»Was wollen Sie wissen«, sagte Thiel, fiel in den Sessel, in dem zuvor Hoffmann gesessen hatte, und fingerte auf seinem Tablet herum, während er mit halbem Ohr darauf zu warten schien, dass man ihm den Grund für die Belästigung erklärte.
Weil Schönherr fest entschlossen war schweigend durchzuhalten, bis Thiel ihm auch die andere Hälfte seiner Aufmerksamkeit schenkte, kam ihm der Schulleiter zuvor: »Doktor Schönherr und seine Nichte Lisa haben sich um einen Platz für das kommende Schuljahr beworben. Leider waren wir gezwungen, eine schmerzhafte Entscheidung zu treffen, weil uns aus gegebenem Anlass die Hände gebunden sind. Herr Thiel, vielleicht können Sie uns kurz die Begleitumstände schildern, die uns gewissermaßen -«
»Klar, kein Thema«, sagte Thiel und klang dabei so euphorisch, wie jemand, der seinen Schwiegereltern verspricht, irgendwann in ferner Zukunft den Keller zu entrümpeln.
Thiel tat noch einen Moment beschäftigt, während Schönherr und Hoffmann etwas ratlos um den Knabbertisch standen.
»Wie war nochmal der Name der Tochter?«
»Bitte nicht«, murmelte Schönherr und setzte sich. »Ihr Name war Lisa Schönherr. Meines Wissens ist er es noch immer.«
»Wie?« Thiel schaute irritiert in die Runde, während er den Zeigefinger zur Markierung einer Textstelle auf dem Tablet behielt.
»Lisa Schönherr, so heißt sie.«
Der Schulleiter beugte sich zu seinem Gast herunter, hielt die Hand wie eine Lärmschutzwand neben den Mund und flüsterte: »Haben Sie nicht gesagt, Lisa sei Ihre Nichte?«
»Ja, genau«, erwiderte Schönherr für alle hörbar. »Aber unser Junior scheint mir nicht ganz bei der Sache zu sein.«
»Ich kann auch wieder gehen«, sagte Thiel trocken.
»Nein, nein, schon gut«, beeilte sich Hoffmann zu deeskalieren. »Beginnen Sie bitte einfach, sobald Sie -«
In diesem Moment erschien ein Foto Lisas auf dem Schirm, außerdem Name, Alter und Herkunft.
»Okay«, sagte Thiel. »Ich habe hier Lisas Profil. Was ich sehe, ist, dass die F-Reihe insgesamt einige krasse PRs offenbart.«
»Persönlichkeitsrisiken«, flüsterte Hoffmann und setzte sich.
Der Zeigefinger des Sozialinformatikers flog derweil über das Tablet, als wollte er ein Rad zum Drehen bringen, dann sprach er wie zu sich selbst: »Die statistische Validität von F2 und F4 bis F12 ist völlig in Ordnung, Signifikanz deutet auf ordentliche Impacts hin.« Plötzlich schaute Thiel von seinem Tablet auf. »Hat Lisa etwa nie eine PGU bekommen?«
»Sie meinen, eine psychologische Grunduntersuchung? Nein, noch nicht.«
»Keine regelmäßige Vorsorge? RPV?«
Schönherr schüttelte den Kopf.
»Sie besucht die Kita am Shillerpark?«
Nicken.
»Vater Suizid, Mutter Psychiatrie?«
Nicken.
»Mhm, das ist natürlich so eine Sache.« Fast schwang etwas Mitleid in Thiels Stimme mit, zumindest aber ehrliche Verblüffung.
»Wie meinen Sie das?« fragte Schönherr.
»Naja, das ist doch schon etwas ... ungewöhnlich«, sagte Thiel. Er scrollte weiter, schüttelte ab und zu den Kopf, dann wieder schien er konzentriert zu lesen, und dabei sah er wie ein junger Arzt aus, der sich aus langen Zahlenkolonnen vom Labor einen Reim zu machen versuchte. Nach einer Weile ließ er das Tablet auf seine Knie sinken, auf eine Weise, die keine gute Diagnose versprach.
»Also, wenn Sie mich fragen, da sollten mal Spezialisten drüber schauen.«
»Was soll das heißen?«
»Lisas Score. Ich meine, ich kann hier so nebenbei logischerweise keine richtige Analyse machen, aber da gibt's ein paar Sachen, die statistisch reinhauen.«
»Was denn für Sachen?«
»Na, zum Beispiel die medizinische und soziale Vorgeschichte der Eltern.«
»Dafür kann Lisa ja wohl nichts!«
»Klar, aber umso wichtiger wäre ja eine regelmäßige psychologische Vorsorge gewesen, nur als Beispiel. Wenn Sie eine Agentur zur Score-Optimierung aufsuchen würden - LS Consulting, Norm & Rich und wie sie alle heißen -, da könnte man schon was machen, denke ich.«
»Zeigen Sie mir bitte Lisas Score«, flüsterte Schönherr.
*****
LS Consulting Group - Infomaterial an unsere Mandanten. Glossar. Stichwort: 'Mathematische Form des Scores'
Der Score ist als Matrix definiert, die zahllose, nach einer komplizierten Systematik gegliederte Kapitel umfasst, auch wenn in der Presse oft vom Score-Wert die Rede ist. Zwar kann man aus der Score-Matrix durch eine mathematische Operation - intern als dope ( d egree o f pe rfection) bezeichnet - ein Persönlichkeitsskalar, also eine Art Gesamtnote berechnen, allerdings wurde den Auskunfteien letztinstanzlich vom Bundesverfassungsgericht untersagt, einen solchen Zahlenwert an ihre Kunden weiterzugeben. Die eindimensionale Bewertung einer Person käme einer Wertung des Menschen an sich gleich und verletze in mehrerer Hinsicht die im Grundgesetz verankerten Persönlichkeitsrechte.
*****
Thiel wischte über das Tablet, löschte das Licht, verdunkelte die Fenster, und im nächsten Moment wurde Lisas Portrait auf dem Bildschirm durch unübersichtliche Linien ersetzt: steigende, fallende und schwankende Kurven, die wie die Gewinnerwartung eines Unternehmens oder die Populationsdynamik einer Art aussahen.
»Was Sie hier sehen«, begann Thiel, »ist ein Ausschnitt aus Lisas Sozialprognose für die nächsten fünf Jahre. Beispielhaft aufgegliedert in die Kategorien Resilienz, Belastbarkeit in schulischen Angelegenheiten - oben gestrichelt, sehen Sie? - Frustrationstoleranz, Kompromissfähigkeit, soziale Interaktion, Empathie, Soziabilität, praktische und akademische Intelligenz, prognostizierter Lernfortschritt und verschiedene Aggressionsformen, in braun dargestellt. Ganz links sind die aktuellen Skalare aufgetragen.«
»Quasi-aktuell«, ergänzte der Schulleiter. »Das dürfte aus der Sammelauskunft vom letzten Monat stammen?«
Thiel nickte. »Aber ich kann das auch eben aktualisieren?«
Schönherr winkte ab.
Thiel schaute fragend in die Runde. Da sich keiner rührte, fuhr er fort: »Nach rechts aufgetragen ist die prognostizierte Entwicklung einiger F-Felder.«
Sechs Augen schimmerten in den Farben der Score-Kurven. Thiel tippte, der Schulleiter nickte stumm vor sich hin, nur Schönherr suchte noch nach Orientierung. Zwar waren ihm die Diagramme, mit denen man verschiedene Aspekte des Scores graphisch darstellen konnte, nicht unbekannt, aber er hatte sich nie so intensiv damit beschäftigt, dass er eine Art intuitives Verständnis entwickelt hätte.
»Lisa ist den Anforderungen der Schule, was den reinen Lernstoff betrifft, gewachsen, da gibt es kein Problem. Aber, und das können Sie hier sehen -«, Thiel wackelte mit dem Schullogo als Zeiger auf einer roten Kurve, die wie ein Börsenkurs erst unentschlossen seitwärts kroch, bevor sie zweieinhalb Jahre in der prognostizierten Zukunft plötzlich ins Bodenlose stürzte. »Man muss leider davon ausgehen, dass Lisa sich auf Schlossberg mehr und mehr von der Gemeinschaft isolieren würde, was mit einer Verzögerung von einigen Monaten massive Auswirkungen auch auf ihre schulischen Leistungen hätte.«
»Ich möchte hinzufügen«, sagte der Schulleiter, »dass die Kurven bereits auf das Score-Spektrum der Schlossberg normiert sind. Was ich damit sagen will, ist, dass Lisas Separationstendenzen und ihre emotionale Empfindlichkeit in einer anderen sozialen Umgebung möglicherweise weniger stark hervortreten würden, beziehungsweise besser aufgefangen werden könnten. Ich möchte aber noch auf einen weiteren wichtigen Umstand hinweisen, den wir bei Lisa besonders unter die Lupe genommen haben: Herr Thiel, können Sie bitte F11 und F12 vergrößern und uns vielleicht Lisas Borderline-Index ausrechnen?«
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