„Ganz bestimmt nicht. Wissen Sie, Herr Zahnmeister ist der Leibwächter der“
„Ja, ich weiß schon, wer das ist“, unterbrach er sie abwinkend, „ich werde oft mit ihm verwechselt, was für ihn allerdings ein wesentlich größeres Kompliment ist als für mich. Woher kennen Sie ihn?“
„Ich – ja – also – äh – er – also die Königin hat uns mal besucht. Das ist schon etwas länger her. Es war natürlich eine große Ehre, sie bei uns zu haben und“
„Haben die Beiden sich wenigstens benommen?“, unterbrach er sie wieder.
„Was? Was meint Ihr damit? Sagt bloß, Ihr kennt die Beiden?“, fragte sie erschrocken, aber dankbar, dass sie nicht weiterreden musste.
„Ja, natürlich kenne ich die Beiden! Etwas zu gut, wenn du mich fragst“, meinte er abwinkend.
„Ihr kennt sie also persönlich?“, hakte sie nach.
Er lachte. „Ja, das kann man so sagen. Wir sind uns einige Male begegnet. Wieso ihrzt du mich eigentlich die ganze Zeit? Ich mag das nicht“, sagte er und sah sie nachdenklich an.
„Ich – wieso ich – ich weiß nicht – ich – tut mir leid. Das bin ich noch so von Zuhause gewohnt. Kommt nicht wieder vor. Aber – was soll ich denn stattdessen sagen?“, fragte sie verwirrt.
„Na – du?“, schlug er vor.
„Du? Aber – ist das nicht etwas zu persönlich?“, fragte sie ängstlich.
Wieder lachte er. „Du hast wohl hinterm Mond gelebt, was?“, fragte er.
„Dasselbe hat Greta auch gesagt“, sagte sie, verlegen schmunzelnd.
„Greta? Woher kennst du denn jetzt schon wieder Greta?“, fragte er verwirrt.
„Ich – sie hat mich heute Morgen im Wald geweckt. Ich habe dort heute Nacht geschlafen“, antwortete sie.
„Du weißt aber schon, dass es gefährlich ist, nachts im Wald zu schlafen? Noch dazu noch allein? War das wieder so eine dumme Wette unter euch Studenten?“, wollte er von ihr wissen.
„Ähm. Nein? Ich konnte nur den Weg zur Universität nicht finden. Ich habe mich vorhin eingeschrieben oder wie das heißt“, sagte sie stirnrunzelnd.
„Ah, ja. Du weißt aber schon, dass sich hier in letzter Zeit äußerst gefährliche Wölfe rumtreiben? Die schrecken vor nichts zurück! Beißen alles tot, was ihnen in die Quere kommt! Nimm dich also in Acht vor denen“, meinte er ernst. „Wie heißt du überhaupt?“, fragte er dann.
„Luise“, sagte sie leise.
„Luise? Und wie weiter?“, fragte er.
„Miller“, antwortete sie. Das wurde ihr langsam etwas unheimlich.
„Luise Miller? Wie in Kabale und Liebe?“, hakte er nach.
„Ähm – ja? Meine Eltern hatten halt einen seltsamen Humor – du, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich hatte exakt dasselbe Gespräch heute Morgen mit Greta“, sagte sie und sah ihn ängstlich an.
„Ach, echt? Naja, das kommt vor“, meinte er nur achselzuckend. Sein Bauch knurrte. „Wenn du mich jetzt entschuldigst, Luise Miller, ich muss meinen Bauch füllen, sonst komme ich noch auf die dumme Idee, dich anzuknabbern!“, meinte er grinsend und biss scherzhaft in ihre Richtung.
Sie lachte. „Ja, alles klar. Wie heißt du eigentlich?“, wollte sie noch wissen, doch da war er schon außer Hörweite.
Jolie stand noch eine Weile wie benebelt da, dann wurde ihr schlagartig etwas bewusst. Sie hatte all die Nächte lang nicht von Elias Zahnmeister, dem Leibwächter der Königin, geträumt, sondern von diesem Mann hier, der ihr noch nicht gesagt hatte, wer er war. Aber sie war gewillt, es herauszufinden. Wie war es überhaupt möglich, dass sie von ihm geträumt haben konnte, ohne ihn je zuvor gesehen zu haben? Das musste etwas bedeuten, da war sie sich sicher.
Was wollte sie eigentlich noch einmal hier? Ach ja, sie wollte ja auch etwas essen. Bei dem Gedanken, ihm vielleicht gleich wieder zu begegnen, wurde ihr ganz schlecht. Zumal sie ja so hässlich war. Da begegnete sie schon einmal der Liebe ihres Lebens, dem Mann, der sie in fast all ihren Träumen begleitet hatte, und dann sah sie aus wie ein Schreckgespenst! Aber vielleicht konnte sie das auch für sich nutzen, überlegte sie sich auf dem Weg zur Mensa, so konnte sie eventuell herausfinden, ob er sie auch so mochte, ohne, dass sie hübsch war. Ja, das war eine gute Idee!
Sie war heiterer Stimmung, als sie die Mensa betrat.
Doch ihre Stimmung verflog sogleich, als sie die vielen Studenten bemerkte, die hier waren. Wie sollte sie ihn denn da wiederfinden? Doch sie fand ihn kurz darauf, sie hatte erst beobachtet, wie die anderen sich etwas zu essen besorgten, und machte es dann nach. Er war gerade im Begriff, sich zu einem Mann zu setzen, der ihm ziemlich ähnlich sah und zu einer Frau, die – Jolies Atem stockte.
Erschrocken hob sie das Tablett vor ihr Gesicht und suchte sich einen Tisch, dem die Frau den Rücken zukehrte, von dem aus sie die drei aber gut beobachten konnte. Der Mann, mit dem sie sich unterhalten hatte, setzte sich den anderen beiden gegenüber, sodass sie freie Sicht auf ihn hatte.
Er sah sehr gut aus. Er hatte dunkelbraune Haare, dunkelgrüne Augen, das schönste Grün, das sie je gesehen hatte, fiel ihr auf, und ein hinreißendes Lachen. Verträumt beobachtete sie ihn.
„Da ist nichts zu machen“, wurde sie angesprochen.
Jolie zuckte zusammen. „Wo ist nichts zu machen?“, fragte sie. Es war Safira, die sich nun mit ein paar Freundinnen zu ihr setzte.
„Felix. Der ist verlobt. Keine Seele hat je seine Verlobte zu Gesicht bekommen, aber er nimmt das, glaube ich, recht ernst“, meinte Safira nachdenklich.
„Felix? Ist das sein Name?“, fragte Jolie aufgeregt.
Safira schmunzelte. „Ja. Und so ziemlich jedes Mädchen auf dem Campus ist in ihn verknallt. Zumindest ein bisschen. Manche auch etwas mehr. Er unterrichtet irgendwas mit Genetik, glaube ich. Hat eigentlich nur Arbeit im Kopf. Er und sein Kumpel Markus, das ist der Kerl, der neben dem Mädel da sitzt, versuchen ständig, dass der Präsident ihnen mehr Kohle für ihre Forschung gibt. Ist aber nicht drin“, erzählte Safira.
Jolie runzelte die Stirn. Sie hatte höchstens die Hälfte von dem, was Safira ihr erzählt hatte, verstanden. „Und wer ist das Mädel, wie du sie bezeichnest?“, fragte sie. Sie tat so, als wüsste sie es nicht.
„Keine Ahnung. Ich glaube aber, ihr seid Namensvettern. Soweit ich weiß, heißt sie Louise oder so. Wird vom Präsidenten persönlich unterrichtet, heißt es“, antwortete Safira und ließ ihren Blick kurz auf Louise ruhen.
„Also – ist der Präsident der Altkönig?“, fragte Jolie erschrocken.
„Hä? Was? Keine Ahnung, wovon du redest“, erwiderte Safira und sah sie verwirrt an.
„Oh. Ja. Entschuldige. Werwolfkram interessiert dich wohl nicht so“, meinte sie verlegen.
„Doch, schon. Ein wenig zumindest. Ich habe Werwolfkunde in meinem Nebenfach“, antwortete Safira überrascht. Dann runzelte sie die Stirn. „Ach, das meintest du! Ja, klar. Der Präsident ist der Altkönig. Aber woher weißt du das?“, wollte sie wissen.
„Dieses Mädchen da. Lousie. Weißt du denn gar nicht, wer das ist?“, erwiderte Jolie und sah Safira herausfordernd an.
„Ähm – nein – müsste ich das wissen?“, fragte sie.
Auch ihre drei Freundinnen wurden nun neugierig und rückten etwas näher.
„Ihr vollständiger Name lautet Jeanne-Lousie Descartes. Sie ist eine zukünftige Königin und wird deshalb vom Altkönig persönlich unterrichtet“, flüsterte Jolie.
„Woher weißt du das? Kennen wir uns?“, fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr.
Jolie zuckte erschrocken zusammen. Sie zitterte. Ihr wurde schlecht. Würde ihre Schwester sie erkennen? Vor Angst starr drehte sie sich langsam um.
„Sag – du es mir doch, ob wir uns kennen“, sagte sie leise. Sie wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen.
„Ich bin mir nicht sicher“, meinte Louise. „Irgendwoher kenne ich dich. Du kommst mir wirklich sehr vertraut vor. Aber woher?“
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