„Was? Wieso denn das?“, fragte Jolie schockiert.
Louise seufzte. „Mutter und Vater halten es für besser, wenn ich ein wenig Unterricht nehme, bevor ich zu regieren beginne. Sie schicken mich zum Altkönig.“
„Zum Altkönig?“, wiederholte Jolie erstaunt.
„Ja“, sagte Louise nickend, „meine Sachen wurden bereits gepackt, als ich noch auf dem Feld war und gegen diese gemeinen Verstoßenen kämpfte. Ich habe es auch erst vorhin erfahren. Mutter berät sich jetzt noch mit Vater darüber, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hat. Aber ich denke, er findet die Idee fast noch besser als sie.“
Jolie wurde noch blasser, als sie sowieso schon war. Ein Leben ohne ihre Schwester? Das konnte sie sich nicht vorstellen.
Louise war bereits ein halbes Jahr fort, da hatte Jolie einen Plan ausgeheckt. Es waren nur noch wenige Monate bis zu ihrem Geburtstag. Sie hatte sich die Kleidung eines Stallburschens besorgt und sich darin eingekleidet.
„Prinzessin, ich halte das für keine gute Idee“, meinte ihre Zofe gerade, als sie ihre Herrin sorgenvoll betrachtete.
„Ach, was! Marie, das ist eine prima Idee! Ich habe keine Lust, hier drin zu versauern! Ich will die Welt sehen! Noch heute werde ich zu der alten Hexe am Waldesrand gehen. Sie kann mir bestimmt helfen“, meinte Jolie abwinkend.
„Aber was, wenn Ihr den Verstoßenen begegnet? Was, wenn sie Euch gefangen nehmen? Oder Schlimmeres?“, fragte Marie angsterfüllt.
„Ach, was! Ich bin alt genug, um mich zu wehren!“, erwiderte Jolie und nahm sich ihren kleinen Proviantbeutel, „Außerdem erkennt mich in diesem Aufzug sowieso niemand. Und wenn ich erst bei der Hexe war, dann sowieso nicht. Keine Sorge, ich werde pünktlich zur Hochzeit wieder da sein. Es ist nur so, dass ich einfach das Gefühl habe, etwas zu verpassen, wenn ich nicht einmal raus gehe und die Welt erkunde! Und jetzt, da meine Schwester nicht mehr da ist, ist es sowieso so langweilig. Ich werde schon gut auf mich aufpassen. Und denk daran – du musst bis heute Abend so tun, als sei ich in meinem Zimmer, verstanden?“
Ihre Zofe nickte. „Aber Ihr werdet doch gewiss von Zeit zu Zeit ein Knallhuhn schicken, oder?“, fragte sie dann noch schnell, bevor Jolie sich auf den Weg machte.
Jolie überlegte kurz. „Vielleicht. Nur, damit Mutter und Vater wissen, dass es mir gut geht. Auf Wiedersehen, Marie, au revoir!“, meinte sie noch zum Abschied. Dann lief sie leise die Treppe des Turms hinunter.
Nun musste sie sich nur noch über den Hof schleichen. Tatsächlich gelang es ihr, ohne, dass jemand Notiz von ihr nahm. Am Tor achtete auch niemand auf sie – und schon war sie draußen.
Kurz nach der Burgmauer blieb sie stehen und amtete die Luft ein. „Endlich frei!“, dachte sie glücklich und lief los. Ihr Gang war leicht und federnd, sie summte ein wenig vor sich hin.
Zur alten Hexe war es recht weit, sie lebte in einem alten, etwas heruntergekommenen Haus, welches sich so weit, wie es nur ging, von der Burg entfernt befand.
Jolie brauchte fast einen ganzen Tag, bis sie da war, da ihr das Risiko zu groß war, sich zu verwandeln, sonst hätte man sie gewiss erkannt.
So kam es, dass es bereits der Morgen des nächsten Tages war, als sie bei der alten Hexe ankam.
Nervös klopfte sie an die Tür.
Die alte Frau öffnete. „Ah, Ihr seid es, ja, ich habe mit Euch gerechnet. Kommt doch rein!“, begrüßte die Alte sie.
Lächelnd trat Jolie ein.
„Was kann ich für Euch tun, Hoheit?“, fragte die alte Hexe, als sie einen Tee gekocht hatte und sie sich gegenüber in zwei alte, verstaubte Lehnsessel gesetzt hatten.
Jolie brauchte nicht lange zu überlegen. „Ich möchte eine Hexe sein! So, wie Ihr es seid!“, sagte sie sofort.
Die Alte lachte. „Aber mein Kind, du weißt doch, dass ich keine Hexe bin!“, meinte sie, „Hexen werden in diesem Land doch noch immer auf dem Scheiterhaufen verbrannt, das weißt du doch!“
Jolie schwieg. „Ich möchte nicht hier, in diesem Lande, bleiben“, sagte sie schließlich.
„Aber wieso denn nicht? Ihr habt doch ein wunderbares Leben dort oben auf dem Schloss! Keine Sorgen, keine Mühen. Ihr seid so schön, vermutlich würde jedes Geschöpf auf dieser Erde etwas ohne Gegenleistung für Euch erledigen, selbst, wenn Ihr nicht die Tochter der Königin wärt“, meinte die Alte nachdenklich.
„Aber das ist es ja! Ich bin es leid, schön zu sein! Lieber wäre ich hässlich. Eine hässliche, alte Hexe, ja, das will ich sein!“, meinte Jolie entschlossen.
Die Alte grinste. „Hm, hm. Mal überlegen“, sagte sie. Ihre Stimme knarzte etwas. Sie kratzte sich am Kinn. Ihr Gesicht war mit fetten Leberflecken übersät und aus jedem einzelnen sprossen ein paar Haare. Die Finger waren alt und knochig. Ihre Haare waren wild zerzaust, als hätte sie sie in den letzten hundert Jahren nicht ein einziges Mal gekämmt.
„Nun“, meinte sie schließlich, „ich denke, die Sache mit der Hässlichkeit ließe sich machen. Das mit der Hexe vielleicht sogar auch – aber alt, das wage ich nicht. Denn dann müsste ich dir Lebensenergie absaugen und das wäre nun wirklich nicht recht. Aber sei gewarnt! Der Trank, den ich dir geben werde, er wird lediglich 24 Stunden anhalten! Wenn du ihn dann nicht spätestens wieder einnimmst, wirst du wieder genauso sein wie zuvor – verstanden?“
Jolie nickte eifrig.
„Hässlich will sie sein“, murrte die Alte kopfschüttelnd, während sie die Zutaten für den Trank zusammensuchte, „dabei kommen die Leute sonst immer zu mir, weil sie schöner sein wollen. Naja. Dann brauen wir ihr mal was Schönes zusammen. Ach nein, hässlich will sie ja sein. Hässlich!“
Jolie sah sich derweil ein wenig um. „Wisst Ihr“, sagte sie, als sie die Sachen der alten Hexe begutachtete, „ich hatte in den letzten Jahren sehr viel Zeit. In einem goldenen Käfig zu leben hat auch seine Vorteile. Ich habe alle Bücher in unserer Bibliothek gelesen. Das sind nicht gerade wenige. Und nachdem ich die alle gelesen habe, habe ich den Kamin benutzt, um – na, sagen wir einfach, ich habe noch mehr Bücher gelesen als die in unserer Bibliothek.“
Die Alte hörte ihr gar nicht zu. „Wie lange willst du denn hässlich bleiben?“, fragte sie.
„Bis zu meiner Hochzeit, natürlich!“, erwiderte Jolie.
„Ah ja, heiraten will sie also. Pah! Hässlich will sie sein! Sonst wollen alle immer hübsch sein. Naja, es will halt jeder haben, was er nicht hat!“, murrte die Alte wieder vor sich hin.
Jolie seufzte und setzte sich wieder in einen der beiden Sessel. „Braucht Ihr noch lange? Ich will nicht, dass man mich findet!“, erklärte sie nervös.
„Ja, ja. Schon fertig“, meinte die Alte, „komm her!“
Neugierig trat Jolie neben die Alte an den Kessel.
„Also“, begann die Alte zu erklären, „ich werde dir jetzt gleich einen Schluck geben, um zu sehen, ob es funktioniert. Wenn alles klappt, fülle ich dir den Rest in kleine Flaschen. Sollte das Zeug knapp werden, kannst du es einfach mit Wasser verdünnen. Die Wirkung bleibt dieselbe. Natürlich geht das nicht grenzenlos, aber so ein paar Mal sollte es schon funktionieren. Den nächsten Schluck nimmst du am besten heute Abend, vor dem Schlafengehen. So, jetzt wollen wir mal testen, ob es funktioniert!“
Jolie nahm begierig einen Schluck. Der Trank brannte ihr im Rachen wie eine rohe, scharfe Chilischote. Sie hustete und prustete und bekam kaum Luft. Sie spürte, wie sich ihre Haut zu verändern begann, es zog entsetzlich an ihren Knochen. Ihr Rücken krümmte sich ein wenig und ihre Augen schmerzten fürchterlich. Alles wurde unscharf und für einen kurzen Moment verlor sie das Bewusstsein.
„War ein bisschen stark das Zeug, was?“, meinte die Alte, als sie wieder erwachte.
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