>> Aber er erinnert sich an Ihr Versprechen? << Die Dreistigkeit dieses Vorwurfs, das unangemessene Eindringen in persönliche Umstände, hätten genügend Grund geboten, aus der Haut fahren zu dürfen. Wenn Heidemann nicht gelogen hätte. Im ersten Moment fühlte er sich entsprechend einfach nur ertappt. Sein Hang zu rationellen Betrachtungen ermöglichte es ihm aber, sich schnell davon zu lösen. Er schaffte es, nicht nur seine eigene Situation zu begreifen und zu abstrahieren, sondern auch die des Gegenübers. Und so attestierte er unlautere Absichten bei Frau Schneider. Und er attestierte sich selbst eine strategisch falsche Reaktion, würde er das Gesagte jetzt entschuldigend revidieren oder unbeholfen erläutern. Er setzte zum Gegenschlag an:
>> An Sie würde er sich sicher erinnern. Egal, wie weit seine Krankheit fortgeschritten ist. <<
>> Wie meinen Sie das? <<
>> Sie wollen mich zu Ihrem Geburtstag einladen, ich habe meinem kranken Vater einen Besuch versprochen, und Sie verwenden Ihre Energie, in diesem Versprechen einen Widerspruch zu entdecken. Das ist bemerkenswert << , versuchte er eine nüchterne Darstellung der Situation und ergänzte, ihr tief in die Augen blickend: >> Mein Vater mag bemerkenswerte Menschen. Ich übrigens auch. <<
Stukenbroks Sekretärin schnappte nach Luft: >> Ich habe es nur nett gemeint. Ich muss Sie nicht einladen. << Sie merkte, dass sie damit über das Ziel hinausgeschossen war und errötete. Schnell korrigierte sie: >> Ich würde mich aber trotzdem freuen, wenn Sie kommen könnten. <<
>> Wie gesagt, ich muss zu meinem Vater. Aber Danke für die Einladung. <<
Frau Schneider
Magdalena Schneider war Anfang vierzig und verfügte über jene Eigenschaften, die gute Sekretärinnen ausmachen. Sie war zuverlässig, vorausschauend, organisatorisch äußerst begabt, genügsam gegen sich selbst, ansehnlich, adrett - und sie war in ihren Chef verliebt. Dieser hatte den Fehler gemacht, die Schwärmerei seiner fast zehn Jahre älteren Assistentin nicht dauerhaft zu kontrollieren und auszunutzen. An jenem verschneiten Freitag im Dezember, als Heidemann vorgegeben hatte, seinen dementen Vater zu besuchen, war Stukenbrok einem aufgekratzten Geburtstagskind, das im Einfluss einiger Gläser Sekt halb ernst, halb spielerisch seiner Jugend nachjammerte, indem es Rock und Bluse lüftete und Zeugnis einer verführerischen Reife ablegte, erlegen. Magdalena war nicht betrunken genug, die genaue Abfolge der Ereignisse und ihre eigene Zurechnungsfähigkeit in Frage zu stellen und schon gar nicht dumm genug, sich ernsthaft Hoffnungen auf eine Verstetigung des Erlebten zu machen. Stukenbrok sah sich dadurch einer in solchen Fällen untypischen Rationalität gegenüber, die er schwerlich beiseiteschieben konnte. Es bedurfte nicht der leisesten Andeutung existierender Beweise eines sexuellen Übergriffs und ehelicher Untreue und auch nicht den Hauch einer mit ihrem Stillschweigen verbundenen Forderung, um Stukenbrok klarzumachen, dass er sich in Magdalenas Hand befand. Ohne ihre Aufgabe als Sekretärin zu vernachlässigen, vollbrachte Frau Schneider es in der Folgezeit geschickt, die neu gewonnene Macht auszuspielen. Dass ihr Gehalt angehoben wurde, empfand sie fast als Beleidigung. Mehr Freude hatte sie daran, dass Mitarbeiter, die sie nicht mochte, bei Stukenbrok in Ungnade fielen.
Heidemann wird gefeuert
>> Herr Heidemann, es reicht! << , sagte Stukenbrok ziemlich abgebrüht, nachdem Heidemann in einem vornehmen Ledersessel Platz genommen hatte. Der Angesprochene runzelte die Stirn. Er kannte seinen Vorgesetzten als Choleriker. Üblicherweise wurde er angeschrien, ohne in irgendeinem Sessel Platz nehmen zu dürfen. Nach einer Beförderung oder Gehaltserhöhung klang die Ansprache aber auch nicht. Es dauerte nicht lange, da offenbarte sich ihm die Ursache der ungewöhnlichen Behandlung.
>> Ich muss Sie entlassen! << Heidemann wurde bleicher, als er es sich für einen solchen Fall vorgenommen hatte. Stukenbrok verschränkte die Arme hinter dem Nacken und ließ sich in die Rückenlehne seines noch vornehmeren Ledersessels fallen. Er schien die Situation zu genießen. Heidemann gewann Farbe, sagte aber trotzdem nichts. Er überlegte, ob er sich ein Wortgefecht über Gründe und Missverständnisse liefern sollte. Ein Wortgefecht, aus dem er so oder so als Verlierer hervorgehen würde. Wenn er entlassen werden sollte, würde keine Argumentationslinie, die seine persönliche Einschätzung seines Werts für die Firma zum Inhalt hatte, eine Wendung herbeiführen. Heidemann hatte von einem solchen Fall noch nie gehört und konnte seine rhetorischen Fähigkeiten auch vernünftig einschätzen. Es blieben nur zwei Alternativen. Er könnte einen moralischen Erfolg erzielen, würde er die Situation mannhaft aushalten oder sogar Ignoranz zeigen. Dieser Erfolg war seine Wirkung betreffend aber mehr als fragwürdig. Möglicherweise brächte dies nicht einmal Stukenbrok, der sich schon jetzt in der Euphorie seines eigenen Erfolges suhlte, dazu, sich ein wenig zu ärgern. Die andere Alternative wäre ein Konter. Den konnte er aber nur unsportlich führen. Heidemann entschied sich für eine Mischung.
>> Was habe ich denn falsch gemacht? << , fragte er unschuldig. Stukenbrok änderte seine Sitzhaltung nicht. Er antwortete:
>> Das ist die falsche Frage. << Ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Heidemann tat so, als ob er die plumpe Dialektik nicht durchschauen würde:
>> Was ist die falsche Frage? << Stukenbrok ließ sich tatsächlich dazu hinreißen, seine dümmliche Logik zu erläutern:
>> Die Frage ist nicht, was Sie falsch gemacht haben, sondern, was sie richtig gemacht haben! << Heidemann spielte mit:
>> Was habe ich denn richtig gemacht? <<
>> Nichts. << Stukenbrok hatte sichtlich Freude an dieser Auskunft. Heidemann wusste, dass sein Chef die Sache gehörig auszukosten bereit war. Diese Zeit würde abrupt enden, bräche er aus dem erwarteten Gesprächsverlauf aus, würde er etwa fragen, warum er sieben Jahre lang fürs Nichtstun bezahlt worden war und welches Licht das auf ihn, den Chef, werfe. Heidemann überlegte, ob er in der gleichen Zeit nicht auch seine eigene Freude steigern konnte. Ein wenig Jammern wäre jetzt angebracht.
>> Was soll nun aus mir werden? << Die Antwort war vorprogrammiert:
>> Das hätten Sie sich mal vorher überlegen sollen! << Die Frage, was das „vorher“ zu bedeuten hatte, verbot sich. Heidemann übte sich weiter im Jammern. Er wollte die gleiche Antwort noch einmal bekommen:
>> Ich finde doch keine Arbeit mehr, in meinem Alter. << Es klappte:
>> Auch das hätten Sie sich mal vorher überlegen sollen! << Es könnte doch auch ein drittes Mal gehen, fand Heidemann. Er grübelte. Als ihm etwas einfiel, musste er sich zügeln, nicht zu hektisch zu wirken, das passte zu dieser Art der Verzweiflung nicht:
>> Wie soll ich jetzt die Raten fürs Auto bezahlen? << , jammerte er theatralisch. Es kam, wie geplant:
>> Das hätten Sie sich auch vorher überlegen können. <<
Jetzt, so fand Heidemann, war die Zeit gekommen für das Bitten und Betteln. Er flehte:
>> Ich kann mich bessern. << Stukenbrok zeigte sich unbeeindruckt:
>> Dafür ist es zu spät! <<
Heidemann fuhr fort:
>> Sie können mir auch das Weihnachtsgeld streichen. <<
>> Wie ich bereits sagte: Dafür ist es zu spät. << Heidemann witterte die Chance, auch hier den Dreier zu landen:
>> Geben Sie mir nur noch eine Chance. <<
>> Es ist zu spät, Herr Heidemann, einfach zu spät, das hätten Sie sich alles vorher überlegen sollen. << Stukenbrok war zufrieden, Heidemann auch. Er sagte:
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