Grelles Licht peitschte durch die Fensterscheiben im Wohnzimmer und lassen mich hochschrecken. Maik ist weg, zur Arbeit. Er hat mich schlafen lassen und bei Tony angerufen, dass ich heute nicht arbeiten könne. Der Laden blieb geschlossen. Das alles entnehme ich einem kleinen Zettel der auf dem Tisch vor mir liegt. Unten auf dem Zettel ist ein kleines, verkrüppeltes Herz zu erkennen. Maik schien es eilig zu haben. Irgendwie ist mir das alles recht. Ich blicke umher. Ich habe das Gefühl, einen riesigen Klotz mit mir herumzuschleppen. Eine Tonne. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Ich sollte darüber erst einmal nicht nachdenken, sage ich mir. Ich sollte aufstehen und zum Arzt gehen, der würde mir dann schon sagen, dass ich nicht schwanger bin, sondern nur überarbeitet oder ich leide an einer ganz normalen und harmlosen Grippe und das mit meiner Periode hat bestimmt andere Gründe. Ich seufze, wenn es doch nur so einfach wäre. Schließlich rappele ich mich vom Sofa hoch und gehe ins Schlafzimmer, um mir was Bequemes zum Anziehen zu suchen. Ich krame eine Weile in meinem Schrank bis ich etwas Passendes finde. Es ist eine Leggings und ein Oberteil, das mir bis über den Po geht. Es ist bequem und sieht nicht ganz so kränklich aus. Dann überlege ich, was ich jetzt tun sollte. Gleich zum Frauenarzt oder normal bei meinem Hausarzt anrufen? Ich entscheide mich für den Frauenarzt, weil wenn dieser mir eine einleuchtende Erklärung, wegen meiner ausbleibenden Periode geben könnte, wüsste ich, dass ich es nur mit einer vollkommen normalen Grippe zu tun habe. Ich überlege noch kurz Maik eine Nachricht zu hinterlassen, entscheide mich aber dann dagegen. Ich gehe noch kurz ins Bad um doch noch einmal zu überprüfen ob ich meine Periode tatsächlich nicht bekommen habe. Aber es scheint nicht so. Ich gehe mir noch einmal mit einer Hand voll Wasser ins Gesicht und schaue in den Spiegel. Trotz den Unmengen an Schlaf sehe ich müde aus. Unter meinen Augen zeichnen sich Ringe ab und ich bin ziemlich blass. Ich schminke mich nicht. Nur die Zahnbürste bewege ich ein, zweimal auf und ab, dann spucke ich alles aus um den miesen Geschmack vom Vortag zu beseitigen. Ich ziehe mir noch eine Jacke über und gehe aus dem Haus. Eigentlich ein schöner Tag, wäre da nicht der Gedanke daran, was mir der Arzt gleich sagen könnte. Die Praxis von Dr. Kenneth ist nicht weit von unserer Wohnung entfernt, nur eine Straße. Die Straßen sind zum Glück leer und niemand sieht mich, wie ich die Praxis betrete. Ich mag Ärzte nicht sonderlich. Ich trete an die Empfangstheke und mich lächelt eine kleine, ältere Frau mit kurzen, braunen Haaren an. Sie scheint Mitte der Fünfziger zu sein. Auf der Nase trägt sie eine dick umrandete Brille. Der Rahmen leuchtet in einem knalligen Rot, ebenso ihre geschminkten Lippen. „Was kann ich für Sie tun?“, fragt sie mich höflich und blickt mich aufrichtig mit ihren dunklen Augen an. Trotz ihrer Nettigkeit dreht sich mir der Magen um. „Ich brauche einen dringenden Termin bei Dr. Kenneth. Es ist ein Notfall“, erkläre ich ihr und mache einen gequälten Gesichtsausdruck. Sie scheint schnell zu schalten. Ihre Augen weiten sich für den Moment, dann fängt sie sich wieder und wirbelt umher. Sie wirft Akten über den Haufen, wirbelt mit Zetteln um sich und findet endlich den begehrten Terminkalender. Sie schiebt ihre Brille ein Stück höher auf die Nase und studiert ihn fleißig. Sie rümpft die Nase, als sie sich wieder zu mir dreht: „Ich denke wir können sie in der nächsten halben Stunde dazwischen schieben. Wollen sie solange Platz nehmen?“ Sie deutet auf einen Nebenraum, dessen Türen weit geöffnet sind. Drinnen sitzen ein paar Frauen, die in Zeitungen blättern oder ihre frisch lackierten Fingernägel betrachten. Ich nicke ihr zu und bin erleichtert, dass sie mir so schnell helfen konnte. Doch irgendetwas in meinem Gesicht scheint ihr zu signalisieren, dass ich mich nicht wohl fühle in meiner Haut. „Geht es ihnen gut? Wenn sie etwas benötigen, sagen Sie bitte vorher Bescheid.“ Sie mustert mich neugierig vom Rande ihrer Brille aus. Ich versuche ihr ein Lächeln entgegen zu werfen und sage nur scheu: „Nein, Danke. Alles in Ordnung.“ Sie lächelt und wendet sich dann wieder ihrem Papierkram zu. Ich gehe in das Wartezimmer und suche mir einen Platz in der hintersten Ecke, wo ich ungestört meine Ruhe habe. Ich nehme Platz und schaue umher. Gegenüber von mir befindet sich eine junge Frau, etwas jünger als ich. Sie hat einen ziemlich dicken Bauch. Sie sieht aus als hätte man sie mit der Fahrradpumpe aufgeblasen und vergessen die Luft entweichen zu lassen. Sie liest angeregt eine Zeitung und streichelt sich mit einer Hand den dicken Bauch. In einer anderen Ecke entdecke ich ein noch jüngeres Mädchen mit einer älteren Dame. Das kleine Mädchen scheint nervös. Ich denke, es ist ihr erster Besuch hier bei Dr. Kenneth. Sie zappelt auf ihrem Stuhl hin und her, während ihre Mutter versucht auf sie einzureden. Sie hört ihr gar nicht zu. Sie ist viel zu vertieft in ihre Gedanken. Ich muss schmunzeln. Ich spüre, dass ich genauso nervös bin wie sie und lächle ihr zu um ihr zu versichern: „Hey, du bist nicht die Einzige, der es so geht.“ Als sie mich entdeckt lächelt sie zurück und ihre Wangen laufen in einem schönen tomatenrot an. Ich sitze nun da und warte. Die Zeit scheint still zu stehen. Nach und nach erheben sich die Personen aus dem Raum. Erst die Schwangere, dann die Mutter mit dem Kind. Kurz darauf betreten drei weitere Frauen die Praxis. Alle nichts Besonderes. Ich schaue alle zwei Minuten auf die Uhr und warte darauf, dass mich die nette Dame vom Empfang aufruft. Immer wenn ihre hochhackigen Schuhe auf dem Linoleumboden klackern, werde ich hellhörig und warte darauf, dass sie mich ruft. Doch jedes Mal Fehlanzeige. Wieder verlassen nach und nach die drei Frauen den Raum. Es vergehen ganze 40 Minuten, bis es passiert. Ich höre wieder das laute „Klack, Klack“ auf dem Fußboden und horche auf. Ich höre kurz leises Getuschel, das auf dem Flur zu vernehmen ist. „Die Dame sagt es sei ein Notfall. Ich habe sie dazwischen geschoben. Bitte sehen Sie sich die Frau mal an.“ Ich höre keine Antwort. Stattdessen wieder das „Klack, Klack“ und dann laut und deutlich: „Miss Withen, bitte einmal in Zimmer 1.“ Ich stehe auf, atme noch einmal tief durch und gehe in Richtung Ausgang. Die Dame mit der roten Brille lächelt mich an und deutet auf eine Tür, auf der eine große römische Eins geklebt ist. Ich betrete den Raum. Der Raum ist nicht sonderlich groß. In ihm stehen nur einzelne ärztliche Gebrauchsgegenstände. Noch dazu ein Schreibtisch mit einem Computer und zwei Stühlen. Ich entledige mich meiner Jacke und setze mich. Von der Ärztin keine Spur. Ich fühle mich unwohl und frage mich, ob das kleine Mädchen hier vorhin genauso saß. Die Tür springt auf und Dr. Kenneth tritt ein. Ich kenne sie schon ziemlich lange. Sie ist eine gute Ärztin. In meiner Jugend hatte ich immer etwas Angst vor ihr. Ich mochte keinen der Besuche, die ich ihr abstattete. Heute fühle ich mich genauso. Ich habe denselben widerlichen Kloß im Hals, dieselben schwitzigen Hände und rutsche genauso auf meinem Stuhl hin und her. Dr. Kenneth setzt sich auf den Stuhl gegenüber von mir und mustert mich. Sie ist eine kleine zierliche Person. Ihr hohes Alter sieht man ihr nicht an. Sie scheint gelassen zu sein. Im Gegensatz zu mir. Sie fällt gleich mit der Tür ins Haus: „Miss Withen, sie sagten, es sei ein Notfall. Was kann ich ihrer Meinung nach für sie tun?“ Ich hole tief Luft um ihr die gegebenen Umstände zu erklären. Ich erzähle ihr von meiner angeblichen Grippe, den Schwindelanfällen und schließlich meiner ausbleibenden Periode. Während ich erzähle, tippt sie mit einem Bleistift auf ihrer Schreibtischunterlage herum. Das Geräusch macht mich wahnsinnig und ich werde mit meinen Wörtern immer schneller in der Hoffnung, dass sie damit aufhört. Ich beende meine Erzählung und starre sie mutig an. Sie sagt nichts. Nach einer halben Ewigkeit verstummt ihre fließende Handbewegung mit dem Bleistift und es ist still im Raum. Sie legt ihren Zeigefinger an ihre schmal gezogene Lippe. Als sie anfängt zu reden hört sie sich freundlich an: „Nun, wenn sie das so erzählen, denke ich, dass ich ihnen gratulieren kann. Aber ich kann mich auch täuschen. Wir bräuchten einen Bluttest oder eine Urinprobe, um dies mit Gewissheit festlegen zu können.“ Mein Herz rutscht mir noch tiefer in die Hose. Ich bemühe mich, nicht die Fassung zu verlieren. Als ich antworte ist meine Stimme nicht mehr als ein Flüstern: „Okay, ich mache einen Test.“
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