„Alles in Ordnung, Lou?“, wurde sie von Felix angesprochen, der sie behutsam am Arm fasste.
„Was? Ja, ja. Hast du ne Ahnung, woher ich sie hier kenne? Weißt du, wer das ist?“, fragte Louise verwirrt.
Felix musterte Jolie. „Sie meinte, ihr Name sei Luise. Miller, nicht wahr?“, antwortete er und sah Jolie fragend an.
Jolies Knie wurden weich. „J-ja“, stotterte sie nickend.
„Hey, was treibt ihr denn hier?“, fragte der junge Mann, der bei ihnen gesessen hatte, Markus war sein Name.
„Das ist Luise. Lustiger Zufall, nicht?“, meinte Felix grinsend und deutete auf Louise.
„Wenn du meinst“, meinte Markus achselzuckend. Er und Felix sahen sich erstaunlich ähnlich. Nur hatte Markus ein wenig dunklere Haare und seine Augenfarbe war schwer zu definieren. Irgendetwas zwischen grün und braun.
„Es würde mich dennoch interessieren, woher sie das über mich wusste. Ich dachte, das wäre nur eine Sache zwischen mir und dem Präsidenten“, meinte Louise nachdenklich.
„Was für eine Sache?“, fragte Markus verwirrt.
„Ach, nicht so wichtig“, meinte Louise und strahlte ihn an.
Jolies Augen weiteten sich. Ihre Schwester war doch nicht etwa in diesen Markus verliebt? Ihre Schwester, die sich keinem Manne beugen wollte? Konnte das sein?
„Hi Leute, was macht ihr denn hier? Ah, wie ich sehe, habt ihr die Neue schon kennengelernt“, stellte Greta fest, die sich bei Felix einhakte.
Jolie spürte in sich einen Anflug von Eifersucht hochkommen. Greta war doch nicht etwa seine Verlobte?
„Ja, in der Tat. Du hast sie im Wald gefunden, meinte sie“, wandte sich Felix an sie.
Greta lachte. „Ja, in der Tat. Die Gute hat ja keine Ahnung, in was für einer großen Gefahr sie sich da gestern Nacht befand! Von wo kommst du eigentlich?“, fragte sie Jolie.
„Ich? Äh – von daheim natürlich!“, antwortete Jolie. Sie schwitzte ein wenig. Dass das eine dumme Antwort war, wusste sie natürlich, aber sie konnte ja schlecht die Wahrheit zugeben.
„Und wo ist das?“, ließ Greta nicht locker.
„Na, bei meinen Eltern natürlich! Herrn und Frau Miller. Wo denn sonst?“, erwiderte Jolie nervös. Ihr Blick huschte immer wieder zu ihrer Schwester, die noch immer zu grübeln schien, woher sie sie kannte.
Louise sah auf. In ihrem Blick lag ein großes Unverständnis und ein noch größeres Entsetzen, als sie Jolie ansah. „Du bist ja verrückt!“, murmelte sie.
„Das ist doch offensichtlich!“, schaltete Safira sich ein.
Ihre Freundinnen kicherten.
„Entschuldigt uns bitte, ich muss mal mit Luise alleine reden. Ich weiß jetzt, woher ich sie kenne“, sagte Louise. Ihr Gesicht war steinern wie sonst auch.
„Halt, mein Essen!“, rief Jolie, als sie sie nach draußen zerren wollte und schnappte nach ihrem Tablett. Doch ihre Schwester war zu stark.
Prompt erhob sich das Tablett wie von selbst in die Luft und folgte ihr nach. Jolie und Louise sahen es irritiert an, wie es zu Jolie flog und sie es schließlich in die Hände nahm.
„Damit du nicht verhungerst!“, sagte Felix grinsend.
Jolie sah ihn strahlend an. Er war also ein Hexer!
Doch schon griff ihre Schwester sie erneut am Arm und zerrte sie nach draußen.
„Was fällt dir eigentlich ein?!“, schrie sie sie an, als sie draußen waren, „Weißt du eigentlich, wie besorgt unsere Eltern sind? Und dann – warst du bei der alten Hexe im Wald? Wage es ja nicht, mich anzulügen, ich kann ja sehen, dass du dort warst!“
Jolie biss schnell etwas von ihrem Brötchen ab, welches übrigens köstlich war, schluckte den Bissen hinunter und sagte ruhig: „Nein, ich bin nicht verrückt. Und ich habe nicht vor, so bald heim zu kommen. Es gefällt mir hier.“
„Es gefällt dir hier?“, fuhr ihre Schwester sie nun etwas leiser an, „Jolie, du weißt, dass unser Schicksal allein in deinen Händen liegt? Wenn du den König nicht heiratest, dann könnte er uns alle vernichten!“
„Und? Nur, weil er es könnte, heißt das ja nicht, dass er es macht. Vielleicht möchte er mich auch gar nicht heiraten, sondern eine Andere? Aber wir werden ja gar nicht erst gefragt. Es wird einfach über unsere Köpfe hinweg entschieden!“, erwiderte Jolie bissig.
„Über – Jolie, was ist denn mit dir los? Ich dachte bisher immer, dass du ihn heiraten willst – ja, sogar, dass es das größte Glück auf dieser Erde für dich wäre, ihn zu heiraten!“, sagte Louise fassungslos.
Jolie sah zum Boden. Dann meinte sie: „Was ist das eigentlich mit dir und Markus?“
„Was?“, fragte ihre Schwester irritiert.
„Du siehst ihn an, wie du bisher noch niemanden angesehen hast. Liebst du ihn?“, wollte Jolie wissen.
„Ich – äh – nun ja. Kann sein“, sagte ihre Schwester und errötete.
„Was ist an ihm denn anders als an den Anderen?“, hakte Jolie neugierig nach.
„Er – hat mich besiegt. Im Fechten. Er unterrichtet das hier. Ich wollte ins Team aufgenommen werden, da musste ich gegen ihn kämpfen und habe verloren. Das erste Mal in meinem Leben. Da wusste ich – der oder keiner“, erzählte Louise leise.
„Aber er weiß nicht, wer du bist?“, fragte Jolie.
Louise errötete noch mehr. „Nein, ich habe es ihm noch nicht gesagt“, meinte sie, „ich habe auch keine Ahnung, was er davon halten würde. Oder Mutter. Du musst wissen, er ist ein Hexer. Genau wie Felix. Woher kennst du den eigentlich?“
„Ich bin ihm auf dem Weg hierher zur Mensa begegnet. Ich habe ihn erst mit dem Leibwächter der Königin verwechselt. Das war vielleicht peinlich“, sagte Jolie. Nun wurde auch sie knallrot.
Louise lachte. „Ja, das ist mir auch passiert, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Irrwitziger Weise sieht Markus ihm auch sehr ähnlich, sie sind aber keine Geschwister, denn er ist nur wenige Monate jünger, aber dafür sieht er Elias überhaupt nicht ähnlich“, meinte sie kopfschüttelnd.
„Stimmt, das dachte ich mir auch!“, sagte Jolie grinsend.
„Aber – Jolie, was hast du nur getan? Also wirklich – wieso – du siehst grässlich aus. Überhaupt nicht so, wie du“, sagte Louise verzweifelt.
„Das ist ja auch der Sinn der Sache“, erklärte Jolie.
„Aber – wieso das Ganze?“, wollte Louise wissen.
„Ich wollte auch mal ein kleines Abenteuer erleben, weißt du. Und es war schon immer mein Traum gewesen, an eine Universität zu gehen. Seit Papa mir davon erzählt hat“, antwortete Jolie lächelnd.
„Aber den König wirst du doch wohl noch heiraten, oder?“, fragte ihre Schwester misstrauisch.
Jolie zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Es ist so viel passiert, seither“, meinte sie.
Lousie hatte beschlossen, dass ihre kleine Schwester noch ein wenig Kleidung zum Anziehen benötigte. Deshalb waren sie an diesem Tag noch – es war übrigens Samstag – einkaufen gegangen. Das heißt, zuerst waren sie in einen Laden gegangen, wo sie das Geld, welches Jolie von zu Hause mitgenommen hatte, in die Währung hier umtauschten. Jolie war zunächst äußerst verwirrt, weil der Mann an der Kasse ihr Papiergeld gab, doch ihre Schwester erklärte ihr, dass das hier normal sei.
Jolie hatte darauf bestanden, nur Kleidung zu kaufen, die der, die sie trug, ähnelte. Sie wollte kein Risiko eingehen, erklärte sie ihrer Schwester. Dann verabschiedeten sie sich, als sie wieder am Campus waren, und Jolie schrieb ihrer Zofe Marie, dass alles in Ordnung sei und ihre Eltern sich keine Sorgen machen mussten.
Nachdem sie das Knallhuhn mit dem Brief fortgeschickt hatte und es mit einem lauten Knall verschwunden war, lehnte sie sich erst einmal zurück.
Es gab so vieles, über das sie nachdenken musste. Zum einen war da diese Begegnung mit diesem fremden Wolf im Wald, dann war da Felix und seine rätselhafte, unbekannte Verlobte und schließlich noch ihr eigener Verlobter. Für einen kurzen Moment war sie versucht, zu glauben, dass Felix ihr Verlobter sei und gleichzeitig ihr Retter von gestern. Aber diesen Gedanken verwarf sie kurz darauf wieder, da Felix ja definitiv ein Hexer war und sie sich nur schwer vorstellen konnte, dass ein Werwolf und eine Hexe ein Kind bekommen konnten.
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