»Oh. Nein. Ist mir schon recht. Komm, setz dich Joris!«
Joris sieht sich aufgeregt um. In der Zwischenzeit verstaut seine Oma die Jacken. Sie schiebt den Koffer unter den Tisch und plumpst zufrieden mir schräg gegenüber in den Sitzplatz.
Ich lehne mich bequem zurück, lege meinen Zopf nach vorne und lächele ihr freundlich zu. Sie erwidert und ich mache ihr ein Zeichen, damit sie versteht, dass ich leider keine akustische Konversation mit ihr führen kann. Nicht, dass sie denkt, ich sei unhöflich.
Sie ist etwa sechzig, hat schöne mittellange, weiße Haare und ein sehr bezauberndes Lächeln. Sie ist mir sympathisch.
Jeder am Tisch beginnt die Reise auf seine Art und nach seinen Vorlieben vorzubereiten. Ich krame mein Handy mit Kopfhörer aus meiner Tasche, stöpsele sie mir in mein Ohr und höre leise Musik. Danach sehe ich aus dem Fenster. Auf dem Bahnsteig tummeln sich jetzt die Winker, die teils mit feuchten Augen ihre Lieben verabschieden. Der Zug rollt los.
Der Mann gegenüber sieht immer wieder zu mir. Verstohlen blickt er über sein Buch. Wenn sich unsere Blicke treffen, schaut er verschämt weg oder lächelt zaghaft.
Seit dem letzten Sommer sah ich in viele Augenpaare. Nie finde ich das, was ich in Yanicks Augen sah.
Seitdem er fort ist, sind acht Monate vergangen. Es ist mittlerweile Frühling, aber es ist weit mehr, als nur die Augen, die ich vermisse. Es ist das Gefühl.
Joris packt ein Malbuch, Stifte, und einen Teddy aus seinem Rucksack. Er erklärt Teddy, wo wir uns befinden. Seine Oma beobachtet ihn, hilft, wo nötig und beantwortet seine und Teddys Fragen geduldig. Ich verfolge ihr Gespräch, doch in Gedanken bin ich woanders. Wie so oft in letzter Zeit.
Uta hat mir den Vorschlag gemacht für einige Wochen an die Ostsee zu verreisen. Sie hat für mich diese Verbindung herausgesucht, Fahrkarten gekauft und mir sogar geholfen, den Koffer zu packen. Uta treibt die Sorge um mich an. Das weiß ich sehr genau. Ich bin ihr dankbar, aber es ist mir unmöglich, mit ihr über das zu reden, was mich quält. Selbst, wenn ich es könnte. Wie soll ich es in Worte fassen?
Sie hat seit dem Wochenende mit Yanick meine Veränderung erlebt. Ich habe abgenommen, lache kaum noch und manchmal erwischt sie mich, wie ich vor den Briefen stehe. Ich steh dann da und sehe sie an. Wenn ich Uta in meinem Augenwinkel bemerke, schleiche ich mich davon, weil ich keine lästigen Fragen hören will.
Immer und immer wieder hat sie mich gefragt, was passiert ist. Sie wollte wissen warum ich die Briefe, die ich in regelmäßigen Abständen von Yanick erhalte, nicht öffne. Sie verstand nicht, warum ich sie nur mit leerem Blick anstarrte.
Sie war überzeugt davon, dass er mir körperlich etwas angetan hatte. Unnachgiebig forderte sie die Wohnanschrift von ihm, weil er auf den Briefen keine hinterließ. Sie wollte zu ihm und drohte mir seine Adresse auch zur Not anders ausfindig zu machen. Darauf habe ich reagiert und ihr versichert, dass sie falsch lag.
Dann probierte sie es mit Weinen und bat mich doch zu reden. Tja. Reden. Das geht seit jenem Sonntag in der Dusche nicht mehr.
An guten Tagen und in geräuscharmer Umgebung, kann ich leise flüstern. Aber es ist enorm anstrengend und kratzend. Also lasse ich das. Husten geht gut. Sätze husten allerdings nicht. Nützt mir also nichts. Ich habe arg damit zu tun meine Gespräche schriftlich zu führen. Es nimmt viel Zeit in Anspruch. Gespräche mit mir sind sehr langsam, das Schreiben dauert seine Zeit.
Ich habe zusammen mit sehr vielen Ärzten versucht, körperliche Ursachen zu finden. Trotz noch so vieler Untersuchungen, welche ich über mich ergehen ließ, gab es keine Resultate für den Verlust meiner Stimme. Ich werde wohl noch sehr viel Geduld brauchen.
Arbeiten kann ich seitdem nicht mehr, was mir sehr schmerzt und mir fehlt. Aber die Ärzte nahmen mich aus dem Rennen. Im Kindergarten ohne Stimme tätig sein zu wollen ist undenkbar.
Demnächst werde ich wohl das übliche Programm mit Reha durchlaufen. Dort wird sicher mein Beruf zur Debatte stehen. Gelegentlich sorgt mich die Zukunft, weil mich die Aussicht in einem anderen Beruf zu arbeiten wenig erfreut.
Da war die Idee von Uta gar nicht mal so schlecht, zu verreisen. Eine kleine Auszeit, etwas frische Luft und die Ostsee. Andere Gedanken.
»Entschuldigung«, sagt eine Stimme, die von Gang des Zuges ertönt. Die Klangfarbe klingt ähnlich wie die, mit der ich ein wunderbares Wochenende erlebt habe. Verblüfft schwenke ich meinen Kopf und erstarre.
Ich werde aus meinen Tagträumen gerissen. Yanick. Er steht im Gang und schaut freundlich zu dem Mann, der mir gegenüber sitzt und vergeblich versucht hat mit mir in Blickkontakt zu treten. Der legt nun sein Buch auf den Tisch und sieht Yanick fragend an, wobei er innerlich hin- und hergerissen darüber wirkt, ob er gemeint ist. Er mustert ihn schnell.
Im Anzug sieht er aus, wie frisch aus einem Meeting entsprungen. Er wirkt imposant. Am Handgelenk trägt er eine Schweizer Armbanduhr. So habe ich ihn auch noch nicht gesehen. Letzten Sommer trug er Shorts und unweigerlich wirkt er so in diesem Zweite-Klasse-Abteil fehl am Platz. Er sprüht förmlich vor Energie, die es unmöglich macht, unbeeindruckt von ihm zu bleiben.
Am Hemd ist der obere Knopf geöffnet und das kleine Stück Haut genügt, um in mir Erinnerungen an seinen Geruch zu wecken. Mein Magen dreht sich vor Aufregung auf links. Der Geschmack seiner salzigen Haut liegt auf meiner Zunge und mir läuft tatsächlich das Wasser im Mund zusammen. Ich weiß genau, was unter diesem Hemd steckt. Oft genug hat mich der Gedanke an seinen wohlgeformten und ästhetischen Körper um den Schlaf gebracht.
Der Mann vor mir räuspert sich. Durch die Störung in meiner Fantasien fährt mein Kopf zu ihm herum.
»Ja. Was gibt’s denn?«, fragt er zögerlich.
Yanick lächelt einnehmend. Unschlüssig, aber neugierig richtet sich der Mann auf.
Verblüfft sehe ich wieder zu Yanick. Er hier? Zufall?
»Ich habe eine Fahrkarte bis Warnemünde. Die Lounge in der ersten Klasse.«
Kein Zufall! Ich werd nicht mehr!
»Ich würde viel lieber hier sitzen. Sehen Sie, ich kenne die junge Frau, Ihnen gegenüber und würde gern ein wenig mit ihr plaudern.«
Plaudern? Ich kann nicht plaudern!
Jetzt sieht er zu mir und ich sterbe, weil ich mich unter seinem Blick schwitzend auflöse.
Er spricht laut genug, dass die Reisenden in den umliegenden Sitzen auf ihn aufmerksam werden und ihre Köpfe recken.
Ruhelos und irritiert mustern mich jetzt zwanzig Paar Augen. Die blaugrauen, die dem jungen Mann gegenüber gehören auch. Er checkt sicher, ob ich so einen vornehmen Mann kenne und ich hebe die Augenbrauen zur Bestätigung. Zu dem Schluss gekommen, dass Yanick die Wahrheit sagt, sieht er enttäuscht zu ihm zurück.
Yanick lächelt ihn geduldig an. Oder ist es triumphierend?
»Ich weiß, mein Wunsch muss Ihnen närrisch vorkommen. Wer tauscht schon ein Erste-Klasse-Lounge-Ticket gegen ein Zweite Klasse Ticket …?«
Er wird ernst und senkt seinen Kopf leicht: »Aber es ist von äußerster Wichtigkeit für mich, dass ich den Rest der Fahrt bei ihr sitze. Wären Sie so freundlich und tauschen mit mir Ihren Platz?«
Die Reisegäste mit den spitzen Ohren reißen zum Teil ihre Münder auf und beginnen den jungen Mann auf diese schlichte Art zu nötigen, seinen Platz doch gefälligst zu räumen.
Hinter Yanick steht eine Armee, die er sich in wenigen Sätzen geschaffen hat. Berufskrankheit?
Langsam erhebt sich der so Vertriebene. Er schielt bedauernd und geknickt zu mir. Erstaunt habe ich den ganzen Hergang verfolgt. Ich bin die Letzte, die weiß, was hier vor sich geht.
»Ich danke Ihnen«, sagt Yanick erleichtert. Er hilft dem jungen Mann seine Sachen zu sortieren. Lächelnd drückt er ihm sein Ticket in die Hand und zeigt ihm die Richtung zum Erste-Klasse-Lounge-Abteil. Das liegt das am anderen Ende des Zuges.
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