Aber Heinrich entschied anders und bestätigte Albrecht in seinem Lehen. Doch dieser wusste, dass sein Bruder in der Mark Meißen eine große Anhängerschaft hatte. Sein vier Jahre jüngerer Bruder war das Ideal eines deutschen Ritters. Nicht nur seine hochgewachsene Gestalt und seine angenehmen Gesichtszüge machten ihn zum geborenen Führer. Auch seine edle Gesinnung, sein immerwährender Hang zur Gerechtigkeit, sein ständiges Mitleid mit benachteiligten Kreaturen, sein unerschütterlicher Edelmut – das war es, was Albrecht so an ihm hasste. Dietrich war das Abbild ihrer Mutter, der hochedlen Frau Hedwig, welche von ihrer Kemenate aus heute noch die Damen und ihn, Albrecht, überwachte und dirigierte. Die einzige Chance, die dieser hatte, war Krieg.
Die Ritter warteten auf das Floß, das sie zur anderen Seite der Elbe bringen würde. Endlich legte der Fährmann an. Die Männer führten ihre vor dem Wasser leicht scheuenden Pferde auf die Holzplanken.
„Gott zum Gruße, Einhart“, begrüßte Dietrich den alten Mann, den er praktisch schon sein ganzes Leben kannte. „Was gibt es neues in der Mark?“, fragte er augenzwinkernd. Der alte Einhart fuhr seit etlichen Jahrzehnten über den Fluss und viele Ritter und adlige Herren hatten sich seinem Geschick anvertraut, alle heil über das Wasser zu bringen.
„Auch Euch soll der Herr beschützen auf Euren Wegen“, antwortete Einhart ehrerbietig. „Die Zeiten sind hart, Eurer Gnaden. Eurer Bruder zieht mit seinen Waffenknechten übers Land und wer ihm nicht den genügenden Respekt zollt, den lässt er niedermachen und oft mit ihm gleich das ganze Dorf.“ Der Alte schüttelte traurig den Kopf. „Auch mit Kaiser Heinrich hat er sich überworfen, obwohl dieser ihm trotzdem die Mark zugesprochen hat“, fuhr er fort. „Das hat mir der Herr von Hohnberg erzählt“, ergänzte er auf den fragenden Blick Dietrichs hin.
„Er überfällt also wieder meine Ländereien“, sagte dieser mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Sicher rechnet er nicht mit meiner Wiederkehr und will sich alles unter den Nagel reißen. Aber da hat er sich verrechnet, mein sauberer Herr Bruder.“ Er stierte einen Moment wütend vor sich hin. Ein Ruck ging durch seinen Körper und er hob beinahe trotzig den Kopf. „Das wird ihm nicht gelingen. Ich weiß mich zu wehren. Er hat keine Verbündeten mehr, da er alle vor den Kopf stößt. Selbst die Verwandten seiner Frau hat er mehrmals brüskiert, und wie ich hörte, will der Bischof von Prag in Meißen einmarschieren.“
„Der neue Kaiser kann Albrecht ja auch nicht leiden“, warf einer seiner Männer dazwischen.
„Was ihn allerdings nicht davon abgehalten hat, meinem Bruder die Mark als Lehen zu geben. Heinrich ist ein verschlagener Kerl, der ausschließlich seine eigenen Interessen durchsetzen will. Die Fürsten des Reiches sind ihm egal. Seine Sympathie für meinen Bruder hält sich bekanntlich schon immer in Grenzen.“
„Was werdet Ihr jetzt tun, Dietrich?“, fragte Isbert besorgt. „Seid Ihr sicher, dass sich Euer Schwiegervater, der Thüringer Landgraf, auf Eure Seite stellt?“
„Was glaubt Ihr, warum ich mich habe überreden lassen, seine Tochter Jutta in Bälde zu ehelichen. Sie ist noch ein Kind. Und dazu soll sie noch hässlich wie die Nacht sein. Ich bin ein erwachsener Mann, kein grüner Junge. Was soll ich mit einem Kind im Bett?“ Dietrich verzog das Gesicht.
„Nun, auch Jutta wird älter“, meinte Isbert gelassen.
„Ja, aber ich auch“, konterte der Graf. „Doch ob sie schöner wird, das weiß Gott allein. Außerdem braucht der Landgraf mich“, fuhr er ernsthaft fort. „Als sein Bruder Ludwig vor einiger Zeit starb, wollte der Kaiser bekanntlich auch das Thüringer Lehen einziehen und natürlich der Krone einverleiben, raffgierig, wie er ist. Zu vielversprechend sind die Einkünfte der ausgedehnten Ländereien und Wälder. Doch mein zukünftiger Schwiegervater hat sich sein Erbe nicht streitig machen lassen. Also, eine Hand wäscht die andere, oder wie meine Mutter immer sagt: ‚Hilfst du mir, so helf ich dir’.“
Der Bruder des Thüringer Landgrafen Ludwig, Hermann, konnte sich mit Hilfe mächtiger Verbündeter, zu denen auch Dietrich von Wettin gehörte, seine Nachfolgeansprüche sichern und die Landgrafenkrone behalten. Sehr zum Verdruss Kaiser Heinrichs. Ein willensstarker Mann wie Dietrich war diesem deshalb ein Dorn im Auge und so musste er sich wohl oder übel zu Albrecht bekennen.
Nicolas war bereits zur Anlegestelle geeilt, um seinen Vater zu begrüßen. Die Strahlen der Abendsonne fielen auf sein lockiges dunkelbraunes Haar und ließ es rotgolden aufleuchten. Isbert sprang als erster von der Fähre. Nicolas warf sich ihm stürmisch in die Arme.
„So schlimm, mein Sohn?“, fragte Isbert lächelnd. Der Junge nickte stumm.
„Nun, nun. Jetzt bin ich ja wieder zu Hause“, versuchte ihn sein Vater zu beruhigen.
„Bleibt Ihr jetzt in Meißen?“, wagte Nicolas zu fragen.
„Das kommt darauf an, ob es Albrecht gefällt, dass ein Ritter seines Bruders auf der Burg bleibt.“ Er schaute bedeutsam zu Dietrich.
„Ich glaube, ich werde in der Stadt Quartier nehmen, bevor ich Albrecht in die Arme laufe“, sagte der Graf und zog bedauernd die Schultern hoch.
„Das wird der edlen Frau Hedwig aber nicht gefallen“, meinte Isbert schmunzelnd.
„Sie wird sich damit abfinden müssen, dass Albrecht im Moment das Sagen in der Markgrafschaft hat. Mit Sicherheit würde er es nicht begrüßen, wenn ich an seinem Hofe weilte.“ Dietrich verzog schmerzlich das Gesicht. „Doch solltet Ihr zu Eurer Frau gehen, Isbert. Gewiss erwartet sie Euch schon sehnsüchtig.“
„Da bin ich mir nicht so sicher. Sie grollt mir bestimmt noch, dass ich sie vor Monaten wieder verlassen habe, um an der Seite des Kaisers ins Heilige Land zu ziehen.“ Er schaute zu seinem Sohn, der den Blick gesenkt hielt.
„Oder, Nico? Was hat deine Mutter gesagt?“
„Nichts“, meinte der Junge kleinlaut.
„Trefft mich am Abend im „Schwarzen Schwan““, forderte der Graf Isbert auf. „Ich erwarte Euch pünktlich zum Abendläuten. Aber gebt Acht, dass Euch keiner sieht, wenn Ihr auf dem Weg von der Burg in die Stadt seid. Wir wollen doch nicht, dass irgendeiner eine neue Verschwörung wittert.“ Dietrich lachte leise. Dann schwang er sich auf den Rücken seines Pferdes und verschwand mit seinen Männern in Richtung der untergehenden Sonne.
Isbert bedeutete seinem Knappen, ihm zu folgen und nahm die Zügel des Rosses auf. Er legte den Arm um die schmächtigen Schultern seines Sohnes. „Komm, mein Junge, lass uns zur Burg gehen. Deine Mutter vermisst dich bestimmt bereits.“
„Nein, ich glaube nicht, dass sie mich vermisst“, meinte Nicolas etwas verdrießlich. Isbert zog verwundert die Augenbrauen nach oben.
„Ich habe sie seit Tagen nicht gesehen“, fuhr sein Sohn fort. „Immer ist sie bei der alten Markgräfin. Und wenn sie mich sieht, fängt sie an zu schluchzen, so dass Frau Hedwig sie trösten muss. Ich schlafe jetzt schon lange im Saal mit den anderen Jungen, die von Herrn von Hohnberg betreut werden.“
„So, so. Nun, wir werden sie zusammen aufsuchen. Bestimmt freut sie sich heute, dich zu sehen“, tröstete Isbert den Jungen.
Die Begegnung der Eheleute verlief unterdessen sehr unterkühlt. Hedwig versuchte zwar, zu vermitteln. Aber Lioba war zu verzweifelt, um Isbert in die Augen sehen zu können. Nicolas schlief weiterhin mit den anderen Pagen und Knappen, und Isbert ging nach der ersten Begrüßung in die Stadt, um sich Dietrich wieder anzuschließen. Auch er konnte seiner Frau nicht entgegentreten, als wäre nichts geschehen, denn natürlich waren ihm die Gerüchte über ihre Untreue zu Ohren gekommen. Ihr seltsames Verhalten sah er als Schuldeingeständnis. Doch wollte er sie jetzt um seines Sohnes willen nicht zur Rede stellen. Der Junge hatte schwer genug unter der ständigen Abwesenheit seines Vaters zu leiden. Auch hörte dieser mit Sicherheit die Sticheleien der Hofleute, die darüber spekulierten, ob der Sohn des edlen Ritters Heidenreich Verrat beging und sich gegen seinen Markgrafen stellte.
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