Als alles fertig war, sagte ich zu Moosu: ›Geh und besuche die vornehmsten Männer des Dorfes, überbringe ihnen meinen Gruß und lade sie ein, in meine Hütte zu kommen und die Nacht mit mir und den Göttern zu verbringen.‹
Das Gebräu summte schon heiter, als sie den ledernen Vorhang beiseiteschoben und in meinen Iglu gekrochen kamen. Ich war gerade dabei, viel zerkleinertes Eis um den Gewehrlauf zu legen. Aus dem Loch am Ende kochte es über, und tripp, tripp, tripp tropfte die Flüssigkeit in den eisernen Topf. Schnaps, verstehen Sie. Aber die Leute hatten nie etwas Ähnliches gesehen, und sie kicherten aufgeregt, als ich ihnen eine Rede über die hervorragenden Eigenschaften dieses Getränkes hielt. Während ich sprach, bemerkte ich die Eifersucht in den Augen des Schamanen. Als ich fertig war, setzte ich ihn deshalb neben Tummasook und das Weib Ipsukuk. Dann gab ich ihnen zu trinken, und ihre Augen wurden feucht und ihre Mägen warm, bis sie keine Furcht mehr hatten, sondern gierig um mehr baten. Als ich sie auf diese Weise angekurbelt hatte, wandte ich mich zu den anderen. Tummasook begann damit zu prahlen, dass er einmal einen Eisbär getötet hatte, und er machte dabei so eifrige Bewegungen, dass er beinahe den Bruder seiner Mutter geschlagen hätte. Aber keiner achtete darauf. Das Weib Ipsukuk weinte über einen Sohn, den sie vor Jahren auf dem Eis verloren hatte, und der Schamane begann zu beschwören und zu prophezeien. So ging es weiter, und noch ehe es Morgen geworden war, lagen sie alle berauscht auf der Erde und schliefen laut schnarchend bei den Göttern.
Die Geschichte ist klar, nicht wahr? Die Neuheit von dem magischen Getränk verbreitete sich schnell. Es war zu seltsam, um es mit Worten zu erklären. Die Zunge konnte nur einen kleinen Teil der Wunder berichten, die es vollbracht hatte. Es befreite von Schmerzen, milderte die Trauer, brachte die Erinnerung an vergangene Zeiten wieder, machte alte, längst verstorbene Menschen und vergessene Träume wieder lebendig. Es war ein Feuer, das sich ins Blut fraß, und brannte, ohne zu verbrennen. Es stärkte das Herz und steifte den Rücken und machte Männer zu mehr als Menschen. Es enthüllte die Zukunft und schenkte Geschichten und Prophezeiungen. Es war übervoll von Weisheit und enthüllten Geheimnissen. Der Dinge, die es vollbringen konnte, war kein Ende, und es dauerte nicht lange, so schrien alle, dass sie bei den Göttern schlafen wollten. Sie brachten ihre wärmsten Pelze, ihre stärksten Hunde, ihr bestes Fleisch. Aber ich verkaufte den Schnaps mit Verstand, und nur der Wunsch derer wurde erfüllt, die mir Mehl, Sirup und Zucker brachten. Und solche Mengen strömten herbei, dass ich Moosu befahl, eine eigene Hütte zu bauen, die alles aufnehmen konnte, denn in meinem Iglu war bald kein Platz mehr. Ehe drei Tage vergangen waren, war Tummasook ruiniert. Der Schamane, der sich nach der ersten Nacht nie mehr als halb betrank, beobachtete mich scharf und versuchte, hinter mein Geheimnis zu kommen.
Aber ehe zehn Tage vergangen waren, hatte selbst das Weib Ipsukuk alles fortgegeben und musste elend und taumelnd nach Hause gehen. Moosu aber beklagte sich: ›O Meister und Herr‹, sagte er. ›Wir haben große Reichtümer an Sirup und Zucker und Mehl gesammelt, aber unsere Hütte ist immer noch schmutzig, unsere Kleider sind dünn und unsere Schlafsäcke räudig. Der Magen schreit nach einem Fleisch, dessen Gestank nicht die Sterne des Himmels beleidigt, und nach Tee von der Art, wie Tummasook ihn säuft, und ich habe große Sehnsucht nach dem Tabak Newaks, welcher Schamane ist und Pläne schmiedet, um uns zu vernichten. Ich habe Mehl, dass einem übel werden kann, und Zucker und Sirup ohne Grenzen – und dennoch ist das Herz Moosus traurig, sein Bett ist leer ...‹
›Still‹, antwortete ich. ›Du hast nur einen schwachen Verstand und bist ein Trottel. Geh leise und warte ab, wir werden alles haben. Nehmen wir jetzt, so bekommen wir nur wenig, und zum Schluss wird es gar nichts sein. Du bist nur ein Kind gegen die Weisheit weißer Männer. Halte deinen Mund und warte ab, ich werde dir die Wege zeigen, die meine Brüder in fernen Ländern gehen, und wenn sie diese Wege gehen, raffen sie alle Reichtümer der Welt zusammen. Das ist es, was man Geschäft nennt – und was verstehst du vom Geschäft?‹
Aber am nächsten Tag kam er atemlos in die Hütte gelaufen. ›O Meister, etwas Seltsames habe ich in der Hütte Newaks, des Schamanen, erblickt. Jetzt sind wir verloren und haben weder die warmen Pelze getragen, noch den guten Tabak gekostet, und alles ist die Folge davon, dass du so auf Zucker und Mehl versessen bist. Geh selber hin und überzeuge dich, während ich das Gebräu überwache.‹
Also ging ich zur Hütte Newaks. Und bei Gott, er hatte seine eigene Destille, die mit kundiger Hand der meinen nachgebildet war. Als er mich erblickte, konnte er seinen Triumph kaum verbergen. Denn er war ein kluger Mann, und wenn er sich in meinem Iglu aufgehalten hatte, war sein Schlaf nicht fest gewesen.
Ich aber war gar nicht beunruhigt, denn ich wusste, was ich wusste, und als ich wieder in meinem Iglu war, sang ich Moosu ein neues Lied vor und sagte: ›Glücklicherweise hat unter diesem Volk das Eigentumsrecht Gültigkeit, wenn es auch sonst nur mit wenigen menschlichen Einrichtungen gesegnet ist. Dank dieser Verehrung des Eigentumsrechts werden du und ich fett werden und dazu noch andere Einrichtungen bei ihnen einführen, die andere Völker erst nach langen Leiden und schwerer Arbeit geschaffen haben.‹
Aber Moosu verstand mich nur halb, bis der Schamane eines Tages kam und mit funkelnden Augen und drohendem Klang in der Stimme verlangte, dass ich mit ihm ein Tauschgeschäft machen sollte. ›Denn siehst du‹, schrie er, ›es gibt keinen Sirup und keinen Zucker mehr im Dorf. Du hast alles meinem Volk, wenn es bei deinen Göttern schlief, mit schlauer Hand abgenommen, und jetzt haben sie nichts als dicke Köpfe und weiche Knie und einen Durst nach kaltem Wasser, den sie nicht stillen können. Das ist nicht gut, und meine Stimme hat Macht unter ihnen, so dass es für dich gesund wäre, wenn du mit mir Handel triebest und Mehl und Zucker mit mir tauschtest, wie du es mit ihnen getan hast.‹
Ich gab ihm Antwort: ›Deine Rede ist eine gute Rede, und Weisheit wohnt in deinem Mund. Wir werden Tauschhandel miteinander treiben. Für dieses Mehl und diesen Sirup gibst du mir deine Kiste ›Star‹ und zwei Pakete Tabak.‹
Moosu seufzte, und als das Geschäft erledigt und der Schamane verschwunden war, machte er mir Vorwürfe: ›Jetzt sind wir dank deiner Verrücktheit ganz verloren. Newak macht auf eigene Rechnung Schnaps, und wenn die Zeit reif ist, wird er dem Volk befehlen, keinen anderen Schnaps als seinen zu trinken. Auf diese Weise sind wir erledigt und unsere Waren wertlos, unsere Hütte widerlich und das Bett Moosus kalt und leer!‹
Ich gab ihm zur Antwort: ›Beim Leibe des Wolfs sage ich dir, dass du ein Tor bist und dass dein Vater es vor dir war und dass deine Kinder es nach dir bleiben werden, und zwar bis zur letzten Generation. Deine Weisheit ist schlimmer als gar keine Weisheit, und deine Augen sind blind, wenn es sich um das Geschäft handelt, von dem ich gesprochen habe und von dem du nichts verstehst. Geh, du Sohn von tausend Narren, trinke von dem Schnaps, den Newak in seiner Hütte braut, und danke deinen Göttern, dass hinter dir die Weisheit eines weißen Mannes steht, die das Bett, in dem du liegst, weich macht. Geh – und wenn du getrunken hast, dann komm wieder, während du noch den Geschmack auf den Lippen hast, damit ich Bescheid weiß ...‹
Zwei Tage später schickte Newak mir Gruß und Einladung, in sein Iglu zu kommen. Moosu ging hin, aber ich blieb allein sitzen, das Summen der Destille in meinen Ohren und die Luft dick vom Tabak des Schamanen. Denn der Absatz war nur gering an diesem Abend, und kein anderer als Angeit, ein junger Jäger, der mir Vertrauen schenkte, kam zu mir. Später kehrte Moosu zurück. Seine Rede war ganz unverständlich vom Kichern, und seine Augen zwinkerten vor Vergnügen.
Читать дальше