Ihr gesunder Sinn sagte ihr, daß es doch einen menschlicheren Weg geben müsse, um internationale Gegensätze oder Konflikte zu regeln.
Niemals dachte sie weiter, oder besser gesagt, tiefer, und immer sah sie nur die zeitlichen Folgen des Völkerringens. Sie beteiligte sich auch nicht an den Siegesfeiern, da ihr die unendlichen Qualen der Verwundeten und Vermißten vor Augen waren. Sie sah die Lazarettzüge von ihrem Fenster aus, wie sie vom Westen kommend, in den Bahnhof einfuhren.
Die besonders gekennzeichneten Feldpostwaggons hatten etwas Grauenhaftes für sie. Wie viele Unglücksnachrichten bargen diese schwarzen Riesenbriefkästen auf Rädern. In ein, zwei, drei Tagen haben Mütter, Bräute, Kinder die Nachricht von der Verwundung, Verkrüppelung oder vom Tode ihrer Nächsten. »Gefangen« steht in manchem dieser Unglücksschreiben, oder was noch tausendmal schlimmer ist: »Vermißt!« Diese peinigende Ungewißheit. Dieses Krebsgeschwür der Hoffnung, das tausendmal täglich das Herz zerreißt.
»Hertha! Hertha! – warum siehst du mich so starr an? Wo sind deine Gedanken wieder?« Zärtlich strich Mader die Hand seiner Braut.
»Wie lange soll das noch dauern, Eugen? Wann hört dieser entsetzliche Krieg auf?«
»Hertha, warum grübelst du über diese Dinge nach? Uns gilt es, das Vaterland zu verteidigen.«
»Das sagen die anderen auch. – Auch sie haben ihr Vaterland zu verteidigen. Wo bleibt die Kultur?«
»Hertha, nur kurze Stunden sind mir an deiner Seite gegönnt. Denk’ zurück an die glücklichen Stunden von früher.«
»Ich kann meine Gedanken nicht so leicht meistern.« Sie sieht ihn lange an. »Wie glücklich bin ich, daß du nur ein Werkboot befehligst, daß du keine Mordkommandos geben kannst!«
Er strich ihr leise über die Hand.
»Weißt du, Eugen, ich könnte dich nicht mehr lieben, wenn ich wüßte, daß du Boote mit unschuldigen Menschen versenkst.«
»Hertha, laß uns von anderen Dingen sprechen.«
»Ich kann nicht dagegen an, solange dieser furchtbare Krieg noch dauert.«
»Die große Turbine abstellen. – Es ist Ostersonnabend. Der Nachmittag soll dienst- und arbeitsfrei sein.«
Der kleine Fähnrich Ulitz ist inzwischen zum Marineleutnant befördert worden. Er lacht übers ganze Gesicht und gibt am Telefon den Befehl weiter.
Nach einigen Minuten hört das Surren der Maschinen auf.
Die Arbeiter haben die Riemen auf die Leerscheiben gestoßen und die Transmission dreht sich langsamer und langsamer. Die Treibriemen werden von den Drehscheiben gestoßen und hängen schwingend und schlapp. Aus den Schmierlöchern tropft langsam das schwarze Öl.
Immer ruhiger wird es.
Spiralförmig hängen zitternd die Späne von den Egalisierdrehbänken.
Ein allgemeines Reinigen der Maschinen beginnt. Die Fräs- und Drehmesser werden losgeschraubt. Die Spiralbohrer aus den amerikanischen Backenköpfen genommen und aufgehoben.
· · ·
Neun Monate sind seit der Einfahrt von U.10 in die Höhle vergangen.
Im Dom 1, der Madersee genannt, waren weit über zwanzig Exzellobogenlampen an der Decke angebracht. Wandarme mit großen 5000 Kerzen starken Glühlampen erhellten das Plateau im Hintergrund. Das Licht der Bogenlampen spiegelte sich im Madersee und beleuchtete zehn U-Boote, die teils zur Reparatur, teils zur Aufnahme von Munition und Ladung eingefahren waren.
Neben dem Plateau rückwärts war ein Trockendock. Ein Boot lag im Dock, während daneben auf Hellingen Spanten und Kiel zu einem Miniatur-Unterseeboot in Arbeit waren.
Zwei Riesenscheinwerfer mit zweizolldicken Kohlen warfen taghelle Strahlen von der Decke auf den Wasserspiegel zur Tunnelausfahrt. Direkt über der Wasserfläche war ein dritter Scheinwerfer, der das Wasser bis auf dreißig Fuß Tiefe erleuchtete.
Unten an dem Muschelplateau waren von den Tauchern biegungsfähige Gleitvorrichtungen angebracht, die eine Beschädigung der ausfahrenden U-Boote verhinderten.
Längs den Wänden am Plateau im Maderseedom befanden sich die Bureaus und Lagerräume für Ersatzteile der auszubessernden U-Boote.
Im Dom 2 hatte sich wenig verändert. Die wunderbaren Tropfsteingebilde sollten erhalten bleiben. Nur Wege waren geschlagen und zwei Schmalspurmaschinengleise liefen quer durch diesen Dom.
Dom 3 hatte sich in eine große Maschinenhalle verwandelt.
Drehbänke, Fräsmaschinen, Schneide-, Bolzen-, Nieten- und Stiftenmaschinen standen in regelmäßigen Reihen. Pendellampen hingen über jeder Maschine, außer den in reichlicher Zahl an der Decke angebrachten Bogenlampen.
Rückwärts, beim Ausgang zum Dom 3 standen zwei große Elektromotoren, die die Transmissionen links und rechts vom Dom durch breite Treibriemen in Bewegung setzten.
Dom 4 war auch zum Teil eine Schlosser- und Schmiedewerkstatt. In einem gesonderten Teile war eine Gießerei errichtet, sowie die Abteilung für Schweißmaschinen und Sauerstoffgebläse. Auch hier liefen die Schienenstränge entlang.
Holzbearbeitungsmaschinen, wie Gatter-, Kreis- und Bandsägen, Fräs-, Hobel- und Falzmaschinen standen rechter Hand von dem Fluß in Dom 5, während links davon am großen Wasserfall die Turbinenanlage angebracht war, die sämtlichen Maschinen in der Felsenhöhlenstadt als Antriebskraft diente.
Weiter rückwärts speisten Motore große Dynamos, die zur Herstellung der elektrischen Kraft und für die Beleuchtungsanlage dienten.
Dom 6 war in zwei Teile geteilt. Hier waren die Speisesäle und der allgemeine Aufenthaltsraum errichtet. Eine Abteilung diente als Magazin und Lagerraum. Abteil 2 enthielt die große elektrische Küche.
Nummer 7 umfaßte die Schlafräume für Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften.
Im Mannschaftsschlafraum standen Holzbetten in Reih und Glied. Die Riesenhalle besaß im Mannschaftslogis zwei Reihen zu 45 Doppelbetten, wie in den Schiffskabinen, also Raum für 180 Mann. Außerdem waren 100 Hängematten an den Felswänden entlang aufgespannt.
Jeder Mann hatte seinen eigenen, verschließbaren Schrank mit einem Ausziehbrett unten wie oben, um Bücher, Wassergläser und sonstige Dinge dort abzulegen. Über jedem Bett befand sich eine Glühlampe.
Die Offiziere besaßen jeder ein Abteil für sich. Darin waren Waschvorrichtungen mit kaltem und (von den heißen Quellen) warmem Wasser angebracht.
Die Unteroffiziere bewohnten zu viert ein eigenes Abteil.
Ganz im Hintergrund war ein großer Raum, den Schustern, Schneidern und dem Friseur eingeräumt.
Dom 8 diente als Badeanstalt mit Wannen-, Schwimm-, sowie Dampf- und Heißluftbädern.
Die heißen Quellen waren zum Teil in Röhrenleitungen abgefangen und den Offiziersschlafräumen und der Küche zugeleitet worden.
Im rückwärtigen Teile von Dom 8 war ein Lazarett mit zwanzig Betten hergerichtet worden. Auch Ordinationszimmer und Operationssaal befanden sich dort.
Die letzte und allergrößte Höhle, die ungefähr 650 Meter lang und gegen 400 Meter breit war, diente als Sportplatz. Für Fußballspiele waren zwei regelrechte Tore vorhanden.
Auch einen Tennisplatz gab es in dieser Höhle und einige Kegelbahnen.
Interessant war, daß das vom Wasserfall und der Quelle gespeiste Flüßchen durch fünf Höhlen lief und dann unter einer Felswand verschwand.
Mader stand nackt in seiner Badekoje und ließ die kalte Dusche über seinen Kopf brausen.
In feinen Strahlen strömte das erfrischende Naß über den Körper.
In der Nebenkoje plätscherte Ulitz, stöhnte und prustete.
Mader rieb seinen Körper rot und machte Gelenkübungen.
Ulitz pfiff jetzt ein Liedchen und rief Mader an:
»Das erfrischt! Aber Donnerwetter, ein bißchen Sonne wäre jetzt ganz angenehm! Möchte gerne einmal wissen, wie die liebe Sonne aussieht. Sechs Monate und kein Tageslicht! Wir werden noch eine Haut über die Pupille bekommen, – wie die Molche.«
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