STERN einen Artikel geschrieben. Über meine Doktorarbeit. Die drei Euro und vierzig Cent waren fix investiert. Titel der Story: Armut = unsozialer Sozialstaat Mein Flug war klar zum Boarding. Sollte ich hierbleiben? Dr. Richard zur Rede stellen? Nein. Sitz 42 erwartete mich. Und der Text aus dem Nachrichtenmagazin
STERN . Lesend, staunend, stiefelte ich durch den Check-in Bereich bis zum Flieger, nickte der Stewardess abwesend zu und fand meinen Platz. Auf der ersten halben Seite die Erläuterung unserer Arbeit. Dann eine Seite Werbung mit einer ein Buch lesenden Frau. Eine komplette Seite Text. Dann ein kleines Foto von Dr. Richard und ein Einliegertext. Dann ein kleines Foto von mir und- in einer geänderten Schriftart – ein längerer Text über weitere vier Seiten, inklusive Statistiken. Fazit meines Dr. Richard war, dass Frau Dr. Liska Wollke eine bissige Rechercheurin sei, die sich nicht vom Ziel abbringen ließe. Hörte sich für mich nach Lob an. Ich las mich fest, fand einen Text zu dieser einen Episode, die mich gleichwohl unangenehm werden ließ, als auch ernüchterte. Ja, an diese Begebenheit erinnerte ich mich. Als ich persönlich einem Liberalen den Mindestlohn als Lösung vorschlug, wurde der sogar grantig, wollte mich vom Mikrofon trennen. Der war regelrecht handgreiflich geworden, hatte mich an den Haaren gezogen. Als der erste Journalist einige Fotos von der Situation gemacht hatte, wurde der Mann ruhiger. Zwei Wochen nach Veröffentlichung der Fotos beendete der Liberale seine politische Karriere. Natürlich nicht wegen der Fotos, die einige mediale Tsunamis ausgelöst hatten, sondern aus persönlichen, gesundheitlichen Gründen. Selbstredend brauchte der keinen Mindestlohn und kein soziales Netz, denn die Industrie wartete bereits. Der Mann war seit mehr als zehn Jahren für monatliche Saläre von siebentausend Euro Aufsichtsratsmitglied in einem Unternehmen aus der Photovoltaikbranche. Die Firma gehörte einem Belgier, der EU Ratsmitglied der Grünen war. Soviel zur Vernetzung der liberalen Politik mit der grünen Wirtschaft. Nach diesem kurzen Exkurs in den Text, entschloss ich mich den gesamten Artikel von vorn bis hinten zu lesen. Meine Sitznachbarin grinste mich an. Eine Dame Ende fünfzig, was man nach dem zweiten Hinsehen erst mitbekam. Dunkelbrauner Hosenanzug, dunkler Teint, Schmuck, bis auf eine Uhr, nicht erkennbar. Mein erster Eindruck - Geschäftsreise. Im Touristenbomber? Das Lächeln der Geschäftsdame galt definitiv mir. Die Stewardess grinste dito. Ich blätterte zurück zum Anfang. Las. Die halbe Seite an Erklärungen war sachlich richtig und fürs Volk, den proletarischen Plebs, gedacht. Hätte Dr. Richard jetzt gesagt. Aber, ich wiederhole, das nur aus Quatsch. Der Mann war nah am Volk. Der redete eben manchmal so. Der
STERN -Reporter war gut. Der stellte die richtigen Fragen. Wurde sicherlich auch von meinem Mentor zu dessen und somit unseren Schlussfolgerungen gelenkt. Als ich umblätterte, lächelte meine Nachbarin schon wieder jovial wissend in mein Gesicht. Jetzt begriff ich auch weshalb. Die zweite Seite war keine Werbung mit einer Frau wie ich vermutet hatte, sondern Frau Doktor Liska Wollke. Ein Riesenfoto, ganzseitig von mir. Die Dame neben mir bemerkte meine Überraschung und giggelte in ihren Damenbart. Die Stewardess war eben auf unserer Höhe und schenkte mir schmunzelnd den Blick auf einen halben Quadratmeter gepflegtes Zahnweiß. Sie wusste es also auch. Peinlich berührt senkte ich den Blick. Und las weiter. Die Konzentration wieder zu finden, war nicht leicht. Ich fühle mich ungern beobachtet. Graue Maus ist mein Ding. Mittelpunkt nicht. Der Rest des Berichtes über meine druckfrische Doktorarbeit war ohne negative Wertung meiner Arbeit. Die Ergebnisse allerdings ein direkter Angriff auf die Brennpunkte der scheinbar ach so sozialen Marktwirtschaft. Auswüchse wie Extremismus – in welche Richtung auch immer – waren auch nach
STERN -Recherchen der Beweis für die Richtigkeit meiner Forschungsresultate. Das Abgrenzen der sogenannten reichen Bevölkerungsschichten in bewachten Wohnsiedlungen wäre der kommende Schritt. Das gab es schon. In Mexiko, in Brasilien und auch, oh Wunder, in Russland. Wer konnte diese Entwicklung verkennen. Eventuell ein Rechtsanwalt, der sich zum blassesten deutschen Außenminister seit Joseph Wirth aufschwang? Der Wirth war sogar zweimal Außenminister, einmal für zwei Monate und einmal für vier Monate. Ich konnte den Typen nicht leiden. Den Neuen meine ich, nicht den von damals. Doch wer war noch so blind? Ein Augenarzt, Feind des Mindestlohns, der das Ministerium der deutschen Wirtschaft leiten wollte? Vor ein paar hundert Jahren in Venedig mussten die Verantwortlichen der einzelnen Bereiche bewiesenermaßen Vertreter dieser Kategorie der politischen Fächer sein, für die sie Verantwortung übernahmen. Dadurch sparten sich die Venezianer schon mal das, was man neudeutsch Ausschüsse nannte. Ein Bereich meiner Forschung bewies zum Beispiel, dass die Kosten für externe Ratgeber und Beratungsfirmen von den Ministerien nicht sachlich richtig veröffentlich worden waren. Zumal solcherart Berater sich meist nicht aus den Mahnern an den Zuständen der Gesellschaft rekrutierten, sondern aus den stillen Empfehlungen der Staatssekretäre. Deren Sponsoring durch die Nutznießer stellte ich lediglich in den Raum. Mir wurde warm. Ich dachte mich schon wieder in Rage. Immer wenn es mir so ging, beruhigte mich mein Mentor. Ohne Doktor Richard wäre ich bestimmt mal einem der ignoranten, dennoch gewählten Volksvertreter in die Fresse gesprungen. Was ganz bestimmt was genützt hätte. Aber meine Studien hatten andere Ziele. Doch was half alles Meckern. In den USA durften ja auch mal Erdnussfarmer und Schauspieler die höchsten Ämter bekleiden. Meine Sitznachbarin weckte mich. Der Artikel habe ihr sehr gefallen, weil da endlich mal kritisch mit einigen Punkten umgegangen werde, die das Volk an der Seele rühren. Sie selbst sei bei einer Zeitung als Assistentin der Verlagsleitung tätig. Ob sie mir ihre Karte geben dürfe, denn sie sei sehr interessiert daran, meine Gedanken in einem Artikel zu veröffentlichen. Entgeistert und begeistert zugleich griff ich zu. Allerdings möge sie sich bitte gedulden, denn ich mache jetzt erst einmal Urlaub. Das verstand die Frau. Sie selbst wolle in Istanbul eine Woche lang Recherchen betreiben. Ich musste überhaupt nicht nachfragen, sie sprach von allein weiter, es ging um die große türkische Familie in Deutschland. Zum Jahrestag des Gesetzes zur Regelung des Umganges mit Gastarbeitern in Deutschland war so ein Thema etwas für den deutschen und den türkischen Teil ihres Verlages. Migration. Thema dieser Zeit. In einer 2005 veröffentlichten Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung gebe es zum Teil fragwürdige Ansätze. Diesen wolle sie nachgehen. Auf ihrer Karte stand nur der Verlag, keine Zeitung. Das bedeutete, dass hier wirklich eine Große saß. Nicht eine Reporterin. Eine Telefonnummer, Anschriften in Hamburg , Berlin und München. Ein Name, nur der Nachname. Plitechna. Nie gehört? Egal. Ich händigte ihr einen Zettel mit meiner Mobilfunknummer aus. Verdammt, wie naiv konnte man sein. Das Hotel war das, was ich erwartet hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Der junge Mann an der Rezeption besorgte mir ein Kopftuch und einen weiten Umhang. Netter Kerl, aber für mich zu servil und die verkehrten Ohren. Istanbul harrte meiner. Dreizehn Millionen Einwohner – nur für meine Studien. Dreizehn Millionen und alle nur für mich. Meine Liebe war und ist mein Beruf. So war es schon im Studium. Damals sah ich die freie Zeit nur als dann sinnvoll genutzt an, wenn ich täglich für meine Arbeit dazulernte. Sah ich das heute eigentlich anders? Ich könnte es nicht beantworten. Istanbul ist älter als 2.600 Jahre. Schon die Griechen und Römer hinterließen hier Spuren. Die Faszination der Historie hatte mich gefangen. Zuerst wollte ich eine Nachricht bei Hatice hinterlassen. Da meine Reise einem spontanen Entschluss entsprang, hatte ich keine Zeit Hatice vor meiner Abreise zu informieren. Nur wenige Minuten von meinem Hotel entfernt lag die Istanbul Üniversitesi. Das junge Mädel hatte bei mir studiert. Hatice war nach einem Jahr die Leiterin der Seminargruppe geworden und meine Assistentin. Sie heiratete mit sechsundzwanzig in Berlin einen Deutschen. Das war kein Problem für die Familie. Aber nach etwa zwei Jahren veränderte sich die finanzielle Situation ihrer bis dahin wohl situierten Angehörigen in der Heimat. Bei einem Unfall verstarben der älteste Sohn und der Vater. Die beiden Haupternährer. Hatice musste sofort nach Beendigung des Studiums zurück nach Istanbul. Ihre Bestnoten in Berlin brachten ihr einen wohldotierten Job in Istanbul. Ihr Mann lebte nicht einmal wirklich getrennt von ihr. Er hatte seine Aufgaben in Deutschland und besuchte Hatice so oft er konnte. Von Ehe oder Treue allerdings sprachen beide nicht mehr. Ob da noch Liebe war? Immerhin hatten sie ihre Situation akzeptiert und sich gefügt. Sie blieben in Kontakt wie gute Freunde. Ich hinterließ beim Portier eine Nachricht an Hatice und stürzte mich unter das Volk. Innerhalb einer halben Stunde, wusste ich nicht mehr wo ich war. Ein einmaliges Gefühl. Das ist und war meine Art Urlaub zu machen. Ich suche mir eine Stadt raus, fliege hin und laufe. Wenn ich müde bin, rufe ich mir ein Taxi, lasse mich zum Hotel kutschieren und schlafe. Ich gehe in Tavernen, Kneipen, Imbissbuden, Restaurants, Bars, Destillen, Kaschemmen – wohin die Menschen gehen, die in dieser Stadt wohnen. Touristenfallen vermeide ich tunlichst. Ich beobachte, resümiere. Nur in Rio und in Mexiko City war mir dabei unwohl. Naja, und in Moskau. Alle anderen Städte habe ich genossen. Selbst in Berlin, verkleidet als Marokkanerin konnte ich inmitten einer Männergruppe so tun, als wenn ich nichts verstünde, außer Englisch. Die Gesichtsfarbe war damals das größte Problem. Die vier Jahre Nebenjob während meines Studiums waren dafür sehr sinnvoll. An der Filmhochschule Babelsberg. In der Maske. Ich durfte mal Uwe Kokisch altern lassen. Der Schauspieler, der den Commissario in Venedig spielt. Und ich hatte Claude-Oliver Rudolph eine Stirnnarbe zu verpassen. Beide waren mir sehr sympathisch. Unterschiedliche Charaktere, jedoch kumpelhaft normal. Zumindest zu mir. Allerdings erinnerte der Erste mich an meinen Vater, dieses blöde Arschloch, und der Zweite erinnerte mich an den uniformierten Gatten meiner Lehrerin. Der Pädagogin, die in einem herbstlichen Taunuswald meine Jugend beendete. Doch jetzt war ich in Istanbul. Also unters Volk und lauschen und beobachten. Die Fremde und das Fremde erfahren und genießen. Sozialstudien machten mir so am meisten Freude. Verkleiden, besser gesagt tarnen und eindringen. Mein Handy klingelte. Eine unbekannte deutsche Nummer. Somit nicht Hatice. Ich ging nicht ran. Sekunden später die SMS mit der Info, dass ich mal meine Mailbox abhören solle. Interessierte mich jetzt auch nicht. Ich stellte den Klingelton auf Stumm und Vibration. Es wurde ein langer, angenehmer Spaziergang. Bereits drei Stunden war ich unterwegs um mich zu entspannen. Die Schatten wurden länger, was mich aus meinen Gedanken führte. Dann orientierte ich mich. Vor mir befand sich die Veli Efendi Pferderennbahn. Die Sonne neigte sich zum Verabschieden des Tages. Ich musste dringend auf ein Klo. Ich hatte Hunger und meine Füße waren auch schon mal trainierter. Mein Telefonino, wie die Italiener ihr Mobilfunktelefon liebevoll nennen, summte in der linken, vorderen Tasche meiner Jeans, was den Harndrang nicht gerade erträglicher machte. Eine türkische Nummer, vermutlich Hatice. Sie war es. Wir verabredeten uns. Auf dem Ekrem Kurt Boulevard sollte ich mir ein Café suchen und mir den Namen merken. Sie würde mich dann anrufen und dort abholen. Zwei Stunden später saß Dr. Liska Wollke neben Ihrer Freundin Hatice in deren Fiat. Wir hatten eben den Bosporus überquert. Der asiatische Teil Istanbuls empfing uns mit einem Abendstau. Hatice hielt in dritter Reihe parkend, vor einem kleinen Geschäft. Ich sollte warten. Eine Minute lang ertrug ich die Hupkonzerte. Dann wurde es mir zu viel. Gerade als ich sehen wollte wo sie blieb, stiefelte sie aus dem Laden. Mit einem Lächeln. Dem Hatice-Lächeln. Wenn ich ein Mann wäre… Was sie gekauft hatte, sagte sie mir nicht. Ihr Navigationsgerät versprach, dass wir nur neununddreißig Minuten benötigen würden. Es dauerte mehr als eine Stunde länger um in Polonez in der Beykoz Caddesi anzukommen. Hinter einer Doppelreihe aus Pinien stand ein Haus mit einem üppigen Holzvorbau. Ausladende Schnitzarbeiten ließen meine Augen anerkennend verweilen. Ein kleiner Brunnen, ebenfalls mit wundervollen Ornamenten, zierte das Entree. Ob der Brunnen echt war? Zikaden untermalten die Abendstimmung. Dieses Zirpen brauchte ich jetzt. Ich benötigte es um zu begreifen, dass ich im Urlaub war. Und diesen Duft. Der Duft von geräuchertem Fisch mischte sich in das dumpfe, leicht feucht-moorige Aroma. Was für ein eimaliges Odeur im Verhältnis zu Istanbuls Wachstumsdampf und dem klimaanlagenbereinigten Duft in Hatices Auto. Deren Mutter stand schon im Vorgarten und erwartete uns. Laut Hatice stand sie seit dem Unfall jeden Abend am Gartentor. So lange, bis Hatice daheim war. Die Mutter begrüßte mich mit einer alles erschlagenden Würde. Dann nahm sie ihre Tochter in den Arm. Ein kurzes Tuscheln zwischen beiden und die Gesichtszüge des Oberhauptes der Familie entspannten sich. Ein reiferer Mann, nach Hatices vorbereitendem Einblick in den aktuellen Familienstammbaum ihr Onkel, hantierte an einem Ofen, der so stark qualmte, wie der Onkel selbst. Der Zigaretten fressende Räucherer Ali war Innenarchitekt, spezialisiert auf Büro- und Verkaufsräume. Er selbst mochte lieber die, wie er es nannte, Low-Level-Arbeiten. Onkel Ali war verheiratet mit einer Innenarchitektin. Sie, Ahu, wiederum war Spezialistin für die teureren Räume von exklusiven Hotels und die Wohnungen der neuen türkischen Upperclass. Das verbliebene Mitglied der Familie war Hatices große Schwester. Sie arbeitete als Sprachlehrerin in einem Gymnasium in Cayagzi. Ein Ort der Neureichen direkt an der Küste des Schwarzen Meeres. Ihre Fächer waren Englisch, Spanisch, Finnisch und Ungarisch. Kaum zu glauben, aber sie lernte wegen der Entwicklung in der Welt jetzt noch Russisch an der Abendschule und Chinesisch im Fernstudium. Meine Frage nach der deutschen Sprache wurde von ihr nur belächelt. Nicht von oben herab belächelt, nein eher aus der Position des: „Ich verstehe nicht, wie man auf so eine Frage kommen kann?“ Es gäbe genug Türken die Deutsch können. In der türkischen Hotelbranche bestimmt die Hälfte aller Angestellten. Aus Deutschland kamen seit ein paar Jahren mehr Türken in die Heimat zurück als es türkische Auswanderer nach Deutschland gab. Das war mir nicht klar. Was ich aber begriff war, dass Hatices Schwester als Lehrerin jetzt schon in einem solchen Reichendomizil in Cayagzi arbeitete. Eine Dependance der türkischen Elite. Mauern rings um dieses Wohngebiet. Kameras, Bewegungsmelder und bewaffnete, private Security an allen Eingängen. Eigene Schule, eigenes Stadtteilzentrum, eigene Rechtsauffassung inklusive. Das hatte ich, im Rahmen meiner Forschungen, eigentlich eher für die Außenbezirke von Hamburg, München und Frankfurt am Main vorhergesagt. Aber hier? Das angebotene Glas mit milchigem Inhalt vernichtete ich in einem Zug, was besonders Onkel Ali zu einem anerkennenden Nicken verleitete. Raki mit Wasser. Prost Frau Doktor. Der Abend war schneller im Gange, als ich erwartet hatte. Schon erwähnter Raki und Wein aus der Taurusregion für die Seele und geräucherter Fisch aus dem Schwarzen Meer für die Hüfte – war die Devise der Mutter. Nach Mitternacht, mitten in einem Exkurs über meine unorthodoxen Lehrmethoden, schlug sich Hatice an die Stirn. Sie hätte von Ihrer Chefin heute einen Tipp erhalten. Hatice eilte zum Auto und holte die Einkäufe. Aus einer Papiertüte zog sie eine Zeitung. Auf Seite sieben war ich zu sehen. Eine ganze Seite Frau Dr. Liska Wollke. Weitere zwanzig Minuten später, hatte Hatice den Artikel ihrer Familie vorgelesen und mir übersetzt. Das Fazit der Familie war für mich erschütternd. Die waren begeistert. Angeblich hatte ich die Entwicklung in Deutschland so präzis beschrieben, dass zuallererst Hatices Schwester sofort die Zukunft der Türkei voraussah. Als die argumentatorischen Ungereimtheiten geklärt waren, war ich auf Stand, verzweifelt und verwirrt. Verwirrt, am meisten war ich verwirrt. Onkel Ali sagte unter dem Einfluss einer halben Flasche Raki und dem Gelächter seiner Familie, dass es bald eine türkisch-deutsche Arbeiteranwerbevereinbarung wie in den 50-jahren des letzten Jahrhunderts geben würde. Er freue sich schon auf deutsche Restaurants, Drehspieß-Kasseler-Imbisse und Sauerkraut-to-go-Läden. Bewirkte das meine Doktorarbeit? Ich lag in der Nacht wach. Das ließ mir keine Ruhe. Das wollte ich ergründen. Einen Tag später wollte ich es wissen. Ich verließ das Hotel ohne nur einmal das Bett genutzt zu haben. Die noch offenen, sechs nicht genutzten Nächte, wurden mir zur Hälfte erstattet. Zum ersten Mal in meinem Leben mietete ich mir ein Auto. Meine Fahrpraxis in Deutschland belief sich auf ungefähr doppelt so viele Kilometer wie in der Fahrschule verlangt wurden. Bei der Fahrzeugwahl machte ich es wie die FDP in der deutschen Heimat. Erst besah ich mir die möglichen Varianten und entschied mich dann für einen kleinen Asiaten. Ein Hyundai fand mein Gefallen und wurde für erschütternd wenig Geld mein Gefährte. Der Vermieter wollte nur dreißig Euro am Tag haben, inklusive aller Versicherungen. Abgeben konnte ich das Auto an allen Tankstellen der Orionkette und an allen Flugplätzen des Landes. Ich bezahlte erst einmal für fünf Tage. Verlängern ging immer. Der Kreditkarte sei Dank. Hatice hatte mir Anschriften von Freunden notiert, die ich aufsuchen konnte, falls was schief ging. Der erste Trip sollte nach Zonguldak gehen. Laut Navigation, über die mein Telefonino verfügte, sollte ich in fünf Stunden vor Ort sein. Meine Fahrpraxis allerdings, noch dazu in einem Land mit der mir fremden Auslegung des deutschen Paragraphen eins, sorgte dafür, dass ich fünfzig Kilometer vor meinem ersten Reiseziel in meinem Auto übernachten musste. Weiter zu fahren hätte nicht nur mein Leben gefährdet. Mein Handy weckte mich. Seit gestern in der Frühe hatte ich meine Mailbox und meine Mails nicht mehr abgerufen. Jetzt nahm ich mir die Zeit. Während eines Morgenspazierganges entlang der Küste vor Esenköy erlitt ich mehrere Herzattacken. Frau Hauptkommissar Weber aus Berlin bat um Rückruf wegen meines Freundes Metin. Heidi fragte wegen der Verabredung für die zweite Urlaubswoche nach. Herr Hauptkommissar Schneidereit aus Berlin wollte wissen, ob ich Anzeige gegen den Mann aus meinem Büro erstatten wolle? Metins Rechtsanwalt Schnick informierte mich über die bevorstehende Testamentseröffnung. Ich möge mich in vierzehn Tagen in seinem Büro einfinden. Opa Beyer berichtete über einen weiteren Besuch des Unbekannten. Er hatte die Polizei gerufen, die dann allerdings zu spät kam, um den Mann festzusetzen. Der Polizeimeister Kern aus meinem zuständigen Bezirksrevier informierte mich über den Einbruch in meine Wohnung. Dann noch einmal Heidi. Sie wollte wissen, ob ich schon wüsste was mit Metin geschehen sei? Dr. Richard, mein Chef, bat mich, mir den
STERN zu kaufen. Er hätte eine Überraschung. Na, da war ja richtig was los in der Heimat. Ich rief dreimal die Bullen an. Nein, ich könne keine Hinweise zu den Sachverhalten um Metin geben, sagte ich dem ersten Polizisten. Fragte aber mit weinerlicher Stimme nach. Bereitwillig gab man mir dezente Auskunft. Ein Paketkurier wollte eine Lieferung bei Metin abgeben und fand die Wohnung offen. Metin hätte auf dem Balkon gelegen. Das zweite Telefonat. Nein, ich würde keine Anzeige erstatten. Den Bildschirm musste der Kerl dem Institut ersetzen, nicht mir. Dann dankte ich in der dritten Berliner Polizeidienststelle für die Info wegen meiner Wohnung und mein Nachbar würde schon alles in die Wege leiten. Keinem der Polizisten gab ich eine helfende Information. Nicht nach dem, was ich im Taunus erlebt hatte. Die hielten doch alle zusammen. Das waren doch schon bessere Menschen. Ich beruhigte mich wieder etwas. Dachte dabei an die Beschwichtigungsrituale meines Mentors. Dann rief ich Heidi an und heulte fünfzehn Minuten mit ihr gemeinsam am Telefon. Danach brauchte ich eine Pause. Würde ich rauchen, hätte ich geraucht. Wenigstens zwei Zigaretten. Opa Beyer bekam meine Reaktion per Mail. Es blieb bei unserem Deal. Metins Anwalt erhielt die Info, dass ich nicht zur Testamentsverkündung anwesend sein würde. Dr. Richard erhielt keine Info von mir. Gerade als ich die Senden-Taste gedrückt hatte, klingelte es. Ich war nicht auf der Höhe. Denn ich ging ran. Eine Frauenstimme. Plitechna. Kannte ich nicht. Verdammt, kannte ich doch. Die Dame aus dem Flieger. Sie würde mich gern sehen, hätte ihre Kontakte soweit abgearbeitet, dass sie sich zwei Tage frei nehmen könne. Ich erklärte ihr freundlich aber bestimmt, dass ich nach Zonguldak unterwegs sei. Freudig unterbrach sie meine Rede. Das sei ja fantastisch, denn sie selbst habe einen Termin in Karabük, den sie auf dem Weg nach Ankara noch wahrnehmen müsse. Sie würde dann eben einen Abstecher zu mir machen. Wo ich denn übernachten würde. Ich wusste es nicht und wollte diese Verlagstante auch nicht sehen. Wie konnte ich sie loswerden? So wie immer. Erst mal zusagen und dann anrufen und absagen. Nach der dritten Absage müsste die Frau dann das Offensichtliche einsehen. Ich ging immer so vor, direkt abzusagen, dazu war ich zu feige. Mein Selbstbewusstsein reduzierte sich auf den Selbsterhaltungstrieb. Meiner Konfliktfähigkeit war ich beraubt worden. Vor langer Zeit. Sie gab mir eine Anschrift in Zonguldak, die ich mir weder merkte noch notierte. Ob ich denn den Artikel in diesem türkischen Wirtschaftsmagazin gesehen hätte. Der Gastabdruck des
STERN -Artikels zum Jahrestag der Anwerbevereinbarung. Ja, hätte ich. Sie sei ja so begeistert und wolle mich unbedingt mit ihrem Verlag in Verbindung bringen. Da sei einiges an Potenzial, was gerade die deutschen Politiker derzeit übersähen. Bla-Bla-Bla… Ich beendete das Gespräch indem ich einfach auflegte und speicherte die Nummer unter
Verlagstante . Mein erster Versuch mir etwas zum Essen zu kaufen, endete mit Morddrohungen gegen den Softwareentwickler der von mir genutzten Deutsch-Türkisch Applikation auf meinem Handy. Ich brauchte ein Wörterbuch. Was wollte die Plitechna wirklich? Dass sich deren Reisepläne so schnell geändert hatten, wollte ich nicht glauben. Konnte ich nicht glauben. Konnte ich ihr glauben? Warum wollte ich ihr nicht glauben? Eine Stunde später kam der zweite Anruf von meinem neuen Schatten. Sie bitte nur um dieses eine Gespräch und werde auch nicht aufgeben. Eine Publikation in ganz Europa und wenigstens vierzehn weiteren Ländern bot sie mir an. Aha, jetzt begannen also schon die Verhandlungen. Das könnte helfen, den Weg in ein neues Leben trocken zu legen, wenn nicht gar zu pflastern. Sie wollte einmal darlegen, was ihr vorschwebte. Einmal. Ich sagte einem Treffen zu. Für morgen. Ort und Zeit würden wir später konkretisieren. Sie klang nicht erleichtert, sondern so, als wenn sie genau damit gerechnet hätte. Hm? Doch erst folgte die Verabredung mit Tülin. Tülin, so hieß Hatices Freundin bei der ich eigentlich schon gestern am Abend hatte sein wollen. Wie gesagt waren sowohl meine Geduld, als auch meine Fahrpraxis eingerostet und zu wenig asiatisch gelassen. Ich hatte einen halben Tag und eine Nacht Verspätung. Tülin wohnte in einer Siedlung, an der ich mich nicht wagte den Berg weiter aufwärts zu fahren. Die Häuser klebten dort am Fels. Die extrem schmalen Minigassen waren zu steil für meinen Mut. Wie sollte man hier wenden, was war mit Gegenverkehr? Nicht mit mir. Ich suchte mir die zweite Anschrift, die der Universität raus und fuhr dorthin. Inzwischen war ich ja daran gewöhnt, dass die anderen Autofahrer sich vor allem durch Hupen die Vorfahrt erbaten. Erbaten…? Daran hatte ich mich gewöhnt. Was man so gewöhnen nennt. An die anderen Gründe meiner Verkehrsverzweiflung war ich noch nicht gewöhnt. Ich verstand es einfach nicht. Was ich nicht begriff war, woher plötzlich diese Mopeds immer wieder auftauchten. Die Mistdinger mussten von Himmel fallen. Willkommen und zahlreich wie Moskitos mischten die knatternden Zweiräder sich immer wieder zwischen meine Synapsen für Akzeptanz und Aggression. Gegen Mittag dann hatte ich einen Parkplatz erwischt, erkämpft wäre besser, und mit Tülin telefoniert. Sie wollte gleich nach der Vorlesung in das Café des Emirgan Hotels kommen. Das läge dann auf dem Heimweg. Tülin war eine der Koryphäen an der ansässigen Karaelmas Universität, Fakultät für Zahnmedizin. Ihr Englisch war besser als meines, wir hatten uns verstanden. Jetzt hatte ich noch vier Stunden Zeit. Freizeit bedeutete immer, das Gegend erkunden mein Thema war. Gegend hieß in dieser Stadt Hafen. Häfen hatten schon immer etwas von Fernwehtilgung. Auch hier wollte ich den Hafen sehen. Der war leicht zu finden, weil ausgeschildert. Ich fischte meine Decke aus dem Kofferraum und suchte mir ein Plätzchen am nordöstlichen Ende der Mole. Was galt es zu tun? Frau Plitechna griff mir an das Nervenkostüm. Weshalb ging sie mir auf den Keks? Ich entschied wie immer in Sekunden. Mein Telefonino war schon am Ohr. Unwiderruflich. Nach dem vierten Klingeln, also genau zwischen dem „Wird´s bald-Klingeln“ und dem Unhöflich-Klingeln, nahm Sie ab und sprach sofort. Wie sehr sie sich doch freue. Also morgen zum Mittag würde ihr prima passen. Sie stelle sich gern auf meinen Kalender ein. Diesem verbalen Überfall gab ich nach. Sie war so – erfreut. Ich beschrieb ihr einen Ort neben der Universität. Sie solle einfach die zweispurige Küstenstraße entlangfahren und gegenüber der Tankstelle links in Richtung Küste abbiegen. Dort sei ein Felsplateau mit einem kleinen Fischrestaurant, wo ich sie erwarten würde. Kaum, dass ich zugesagt hatte, machte ich mir schon wieder Sorgen. Unterschwellig. Ich war nie eine Entscheiderin. Abwägen, warten, das konnte ich. In der Deckung verharren gelang mir immer. Jetzt entschied ich mich erst einmal für eine Pause. Meine Decke wartete auf meinen Hintern. Ich löste mich aus meinen Gedanken und ging zur Hafenmole. Der Himmel machte mir Freude. Die Aussicht wurde nur durch die Rauchfahne eines riesigen Erzfrachters getrübt. Kinder sprangen von der Mole auf der Hafenseite ins Wasser des Beckens. Angler hielten die Köder auf der anderen Seite ins Schwarze Meer. Ich war satt, ausgeschlafen und unruhig. In Berlin gab es einen Mörder. Ich hatte plötzlich 105.820,90 Euro mehr als mir zustanden und eine Verfolgerin hier in der Türkei. Was war mein Plan? Schritt für Schritt würde mein ehemaliger Klassenleiter jetzt sagen. Prioritätenliste erstellen. Prüfen. Sinffälligkeitsgegencheck und LOS. Dieser Gegencheck hatte mir in meinem Leben einige Ehrenrunden abgenommen. Das zielstrebigere Herangehen an Herausforderungen durch diese Prüfung wird erleichtert. Es kostet Zeit, sicher. Tut man es aber nicht, vergeudet man Zeit – definitiv. Dann konnte es ja morgen losgehen. Heute Abend würde ich mit Tülin die Diskussion zu meinen Forschungen führen dürfen. Morgen dann würde ich sehen ob mein Instinkt noch was taugte. Tülin war der Ausbund von Schönheit. Bis zum unteren Ende Ihres Halses. Ab da gab es eindeutig zu viel Tülin. Eine hellwache Frau. Gepflegt, adrett und schlagfertig. Wir benahmen uns, als wenn wir uns seit Jahren kannten. Sie war dankbar dafür, endlich mal etwas über die türkische Seele, die weibliche türkische Seele sagen zu dürfen. Ich hörte zu. Mit einem wundervollen Singsang ihrer Altstimme erklärte sie mir die Erfolge der Industrie ebenso wie die Misserfolge in der Agrarwirtschaft. Sie sprach von dem neuen Selbstbewusstsein, dem plötzlich globalen Denken der Türken. Die Türkei schaffte gerade die Emanzipation von der Tradition. Tülin sprach allen Ernstes von Aufbruch. Sie berichtete begeistert über die durchweg positiven Veränderungen zwischen den Religionen. Muslime durften wieder Muslime sein. Das war nicht immer so. Und mir war das neu. Mir war neu, dass es für die Muslime erhebliche Restriktionen gegeben hatte. Der berühmte Mustafa Kemal Atatürk hatte sogar den Fez, diese kegelstumpfförmige rote Kopfbedeckung mit dem schwarzen Puschel, verboten. Beschränkungen in der Ausübung der Religionsfreiheit gegen die eigene, ehemalige Staatsreligion. Verdammt, was hatte die Menschheit sich in diesem zwanzigsten Jahrhundert alles gefallen lassen. Etliches Anderes war mir ebenfalls neu. Die Türkei sollte weniger als neun Prozent Arbeitslose haben? Kaum zu glauben, oder? Muslimische Frauen durften mit einem eigenen Selbstverständnis ihrem Glauben frönen? Keine durch Männer dominierte Religion mehr in der Türkei? Also offiziell. Widerstände der Männer gab es zwar immer noch, die aber hatten selbst die Religionshüter nicht mehr hinter sich. Die Menschen in der Türkei waren erwacht. Sei Muslim und sei Geschäftsmann und sei Demokrat. Benimm und verstehe Dich als Weltbürger, als Kosmopolit mit türkischer Seele. Die Mischung machte es. Türken dürfen international selbstbewusst sein! Das gab es vor zwanzig Jahren noch nicht. Dieses türkische Selbstverständnis war neu. Ich war erstaunt und, ehrlich, angenehm überrascht. Jetzt fehlten nur noch die empirischen Fakten. Die Ergebnisse der Studien. Allerdings… Die Studien zu den Kriminalitätsraten hatte sie mir leider nicht mehr rechtzeitig besorgen können. Sie würde jedoch einer Freundin in Ankara Bescheid geben, ja genau die Freundin, die mir Hatice als dortige Ansprechpartnerin genannt hatte. Nezahat, so hieß die Freundin aus Ankara. Die arbeitete inzwischen in einem Ministerium. Innenministerium wohl. Wir verbrachten einen erfüllten, mich emotional stark in Anspruch nehmenden Abend. Es war ein Abend an dem ich in keiner Sekunde das Gesicht Metins vor mir sah. Die Spannung lenkte mich ab. Kein Gedanke an einen Haufen Geld. Oder an diese Verlagstante. Tülin und ich investierten jede Hirnwindung für die Arbeit. Diese Frau war Türkei pur. Nicht sonderlich tolerant, aber auch nicht demagogisch veranlagt. Nach einer verteufelt kurzen Nacht verabschiedeten wir uns. Ehrlich und herzlich. Vermutlich für immer. Genauso ehrlich bedankte ich mich, hatte aber nicht das Gefühl, dass wir Freundinnen geworden waren. Ich hatte schon alles eingekauft was ich brauchte. Auch, nein, gerade für das Treffen mit der Verlagstante. Wovor ich Bammel hatte. So ich es denn stattfinden lassen würde. Verabredet waren wir. Ich bräuchte nur nicht zu erscheinen. Oder mich vor Ort nicht zu zeigen. Ich hatte mir ein Diktiergerät und Pfefferspray gekauft. Soviel stand fest – ich hatte Respekt vor der Situation. Mit dem Diktiergerät wollte ich das Gespräch mitschneiden. Das mit dem Pfefferspray war ein Spontankauf. Ein nicht zu begründender. Ich sah während des Einkaufes auf dem Basar diese Frau vor meinem geistigen Auge und griff diese kleine Sprayflasche. Weshalb? Keine Ahnung. Jeder Kontakt zu der Plitechna war so bizarr. Der erste Kontakt war, hoffentlich, ein Zufall. Sie wirkte so blasiert. Bei den Telefonaten wiederum wurde es geradezu grotesk. Sie entschuldigte sich andauernd, wirkte so schüchtern. Sie drängte sich nicht auf. Als wenn sie auf mich angewiesen wäre. Die Plitechna war unwirklich. Das traf es. Wie ein Mensch der seine Rolle spielt – damals in Babelsberg beim Schminken der Künstler, wenn die noch mal schnell ihren Text durchgingen. Sie sprachen die Texte ohne sich in der Rolle zu befinden. Text ohne Mimik. Worte ohne das dazugehörige Spiel. War sie das, was sie vorgab zu sein? Kurz nach zehn Uhr klingelte es in meiner Tasche. Sie war dran. Sie könne wegen eines Unfalls, nein, ihr selbst sei nichts geschehen, erst gegen ein Uhr am Nachmittag am vereinbarten Ort sein. Na dann! Was mich verwirrte: Sie klang so lieb, so ungeschäftsmäßig. Welch interessantes Wort. Ich würde pünktlich sein. Ich sagte einfach zu. Ich reagierte, als wenn sie mich brauchte. Sie hörte sich an, als wenn sie mich brauchte. Sie nötigte mich nicht, sie bettelte nicht, sie bat – das war besser ausgedrückt, sie bat. Das war ihre Position. Die Position der Frau Plitechna. Weshalb aber, so fragte ich mich, wollte ich die Frau jetzt sehen? Hatte ich meine Meinung wirklich geändert? Das Diktiergerät hatte ich dabei. Die kleine Sprayflasche ließ ich im Auto. Früher gab es für mich nur eine Bezugsperson. Meinen Vater. Das war soweit okay und gleichsam scheiße Er war derjenige, der dafür sorgte, dass ich nie Zielstrebigkeit lernte, sondern nur – nein –
nur wäre hier das verkehrte Wort, -
lediglich ist besser - also ich lernte lediglich eine in einem tiefen Gerechtigkeitssinn verwurzelte Spontanität. Ich entschied spontan meine Wege und meine Abwege. Vor allem Letztere. Die Kurven und Abzweigungen in meinen Leben - war es mein Leben? Immer hatten doch Andere entschieden. Meine Mutter hatte bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr - bis zwei Tage vor meiner Kommunion nie wirklich in mein Leben eingegriffen. Sie erklärte mir unkompliziert und spielerisch das Wichtigste des Lebens. Wie lügt man? Wie macht man sich selbst einen Orgasmus? Wie geht man Problemen aus dem Weg? Das waren die Wahlpflichtfächer… Die Hauptfächer waren: Was sind Männer? Was macht einen wertvollen Menschen aus? Weshalb gibt es nur wenige wertvolle Männer? Was ist der richtige Weg um sich ein Umfeld zu schaffen, in dem Probleme verwässern? In dieser Disziplin war meine Mutter unschlagbar. Sie war immer nur auf Frieden aus. Niemals Konfrontation. Mein Physiklehrer hätte jetzt folgenden Einwurf: Meine Mutter ging den Weg des geringsten Widerstandes. Wie ein Blitz. Immer durch die dünnsten Luftschichten, dann verlor man am wenigsten Kraft. Ihr Lebensweg war wie ein Blitz. Ständige Richtungswechsel - immer den Schwanz einziehen - nie aufmucken - brav reagieren wie ein Thermometer - nie agieren wie ein Thermostat. Und dann, zwei Tage vor meiner Kommunion, starb meine Mutter. Und schon litt ich wieder. Litt auf des Messers Schneide zwischen Zielstrebigkeit und Spontanität. Dank meines Vaters. Sollte ich ihr, der Plitechna, eine Chance geben? Sollte ich mir eine Chance geben? Dreizehn Uhr und drei Minuten. Von meinem Platz aus konnte ich die Staubfahne einer schwarzen Limousine sehen. Irgendwas Großes. Mercedes, Bentley oder so. Am Fischrestaurant hielt sie an. Und stieg nicht aus. Sie stieg nicht aus? Stattdessen öffnete sich die Fahrertür und ein Mann schälte sich aus dem Sitz. Der ging ums Auto herum, öffnete den Fond und entließ eine bepelzte Dame mit einem roten Wagenrad auf dem Kopf aus dem Wagen. Der Hut war einmalig. Mit Fransen und purpurner Schärpe. Das Ding bot einer Kleinfamilie bei Bedarf Komplettschutz. Eigentlich wollte ich sie nach kurzer Zeit stehen lassen und dieses Kapitel damit hinter mich bringen. Verdammt. Ich konnte meinen Plan nicht umsetzen. Etwas aus dem behüteten, dem wohlig warmen Teil meiner Seele, meiner Vergangenheit, sagte mir, dass es wichtig sei, mich zu öffnen. Ich musste mit ihr reden. Erst einmal. Ich wurde ruhiger. Meine Transpiration regulierte sich… Frau Plitechna erwies sich als ungefährlicher, als ich dachte. Sie schickte den Fahrer weg. Samt ihrer Limousine. Wir waren allein. In dem Restaurant aßen wir lediglich eine Kleinigkeit. Salat mit frischem Fisch. Dann gingen wir am Fuße des Wohngebietes über karges Land. Ihren roten Hut und die, vermutlich echte, Pelzstola hatte sie achtlos in meinen Wagen geworfen. Statusgimmicks nannte sie diese Accessoires. Ich nahm mir vor, meinen Plan im Hinterkopf zu behalten. Den Plan des Rückzugs, so wie meine Mutter es gemacht hätte. Dennoch wollte ich extrem auf der Hut zu sein. Elenea Plitechna hatte ihre Pumps in der Hand und schritt barfuß neben mir über das steinige Plateau. Ohne zu Zucken. Die Frau war zäh. Ich auch. Sie war zwanzig Kilo schwerer und ebenso viele Jahre älter als ich. Meine Schätzung. Eigentlich war sie nicht die Assistenz der Verlagsleitung, sondern die Scouterin des Verlages. Sie hasste es wenn jemand sie „
den Scout “ nannte. Sie war kein „den“, sie war eine DIE. Somit war das geklärt. Weshalb sie hier war, wolle sie mir erläutern. Es gab in der Berliner Redaktion einen Redakteur mit griechischen Wurzeln, der sich mit der Migration und dem Rechtsradikalismus beschäftigte. Dem hatte ich mit meiner Doktorarbeit den Rang abgelaufen. Ich war ihm zeitlich zuvorgekommen und fachlich einfach weiter voraus als das Raumschiff Enterprise einem Taschenrechner. Meine Promotion wäre ja gar nicht das Problem des Verlages gewesen, der Zeitpunkt der Veröffentlichung war das Problem. Sein Problem. Elenea, wir waren schon beim
Du , hatte Erkundigungen eingezogen, die bestätigten, dass ich von der Veröffentlichung im
STERN nichts wusste. Das war wichtig für sie. Dennoch wollte sie sich selbst überzeugen, welche Art von Rechercheurin ich sei. Daher sei sie das erste Mal in Ihrem Leben in solch einen Touristenflieger gestiegen. Ihre Limousine hatte sie extra weg geschickt, damit ich mir keine Sorgen machte. Sie vertraue mir und wolle mir einen Job anbieten. Ja, sie habe tatsächlich einen Termin in Istanbul gehabt, jedoch, nachdem sie mich schon in der Abflughalle des Flughafens in Berlin erkannt hatte, sofort entschieden, dass sie mit mir in Gespräch kommen musste. Also nahm sie nicht ihren eigentlichen Flug. Sie gelangte durch eine willkommene Spende am Counter zu einem Sitzplatz direkt neben mir und war somit zu einem ersten, zufällig-unauffälligen Kontakt zu mir gekommen. Das hatte funktioniert. Und verdammt, es hörte sich ehrlich an. Jetzt wiederholte sie das mit dem Job. Ich solle für die verschiedenen Tageszeitungen und Zeitschriften des Verlages genau zum Thema meiner Doktorarbeit die Fakten liefern. Sie würde mich gut bezahlen und gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass der Türke, den ich um eine gewisse Summe Geldes beschissen habe, nicht an mich ran käme. Das saß. Sie wusste es. Sie wusste von dem Sportwettenschein? Verdammt, wer war die Frau? Zwei Stunden später - ich durfte wirklich alle Fragen stellen - war ich schlauer. Die Polizeireporter des Verlages hatten den Zusammenhang hergestellt, zu dem die Polizei in Berlin nicht in der Lage war. Der Überfall in meinem Büro - der Einbruch in meine Wohnung - Metins Leiche. So einfach konnte Polizeiarbeit sein. Hätte sein können. Für die Berliner Polizei. Elenea Plitechna gehörten seit dem Tod ihres Vaters dreiunddreißig und ein halbes Prozent des gesamten Verlages. Sie sorgte nur für Nachschub an loyalen, fleißigen Mitarbeitern und eventuell zwang sie den einzelnen Zeitungen mal Themen auf. Ansonsten interessierte sie nur, wie man einen ordentlichen Martini mixte. Und Whisky. Sie wusste, was meinen Fall betraf, über Informanten nur, dass der große türkische Unbekannte rasend sauer auf mich war. Es ginge um einen Haufen Geld. Wie viel Geld genau oder wie ich das angestellt hatte, war ihr egal. Sie wusste also nur, dass da was geschehen war, nicht aber wie ich in das Geld gekommen war. Sie wollte zwei Zusicherungen von mir. Erstens: sie wollte in die Hand die Zusage, dass ich keinen Menschen getötet hatte. Die erhielt sie. Lange blickte sie mir tief in die Augen. Sie nahm es sehr ernst. Sie glaubte mir. Offensichtlich. Zweitens, ebenfalls in die Hand: Ich würde die Erkenntnisse aus meinen Recherchen nur ihr persönlich zur Verfügung stellen. Ich überlegte. Lange. Elenea saß in ihrem gerafften Abendkleid neben mir auf von Flechten überzogenen Felsen und ließ mich in Ruhe. Langsam neigte sie sich nach hinten und legte sich einfach hin. Ihre Pumps als Kopfkissen nutzend. Die zweite Zusage erhielt sie nicht. Weshalb nicht? Ich erzählte ihr - ich weiß nicht weshalb - von Metin. Vieles erzählte ich, nicht alles. Fast alles. Sie rührte sich nicht, hörte nur zu. Das tat gut. Neben dem Heultelefonat mit Heidi war sie, Elenea, die erste Frau der ich von Metin erzählte. Der erste Mensch überhaupt. Wie gern hätte ich jetzt geheult. Die Sonne brüllte auf uns herab und der denkbar langweiligste Himmel lag in sanftem, unechtem Blau über uns. Keine Wolke war zu sehen. Wie gesagt, langweilig. Touristenhimmel. Das Schönste an einem Himmel waren für mich immer die Wolken. Keine Seele konnte Wolken fangen. Nicht einmal malen konnte man Wolken. Diese stete Veränderung regte mich schon immer an. Mein Zugang zur Hausdachterrasse in Berlin war mein Bett an Tagen der Wolkenwanderungen über Berlin. An solchen Tagen pustete ich meine Seele frei. Wie lange musste ich wohl noch warten, bevor ich einen solchen Tag wieder geschenkt bekam? Meine Gedanken waren weg. Elenea. Sie bat mich darum, mir helfen zu dürfen. Wobei? Es dauerte mehrere zehn Sekunden bis die Antwort kam. Sie richtete sich langsam wieder auf und blickte weiterhin in die Ferne. Ihr Kleid war vom Wind hochgerutscht. Die Frau hatte tiefdunkle Krampfadern an beiden Beinen. Die aufwendige Frisur war im Liegen verrutscht. Ich erblickte die schönsten Ohrmuscheln die ich je gesehen hatte. Sie wolle mir beim Erreichen meiner Ziele helfen. Ich müsse nur definieren, was meine Ziele seien. Sie vertraue mir. Was waren meine Ziele? Erst einmal wollte ich durch die Türkei reisen und mir einen möglichst kompletten Eindruck von der Richtigkeit meiner Forschungsergebnisse machen. Wenn meine Forschungsergebnisse nicht stimmten, dann hätte ich eine neue Aufgabe. Das sagte ich ihr. Sie griff meine Hand. Unsere erste Berührung. Ein warmes, ehrliches Gefühl durchströmte mich. Sie bestätigte meine Ziele und setzte ein Ziel obenauf. Leben. Ich solle auf mein Leben achten, denn ich übersähe einen Aspekt. Ihr sei komplett egal, wie viel Geld ich dem Fremden mit welcher Methode abgenommen habe. Der jedoch wolle das Geld zurück. Sie wolle nur meine fachliche Kompetenz. Er wolle eventuell mein Leben. Der Mann hatte vermutlich schon getötet. Eventuell bewusst, absichtlich getötet. Ich wusste, dass Elenea mich zu finden wusste. Sie strahlte eine Macht aus, die widerstandlos machte. Hatte ich Angst? Verdammt, selbstverständlich hatte ich Angst. Ich war nicht cool, ich war vielleicht abgeklärter als manch anderer Mensch – kaltblütiger auch nicht, nein, stoischer eher. Ja, stoischer und dickköpfiger. Das würde mein Vater sofort unterschreiben. Liska = Dickkopf. Und noch etwas hätte der Alte unterschrieben. Dass ich kein Selbstbewusstsein hätte. Ich wusste genau, worin ich wirklich gut war. Allerdings hatte mein Vater genau diesen Asp
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