"Also die Schule ist das Letzte“, polterte Siegfried los. „Die Lehrer haben alle selbst nicht begriffen, was sie uns beibringen sollen. Jede Frage, die nur ein bisschen über den Unterrichtsstoff hinausgeht, wird als Provokation aufgefasst. Dabei ist das Ganze so primitiv, dass einen die Hausaufgaben nicht einmal für die Fahrt im Schulbus beschäftigen. Und die Halbaffen, die in meine Klasse gehen, halten mich für einen Mutanten, seit ich gesagt habe, dass sich quadratische Gleichungen prima im Kopf lösen lassen."
"Jenkins, ich glaube, wir haben gefunden, was wir suchen", sprach Doktor von Stackelmann nach vorne. Dann wandte er sich an Siegfried: "Und was würdest du davon halten, auf eine andere Schule zu gehen? Auf eine Schule, deren Lernstoff deinen Fähigkeiten entspricht? Ich leite ein solches Institut, und es ist immer schwer, Schüler zu finden, die den Anforderungen genügen. Siegfried ich lade dich ein, nach Darnwolt zu kommen, der Schule für Superschurken."
Zum Glück saß Siegfried schon. Seit sein Vater von Galaktoman ermordet worden war, hatte er davon geträumt ein Superschurke zu werden und Arnold van Bowdendonks Tod zu rächen. Verdammt, wie stolz sein Vater wäre. So stolz wie ein Highschool-Coach, dessen Sohn Sportprofi wird. Arnie van Bowdencomb war eines der zahlreichen Opfer von Galaktoman, dem Retter der Welt. Galaktoman hatte Arnies Superwaffe umgepolt und den ahnungslosen Schurken Arnie van Bowdencomb in einen Haufen grüner Asche verwandelt. Das hatte Siegfrieds Mutter ihm immer erzählt. Sekundenschnell war die grüne Asche von der erzeugten Druckwelle in die Atmosphäre der wieder einmal geretteten Welt geblasen worden. Nichts war von Arnie van Bowdencomb geblieben, außer einer Hand voll Staub, der ziellos in der Erdatmosphäre unterwegs war. Jahrelang hatte Mutter es nicht übers Herz gebracht, den Staub vom Klavier im Wohnzimmer zu wischen, auf dem Arnie so gerne den ersten Satz von Beethovens Mondscheinsonate gespielt hatte. Möglicherweise, so hatte sie immer mit traurigem Gesicht gesagt, enthält der Staub ein paar Atome von Papa.
Mit einer Ausbildung zum Superschurken würde Siegfried nicht so enden wie sein Vater. Denn Arnie war nur ein einfacher Schurke gewesen, einer der von Kerlen wie Galaktoman mal so nebenbei in grüne Asche verwandelt wurde. Siegfried würde nach seiner Ausbildung in Darnwolt ein Superschurke sein. Einer, der Superhelden wie Galaktoman immer wieder in den Arsch treten würde. Einer, den Galaktoman niemals würde vernichten können, einer der immer im letzen Moment noch die rettende Raumkapsel oder den geheimen Tunnel erreichen würde.
Dass auch Siegfried Galaktoman nicht würde vernichten können, dass er sich mit seinem Todfeind solange er lebte einen endlosen Kampf liefern würde, daran mochte Siegfried im Moment nicht denken. Er würde der Kerl sein, der Galaktoman das Leben zur Hölle machen würde, der ihn zwingen würde, eine geheime Identität anzunehmen. Er würde verhindern, dass Galaktoman das Mädchen bekommen würde, das Galaktoman so leidenschaftlich liebte, und das selbstverständlich auch unsterblich in Galaktoman verknallt war. Er würde Galaktoman alles nehmen, außer seinem Ruhm als Superheld. Seine Rache würde darin bestehen, dass sich Galaktoman trotz aller Triumphe ein Leben lang als das fühlen würde, was er in Siegfrieds Augen war: Ein blau leuchtender Trottel in Strumpfhosen.
So unglücklich war Siegfried an seiner Schule in Wichita gewesen, so sehr hatte er die Schnauze voll von kichernden Cheerleadern, arroganten Pointguards und Tyrannen wie Bruckner, dass er von Stackelmann sofort glaubte. Wer in Kaschmir gehüllt zusammen mit einer superblonden Sexbombe in einem nachtschwarzen Bugatti durch die Gegend fuhr und Kinder entführte, dem konnte man auch glauben, dass er der Leiter einer Superschurkenschule war. Und weil auch das Verhältnis zu seiner Mutter in den vergangenen Jahren nicht immer idyllisch gewesen war, beschloss Siegfried sich auf den Pakt einzulassen. Lisa deutete sein Lächeln richtig und reichte ihm einen Hochglanzprospekt. Fasziniert begann Siegfried zu lesen.
Das Glanzpapier klebte leicht an Siegfrieds Fingern, die vor Aufregung schwitzten. Darnwolt, die Schule für Kinder mit unbegrenzten Möglichkeiten, stand vorne auf dem Prospekt zu lesen.
Auf Seite drei gab es ein Grußwort von Dr. Gerold von Stackelmann. Er schrieb über ein labiles Gleichgewicht von Gut und Böse, in dem die Welt sich befand. Nach seinen Worten bewahrten Superschurken die Erde davor im Chaos zu versinken. Auf der anderen Seite waren Superhelden nur naive Tugendbolde. Ein Teil von jener Kraft, die das Gute will und nur das Böse schafft, wie von Stackelmann es unübertrefflich formulierte. Er entwarf das Bild einer friedlichen von einem einzigen Superschurken beherrschten Welt. Und er drückte in dem Vorwort seine Hoffnung aus, dass einer der Darnwolt-Absolventen dieses Ziel, die Weltherrschaft, erreichen würde.
Die nächste Seite enthielt Nachrufe auf Schurken, die im Kampf gegen die Superhelden gestorben waren. Natürlich fehlte Arnold van Bowdencomb, Siegfrieds Vater. Er war er nicht mehr gewesen als ein weiterer Skalp an Galaktomans Gürtel. Sein Vater hatte sich überlisten lassen, schon in seiner ersten Auseinandersetzung mit einem Superhelden. Echte Superschurken dagegen brachten es auf zahllose Auseinandersetzungen, auf einen lebenslangen Kampf, zumindest auf eine Auseinandersetzung, die sich über Jahrzehnte hinzieht. Wer sich von Galaktoman beim ersten Showdown überlisten und aus dem Verkehr ziehen lässt, ist kein Superschurke, dachte Siegfried bitter.
Nach den Nachrufen kamen die Bilder der Superschurken, die sich unbesiegbar einen ewigen Kampf mit ihrem Heldengegner lieferten: Lex Luther, Magneto, der Sandmann und so fort.
Darum ging es in Darnwolt: Superschurken sollten die Schüler werden, böse Genies, die den Kampf mit dem übermächtigen mit unnatürlichen Kräften ausgestatteten Gegner nichts entgegensetzen konnten als die Schärfe ihres Verstandes.
Fasziniert blätterte Siegfried durch die Bilder des Hochglanzprospektes. Sie zeigten den Berg, auf dessen Spitze sich das von Gewitterwolken umtoste Schlossinternat befand. Ein Bild zeigte den Speisesaal, der in weißem Linnen eingedeckt war. Der Beitrag über die Küche zeigte einen halben Hummer, der mit einer Vinaigrette aus Ingwer und weißem Balsamico garniert war.
Das großartigste schien Siegfried die Garage von Darnwolt: Lamborghinis, Ferraris, Bugattis so weit das Auge reichte. An der Decke hing ein Motorsegler und ein Rennboot.
Weiter hinten zeigte der Prospekt Jungen und Mädchen in Siegfrieds Alter beim Nahkampftraining, beim Schießen, beim Auseinanderbauen eines Sportwagens. Ein Bild zeigte den dunkel getäfelten Hörsaal. Die Tafel war über und über vollgeschrieben mit chemischen Gleichungen.
"Wo muss ich unterschreiben?" fragte Siegfried, als er das Heft durchgeblättert hatte.
"Dein Wort genügt", antwortete Doktor von Stackelmann.
04. Step on the Gas and Wipe that Tear away (Beatles)
Anfangs fiel es Cornelia van Bowdendonk leicht, dem Krankenwagen zu verfolgen, auch wenn sich dieser mit Blaulicht einen Weg durch den Berufsverkehr bahnte. Die Reichweite des Senders in Siegfrieds Ohrclip lag bei etwa dreißig Meilen, sodass der Abstand zwar langsam aber stetig zunahm, aber niemals beunruhigend groß wurde. Etwa zehn Minuten hatte die Verfolgung gedauert, als Cornelia bemerkte, dass Siegfrieds Signal zum Stehen gekommen war. Doch schon eine Minute später setzte sich der Lichtpunkt erneut in Bewegung, diesmal aber mit beträchtlich größerer Geschwindigkeit. Mit einem mulmigen Gefühl sah Cornelia, wie sich der Abstand zwischen ihr und Siegfried zusehends vergrößerte. Langsam bewegte sich der Lichtpunkt auf den Rand des Displays zu. Wenn er dort verschwunden war, hätte sie Siegfried verloren. Sie blickte kurz prüfend in den Rückspiegel. Als sie keinen Polizeiwagen entdeckte, öffnete sie das Handschuhfach und betätigte den Kippschalter, der die Drosselung des Fusionsantriebs deaktivierte. Jetzt hatte sie 2000 PS zur Verfügung. Den Fusionsantrieb des Autos hatte Siegfried vor zwei Jahren gebaut und seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt. Der Reaktor war bei der Konstruktion nicht das eigentliche Problem gewesen. Knifflig war, dass der Wagen trotz des neuen Fusionsantriebs noch klang wie ein Auto mit Verbrennungsmotor. Das zweite Problem hatte sich als noch schwieriger erwiesen. Tagelang hatte Siegfried getüftelt, bis er den Antrieb so weit heruntergedrosselt hatte, dass der Ford nicht schneller als 60 Meilen pro Stunde lief. Schließlich sollte der Wagen seine Mutter ins Einkauszentrum bringen und nicht in eine andere Dimension katapultieren. Das Gute daran war, dass eine Coladose voll Wasser reichte, um die Karre zwei Jahre lang anzutreiben. Aber mit dem Schalter im Handschuhfach hatte man auf Knopfdruck die vollen 2000 PS des Fusionsantriebs zur Verfügung.
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