er hatte aber weiter keine Angaben über sich gemacht."
Perone nickte und fragte: "Sonst nichts weiter?"
"Nein …", antwortete er schulterzuckend, worauf Perone sich das Notizbuch wieder in die Jackentasche steckte. Sich bedankend und verabschiedend zugleich, verließ er die Pension "Labarre" und machte sich auf dem Weg. Wie von einer Vorahnung gesteuert hielt er auf den Strand zu. "Möglich", dachte er bei sich, "dass der vermeintliche Dieb sich dort aufhält."
Zu dieser frühen Tageszeit befand sich normalerweise noch niemand dort. Der Strand war leer gefegt und das kleine Strandcafé hatte noch geschlossen. Weit draußen war ein Fischerboot zu erkennen, dessen Schornstein ungewöhnlich tiefschwarze Wolken ausblies. Rechts und links vom Strand ragten die rotbraunen Felsen aus dem Wasser und leuchteten in der weißen Morgensonne. Zwischen zwei, mit Strandhafer bewachsenen Hügeln, führte ein schmaler Weg zu einem kleinen schmalen Strandabschnitt. Dieser wurde häufig von Nudisten benutzt, die sich hier unbeobachtet wähnten. Dort bemerkte Perone eine Person, die bis zu den Knien im Wasser stand und auf das Meer hinaus sah. Sie stand regungslos da, wie eine Statue. Neugierig holte Perone sein kleines Fernglas hervor und sah zu ihm hinüber. Es handelte sich um einen Mann, der mit voller Tauchermontur reglos dort verharrte. "Für diese Tageszeit etwas ungewöhnlich", dachte sich Perone. Dabei wurde er das Gefühl nicht los, dass jener Taucher da auch etwas mit dem Einbruch zu tun haben könnte. Wenn er es auch selber nicht so recht glauben wollte, so machte er sich doch auf dem Weg zu ihm. Dabei musste er kurz den Strand verlassen, ein Stück neben der Straße gehen, um dann den Weg zum Strand zwischen den Hügeln zu gelangen. Zwar führte auch ein direkter kleiner Pfad dorthin, aber für Leute mit Schuhwerk sehr unvorteilhaft. Der Sand war so weich und fein, dass man sich hätte, anschließend die Schuhe ausziehen müssen. Von einer Anhöhe, auf der sich ein kleines Aussichtsplateau und eine Bank befanden, konnte er den Fremden entdecken und er spähte erneut durch das Fernglas. Jetzt erkannte er deutlich das orangene Emblem auf der Pressluftflasche der Tauchschule "Clemont". "Na warte", dachte sich Perone und wollte sich gerade auf dem Weg machen, da wurde er von einer tiefen rauchigen Stimme namentlich gerufen. Perone blieb stehen und drehte sich um. Circa zwanzig Meter hinter ihm stand ein älterer, gepflegter Herr mit weißem, aber vollem Haar. Perone hatte diesen Mann noch nie gesehen und wunderte sich umso mehr, dass dieser ihn mit Namen anrief. Er trug eine beige Stoffhose und einen grünen Parka. Seine Hände hatte er in den Taschen vergraben und musterte Perone sehr genau. Dann trat er langsam näher und Perone sah deutlich sein Gesicht. Er war braugebrannt und hatte altersentsprechende Falten. Seine blauen Augen aber waren klar und wach. Sein Blick wechselte ständig zwischen dem stark rauchenden Kutter in der Ferne und dem Taucher dort unten am Strand, der sich offenbar immer noch nicht schlüssig war, ob er nun tauchen wollte oder nicht. Dann trat der Fremde noch etwas näher an Perone heran, ohne seinen Blick von dem Taucher zu lassen, der unbeweglich in die Ferne starrte.
"Sie sollten ihn an seinem Vorhaben nicht hindern", bat der Fremde höflich ohne Perone anzusehen. Dieser betrachtete den Fremden und versuchte ihn einem bestimmten Personenkreis zuzuordnen, mit denen er schon mal zu tun hatte. Seine Aussprache hatte den hiesigen Dialekt und daher konnte es sich kaum um einen Touristen handeln. Seine Kleidung und die Schuhe verrieten, dass er Geschmack bewies und scheinbar nicht zu den Ärmsten gehörte.
"Und warum nicht, wenn ich fragen darf?", wunderte sich Perone. Der Fremde sah ihn kurz an, dann ging sein Blick zu dem stark qualmenden Fischerboot, was sich langsam der Bucht näherte. Es schien zu brennen und hatte schon leichte Schlagseite. Dennoch hatte es immer noch gute Fahrt drauf und so wie es aussah, versuchte die Mannschaft ihren Kutter ins seichtere Gewässer zu bringen. Es war nicht nur der Schornstein, der rauchte. Auch aus dem Ruderhaus und der Ladeluke quoll grauweißer Rauch. Die Mannschaft war emsig damit beschäftigt, ihre Habseligkeiten zusammenzutragen und sich auf eine Evakuierung vorzubereiten. Ob sie das Feuer zu löschen versuchten, war nicht ersichtlich. Für Sekunden war Perone abgelenkt und deutete dem Fremden, dass die Besatzung möglicherweise Hilfe benötigt.
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