Einen Tag vor der erfreulichen Ankunft der „echten“ Franzosen erfolgte eine spezielle Gehirnwäsche. Es wurde uns u. a. bei angedrohter Strafe untersagt, mit einem andersgeschlechtlichen französischen Jugendlichen irgendeinen persönlichen Kontakt aufzubauen. Wer das täte, hätte mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen und müsse das Internat sofort verlassen. Großes Schweigen. Als die Franzosen kamen, staunten wir nicht schlecht. Es waren viel mehr Mädchen als Jungs. Kaum hatten wir die „Franzosensichtung“ beendet, war mir klar: da war ein bildhübsches, kleines und zierliches Mädchen dabei, das mich unglaublich faszinierte. Ich war hin und weg. Ich weiß nicht mehr, wie es mir gelang, an ihren Namen zu gelangen. Die Franzosen unterstützten mich irgendwie, als sie bemerkten, dass sich da etwas anbahnte. Offensichtlich hatte die internationale Solidarität doch etwas Gutes an sich. Die männlichen Dünkirchner hatten ihr etwas gesteckt, und ich erfuhr bald, dass sie Marceline hieß. Unser beider Chemie stimmte trotz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme von Anbeginn. Ein, zwei Tage später hatten wir uns unabhängig zu den organisierten Ausflügen bereits mehrfach verabredet. Weil wir nicht gemeinsam gesehen werden durften, mussten wir das Internat einzeln verlassen und uns erst in einigen hundert Metern Entfernung treffen.
Wir gingen im nahen Wald lange spazieren. Es dauerte auch nicht lange und wir küssten uns. Ich war unglaublich in sie verknallt. An ein Mehr konnten wir aber damals im Alter von siebzehn - sie vielleicht sechzehn - Jahren nicht denken, weil medizinisch gestützte Schwangerschaftsverhütung für die sozialistische Jugend noch kein Thema war. Fest stand jedenfalls: ich war über beide Ohren in sie vernarrt, wie man es in diesem Alter eben sein konnte. Marceline – so empfand ich - war es auch. Unsere geschickte Taktik, unbemerkt dem staatlichen Überwachungssystem en miniature des Internats zu entziehen, war tagelang sehr erfolgreich. Eines Abends bat ich sie wieder mit meinen dilettantischen französischen Sprachkenntnissen, bei der Rückkehr den vorderen Eingang des Internats zu nutzen. Ich wollte inzwischen - wie mehrfach erprobt - mit einer lockeren Flanke den hinteren Holzzaun zum Hof überspringen.
Leider verlief diese Aktion unglücklich. Während ich im meisterlichen Flugansatz über den alten Zaun ansetzte, trat vorn der von der Partei eingesetzte Leiter des Austauschprojektes aus der Tür. Er hatte auf der Eingangsseite die kleine Marceline allein kommen sehen und ahnte, dass sie unmöglich ohne Begleitung spazieren gewesen sein konnte. Bestimmt hatte er sich schon ausgemalt, wie ihm die Parteileitung wegen seiner beispielhaften Wachsamkeit anerkennend auf die Schultern klopfen würde. Also stürmte er auf die Rückseite des Hofes und betrachtete triumphierend meine erfolgreichen turnerischen Fähigkeiten beim Satz über den Zaun. Sofort war ihm alles klar.
Am gleichen Abend wurde mir erklärt, dass ich als Betreuer nicht mehr tragbar wäre und deshalb unverzüglich das Internat zu verlassen habe. Mir war es, als würde man mir mit einer Keule die Beine wegschlagen. Ich hatte weder die Zeit, mich über unsere gemeinsame weitere Situation klar zu werden, noch hatte ich die Chance, Marceline noch einmal zu sehen und ihr das unlösbar scheinende Dilemma zu beschreiben. Ich musste sofort los, holte mein Fahrrad aus dem Schuppen des Internats und radelte nach Hause - 30 Kilometer über den steilen Anstieg des Hexentanzplatzes bis nach Stolberg/Harz am Rande des Südharzes. Unterwegs konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Ich glaubte, sterben zu müssen und machte mir wütend Gedanken darüber, was das nur für eine irre Ideologie und rücksichtslose Staatsführung sein muss, bei der liebende junge Menschen auf diese Weise voneinander getrennt werden.
Leider habe ich Marceline nie wiedergesehen und konnte ihr auch niemals schreiben. Ich gelangte einfach nicht in den Besitz ihrer Adresse. Handys existierten noch nicht. Wir mussten auch ohne SMS auskommen. Meine Wut war nicht nur grenzenlos, sie hielt auch dauerhaft an. Mir kamen in diesem Moment erste ernsthafte Gedanken, die todbringende Staatsgrenze Richtung Westen zu überwinden, um diesem Staat den Rücken zu kehren. Was aus dieser Zeit für mich blieb, war ein unsäglicher Schmerz und bleibender, täglich wachsender Hass auf dieses Staatssystem, seine Parteibonzen, Stasi-Angehörigen und überzeugten Marionetten. Wenn ich auch ansonsten – wie viele Jugendliche – noch kein rechtes Ziel vor Augen hatte, schwor ich mir damals, aus diesem Staat irgendwann – wie wir es nannten - abzuhauen. Die erste und beste gefahrlose Möglichkeit, die sich böte, würde ich nutzen. Dass sich erst ca. zwanzig Jahre später eine solche gefahrlose Chance ergeben würde, konnte ich kurz vor dem Bau der Berliner Mauer noch nicht ahnen.
Während des Fahnenappells nach dem Ende der Ferien erfolgte eine knappe Auswertung des Austauschprojektes mit den Franzosen. Natürlich wurde erwähnt, dass ein Schüler der Goethe-Oberschule in unerlaubter Weise Kontakt zu einer Französin aufgenommen hatte und deshalb das Lager verlassen musste. Das war mir zu diesem Zeitpunkt schon schnurzegal. Allerdings auch sehr peinlich. Vor dem Appell hatte es sich unter den Schülern bereits herumgesprochen, dass ich das war. Dummerweise wusste es dann auch meine damalige Schulfreundin. Ich hatte Verständnis dafür, dass sie in diesem Moment begann, das Fundament unserer Beziehung - wie 1989 die Berliner Mauer - mit Hammer und Pickel einzureißen.
Mit dem Thema Französischunterricht wurde ich Wochen später noch einmal unangenehm konfrontiert. Meine innerliche Wut über diesen Staat und alle, die ihn hofierten, brodelte unaufhörlich unter der Decke weiter. Die Französischbücher mussten wir uns in den meisten Fällen selbst kaufen. Ich betrachtete deshalb mein Buch als mein persönliches Eigentum. Einer meiner Mitschüler hatte aus Langeweile und wohl auch ohne zu überlegen, an den nicht zur Vermehrung bestimmten Schwanz eines französischen Löwen, der ein Brückendenkmal in Paris schmückte, eine rote Fahne der Sowjetunion gemalt. Seine künstlerische Leistung an dieser Stelle war „reif für den Gulag“ [Besserungslager in der Sowjetunion, Arbeitslager. Ein monumentales historisches Werk lieferte Aleksandr Solschenizyn mit seiner autobiographischen Beschreibung des sowjetischen Lagersystems in seinem Archipel GULAG. Seine Erzählungen über politische Zwangslager und Verfolgung in der UdSSR bedeuteten für ihn die Ausweisung aus seiner Heimat. Gleichzeitig brachte es ihm aber auch eine große internationale Anerkennung. Solschenizyn erhielt 1970 den Nobelpreis für Literatur. Erst zwanzig Jahre später wurde Solschenizyn rehabilitiert und erhielt seine sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Vier Jahre später kehrte er nach Russland zurück. Angepasst entnommen: aus Wikipedia].
Während des Unterrichts stand nun urplötzlich unsere Lehrerin zuerst hinter und dann neben dem „Maler“. Sie sah das „antisozialistische Machwerk“ [so pflegten die Führer des Proletariats derart banale Dinge zu benennen] in seinem Lehrbuch und wusste im Moment nicht, sollte sie warten, bis sich ihr hochrot angelaufenes Gesicht wieder normalisiert hatte oder sollte sie gleich losbrüllen. Sie entschied sich für Letzteres. Der Mitschüler sank sichtbar auf seinem Stuhl zusammen und versuchte ansatzweise zu argumentieren. Es war sinnlos und provozierte die junge Dame umso mehr.
In dieser gereizten Atmosphäre konnte ich es wieder einmal nicht lassen und meldete mich. Nervös wollte sie von mir wissen, was es denn dazu noch zu sagen gäbe. Ich erklärte in etwa der gleichen Reiztonhöhe: „Wenn das Buch meines ist, kann ich dort hineinschreiben, was ich will – und wenn ich „Scheiße“ hineinschreibe!“
Der Vorgang hatte mich in meinem Gerechtigkeitsempfinden unglaublich provoziert, so dass ich mich zu dieser nicht ganz stubenreinen Bemerkung hinreißen ließ. Ich fühlte mich mit meinem vorlauten Kommentar wie ein späterer 68er Student der einsetzenden Studentenproteste im Lande des „Klassenfeindes“. Wenn ich damals schon gewusst hätte, dass der Mörder des Studenten Benno Ohnesorg, der die Studentenproteste anführte, ein IM der „STASI“ war und der Mord dem „dekadenten Klassenfeind“ in die Schuhe geschoben wurde, wäre mein Engagement noch heftiger ausgefallen. Glücklicherweise vermochten wir nicht in die Zukunft zu schauen.
Читать дальше