»Das ist Schnuffi. Wir fahren zu Mama und Papa nach Warnemünde.« Er hebt seinen Teddy hoch und zeigt ihn mir.
Ich zeige das Daumen-hoch-Zeichen und deute auf sein Malbuch. Auf diese Weise lade ich ihn ein, mit mir zu zeichnen. Seine kleinen Finger kramen einen Stift für mich aus dem Rucksack. Zusammen malen wir, während sich Yanick angeregt mit seiner Oma unterhält.
Als Joris keine Lust mehr hat, liest ihm seine Oma leise eine Geschichte vor.
Ich lehne mich zurück und lächele Yanick an. Seine Finger fliegen mit dem Kugelschreiber über den Schreibblock, der uns räumlich voneinander trennt und ich kann mitlesen, was er schreibt.
Ich liebe es, wenn du so lächelst. Du ziehst leicht deine Mundwinkel nach oben und dein ganzes Gesicht strahlt dabei.
Ich lächele wieder wie eben. Er fährt erfreut mit seinen Augen über mein Gesicht und schreibt dann weiter.
Ich denke viel an dich .
Ich lese es und nehme mir einen eigenen Stift aus meiner Tasche.
Warum bist du hier, Yanick?
»Du weißt, warum ich hier bin!«, sagt er.
Nein!
»Ella, doch!«
Nein!
Er atmet schwer aus und der Block fliegt in die Mitte des Tisches, wie damals seine Serviette vor dem Döner Imbiss.
»Entschuldigung«, raunt Yanick, als er bemerkt, dass Joris sich erschrocken hat. Behutsam holt er den Block wieder zu sich und sieht mich wieder an. Doch ich schweife mit meinen Augen zum Fenster. Ich spüre, wie er meine Hand nimmt und sie streichelt. Dann verschränkt er seine Finger in meine. Diese Berührung ist sanft.
»Du weißt sehr wohl, warum ich hier bin«, spricht er leise und doch klingt es nachdrücklich. Seine Geste sagt mir, was er damit meint.
Ich weiß, ich lag mit meiner Vermutung falsch, dass er nur wegen der Wette das Wochenende mit mir verbracht hat. Spätestens als sein zweiter Brief in meinem Briefkasten lag, wusste ich es.
Eine Woche später kam ein Dritter. Eine weitere Woche danach ein Vierter. Jetzt liegen über zwanzig Briefe auf meinem Regal neben der Träne der Götter. Alle ungeöffnet. Den Bikini hatte er als Geschenk angenommen, nicht als Trophäe. Gegangen war er, weil er von mir kein Bleib gehört hatte.
Und dennoch …
Joris regt sich. Die Geschichte ist zu Ende. Er malt.
»Was malst du denn Schönes, Joris?«, fragt seine Oma und beugt sich über sein Bild.
»Ein Bild für Ella«, antwortet er und sieht mich aus seinen kleinen blauen Kulleraugen an.
Yanick unterhält sich mit seiner Großmutter. Sie ist pensionierte Lehrerin in einer Grundschule. Joris war zu Besuch und nun bringt sie ihn zu ihren Kindern zurück. Ich finde, dass der Beruf gut zu ihr passt. Sie ist ruhig und liebevoll. Ihr Enkel scheint ihr Augapfel zu sein und sie beschäftigt sich sehr aufmerksam mit ihm. Er ist sicher ihr ganzer Stolz.
Ich betrachte mir Joris und sehe zu, wie seine Finger mit den Stiften über das Papier fahren. Seine Zunge kaut er angestrengt, die Augenbrauen sind konzentriert in Falten geschoben. Dann sieht er sich erschöpft sein Werk an und als er damit zufrieden ist, schiebt er es zu mir. Erwartungsvoll werde ich von ihm angesehen.
Er hat es für mich gedreht und ich brauche es noch nicht einmal in meine Hände zu nehmen, um zu erkennen, was er gemalt hat.
In ein großes, rotes Herz ist eine Familie eingerahmt. Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Ich bekomme schwer Luft und sehe ihn fragend an.
Er lächelt. »Das ist für dich.«
»Oh, hast du deine Familie für uns gemalt?«, fragt Yanick, der nun neugierig das Blatt betrachtet und dann verstummt. Er sieht zu mir. Ich betrachte noch immer Joris, der nickt.
»Für dich!«
»Danke«, schreibe ich schnell auf den Block.
»Das bist du und er.« Er deutet mit seinem Zeigefinger auf Yanick. Danach fährt er sie auf das Papier. Er tippt auf den Mann und die Frau, die er gemalt hat. Zwischen uns ist ein kleiner Junge zu sehen. Auf dem Arm hält der Mann ein Mädchen, das an ihrem Röckchen in Rosa gut zu erkennen ist.
»Ich habe einen großen Bruder«, erklärt Joris mir und kaut auf seinen Stift ohne uns aus den Augen zu lassen.
Erst ein Junge. Dann, später ein Mädchen, hatte Kai mir damals gesagt.
»Das hast du sehr schön gemalt. Du hast uns wirklich gut gesehen«, sagt Yanick versonnen.
»Haben Sie denn Kinder?«, fragt Joris Oma erstaunt.
»Nein«, antwortet Yanick wahrheitsgemäß und ich schüttele meinen Kopf.
Joris Oma hebt wissend eine Augenbraue.
»Ich möchte keineswegs aufdringlich erscheinen. Wissen Sie, was mir noch aufgefallen ist? Ich kam nicht umhin Teile Ihres Gespräches zu verfolgen und habe Sie ein wenig beobachtet. Wie Sie ihr den Hof machen ist wirklich sehr originell.« Sie lächelt in sich hinein, nickt anerkennend mit ihrem Kopf in Yanicks Richtung. »Aber wie mir scheint, liegt das Problem nicht bei der Werbung allein. Ganz offensichtlich ist Ella … Gestatten Sie, dass ich Ella sage? Nun, ich bin alt und weiß, dass auch die schönste Rose auf der Welt Dornen trägt. Unangenehme Dornen, die sich manchmal unbemerkt, aber tief, in das Fleisch bohren.«
Nachdenklich winkelt Yanick seinen Zeigefinger an den Mund. Er verharrt schweigend, nicht ohne zuvor genickt zu haben. Joris Oma sieht zu mir und ich hebe meine Hände, lege sie zum Namaste Gruß zusammen. Der Gruß, der übersetzt Verbeugung zu dir heißt.
Ein Dorn. Ja. Er hatte sich irgendwo hineingebohrt. Nur wusste ich nicht genau wo.
Das Bild von Joris liegt vor mir auf dem Tisch und ich sehe es nachdenklich an, bis wir Warnemünde erreichen.
Der Zug rollt im Warnemünder Bahnhof ein. Joris ist jetzt sehr nervös. Er erwartet Mama und Papa und die Vorfreude steht in seinem Gesicht geschrieben.
Yanick hat die ganze Zeit über auf das Bild gestarrt und seine Finger an die Lippen gepresst. Nun sieht er auf, weil Joris Oma vor ihm steht und ihn anlächelt.
Sie sieht liebevoll zu mir: »Ich wünsche Ihnen gute Besserung.«
Ich danke ihr nickend. Ihre Hand an Yanicks Wange, spricht leise, aber eindringlich: »Vergessen Sie meine Worte nicht! Der Dorn. Finden Sie den Dorn!«
Sie senkt unbedeutend ihren Kopf. Yanick antwortete ihr, indem er ebenfalls seinen Kopf senkt. Dann geht sie mit Joris, der uns zum Abschied winkt, zur Tür. Ich antworte ihm mit einem Luftkuss.
Yanick holt meinen Koffer aus der Gepäckablage und steigt mit mir aus dem Zug. Auf dem Bahnsteig atmet er ein. »Seeluft. Riechst du das?«
Ich nicke.
Fisch.
Opa.
Yanick beugt sich zu mir, bis seine Lippen auf meinem Mund liegen. Lange und innig. Ich schmiege mich an ihn. Die Erinnerung von Opas Fisch verbindet sich mit einem neuen Gefühl.
»Komm, Ella. Lass uns den Dorn suchen«, sagt er, legt mir seinen Arm um die Schulter und führt mich zum Taxistand.
Die Pension liegt versteckt im Wald, nur einen Steinwurf von der Ostsee entfernt. Sie wird von einer warmherzigen Dame betrieben, die Yanick anhimmelt. Es ist dunkel, als wir ankommen. Das Meer sehe ich nicht, doch ich rieche es.
Als ich von Yanick in das Pensionszimmer geführt werde, bin ich tief bewegt. Ich stehe in einem Raum, der Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer in einem ist und durch die weißen Möbel geschickt abgeteilt wird. Blaue Details verstärkten das maritime Ambiente.
Im Wohnbereich stehen sich zwei Sofas gegenüber. Dazwischen ist ein kleiner Tisch platziert.
An jeder freien Stelle wurden Vasen, die üppig mit Tulpen gefüllt sind, aufgestellt. Es duftet im Zimmer, wie in einem Blumengeschäft. Ich liebe diese Blumen. Mein Mund steht offen.
Auf einem kleinen Beistelltisch entdecke ich einen Teller. Auf ihm liegen Tulaer Prjanik. Das ist ein rechteckiger Lebkuchen, mit Marmeladenfüllung. Auch die liebe ich. Fassungslos betrachte ich mir die Schale, die daneben steht. Darin liegen Aljonka Mich-Schokoladenriegel. Ich schlage mir entzückt die Hände vor dem Mund.
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