Wohlig fühlte ich mich. Wohlig fühlte sich meine kleinere Schamlippe.
Sie gab sich zufrieden – nach etwa zwanzig Minuten.
Ich zog die Flanelldecke zu mir rüber, kuschelte mich ein und ignorierte stoisch die Türklingel und mein Handy. Erstaunlicherweise gaben beide Geräte gleichzeitig auf.
Mit meinem linken Fuß die Fernbedienung zu angeln, war nicht leicht. Dennoch gelang es.
Zappen um abzuschalten – welch schönes Wortspiel.
Gestern Abend hatte Gottschalks Nachfolger also zum dritten Mal wettend die Nation vergnügt. Einer seiner Gäste war der göttliche Wunderknabe aus Mannheim mit dessen Brüdern. Dass man Berufsverbote nicht auf diese singende Berufsgruppe ausweiten konnte! Dieser Mannheimer Barde war irgendwo ganz weit hinter meinem musikalischen Horizont angesiedelt.
Umschalten als Rettung.
Nächster Kanal: Märchen.
Weiter: Doku über angeblich strenge Eltern.
Danach: Werbung für einen Gemüsehäcksler…
Hunger.
Ich war eingeschlafen. Frau Doktor beliebte zu ruhen.
Ich prostete mir selbst mit Rotwein zu und bestellte mir einen deftigen Salat bei dem Afrikaner fünf beschwerliche Etagen unter mir. Sameena, die kleinste Kellnerin Berlins wusste was ich wollte. Deshalb ging es auch schnell.
Sie ließ mich wie immer eine Quittung unterschreiben. Wenn ich bei jeder Bestellung Trinkgeld gegeben hätte, dann wäre das zu teuer, hatte sie mir mal erklärt. Ich solle ihr doch lieber einmal in der Woche die Rechnungen begleichen und dann einmal zwanzig Euro als Trinkgeld geben.
Zielstrebig und hübsch. Frech und genial.
Außer montags.
Da war das Restaurant geschlossen.
Vorhin wollte irgendwer mich telefonisch erreichen.
Ich hörte den Anrufbeantworter ab. Welch bescheuertes Wort, als wenn die Maschine das könnte.
Metin war aufgeregt zu hören. Ob ich die Korkpinnwand mitgenommen hätte? Ich solle ihn doch bitte dringend anrufen.
Ich wählte seine Nummer aus dem Speicher und wartete.
Kein Metin ging ran, ergo keine Antwort.
Wenn der Bengel mich angerufen hatte, wer war dann der Mensch an meiner Wohnungstür?
Das Leben ist voller Fragen.
Arsch lecken Leben!
Salat essen, Rotwein genießen, Montag vorbereiten.
Die „Guten Morgens“ der Kollegen konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass Hertha BSC und Union Berlin am vergangenen Wochenende genauso verloren hatten, wie Alba Berlin und die Eisbären, dieser Eishockeyclub.
Dass ich dann damit prahlen wollte, dass der BFC Dynamo, dessen Stadion gleich bei mir um die Ecke war, sein Heimspiel gewonnen hatte, konnte die Situation nicht wirklich retten.
Ehrlich, bis auf Boxen hatte ich von Sport keine Ahnung.
Auch nicht von Lotto.
Oder Sportwetten.
Was sich ändern sollte.
Auf meinem Handy war nochmals Metins Nummer. Ich konnte jetzt nicht anrufen. Mein Chef erwartete mich. Vor meinem Spätherbsturlaub sollte ich unbedingt die neuen Studienprojekte mit ihm klären. Simple Abstimmungsfragen.
„Guten Morgen Doktor Richard.“
Ein grauer Schopf. Tolle Augen. Fantastischer Körper. Ledig.
Die verkehrten Ohren.
„Frau Wollke, unter den Besitzern des Titels wird der Titel nicht erwähnt. Die Absentierung zum Pöbel, Sie verstehen.“
Er grinste.
Ich grinste.
Natürlich war das ein Machospruch der ersten Güte. Niemals hätte er einen solchen Mist vor Publikum gebracht. Es war ja auch mein Fehler.
Er hatte recht. Ich hatte den Doktortitel. Jetzt durfte ich Herr Richard zu ihm sagen.
Geil.
Wir waren bis zum Mittagessen fertig mit allem, was er als meine Urlaubsvertretung wissen musste.
Natürlich hatten wir uns wieder gestritten wo gegessen werden sollte. Immer wieder dieser kindische Zank um Kleinigkeiten, i-Phone oder Blackberry, Straßenbahn oder Taxi, Kindl oder Pils.
Das war etwas an ihm, was meine Wertschätzung ihm gegenüber nicht trübte, aber nervte.
Wir verabschiedeten uns. Ich wollte mein Büro noch übergeben.
Vor meinem Büro wartete ein Mann auf mich. Größer als einen Meter und neunzig. Freundlicher, südländischer Teint. Schöne, aber nicht perfekte Ohren.
Wir waren noch nicht einmal in meinem Dienstzimmer, als er mich stieß und fragte, wo Metins Pinnwand sei.
Instinktiv sagte ich ihm, dass ich nicht wüsste was er von mir wolle.
Er trat gegen den Bildschirm meines Computers.
Sein linkes Bein war gerade so schön weit oben, um den PC-Bildschirm zu treffen, ich konnte nicht an mich halten.
Ich trat ihm in die Eier.
Die von mir sehr verehrte Hella von Sinnen würde mich jetzt darauf hinweisen, dass die penisfreie Spezies diejenige sei, welche die Eier trage und die „Dreibeine“ lediglich Hoden hätten.
Danke Hella.
Die rasche Entwicklung von Schmerzfalten auf seiner Stirn zeugte, in Harmonie mit der Veränderung seiner Gesichtsfarbe, von meiner Treffsicherheit. Ich beugte mich kurz in seine Richtung und setzte eine, in Form und Ausführung an michelangeloische Vollkommenheit erinnernde, Schlagdoublette.
Mit der linken Faust auf sein rechtes Auge und mit der Rechten auf sein linkes Auge.
Meine kleinen, zarten Fäuste passten prima in seine Augenhöhlen.
Gerade als der Mann in sich zusammensank, kamen die ersten aufgeregten Besucher in das Büro.
Zwei Studenten schleppten den Mann in den Flur.
Der Sicherheitsdienst, ein Mann deutlich oberhalb der Sechzig, rief der Einfachheit halber die Bullen. Ehe der Alte in unserem vierten Stock angekommen wäre, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen und dann zu entscheiden…
Der Anruf war die bessere Variante gewesen.
Die beiden Studenten hielten den Wimmernden in Schach. Was nicht nötig war, denn sehen konnte der bis morgen nichts.
Die Bullen nahmen meine Anzeige auf.
Ich hätte den Mann so in meinem Büro vorgefunden. Das war meine Aussage. Wer den Bildschirm meines Rechners geerdet hatte, könnte ich nicht sagen. Tut mir leid, der arme Kerl, das wird schon wieder… Und nein, ich kenne den Mann nicht.
Das immerhin war die Wahrheit.
Naja, wie sollte auch so eine kleine Frau wie ich einen solchen Hünen fällen.
Kaum dass ich die Tür meines Büros von innen schloss, fiel mir der eigentliche Besuchsgrund des gefallenen Gastes ein. Vor mir, auf der Innenseite meiner Bürotür hing die Pinnwand aus Metins Küche. Die war unscheinbar und leer.
Selbst die Pins müsste ich mir noch selbst kaufen. Ich nahm die Korkwand von der Tür.
Sollte die leichter oder schwerer sein? Ich hatte keine Ahnung. Siebzig Mal einhundertzwanzig Zentimeter. Weil das doofe Ding genau an meine Bürotür passte, hatte ich doch Metin darum gebeten. Er überließ mir die Tafel, nachdem er sie leer gemacht hatte. Metin hatte sich einen jungen Mann als Untermieter genommen, als unsere Beziehung beendet war. Dieser ehemalige Mitbewohner, ein Mini-Spediteur hatte die Tafel mitgebracht und in der Küche aufgehängt. Vor etwa einem dreiviertel Jahr. Der war ebenfalls Türke. Fiel mir dann wieder ein.
Nach dem Vorfall war es ein Leichtes, meinem Vorgesetzten zu erklären, wie aufgewühlt ich sei und dass ich mich beruhigen müsse. Die Arbeit sei sowieso erledigt und da ich ja eh übermorgen in den Urlaub wolle, solle ich mir mal heute und morgen frei nehmen. Er werde das schon regeln. Telefonisch sei ich ja wohl erreichbar. Nach einer mit zitternder Stimme erfolgten Bestätigung war ich frei.
Metins Telefon schwieg.
Der Teilnehmer sei nicht erreichbar, sagte mir eine magentafarbene Stimme.
Das Taxi quälte sich von der Kolonnenstraße in den Prenzlauer Berg.
Der Fahrer, wen wundert es, war Türke.
Metins Wohnungstür war aufgebrochen worden. Die Altbautür mit den kleinen Milchglasscheiben lag am Schloss an, aber die Holzsplitter am Boden zeugten von der angewandten Gewalt. Es war nichts zu hören. Kein Licht in einem der Räume. Ich lugte sorglos um die von mir geöffnete Tür herum.
Читать дальше