Wir hatten eine schwere Zeit hinter uns, und es ging uns verdammt dreckig, als wir unerwartet in Tattarat hineinstolperten. Unsere Ausrüstung und unsere Hunde hatten wir verloren, als wir bei einem Herbststurm eine Wasserscheide überschritten, und unsere Mägen waren leer und die Kleider die reinen Lumpen, als wir im Fort angekrochen kamen. Sie waren gar nicht so sehr verwundert, als sie uns sahen – wegen der Waljäger –, aber sie gaben uns die schlechteste Hütte zum Wohnen und den schlimmsten Dreck, den sie hatten, zum Essen. Was mir damals als sehr merkwürdig auffiel, war, daß sie uns in strengster Absonderung hielten. Aber Moosu erklärte mir den Zusammenhang.
›Schamane krank tumtum‹, sagte er und meinte damit, daß der Schamane oder Medizinmann eifersüchtig war und dem Volk gesagt hatte, daß es nicht mit uns verkehren durfte. Aus dem Wenigen, was er von den Walfängern gesehen hatte, wußte er, daß meine Rasse stärker und weiser war, und folglich hatte er als Schamane so gehandelt, wie die Schamanen auf der ganzen Welt handeln. Bevor ich fertig bin, werden auch Sie erkannt haben, wie nahe er der Wahrheit kam.
›Diese Leute haben ein Gesetz‹, sagte Moosu, ›daß jeder, der Fleisch ißt, auch auf die Jagd gehen muß. Wir beide, o Herr und Meister, wissen nicht sehr geschickt mit den Waffen dieses Landes umzugehen, wir können nicht mit Bogen schießen und mit Speeren nach der bewährten Weise werfen. Deshalb haben der Schamane und Tummasook, der Häuptling, die Köpfe zusammengesteckt und bestimmt, daß wir mit den Frauen und Kindern zusammen das Fleisch ins Dorf bringen und für die Bedürfnisse der Jäger sorgen sollen.‹
›Das ist sehr unrecht‹, sagte ich zu ihm. ›Denn wir sind Männer, die besser sind als diese Menschen, die in der Finsternis wandeln, Moosu. Außerdem wollen wir ausruhen und Kräfte sammeln, denn der Weg nach dem Süden ist weit und hoffnungslos für den Schwachen.‹
›Aber wir haben ja nichts‹, wandte er ein und sah sich in dem zerfallenen Iglu um; der Gestank von dem alten Walfleisch, das unser Abendessen ausgemacht hatte, füllte unsere Nasen mit Ekel. ›Bei diesem Essen können wir uns nie erholen. Wir haben nichts als die Flasche mit dem ›Schmerzenstöter‹, die unsere Leere nicht füllen kann. Wir müssen uns deshalb unter das Joch der Ungläubigen beugen und Wasser holen und Brennholz schlagen. Und doch gibt es herrliche Dinge hier am Ort, die wir nicht haben und nicht bekommen können. O Herr, nie hat meine Nase mich belogen, und ich bin ihr nach geheimen Verstecken und zu den Pelzhaufen in den Iglus gefolgt. Guten Proviant hat dieses Volk den armen Walmännern entlockt, und diese Lebensmittel sind nur in wenige Hände verteilt. Das Weib Ipsukuk, das am anderen Ende des Dorfes neben der Hütte des Häuptlings wohnt, besitzt sehr viel Mehl und Zucker, und soeben haben meine Augen mir von dem Sirup erzählt, mit dem sie sich das Gesicht beschmiert hat. Und in dem Iglu des Häuptlings Tummasook gibt es sogar Tee – habe ich nicht gesehen, wie das alte Schwein sich damit vollsoff? Und der Schamane besitzt eine ganze Kiste ›Star‹ und zwei Pakete prima Rauchtabak. Und was haben wir? Nichts. Gar nichts!‹
Ich war aber ganz gelähmt bei dem Gedanken an den Tabak, den er erwähnt hatte, und vermochte nichts zu sagen.
Moosu brach das Schweigen und sprach von dem, was seine Sehnsucht war: ›Und dann ist da Tukelitha, die Tochter eines großen Jägers und reichen Mannes. Ein herrliches Mädchen. Wirklich, ein sehr schönes Mädchen.‹
Die ganze Nacht zerbrach ich mir den Kopf, während Moosu schnarchte, denn ich konnte den Gedanken an den Tabak, der so nahe war, und den ich doch nicht rauchen konnte, nicht ertragen. Es stimmte ja: wir hatten nichts. Aber dennoch wurde mir unser Weg klar, und als der Morgen gekommen war, sagte ich zu ihm: ›Geh auf die Straße hinaus, wie du zu tun pflegst, und verschaffe mir irgendeinen Knochen, der wie ein Gänsehals gebogen sein muß und dazu hohl ist. Geh demütig und bescheiden umher, aber halte die Augen offen und sieh, wo die Töpfe und Pfannen und Kochgeräte liegen. Und vergiß nicht, daß ich die Weisheit des weißen Mannes besitze. Tu alles, was ich dir befehle, und tu es sicher und schnell.‹
Als er gegangen war, stellte ich die Lampe mit Walöl mitten in den Iglu und schob die zerlumpten Pelzdecken beiseite, um Platz zu bekommen. Dann nahm ich sein Gewehr auseinander, legte den Lauf so, daß er leicht zu ergreifen war, und flocht viele Dochte aus der Pappelwolle, die die Frauen im Sommer sammeln. Als er wiederkam, brachte er mir den Knochen, um den ich gebeten hatte, und teilte mir auch mit, daß im Iglu des Häuptlings Tummasook eine Fünfliterkanne Petroleum und ein großer Kupferkessel standen. Deshalb sagte ich, daß er gut gearbeitet hätte und daß wir uns für den Rest des Tages ruhig verhalten könnten. Aber als es Mitternacht geworden war, hielt ich ihm eine längere Rede.
›Dieser Häuptling Tummasook hat also einen Kupferkessel und eine Petroleumkanne.‹ Ich legte gleichzeitig einen von den Wellen glatt und rund gewaschenen Stein in seine Hand. ›Das Lager ist still, und die Sterne flimmern am Himmel. Geh jetzt, krieche ganz leise in die Hütte des Häuptlings und wirf ihm diesen Stein auf den Bauch, aber hart! Laß das Fleisch und die guten Lebensmittel der kommenden Tage Kraft in deinen Arm legen. Es wird Aufruhr und Geschrei geben, und das ganze Dorf wird auf die Beine kommen. Aber fürchte dich nicht. Verhülle deine Bewegungen und verschwinde in der Dunkelheit der Nacht und der Verwirrung der Männer. Und wenn das Weib Ipsukuk – sie, die ihr Gesicht mit Sirup beschmiert – in deiner Nähe ist, dann schlage sie auch und so jeden, der Mehl besitzt und in deine Nähe kommt. Dann erhebe deine Stimme in Schmerz und Qual, krümme dich mit geballten Fäusten und gib Zeichen, daß auch du von der Prüfung in dieser Nacht heimgesucht worden bist. Auf diese Weise werden wir Ehre und großen Reichtum erwerben und auch die Kiste mit ›Star‹ und den feinen Tabak und deine Tukelitha, die ein liebes Mädel ist.‹
Als er gegangen war, um den Auftrag auszuführen, wartete ich geduldig in der Hütte, und der Tabak schien mir in großer Nähe zu sein. Dann hörte man einen Angstschrei durch die Nacht, worauf wilde Unruhe entstand und sich gegen den Himmel erhob. Ich ergriff den ›Schmerztöter‹ und stürzte hinaus. Es gab viel Lärm und Wimmern unter den Frauen, und die Furcht drückte alle schwer. Tummasook und das Weib Ipsukuk wälzten sich in Schmerzen am Boden und viele andere mit ihnen, darunter auch Moosu. Ich schleuderte alle beiseite, die sich vor meinen Füßen wälzten, und setzte Moosu die geöffnete Flasche an den Mund. Sofort befand er sich wieder wohl und hörte auf zu heulen. Hierauf riefen alle anderen Leidenden nach der Flasche. Aber ich hielt ihnen eine Rede, und ehe sie kosten durften und geheilt wurden, hatte ich Tummasook seinen kupfernen Kessel und seine Kerosinkanne, dem Weibe Ipsukuk ihren Zucker und Sirup, den anderen Kranken viel Mehl abgeknöpft. Der Schamane warf denen, die um mich herum lagen, böse Blicke zu, wenn er auch sein Staunen kaum verhehlte. Ich aber hielt den Kopf hoch, und Moosu ächzte unter der Beute, als er mich nach unserer Hütte begleitete.
Hier machte ich mich gleich an die Arbeit. In Tummasooks kupfernem Kessel mischte ich drei Quart Weizenmehl mit fünf Viertelgallonen Sirup und tat zwanzig Quart Wasser hinzu. Dann stellte ich den Kessel in die Nähe der Lampe, damit der Inhalt in der Wärme gor und stark wurde. Moosu verstand mich und erklärte, meine Weisheit überträfe allen Verstand und wäre größer als die Salomons, von dem er gehört hätte, dass er ein sehr weiser Mann in alten Zeiten gewesen sei. Die Petroleumkanne setzte ich über die Lampe, befestigte an ihrer Tülle ein Mundstück und steckte den Knochen hinein, der wie ein Schwanenhals gebogen war. Ich ließ Moosu Eis zerschlagen, verband unterdessen den Lauf seiner Büchse mit dem Schwanenhals und häufte dann um die Mitte des Laufs das Eis auf, das er zerschlagen hatte. Und ans andere Ende des Gewehrlaufs – also außerhalb der Eispackung – stellte ich einen kleinen eisernen Topf. Als das Gebräu stark genug war (es dauerte zwei Tage, bevor es auf eigenen Füßen stehen konnte), goß ich es in die Petroleumkanne und zündete die Dochte an, die ich gedreht hatte.
Читать дальше