>> In mein Büro! Sofort! <<
Noch ehe Heidemann reagieren konnte, hatte Stukenbrok schon aufgelegt. Auf dem Weg in Stukenbroks Büro rätselte Heidemann weiter, was um alles in der Welt schiefgelaufen war. Er machte sich darauf gefasst, angebrüllt zu werden und legte sich schon einmal ein paar Entschuldigungen zurecht.
Heidemanns Chef
Walter Stukenbrok war das einzige Kind eines reichen, alkoholkranken Unternehmers und einer ebenfalls alkoholkranken Frau. Der alkoholkranke Unternehmer hatte seine Alkoholkrankheit durch eine Abfolge von Lebensabschnitten erworben, die jeweils von Sauferei geprägt war. Sein frühes Erwachsenenleben wollte er sich auf trinkfeste Weise gegen Gleichaltrige behaupten und den Älteren imponieren. Als junger Unternehmer wickelte er die wichtigsten Geschäfte über die Flasche ab. Als älterer Unternehmer gönnte er sich den teuren Branntwein als Symbol seines Erfolgs und kurz danach wollte er auch nicht mehr mit dem Schlucken aufhören. Seine Frau begann das Saufen mit dem Tag, da sie ihre Einsamkeit und die Untreue ihres Mannes nicht länger ertragen konnte. Der kleine Walter war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt und beging trotz strenger Abstinenz im Weiteren den Fehler, die häuslichen Unstimmigkeiten mit einer verkorksten Persönlichkeitsentwicklung zu belohnen. Er folgte den Klischees eines unsympathischen Großkotzes und Möchtegern-Machers in nahezu allen Belangen. Die Gehässigkeit, mit der er Heidemann wie auch die anderen Mitarbeiter behandelte, festigte sich schon in früher Jugend. Nur mit einer gehörigen Menge Glück sowie dem Geld und den Kontakten seines Vaters führte das nicht in eine Verbrecherkarriere herkömmlichen Sinnes. Dass sein Geschäftsgebaren nicht einmal an die gröbste der feinen englischen Art heranreichte, wussten vor allem jene, die er so weit übervorteilte, dass sie nicht mehr zu einer Gegenwehr fähig waren. Stukenbrok brauchte einige Anläufe und eine gehörige Menge erschlichenen Kapitals, um schließlich ein halbwegs funktionierendes Unternehmen aufzubauen. Grund dafür war unter anderem die Leidensfähigkeit eines Großteils der Belegschaft. Das galt für die Bezahlung, die deutlich unter dem Branchenschnitt lag, für die Arbeitszeit, die über dem Schnitt rangierte und für die Beschimpfungen, die praktisch jeder auszuhalten hatte, der - warum auch immer - in Ungnade gefallen war. Und das konnte jedem zu jeder Zeit passieren. Heidemann war das am ersten Tag und einige Dutzend Mal später passiert. Wären Heidemanns Berechnungen nicht maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Firma überhaupt noch existierte, Stukenbrok hätte ihn schon genauso viele Dutzend Mal hinausgeworfen. Um das Erinnerungsvermögen Stukenbroks an Heidemanns Verdienste, ebenso wie an die anderer Mitarbeiter, war es nicht zum Besten bestellt. Der selbstsüchtige Firmeninhaber lebte in der Vorstellung, ein Genie zu sein. Ein junges, unwiderstehliches Genie auf dem Weg, ein junger, unwiderstehlicher und genialer Mogul zu werden. Wie die Lage stand, hatte die Realität eine differenzierte Sichtweise der Dinge. Nicht zu leugnen war jedoch, dass sein forsches Auftreten und eine omnipräsente Vitalität die Damenwelt nicht unbeeindruckt ließen. Und so konnte er mit seinen fünfunddreißig Lenzen auf zahllose Liebschaften und bereits zwei gescheiterte Ehen zurückblicken. Seine jetzige Frau, eine einundzwanzigjährige Südamerikanerin, verstand kein Wort Deutsch und er kein Wort ihrer Heimatsprache. Sie verständigten sich in gebrochenem Englisch und mit ungelenken Handzeichen. Die Launenhaftigkeit Stukenbroks ging nicht selten auf die Konversationsschwierigkeiten mit seiner Gattin zurück. Dieser Tag, der für Heidemann so ungewöhnlich war, war auch für den Chef ungewöhnlich. Insbesondere deshalb, weil es auch der letzte Tag seines Lebens werden sollte.
Schon früh am Morgen, zur gleichen Zeit etwa, als Heidemanns Ex-Frau ihren ominösen Anruf tätigte, hob Gabriella, so lautete der Name der dritten Ehefrau Stukenbroks, aus dem Bett heraus ihre Hand und streckte den Zeigefinger aus, was sie mit den Worten begleitete:
>> I not work today. I happy. <<
Stukenbrok, der sich gerade vor dem Spiegel gefiel, antwortete gelangweilt:
>> You never work, honey. I work. I work for you. You are ever happy. Ever. <<
Gabriella räkelte sich im Laken und antwortete:
>> You not work. You not work. Your people work. <<
So sehr sie Recht hatte, so sehr kränkte es den Stolz des Ehegatten, als Unternehmer mit über hundert Angestellten der Faulheit bezichtigt zu werden. Von einer Frau, die nichts anderes tat, als von dem Ergebnis seines angeblichen Nichtstuns zu leben. Und das nicht zu knapp. Er war überrascht, wie wenig Zorn er bei diesen Gedanken verspürte. Der Grund dafür fiel ihm schnell ein. Gabriella, ihr Geschnatter und ihre Meinung waren ihm gleichgültig geworden. Auf der Fahrt ins Büro schmiedete er Pläne, wie er sein Leben ändern wollte. Seine Frau würde er in Kürze auf die Straße setzen, ebenso wie das Gesocks, das er beschäftigte. Und dabei dachte er vornehmlich an Sebastian Heidemann.
Heidemann und seine Berufung
Heidemann war kein Mensch, dem man den Akademiker abnahm. Zum Gelehrten war er nicht vergeistigt genug, zum Geschäftsmann nicht adrett und forsch genug. Obschon er ein gehöriges Maß an Schlagfertigkeit besaß, brachte er diese nur selten zur Geltung. Die Bescheidenheit, sich nicht in den Vordergrund drängen zu wollen, hielt ihn in Verbindung mit der Abneigung, Verantwortung tragen zu müssen, die er zu tragen nicht bereit war, davon ab, sich grundsätzlich irgendwo einzumischen. Er freute sich ungemein, wenn er die Möglichkeit hatte, allein zu sein, keine Verpflichtung zu haben und sich seinen Gedanken hingeben zu können. Wenn er dann die Konzentration für Rätsel und Zahlenspiele aufbrachte, war der Moment perfekt. Einladungen seiner Bekannten und Kollegen, die ihn seiner Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wegen durchaus erreichten, schlug er gerne aus. Wenn er diesen, was selten genug vorkam, folgte, bestätigten sich zumeist seine wenig optimistischen Erwartungen. Er langweilte sich, wurde zu Stellungnahmen und Aussagen gedrängt, die er vermeiden wollte, regte sich insgeheim über irgendwelche Borniertheit auf, verspürte den Verlust kostbarer Zeit und musste zudem damit rechnen, einem vermehrten Drängen auf Wiederholung oder Gegeneinladung ausgesetzt zu sein. Nur ungern bediente er sich für seine Absagen der Lüge. Da er grundsätzlich aufrichtig war, wusste ein jeder, der sich für ihn interessierte, dass es ihm nicht an Freizeit mangelte und er keine Pflanzen, Tiere, Verwandten oder Partnerinnen zu betreuen hatte. Und, wenn er log, dann konnte es schon einmal komplizierter werden.
>> Nein, heute Abend kann ich nicht << , sagte er zum Beispiel zu Frau Schneider, die ihren Geburtstag im Kreise der Kollegen feiern wollte, >> ich muss heute zu meinem Vater, ich habe es ihm schon lange versprochen. <<
>> Leidet Ihr Vater nicht an einer schweren Demenz? << , entlarvte die Sekretärin das Offensichtliche. Heidemann begriff trotz seiner überdurchschnittlichen Auffassungsgabe nicht schnell genug, wo das Problem seiner unbedacht formulierten Ausrede gewesen war und verschlimmerte seine Position durch eine ehrliche Antwort:
>> Oh, ja, er erkennt mich schon nicht mal mehr. << Die meisten Menschen hätten an dieser Stelle ihren Mund gehalten. Einige hätten vielleicht angenommen, dass Versprechen durchaus eingehalten werden dürfen, auch wenn sich keiner an sie erinnert. Andere wären vielleicht beleidigt oder enttäuscht gewesen, wenn sie die Absicht, an der Feier nicht teilnehmen zu wollen, erkannt hätten. Vielleicht wären sogar einige schockiert, dass die Krankheit des Vaters dazu herhalten musste. Frau Schneider aber war weder beleidigt, noch schockiert noch enttäuscht. Und sie hielt auch nicht den Mund:
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