„Hm?“, machte Jolie und richtete sich auf. Sie war wohl umgekippt. Alles drehte sich noch.
„Möchtest du dich ansehen, oder denkst du, es wird ein zu großer Schock sein?“, fragte die Alte.
„Ich möchte mich sehen!“, sagte Jolie sofort und sprang auf.
„Nun gut“, meinte die Alte und hielt ihr vorsichtig einen Spiegel hin.
Jolie nahm ihn und schaute sich an. Vor Schreck hätte sie den Spiegel fast fallen gelassen. Ihre Haut sprießte nur so von Pickeln, sie war gänzlich gerötet. Ihre Zähne waren schief, nicht mehr gerade, außerdem leicht gelblich. Ihre Augenfarbe war nun nicht mehr blau, sondern braun. Und ihre Haare – ihre Haare waren feuerrot und leicht gekräuselt. Ihre Augenbrauen waren buschiger als zuvor und ebenfalls feuerrot. Das Einzige, was gleich geblieben war, waren ihre Nase und ihr Mund.
„Und? Bereust du es schon?“, fragte die Alte.
Jolie schüttelte den Kopf. „Nein“, flüsterte sie. Dann sah sie sie mit vor Freude glänzenden Augen an. „Danke!“, sagte sie und umarmte die völlig überraschte Alte.
„Na, ist ja schon gut. Aber pass auf dich auf, ja? Nun wird dein Leben nicht mehr so einfach sein. Du solltest das Zeug nur verdünnt einnehmen, dann haut es dich nicht noch einmal um. Wo willst du denn jetzt eigentlich hin?“, wurde die Alte nun doch ein wenig neugierig.
„Ach, ich weiß nicht. Vielleicht gehe ich in den Wald, immer der Nase nach, bis ich unser Reich verlassen habe“, meinte Jolie nachdenklich.
„Hm. Dann wirst du das hier brauchen“, meinte die Alte und überreichte ihr ein Bündel.
„Was ist das?“, fragte Jolie, als sie das Bündel annahm.
„Das sind Kleider. Aus der Welt, die du betreten willst. Es wird aber nicht so einfach sein, dorthin zu gelangen. Aber das wirst du schon rausfinden, du bist ja ein kluges Mädchen. Nun leb wohl und pass auf dich auf!“, meinte die Alte, ein wenig wehleidig lächelnd.
„Das werde ich schon, versprochen!“, rief Jolie und winkte ihr noch zu. Dann ging sie ihrer Wege.
Sie war noch nicht weit in den Wald hineingelaufen, da hatte sie so ein seltsames Gefühl. Es war ihr, als hörte sie etwas. Ein Rascheln. Oder ein Knistern. Immer wieder sah sie sich um. Aber da war nichts. Oder doch? Sie war sich nicht sicher.
Dann – auf einmal hörte sie etwas. Ein Knurren. Sie drehte sich um. Mit einem Mal kamen aus dem Dickicht ganze zehn Wölfe auf sie zugesprungen. Vielleicht waren es auch mehr. Panisch drehte sie sich im Kreis.
„Mh, was haben wir denn hier?“, fragte einer der Wölfe, vermutlich der Anführer.
„Das riecht nach einem Mädchen“, schlug einer der anderen Wölfe vor.
„Das weiß ich doch, du Dummkopf! Ein kleines, wehrloses Mädchen. Ach, wie süß! Mh, sie duftet gut, findet ihr nicht auch? Ich freue mich schon darauf, aus ihrer Kehle Blut zu lecken!“, sagte er und leckte sich die Schnauze.
Jolie sah ihn erstarrt an. Sie wusste, was das für Wölfe waren. Sie gehörten zu den Verstoßenen. Der Wolf setzte zum Sprung an. Jolie schrie und machte sich, in dem Moment, da er sprang, ganz klein. Er sprang über sie drüber. Dort, wo er gestanden hatte, war nun Platz.
Jolie erkannte ihre Chance sofort und begann zu rennen. Die Wölfe brauchten einen Moment, um zu verstehen, was geschah, aber dann rannten sie ihr nach. Jolie konnte in ihrer Menschengestalt sehr schnell rennen, auch in dieser neuen. Aber die Wölfe waren schneller, das wusste sie. Sie rannte blindlings drauf los, wusste nicht, wohin, nur vor den Wölfen davon.
Dann stolperte sie über eine Baumwurzel. Sie drehte sich auf den Rücken und erblickte den Anführer, wie er zum Sprung ansetzte. Ihr Herz klopfte. Sie wollte sich verwandeln, aber – sie konnte nicht. Wieso nicht? Wieso? Es musste an dem Trank liegen, wurde ihr bewusst. Vielleicht sollte sie hexen? Aber wie? Sie hatte es nie gelernt.
Doch gerade, als der Wolf losgesprungen war, kam ein anderer Wolf, den Jolie vorher nicht bemerkt hatte, wie aus dem Nichts herbeigesprungen und riss ihn noch in der Luft aus der Flugbahn. Knurrend stürzte er sich auf ihn und biss ihm die Kehle durch. Das Blut des Angreifers tropfte ihm noch vom Maul, als er sich den anderen Wölfen, die sich nun um ihn statt um sie scherten, zu. Es war ein grausiges Blutbad, dass er mit ihnen anrichtete. Fast schien es, als kannte er nur das Töten, so zerbiss er sie. Selbst den Flüchtenden hechtete er nach und tötete sie. Jolie sah dies nicht, aber sie hörte es. Einer der Wölfe kam wieder zurück gerannt, er war ganz nah bei ihr, direkt neben ihr, sie konnte förmlich spüren, wie er Angst hatte und hören, wie er leise um Gnade winselte, doch der fremde Wolf biss auch ihn tot.
Nun stand er, vor Blut triefend, direkt neben Jolie. Sie lag noch immer angsterfüllt auf dem Boden und rührte sich nicht. Ihr entglitt ein leises, panisches Quietschen, was seine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Knurrend wandte er sich ihr zu. Er duckte sich und kam zähnefletschend auf sie zu. Seine dunkelgrünen Augen leuchteten förmlich vor Mordlust.
„Bitte“, flüsterte sie, „bitte tu mir nichts!“ Langsam rutschte sie auf dem Rücken immer weiter von ihm weg, doch er folgte ihr.
„Verstehst du mich? Bitte – ich habe nichts mit diesen Wölfen zu tun – ich schwöre es! Du – du bist doch ein Werwolf, oder? Du verstehst, was ich sage, oder? Warum sprichst du nicht?“, fragte sie flehend.
Es half nichts. Er kam immer weiter auf sie zu und befand sich schließlich über ihr. Er öffnete sein Maul und hatte ihre Kehle bereits zwischen seinen Fängen. Da hielt er inne und schnupperte ein wenig.
Sie bemerkte vor Angst zitternd, wie das Leuchten in seinen Augen erstarb. Nun waren sie nur noch tief dunkelgrün. Er sah sie verwirrt an. Doch sie sah nur noch seine Augen. Noch nie hatte sie solche Augen gesehen! Dann ließ er von ihr, schüttelte sich einmal gründlich, sodass das Blut von ihm weggeschleudert wurde, leckte sich ein wenig die Pfoten und das Fell, dann trottete er davon.
„Ha – halt! Wo willst du denn jetzt hin? Was hat das zu bedeuten? Wer bist du? So warte doch! Hallo!“, rief sie erstaunt und stand auf. Schnell suchte sie ihre Sachen zusammen und lief dem Wolf nach. Was war das nur für ein seltsames Wesen? Wäre sie nicht so furchtbar neugierig gewesen, wäre sie wohl davongerannt, wie es alle anderen normalen Wesen in diesem Moment auch getan hätten. Aber sie war fasziniert von ihm, von seinen Augen. Sie konnte an nichts Anderes mehr denken als an diese Augen.
Der Wolf war zu einem großen See gelaufen und sprang nun ins Wasser. Sofort färbte sich die Stelle, in die er gesprungen war, rot. Das Blut strömte aus seinem Fell. Er ließ Wasser in sein Maul laufen und spuckte es dann wieder aus.
Jolie stand derweil wie gebannt am Rand des Sees und beobachtete ihn. Er schwamm immer weiter raus und schließlich um eine Ecke, sodass sie ihn nicht mehr sah.
„Was ist das nur für ein seltsamer Wolf?“, fragte sie sich, „Und vor allem frage ich mich – hat er mir das Leben gerettet? Oder hat er sein Revier verteidigt? Wo bin ich hier eigentlich? Ich glaube, ich war noch nie zuvor an diesem Ort.“ Neugierig sah sie sich um.
Noch am selben Abend wurde Nachricht zum Schloss überbracht, dass an der Grenze ein paar der Verstoßenen von einem anderen Wolf gerissen wurden.
„Von einem einzelnen?“, fragte die Königin erstaunt.
„Wir gehen davon aus“, antwortete der Berichterstatter.
„Großer Gott, was muss das für eine Bestie sein! Sagt Bescheid, wenn er sich dem Reich nähert. Ich spürte schon, dass an der Grenze etwas vorgefallen war. Aber dass es so etwas war – meine Güte!“, sagte die Königin fassungslos.
Jolie hatte sich an diesem Abend ein kleines Lagerfeuer in der Nähe des Sees gemacht. Ihre Schwester hatte ihr einst gezeigt, wie dies funktionierte. Sie saß da, starrte in die Flammen und dachte über diesen Wolf nach. Es mag für einen normalen Menschen erstaunlich klingen, dass sie sich aufgrund solch einer Gräueltat in ihn verliebt hatte – denn das hatte sie, wie ihr schlagartig bewusst wurde – aber Jolie war eben kein Mensch und er war es auch nicht. Sie waren beide Wölfe und in ihrer Welt zählte noch das Recht des Stärkeren. Und wenn ein einziger Wolf es fertigbrachte, fast ein ganzes Rudel alleine auszulöschen, dann war das keineswegs eine negative Eigenschaft. Denn so ein Wolf konnte Nachwuchs, also das eigene Rudel, sehr gut vor Feinden schützen. Wäre er ein Mensch gewesen, wäre er vermutlich ein Psychopath, aber er war kein Mensch, er war ein Wolf. Und sie war auch einer.
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