Cornelia van Bowdendonk sah der jungen Ärztin und den Pflegern hinterher, die das Bett mit Siegfried in den OP-Bereich schoben. Mit leicht wackligen Knien setzte sie sich auf den Besucherstuhl. Natürlich fing sie nicht an in einer Zeitschrift zu blättern. Stattdessen begann sie an ihrem Zeigefingerknöchel zu nagen, bis ihr etwas einfiel. Sie kramte in ihrer Handtasche nach dem iphone und schaltete es an. Sie öffnete die Anwendung earclipcam.app, indem sie das Passwort ArNiE4%EvEr eingab. Einen Augenblick später lief ihr kalter Schweiß den Rücken hinab. Sie sah auf dem Display die Decke des Krankenhausgangs. Einen Moment später fing das Bild an zu wackeln. Als es wieder stabil war, zeigte die Anzeige das Innere eines Krankenwagens, der sich mit Blaulicht in Bewegung setzte. Jetzt erschien das Gesicht der jungen Ärztin auf dem Display. Sie hielt ein Mobiltelefon in der Hand. Weil das iphone stumm geschaltet war, sah Cornelia van Bowdendonk nur, dass sich ihre Lippen bewegten. So schnell es ihre schweißnassen Finger erlaubten, drehte sie die Lautstärke ihres Handylautsprechers auf maximale Leistung. Sie hörte nur noch, wie die Ärztin sagte: "In zehn Minuten an der 400."
Cornelia van Bowdendonk sprang von ihrem Stuhl auf, um sich gleich wieder zu setzen, denn vor Schreck war ihr schwarz vor Augen. Siegfried war von einer falschen Ärztin, zwei falschen Krankenpflegern aus dem Hospital entführt worden. Sie hätte natürlich am Empfang Alarm schlagen können. Sie hätte versuchen können, die Polizei, den Geheimdienst und die Nationalgarde zu mobilisieren, um Siegfried aus den Klauen seiner Entführer zu reißen. Aber wahrscheinlich wäre sie an so eine belämmerte: „Ich tue hier nur meine Pflicht, und Sie führen sich auf als wären Sie nicht ganz bei Trost“-Krankenschwester geraten. Sie hätte wertvolle Minuten verplempert in dem vergeblichen Bemühen, ihrem Gegenüber die Situation zu erklären. Die Chancen Siegfried so zurückzubekommen waren gleich Null. Also stürmte sie aus dem Wesley Medical, stieg in ihren alten 94er Ford und ließ den Motor an. Gerade als sie losfahren wollte, kam ihr noch ein Gedanke. Sie öffnete das Mailprogramm und begann zu tippen
otolarngology@wesleymedical.com . Lieber Dr. Miller, vielen Dank für die kompetente Versorgung von Siegfrieds Verletzung. Leider kann ich den Jungen nicht über Nacht hierbehalten, weil wir wegen einer dringenden Familienangelegenheit verreisen müssen. Ich nehme das auf meine Verantwortung und sehe von allen rechtlichen Ansprüchen ab, die Entfernung von Siegfried aus Ihrer Klinik geschah ohne Ihr Wissen und Ihre Billigung.
Mit freundlichen Grüßen
Cornelia van Bowdendonk
Sie drückte auf Senden. Dann beendete sie das Mailprogramm und aktivierte earclipcam.app erneut. Das Programm zeigte Bilder aus einer Minikamera, die in Siegfrieds Ohrclip eingebaut war, aber es konnte noch mehr. Im Ansicht-Menü wählte Cornelia "Ortung", worauf das Bild verschwand. Stattdessen zeigte sich eine Karte der Umgebung von Wichita. Siegfrieds Standort war als gelb blinkender Kreis zu erkennen. Cornelia ließ den Motor an und machte sich an die Verfolgung von Siegfrieds Entführern.
03. We´re not in Kansas anymore (Judy Garland)
Siegfried erwachte aus seiner Narkose, als der Krankenwagen zum Stehen kam. Im gleichen Augenblick überkam ihn ein unwiderstehlicher Brechreiz. Er schaffte es gerade noch sich zur Seite zu wenden, sodass er sich nicht selbst bekotzte, sondern die ganze Ladung auf die weißen Reeboks eines der Pfleger ging. Der Mann unterdrückte einen Fluch.
Als alles draußen war, fühlte sich Siegfried eigentlich wieder ganz OK. "Kannst du aufstehen und laufen?" hörte er die bekannte Honigstimme sagen. Er gab ein tonloses Hmm zur Antwort.
"Danke Jungs, das war gute Arbeit", hörte Siegfried das Mädchen zu den Krankenpflegern sagen. "In ein paar Minuten kommt der Sierra und bringt euch nach Darnwolt. Der Junge und ich steigen hier um in den Bugatti."
Sie öffnete die Hecktür des Krankenwagens. Siegfrieds Blick fiel auf einen nachtschwarzen Bugatti Royale, der mit laufendem Motor hinter dem Krankenwagen stand. Sie befanden sich irgendwo an der 400 weit außerhalb von Wichita. Lisa machte eine einladende Geste und Siegfried ging mit unsicheren Beinen hinüber zu dem schwarzen Oldtimer. Auf dem Fahrersitz saß ein gedrungender Mann mit Chaufeursmütze. Er hatte ein Maulwurfsgesicht mit einer winzigen Nase, auf der eine Brille mit unglaublich fetten Gläsern lastete. Als er Siegfried bemerkte, stieg er aus und öffnete ihm die Tür zum Fond des Wagens. Siegfried folgte seiner einladenden Handbewegung und stieg ein. Lisa war inzwischen auf der anderen Wagenseite eingestiegen.
Siegfried versank förmlich in den Sitzen aus sorgfältig vernähtem Nubukleder und sah sich um. Neben dem Nubukleder hatte man sonst für die Innenausstattung des Bugatti nur noch fein gemasertes Koaholz verwendet. Das Wageninnere war erfüllt von einem warmen gelben Licht, das die Atmosphäre einer sehr vornehmen Cocktailbar erzeugte. Siegfried gegenüber saß der Herr mit der kulitiverten Baritonstimme, der sich aus dem Fenster von Siegfrieds Krankenzimmer geschwungen hatte. Auch wenn er einfach nur entspannt dasaß, war er eine beeindruckende Erscheinung. Er war nicht mehr jung, sein schwarzes Haar und der Kinnbart zeigten graue Strähnchen. Außerdem war die Frisur am Hinterkopf ein wenig licht. Aber er saß in einer sehr aufrechten Haltung und die Gesten seiner Arme und Hände machten einen geschmeidigen und kraftvollen Eindruck. Er erinnerte an einen Kater, der noch über Jahre allen Jungkatzen das Fell gerben würde, die sich in sein Revier wagten. Er war groß, etwa eins neunzig, schlank, aber gut trainiert. Ihm fehlten Muskelpolster, aber in seiner Haltung ahnte man die Gewandtheit eines Hürdensprinters. Er trug einen schwarzen iphoneKaschmirpullover unter dem dunkelgrauen Sakko. Seine Hosen waren aus schwarzer Wolle, elegant geschneidert und dabei so lässig, als könnte man in ihnen auch eine Hochhausfassade erklimmen.
Neben ihm saß das wunderschöne Mädchen. Sie hatte den Mundschutz und den Arztkittel abgelegt und trug nun einen hellblauen Kaschmirpullover zu ihren Levis. Auf ihrer Nase erkannte Siegfried etwa zwei Dutzend Sommersprossen. Erst jetzt sah Siegfried, dass sie nicht nur mit einem Beachvolleyballerinnenkörper ausgestattet war, in dem Kaschmirpullover steckte zu allem Überfluss auch noch ein Paar ausgesprochen wohlgeformte Brüste. Er war so mit Anstarren beschäftigt, dass er gar nicht gleich merkte, dass der Herr mit der Baritonstimme mit ihm sprach.
"Ich muss dich tausendmal um Vergebung bitten für die theatralische Art, mit der wir dich überfallen haben, Siegfried", begann der kultivierte Herr. "Wir wollten heute eigentlich nach der Schule mit dir Kontakt aufnehmen, aber als wir dort nach dir fragten, hieß es, du lägest im Krankenhaus. Aber entschuldige", unterbrach sich der Herr selbst. "Ich glaube es ist höchste Zeit, dass wir uns einmal vorstellen. Mein Name ist Doktor Gerold von Stackelmann, die junge Dame ist Lisa Tekiero, meine Nichte. Und der Herr, der den Bugatti steuert, ist Mister Jenkins, mein persönlicher Assistent.“ Nach einer kurzen Pause, die wohl dazu gedacht war, Siegfried Zeit zum Merken der Namen zu geben, fuhr er fort: „Eine Frage, Siegfried: Ich meine jetzt, abgesehen von den gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten mit Ron Bruckner, wie gefällt es dir in der Schule?"
Siegfried kniff sich in den Arm, um sicher zu gehen, dass er nicht immer noch träumte. Der Kerl hatte ihn aus einem Krankenhaus gekidnappt, um ihn zu fragen, was die Schule machte? Unsicher schaute er von ihm zu dem blonden Mädchen und wieder zurück. Sollte er unverbindlich das antworten, was alle Teenager sagen, wenn man sie nach der Schule fragt ("Geht so") oder sollte er in Anbetracht der ungewöhnlichen Situation mit der Wahrheit herausrücken? Von Stackelmann und Lisa schauten ihn so erwartungsvoll an, dass er beschloss, endlich einmal offen zu sagen, was er von der Schule dachte und von den Leuten, die sie gemeinsam mit ihm besuchten:
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