Dann überschlugen sich die Ereignisse und das Schicksal brach mit ganzer Gewalt über Isbert von Lichtenwalde herein, denn seine Frau hatte eine große Dummheit begangen und in ihrer Seelennot die junge Markgräfin Sophie um Hilfe gebeten.
Es war bereits Abend. Ein lautes Klopfen riss die kleine Familie, die im Gemach Liobas zusammensaß, aus ihrer Unterhaltung. Der Ritter hatte seine Gemahlin und seinen Sohn nun doch von seinem Gespräch mit dem Markgrafen berichtet und Nicolas deshalb erlaubt, nach dem Nachtmahl noch eine Weile bei seinen Eltern zu bleiben, bevor er in den großen Schlafsaal der Knappen zurückkehrte.
Ohne die Aufforderung einzutreten, abzuwarten, wurde die Tür nach innen aufgestoßen. Ein Burghauptmann und zwei Wachen stürmten herein.
„Isbert von Lichtenwalde, wir verhaften Euch im Namen des Markgrafen.“
Sie packten Isbert grob bei den Armen und versuchten, ihn mit sich zu zerren.
„Was soll das?“, fragte der Ritter erschrocken und wehrte die Männer ab. „Was wirft man mir vor?“
Doch statt einer Antwort erhielt er einen Schlag mit der Faust gegen seine Schläfe. Isbert wurde schwarz vor Augen. Obwohl eine Welle der Übelkeit ihn erfasste, riss er sich zusammen, zu entwürdigend war das Schauspiel, was hier den Augen seiner Familie geboten wurde.
„Lasst mich gefälligst los, ihr Barbaren“, rief er und versuchte erneut, sich loszureißen. „Was erlaubt ihr euch, ich bin ein Ritter und habe das Recht auf Anstand!“
„Verräter habe gar keine Rechte“, knurrte der Waffenknecht. „Und jetzt los, bevor ich Euch an Ketten hinausschleifen lasse.“ Ohne weitere Erklärung zerrten sie den sich immer noch wehrenden Isbert mit sich.
Nicolas` Mutter war kreidebleich geworden und griff sich mit der Hand ans Herz. Im ersten Moment befürchtete Nicolas, seine Mutter sei krank und litte Schmerzen. Aber als er ihre großen schreckgeweiteten Augen sah, wusste er, dass es blankes Entsetzen und Angst waren, die sich in ihren Zügen widerspiegelten.
„Was wird mit Vater geschehen? Was will der Markgraf von ihm? Wisst Ihr es, Mutter?“ Seine Fragen verhallten ungehört. Lioba blieb reglos. Große Tränen begannen aus ihren schönen grünen Augen, die denen von Nicolas so ähnlich waren, zu quellen, rannen über ihre Wangen und tropften auf ihr helles Gewand, wo sie dunkle Flecken hinterließen.
Doch Nicolas wusste auch so, was dies alles bedeutete. Zu oft hatte er in den Stallungen die anderen Jungen und die Stallburschen miteinander flüstern hören, wenn sie meinten, er sei nicht in der Nähe. Seiner Mutter wurde eine Buhlschaft mit einem Ritter des Markgrafen nachgesagt. Er hatte sie des Öfteren mit Hero von Lingenburg sprechen sehen und die verstohlenen Blicke, mit denen sie dabei ihre Umgebung beobachteten, als würden sie etwas Verbotenes tun. Doch das konnte nicht der Grund dafür sein, dass der Markgraf seinen Vater abholen ließ. Es musste eher etwas mit dem Streit zwischen den Brüdern zu tun haben. Sein Vater hatte ihm einmal erzählt, dass Ottos Söhne sich nicht wie liebende Brüder benehmen würden, und dass sie Gott dafür eines Tages bestrafe. Er nahm sich fest vor, am nächsten Morgen seinen alten Lehrmeister Tassilo von Hohnberg zu fragen, der die jungen Söhne der Höflinge und der Ritter des Markgrafen im Kriegshandwerk unterrichtete, warum der Markgraf und sein Bruder sich stritten, und was sein Vater damit zu schaffen hatte. Dazu kam es allerdings nicht, denn zwei Wächter brachten ihn und seine Mutter noch in derselben Nacht in die Kemenate der alten Markgräfin Hedwig, wo sie die nächsten Tage verbringen mussten. Die alte Markgräfin wollte ihnen wohl das Leid ersparen, die Verurteilung des edlen Ritters von Lichtenwalde mit anzusehen. Sie kannte ihren Sohn und wusste, dass dieser keine Milde walten lassen würde. Das Getuschel der Hofdamen konnte sie ihnen allerdings nicht ersparen.
Heute am frühen Morgen schlich sich Nicolas unbemerkt aus der Kemenate. Er versteckte sich in einem kleinen Raum neben dem Rittersaal. Von hier aus spähte er aus einem schmalen Fenster direkt auf den Kampfplatz auf der Elbwiese. Was er dort sah, ließ alle seine Glieder erstarren, grub sich unwiderruflich in sein Gedächtnis. Sein Herz verwandelte sich in einen Eisklumpen und mit bleichen Lippen murmelte er einen Schwur vor sich hin: “Albrecht von Wettin. Dafür bist du verantwortlich. Dafür soll Gott dich bestrafen. Und du, Hero von Lingenburg, sollst in der Hölle schmoren. Ich werde meinen Vater rächen, und wenn es das letzte im Leben ist, was ich tue.“
Er hatte sich in den Saal geschlichen, wo er erlebte, wie Albrecht den Lingenburger verbannte. Doch Genugtuung brachte ihm das keine, und er wiederholte im Stillen seinen Schwur, nicht ahnend, dass Gott sowohl den Lingenburger als auch Albrecht eines Tages ihrer gerechten Strafe zuführen würde. Später am Tag, als sich der Rittersaal langsam leerte und der Markgraf in seinen Gemächern verschwunden war, schlich sich Nicolas zu der kleinen Tür hinaus, die ihn letztlich zu dieser Dienstbotentreppe führte. Jetzt endlich würde es ihm gelingen, seinen alten väterlichen Freund Tassilo von Hohnberg zu befragen. Doch wie auch immer dessen Antwort ausfiel, in seinem Herzen würde für ewig das Feuer der Rache brennen.
Das Licht mehrerer großer Kerzen beleuchtete flackernd den Sarg, in dem der Leichnam Isberts von Lichtenwalde aufgebahrt lag. Seinen Körper verhüllte ein dunkler, hoch geschlossener Mantel. Auf dem Kopf trug er einen leichten Helm, der ihm bis in die Stirn gezogen war, so dass man seine schwere Verletzung kaum noch sehen konnte. Seine Züge wirkten friedlich, als ob er schliefe. Er hatte schon vor dem Kampf Frieden mit seinem Schöpfer geschlossen und das unausweichliche Ende des fürchterlichen Streites als Gottesurteil angenommen. In seinen Händen hielt er sein Schwert. Der Markgraf hatte bestimmt, dass es ihm mit in das Grab gegeben werden sollte, wohl aus Reue darüber, das Leben dieses edlen Mannes vergeudet zu haben.
Am Fußende des Sarges lag Lioba im stillen Gebet. Nicolas schlich sich leise heran. Keiner sollte sehen, wie schwer es ihm fiel, seine Tränen zurückzuhalten, am allerwenigsten seine Mutter, für die er nur noch Verachtung empfand und die ihm kein Trost sein konnte. Doch sie spürte seine Anwesenheit und hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Nicolas hielt die Luft an, als er die tränenfeuchten Augen seiner Mutter sah, die ihn stumm um Vergebung anflehten. Nicolas wandte sich ab und beugte sich über den Sarg seines Vaters. Hier verharrte er einen Moment im stillen Gebet für die Seele des Toten – er schwor sich, dass es sein letztes sein würde, dass er jemals gen Himmel sandte – dann küsste er den Ring an dessen rechter Hand, der das Wappen der Familie Lichtenwalde trug, und rannte aus der Kapelle. Seine Mutter sollte er nie mehr wiedersehen.
Im Stall wartete auf ihn Konrad von Blankenau, ein zehnjähriger Knabe, den Isbert von den Ländereien seines Vaters Markward mitgebracht hatte. Der Knabe war der Nachkomme fränkischer Siedler, die dem Ruf Barbarossas gefolgt waren und zusammen mit vom Kaiser eingesetzten Adligen den dunklen Urwald in dem wilden Gebirge an der Grenze zu Böhmen besiedelten. Konrads Vater war ein Dienstmann Markwards, und verwaltete ein kleines Gut nahe der reichsfreien Stadt Chemnitz. Doch Blankenau war arm und konnte kaum eine Familie ernähren, geschweige denn das Erbe von drei Söhnen sein. So war Konrad zum Dienst bei Isbert bestimmt worden, der ihn als Page mit sich nach Meißen nahm. Hier ließ er ihn zusammen mit seinem Sohn von seinem eigenen alten Waffenmeister Tassilo erziehen, der schon unter dem Vater Markgraf Albrechts diese Aufgabe innehatte. Ein anderer Bruder Konrads war Novize im Kloster Altzella. Sein ältester Bruder Wisbert würde später einmal den Gutshof erben.
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