Meine Beine sind müde und meine elendigen Rückenschmerzen quälen mich. Es ist kurz vor neun in der Früh. Ich freue mich wahnsinnig auf meine Frühstückspause, die jeden Moment beginnt. Nicht etwa weil ich Hunger habe oder Besuch erwarte, Nein mir ist wahnsinnig schlecht und meine Beine finden langsam keinen Halt mehr. Ich schlafe seit Tagen kaum. Meine Übelkeit macht das Ganze nicht besser. Ich stehe seit um sechs Uhr hier an der Theke des kleinen Kiosks, wo ich jetzt schon knapp ein Jahr arbeite. Tony, der Besitzer ist für ein paar Tage mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter verreist. Meine Kollegin Mia hat sich eine Grippe eingefangen, die jetzt scheinbar auf mich überschlägt. Eigentlich wollten Maik und ich heute Abend etwas essen gehen. In dem schönen Restaurant drei Straßen weiter. Heute ist unser Hochzeitstag. Ich freue mich, dass nach unserer kleinen Auseinandersetzung alles wieder beim Alten war. Wir liebten uns wie am ersten Tag und mein neuer Job lässt diese Stimmung zwischen uns noch besser werden. Ich arbeite gern hier bei Tony. Es ist ein sonniges Plätzchen in der Stadt und das Geschäft läuft prima. Tony, seine Familie und auch Mia sind gute Freunde von uns geworden. Auch Kath und Josie kommen immer noch öfters vorbei. Mein Verhältnis zu ihr ist besser geworden, auch wenn sie mich immer noch böse angiftet, wenn ich Maik einen schnellen Kuss während einer unserer Unterhaltungen gebe. Doch heute ist einfach nicht mein Tag. Ich hoffe insgeheim, dass Maik mir nicht böse ist, wenn ich ihm nachher absage. Ich brauche ein Bett und eine Mütze Schlaf und jetzt definitiv einen Eimer. Mit einem Schlag wird mir mordsübel, ich halte mir die Hand vor den Mund und renne so schnell ich kann in den hinteren Bereich unseres Kiosks, wo sich eine kleine Küche befindet. Das Waschbecken muss für meine Bedürfnisse reichen. Ich ziehe schnellstmöglich meine Hand weg und erbreche mein nicht vorhandenes Frühstück in den Ausguss des Beckens. Galle steigt mir in die Kehle und der saure Geschmack lässt mich weiter würgen. Ich stütze mich mit den Händen am Beckenrand ab um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als mein Magen sich wieder fängt, amte ich erleichtert aus. Das Essen muss ich definitiv sausen lassen. Armer Maik. Ich spüle mir mit etwas Wasser den Mund aus und hole einen Eimer um mit Wasser die Sauerei im Waschbecken zu entfernen. Gegen den grässlichen Gestank kann ich nur das kleine Küchenfenster öffnen. Ich bin froh, dass jetzt gerade kein Kunde in den Laden kam. Mir schwirrt der Kopf und der Magen gleich dazu. Ein paar Stunden muss ich noch aushalten. Um 14 Uhr kann ich den Laden schließen für heute. Ich setze mich auf einen Stuhl, um wieder einigermaßen klar zu werden. Ich hole tief Luft und merke, dass es besser wird. „Zähne zusammen beißen Molly“, sage ich mit geschlossenen Augen eher zu mir selbst als zu irgendjemand anderem. Ich stehe auf und versuche mich die letzten paar Stunden zusammen zu reißen. Es klappt auch. Ich bediene noch einige Kunden, kassiere ab und räume im Lager noch eine Lieferung, die in den letzten Tagen liegen geblieben war, weg. Die Zeit vergeht wie im Flug, dann ist es soweit. Zehn vor zwei. Mein Magen hat sich soweit beruhigt. Doch was sollte ich zu Maik sagen? Noch einmal Zähne zusammen beißen? Für ihn? Ich wollte mich nicht streiten. Er freute sich schon seit Wochen auf den Abend zu Zweit und wenn man vom Teufel spricht, so kommt er gleich herbei geflogen. Die Ladentür springt auf und Maik kommt frisch geduscht und in anständigen Klamotten und mit einem Strauß Rosen in der Hand herein gestürmt. Im Gesicht ein riesiges Grinsen. Mir geht das Herz auf, wenn ich ihn so sehe. Er trägt eine dunkle Jeans, ein rot-kariertes Hemd und darüber einen schwarzes Jackett. Er hat sich richtig schick gemacht. Für mich! Wenn ich ihn so ansehe fühle ich mich schmutzig in meiner dreckigen Jeans, mit der ich eben noch über den Boden im Lager gerobbt bin, und meinem hellblauen Poloshirt, das ich schon seit heute Morgen voll schwitze. Noch dazu bin ich müde und ungepflegt. Maik erhellt mit seinem Lächeln den gesamten Laden. „Kann es losgehen, Baby?“ Er sieht mich mit großen Kulleraugen an. Wie konnte ich ihm so einen Wunsch abschlagen? Ich ringe mit mir. Entschied mich aber dann doch dafür, dass ich nicht absagen werde. Ich versuche ihm ein genauso strahlendes Lächeln entgegenzubringen wie er mir. „Ich bin noch nicht ganz so weit. Ich habe die Kasse eben erst fertig abgerechnet. Lässt du mich noch kurz ins Bad, mich etwas frisch machen und etwas anderes anziehen?“ Er nickt wortlos. Ich seufze still vor mich hin, nehme meine Tasche und verziehe mich in das winzige Bad, das unser Kiosk hergibt. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und lasse den strahlenden Maik alleine vor der Theke stehen. Ich lasse meinen Rücken gegen die Tür fallen und sinke zu Boden. Ich hätte etwas sagen sollen. Ich bin wirklich kaputt und brauche etwas Schlaf, aber Maik sah so happy aus. Ich kann ihm den Abend nicht kaputt machen in dem ich mich faul aufs Sofa zurückziehe. Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen, das ihrem alleinerziehenden Vater endlich sagen will, dass sie jetzt alt genug ist, alleine um die Häuser zu ziehen mit ihren Freunden, schließlich bekommt sie ja schon ihre Periode. Meine Periode… Ich halte inne. Plötzlich wird mir wieder ganz übel. Ich springe auf und ziehe mit schnellen Bewegungen meine Handtasche zu mir herüber und suche verzweifelt mein Handy darin. Als ich es finde, lasse ich es fast fallen, dann endlich drücke ich auf den Knopf an der Seite, der das Display zum Leuchten bringen soll. Es gelingt mir und als ich mit großen Buchstaben das Datum von heute auf dem Display lese, sackt mein Herz irgendwo zwischen meine Fußknöcheln und den Rand meiner Socken. Wir haben den 20. März. Vor knapp einer Woche hätte meine Periode einsetzen müssen. Die Übelkeit breitet sich weiter in mir aus und ehe ich mich versehe, hänge ich mit dem Kopf über der Kloschüssel und erbreche sämtliche Flüssigkeiten, die ich am Tage zu mir genommen habe. Am Rand nehme ich wahr, dass die Tür aufspringt und Maik herein kommt und versucht mir zu helfen. Er hält meine Haare hoch und streicht mir liebevoll über meinen Rücken. Er scheint sich Sorgen zu machen, denn sein Watt-Lächeln ist verschwunden und meins gleich mit.
Ich sitze bei uns in der Wohnung auf dem Sofa im Wohnzimmer. Mein Anflug von Übelkeit ist verschwunden. Maik steht in der Küche und macht mir einen Tee. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich vielleicht schwanger bin. Ich sage es aus einem guten Grund nicht. Noch bleibt mir die Hoffnung, dass es doch nicht so ist. Wie sollte ich ihm das auch erklären? Wir haben seit unserer Auseinandersetzung noch weniger über Kinder gesprochen als zuvor. Ich glaube nicht, dass Maik überhaupt welche haben möchte. Ich hingegen bin mir unschlüssig, was das betrifft. Ich schaue Richtung Küche, um mich zu vergewissern, dass Maik auch ja nichts mitbekommt. Vorsichtig streift meine Hand meinen Bauch. Ich lasse meine Finger ganz langsam darüber streichen und versuche mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen. Ich stelle mir vor, wie schön es doch wäre eine winzige Gestalt in meinem Körper zu tragen. Sie zu hegen, zu pflegen und natürlich zu lieben. Wie er oder auch sie mit ihren kleinen Armen und Beinen hier über den Boden krabbeln könnte und mit einem von uns munter spielt. Der Gedanke lässt mein Herz aufhorchen. Eine mulmige, aber angenehme Wärme umfasst mich und zieht mich noch tiefer in die Vorstellung. Maik, der ins Wohnzimmer kommt, mit einer Tasse Tee und etwas Zucker scheucht mich auf. „Und du hast vorher nicht gemerkt, dass es dir nicht gut ging?“, fragte er mich. Er scheint etwas enttäuscht zu sein. Nach meiner Aktion im Bad konnte ich schlecht leugnen, dass es mir nicht gut ging und musste das Essen kurzerhand doch absagen. „Nein, mir war nur etwas flau im Magen, nichts Schlimmes. Ich dachte, dass es vorüber geht und wir doch essen fahren könnten.“ Ich ziehe einen Schmollmund um ihm zu demonstrieren wie leid es mir tut. Aber eigentlich bin ich ganz froh, jetzt hier auf dem Sofa zu sitzen und Fernsehen zu schauen, auch wenn er vielleicht enttäuscht ist. Er hat sich extra frei genommen. Ich hatte gelogen, um ihn keinen Grund zur Sorge oder zur Verdachtsschöpfung zu geben. Doch mir ist klar, ich muss morgen zum Arzt und klären, was mit mir ist. Zum Glück muss Maik morgen gleich wieder zur Arbeit. Wir kuscheln uns zu zweit auf das kleine rote Sofa und schauen irgendeinen Schwachsinn, der gerade im TV läuft. Ich höre gar nicht so genau hin. Ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders. Weit, weit weg. Irgendwann geben meine Lider nach und ich wehre mich ehrlich gesagt, nicht dagegen und lasse sie zufallen. In der Nacht hält mein Magen die Klappe und lässt mich komplett durch schlafen, was mir verdammt gut tut. Maike hat mich in der Nacht auf dem Sofa liegen gelassen und ist ins Bett gewechselt. Ich träumte von kleinen Babys, die quer durch unsere Wohnung turnten und lächelte dabei.
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