Während ich mir zum wiederholten Mal die glamouröse Homepage anschaue, stelle ich mir in Gedanken vor, das Privileg zu genießen, mich in diesem erstklassigen Spa, einer beglückenden Ganzkörpermassage hinzugeben und dazu ein paar Gläser Champagner zu schlürfen. Am liebsten natürlich auf Kosten des Hauses. Ob einer Nanny wohl ein Wellness - Tag zu vergünstigten Konditionen eingeräumt wird? Wobei, eigentlich mag ich gar keinen Champagner, dieser komische Nachgeschmack erinnert mich so ungemein an Schimmelpilz.
Innerlich bin ich erregt. Was, wenn ich tatsächlich diesen Job bekäme? Melissa Bogner – Nanny bei Familie Millionär . Klingt nicht übel.
Eine halbe Ewigkeit habe ich verzweifelt den Inhalt meines Kleiderschranks durchwühlt. Der erste Eindruck ist schließlich der Wichtigste, und ich will ja alles richtig machen, bei der Garderobe für’s Vorstellungsgespräch.
Ein komplettes Outfit muss bei mir immer perfekt aufeinander abgestimmt sein. Sowohl die Formen als auch die Materialien müssen fließend ineinander übergehen. Die Schuhe sollten natürlich auch nicht aus der Reihe fallen. Ich bekomme eine Krise, wenn meine Klamotten optisch nicht zusammenpassen. Dabei vermeide ich allzu viele extravagante modische Highlights und setze lieber auf zwei bis drei zweckmäßige Accessoires. Also konkret bedeutet das, dass ich zu den experimentier - unfreudigen Leuten gehöre und es tunlichst vermeide, mit fragwürdigen Trends aufzufallen. Ich bevorzuge das klassisch Elegante, am allerliebsten Ton in Ton. Ein weiteres meiner zwanghaften Bedürfnisse, die ich ausleben muss: Akribisches Klamottenkombinieren.
Manche Leute könnten jetzt behaupten, ich sei ein bisschen gaga. Aber dafür werde ich bestimmt niemals auf jenen Seiten landen, wo diese chronischen Kritiker mannigfaltiger Klatschblätter schlechtgekleidete Leute abbilden (zumeist Promis) und oben drüber schreiben: ›Der Griff ins Klo - der Woche! ‹ und zusätzlich jede noch so winzige Fehlinterpretation modischen Stilgefühls mit höchster Verachtung strafen.
Ich entscheide mich für einen schlichten kurzärmeligen Feinstrickpulli, gut sitzende Jeans mit cognacfarbenem Gürtel und dazu ein Paar Pumps, selbstverständlich auch in passendem Cognac. Für gewöhnlich kaufe ich meine Sachen in konventionellen Trendmodegeschäften, wo die Preise einigermaßen erschwinglich und sämtliche Kollektionen harmonisch aufeinander abgestimmt sind, was es mir enorm erleichtert, meiner speziellen Angewohnheit nachzukommen. Doch hin und wieder bin auch ich nicht vor modischen Fehlkäufen gefeit; etwa die quietschorangenen Overknee - Stiefel aus Wildleder, die ich mich nicht einmal zu Karneval wagen würde anzuziehen. Es sei denn, ich wollte mich als Storch verkleiden. In der Regel sind solche Klamotten unkombinierbar mit dem, was üblicherweise in meinem Schrank hängt. Mittlerweile bewahre ich haufenweise solcher Fehlkäufe samt Preisschild in einem Extrafach meines Kleiderschranks auf, alles ungetragen.
Mein Blick fällt auf genau dieses Fach im Schrank. Vielleicht sollte ich das Zeug bei Ebay versteigern. Vor allem diese absoluten No Go’s, die meine Mutter mir in regelmäßigen Abständen vom Wochenmarkt mitbringt, als wäre ich immer noch sechs. Ihrer Tochter permanent unbrauchbare Kleidungsstücke zu kaufen, die dann für immer und ewig im Schrank vergammeln, ist nämlich ihre besondere Macke. Sie sollte sich wirklich einen Job suchen.
Ich betrachte mein Spiegelbild. Nicht schlecht. Aber ich bin noch nicht so ganz zufrieden mit dem Outfit. Hm, etwas Luftigeres wäre besser geeignet. Es ist Anfang Juli und beinahe tropisch. Peinlich, wenn unter dem Strickteil eine fette Achselparty stiege, während ich einer Millionenerbin in Worte zu kleiden versuchte, was für eine tolle Nanny ich doch wäre.
Letztendlich habe ich mich für eine leichte, ärmellose Bluse in einer zarten Farbe, die sich – unglaublich aber wahr »Knochen« nennt, entschieden. Ich schwöre, das ist kein Scherz; meine Bluse ist knochenfarbig. Ich muss schon sagen, diese Mode - Fuzzis leben in einer verschrobenen Welt! Dazu ein schmaler, schwarzer Gürtel. Ein eleganter, dunkelblauer Stiftrock und ein paar hübsche schwarze Sandaletten. Nicht zu bieder. Nicht zu aufgedonnert. Perfekt.
Meine frisch gewaschenen Haare sind dagegen alles andere als perfekt. Sie sind kaum zu bändigen. Doch für das Glätteisen habe ich definitiv zu wenig Zeit. Ich binde sie also zu einem hochangesetzten Pferdeschwanz zusammen, der mir immerhin noch fast bis zur Taille reicht. Übrigens ist das meine Lieblingsfrisur, bei der, wie ich finde, mein Hals und der Nacken besonders schön zur Geltung kommen. Fix noch ein dezentes Make - Up aufgetragen und los geht’s.
Mit meinen Unterlagen von diversen Fortbildungen, mit denen ich zusätzlich Eindruck schinden möchte, sause ich los zur Bushaltestelle. Um diese Uhrzeit wimmelt es im Linienbus immer von Pendlern und Schulkindern, die sämtliche Sitzplätze in Beschlag nehmen.
Ein geschniegelter Anzugträger mit schwarzem Aktenkoffer, dessen Nebenplatz der einzige, noch unbesetzte Sitz im ganzen Bus ist, beschwört mich mit transparenten Gesten, genau dort Platz zu nehmen. Widerwillig setze ich mich neben ihn.
Der Typ grinst mir genügsam ins Gesicht, wobei sein Blick schrittweise immer tiefer rutscht, und er schlussendlich auf meine Bluse stiert, als hätte er Röntgenaugen. Ein bisschen Ähnlichkeit mit Clark Kent hat er ja.
»Schönes Wetter heute…«, legt Clark los.
»Mmh…«, mache ich.
»Fährst du öfter mit dieser Linie? Ich habe dich noch nie hier gesehen, du wärst mir mit Sicherheit aufgefallen«, schleimt er mich voll.
Nicht schon wieder! Hat man denn nirgendwo seine Ruhe vor notgeilen Lustmolchen?
Hektisch fummelt der Bürohengst an seiner Aktentasche herum. Anscheinend überlegt er fieberhaft, wie er mich in ein tiefgründigeres Gespräch vertiefen kann. Ohne Erfolg. Ich drehe mich absichtlich von ihm weg.
An der nächsten Bushaltestelle steigt eine junge mit Kopftuch und langem Mantel bekleidete Frau ein, der eine baldige Entbindung unleugbar anzusehen ist. Sie hat erhebliche Probleme mit ihrem Kinderwagen, den sie vergeblich in den Bus zu hieven versucht. Gleichzeitig balanciert sie ein schreiendes Kleinkind auf der Hüfte. Das kann ja nicht gutgehen. Die Arme rackert sich sichtlich ab, doch keiner der übrigen Fahrgäste kommt ihr zur Hilfe. Täusche ich mich, oder drehen einige Leute sogar demonstrativ ihre Köpfe weg?
Die Frau schaut sich ratlos um. Erheblich schockiert über die von Lethargie befallenen Businsassen, erhebe ich mich und rufe: »Warten Sie, ich helfe Ihnen!«
Während ich den schweren Kinderwagen hochstemme und ihn an der dafür vorgesehenen Seite parke, verfolgen mich die Blicke meiner tatenlosen Fahrgenossen.
»Sagol«, sagt die Türkin, was soviel wie Danke heißt. Ein paar Brocken Türkisch verstehe ich mittlerweile, da Yasemins Brüder es vorziehen, grundsätzlich auf Türkisch zu kommunizieren, auch wenn Deutsche anwesend sind.
»Kein Problem«, antworte ich. »Setzen Sie sich ruhig auf meinen Platz, ich kann stehen.« Mein Sitznachbar wird ganz blass. Dankbar und völlig außer Atem, lässt sie sich auf den Sitz plumpsen. Der vorhin noch so überaus zuvorkommende Schleimscheißer rückt sofort ein Stück von ihr ab, umschlingt krampfhaft seine Aktentasche und blickt den Rest der Fahrt reglos aus dem Fenster. Unglaublich.
Ich bin ziemlich spät dran, als ich endlich in ein Taxi steige, das mich zur Zieladresse ins noble Kaiserswerther Villenviertel bringt.
Ziemlich ruhige Gegend. Alles sehr weitläufig. Und diese Häuser...ach was rede ich – Villen!
Mein Herz pocht wie wild vor Aufregung. Welche Villa ist es wohl? Eventuell die riesige gelbe, hinter den schwarzen verschnörkelten Eisentoren?
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