Mit schwarzer Mascara bog sie die langen Wimpern in Form. Wahnsinn – die dunkle Umrandung verlieh ihren Augen ein strahlend frisches Blau, fast schon stechend. Zum Schluss etwas Lipgloss und Rouge. Das sollte reichen. Isa lächelte ihr Ebenbild an.
Sie rechnete mit einer zweieinhalbstündigen Fahrt, Minimum. Von neun bis zwölf Uhr vormittags war die Besuchszeit strikt einzuhalten und hoffentlich nicht so viel los.
Mitten in einem kleinen Ort, unweit von Donauwörth, befand sich die Justizvollzugsanstalt. Eine gewaltige Abteikirche thronte neben dem Bösen. Vermutlich schlichen in dem ehemaligen Kloster vor einem Jahrhundert noch andächtige Mönche über die Fluren, wo heute überwiegend die Fäkaliensprache lauthals verkündet wurde. Ob diese heiligen Mauern gestürzte Seelen zur Umkehr bewegen können?
Jedes Fenster war mit dicken Metallstäben gesichert. Isa stand vor dem massiven Gebäude und blickte nach oben. Nirgends sah sie Vorhänge oder irgendeine Art von Fensterschmuck. Nicht Mal ein Mensch stand am Fenster und schaute hinaus. Alles wirkte tot. Doch auf den Straßen rings rum parkten viele Autos. Dennoch waren kaum Fußgänger unterwegs.
Isa entdeckte die Eingangspforte. An einer schweren Holztür musste sie eine altmodische, abgenutzte Klingel drücken, während zwei Kameras sie ins Visier nahmen. Ohne Gruß, nur mit einem Summen, wurde die Tür geöffnet.
Isa empfand die ersten Schritte in ein Gefängnis wahnsinnig aufregend. Am Empfang saß hinter einer Glasscheibe ein Beamter, der ihren Personalausweis und den Namen des Inhaftierten forderte. Freundlichkeit hatte hier nichts zu suchen. Nachdem er die Angaben kontrolliert hatte, nickte er. Zwei weitere Beamte im Hintergrund beobachteten jede ihrer Bewegungen. Für Tasche und Jacke war ein Schließfach vorgesehen. Man bat sie die Schuhe abzustreifen und durch einen Sicherheitskorridor, wie man sie an den Flughäfen vorfindet, zu schreiten. Dann durfte sie die Schuhe wieder anziehen. Nur den Schlüssel für das Schließfach und etwas Kleingeld für Getränke, erlaubte man ihr in den vorläufigen Besucherraum mitzunehmen. Dann öffnete ihr ein anderer Beamter ein schmiedeeisernes Tor.
„Links sind die Toiletten. Gegenüber ist der Warteraum!“, deutete er ihr. Isa dankte höflich. Sie kam sich wie auf einem fremden Planten vor, auf dem es kein Lachen und keine Wärme gab. Alles wirkte karg, nirgendwo hing ein Gemälde oder ein Kreuz. Die weißen Wände und der graue Steinboden spiegelten Nüchternheit und Kälte wider. Ihre Schritte hallten im Flur. Sie spürte die Blicke der Beamten an ihrem Rücken haften.
Die Toilette war mit dem Notwendigsten ausgestattet. Vermutlich störte niemand die schwarze gebrochene Klobrille. Aus dem Hahn floss nur kaltes Wasser und ein abgenutztes Handtuch hing daneben.
„Was hast du denn erwartet?“, fragte sie sich. „Du bist hier nicht in einem Hotel!“
In einem billigen Spiegel kontrollierte sie ihr Aussehen und die Frisur. Mit Erstaunen registrierte sie eine wachsende Nervosität in ihr aufsteigen. Isa schnaufte zweimal tief durch. Dann öffnete sie voller Spannung die Tür zum Wartezimmer. In einem langen, schmalen Raum, gefüllt mit stickiger Luft, saßen bereits Angehörige von Inhaftierten. Es waren überwiegend Frauen mit Kindern, die sich in einer fremden Sprache unterhielten. Isa sagte leise: „Grüß Gott!“, erhielt aber kein Echo.
Ganz hinten am Fenster war noch ein Tisch frei. Sie würde erst drankommen, wenn man „Besuch für Link“ ausrief. Diese Vorgehensweise hatte sie bei den anderen beobachtet, die vor ihr dran waren.
Nervosität füllten ihre Hände mit Schweiß. Sie kam sich wie ein Fremdkörper vor und musterte den verkratzten Holztisch. Es war ihr peinlich hier zu sitzen. Sie fühlte sich hilflos und blickte um sich. Ein alter grob gestrickter Pulli wurde von einem Garderobenhaken durchbohrt. Es schien, als würde er schon ewige Zeiten hier hängen und keiner scherte sich drum. Isa wusste nicht mehr wo sie hinsehen sollte, denn zum Lesen gab es nichts. Aus dem Fenster schauen ging auch nicht, denn das Milchglas hielt den Blick im Raum gefangen.
„Meine Güte, wird man als Besucher denn mit bestraft?“, gewann Isa den Eindruck. Die Zeit schlich nur so dahin. Es waren noch vier Personen vor ihr dran.
Endlich ertönte „Link“ aus dem Lautsprecher und Isas Herz machte einen Satz. Wie zu Befehl stand sie auf und steuerte die Holztür an. Das hatte sie bei den anderen Besuchern abgeschaut. Erst wenn die Tür summte drückte man dagegen und durfte eintreten. Isa atmete ganz flach als sie in eine andere Welt wechselte und diese besondere Schwelle überwand. Jetzt trat sie in einen warmen Raum, gefüllt mit Zigarettenrauch, der mit langen Neonröhren beleuchtet wurde. Einfache Holztische und Stühle standen im Zimmer verteilt. Ein Beamter zu ihrer Linken sagte: „Grüß Gott!“, und zeigte auf einen Mann. „Das ist ein bisschen wie die Sendung „Herzblatt“!“, dachte Isa unwillkürlich.
Und da stand er nun, der vertraute Brieffreund Rudi, der es fertig gebrachte hatte, sie in ein Gefängnis zu locken. Rudi lächelte sie an und schüttelte ihre Hand. Sein Händedruck war kräftig, die Haut eher zart. Wortlos zog er sie an einen freien Tisch, möglichst weit weg von dem Beamten, der auf einem kleinen Podest thronte und den Raum überwachte. Rudi war blass und musste an Gewicht zugelegt haben, seit der Aufnahme des Fotos.
„Du siehst müde aus!“ Was Besseres fiel Isa nicht ein.
„Ich konnte vor Aufregung kaum schlafen!“ Jetzt hörte sie zum ersten Mal seine Stimme. Sie hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Überrascht vernahm sie einen fränkischen Dialekt in einer mittleren Tonlage. Der Duft von getragener Wäsche stieg in ihre Nase. Abwartend schaute sie ihn an. Auch er wirkte unsicher. „Hast du Geld für Getränke dabei?“
„Ja, was willst du denn?“
„Eine Cola und wenn´s reicht, ne Schachtel Benson and Hedges!“ Isa war froh etwas tun zu können und bahnte sich den Weg zum Automaten. Sie fühlte sich von allen Seiten beobachtet. Der Beamte in der Nähe schenkte ihr ein wenig Sicherheit zwischen all den Verbrechern und Mördern, die hier ganz friedlich an Tischen saßen und mit Angehörigen plauderten.
„Es ist mir peinlich, dass ich für unser erstes Treffen keinen schöneren Ort bieten kann! Aber das wird sich bald ändern.“
„Wie lange hast du noch zu sitzen?“
„Knapp zwei Jahre. Aber ich hoffe auf eine Verlegung in ein anderes Bundesland. Am besten nach Schleswig Holstein. Dort sind die Haftbedingungen viel lockerer, als hier in Bayern. Auch könnte ich mit einer vorzeitigen Entlassung rechnen!“ Rudis feine Finger lösten die Folien der goldenen Zigarettenschachtel. Mit einem langen Sog zündete er sich eine Zigarette an.
„Rauchst du?“ Er hielt ihr die Schachtel entgegen.
„Nein! Ich habe nie geraucht!“ Isa winkte ab.
„Du hast nicht zufällig eine Freundin in Norddeutschland wohnen, die sich als meine Scheinverlobte ausgeben könnte?“, fragte er seelenruhig.
„Wie?“ Isa hatte mit solch einer Frage nicht gerechnet, aber sie überlegte brav, ob überhaupt jemand aus ihrem Freundeskreis dort oben wohnte.
„Ne, tut mir leid! Da ist niemand.“
„Schade! Habe ich mir schon gedacht!“ Rudi sog an der Zigarette, bis die Glut den Filter erreichte. Dann drückte er die Kippe aus und legte seine warmen Hände über ihre, die sie wie zum Gebet auf dem Tisch gefaltet hielt. Die Berührung empfand sie als angenehm und hielt still.
„So, meine wunderschöne Bella!“, begann Rudi freundlich. „Vielen Dank, dass du heute gekommen bist! Ich fühle mich sehr wohl und vertraut in deiner Nähe!“ Er setzte sich zurück und ließ ihre Hände wieder frei.
„Ich verspreche dir, wenn ich mal draußen bin, lade ich dich zum Essen ein. Dann feiern wir diesen besonderen Tag nach. Ich kenne so unglaublich wunderschöne Ecken auf dieser Welt. Karibik, Thailand, Südafrika…hm! Werde ich dir alles zeigen, musst nur ein wenig Geduld haben! So eine tolle Frau wie du, muss ein Mann täglich verwöhnen!“ Isa lachte kurz auf.
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