Isa ahnte in etwa, auf welchen Frauentyp Josef zurzeit stand. Jedenfalls müsste sie ästhetisch sein und in den Proportionen harmonieren. Er hatte schon immer eine Vorliebe für Rothaarige gezeigt. Ihr Wesen dürfe eine Prise ordinär, auch vulgär sein, aber immer noch auf gehobenem Niveau. Ist sie zu billig und primitiv, verliert er rasch das Interesse. Dies mache wohl die Suche nach der geeigneten Partnerin schwierig, vermute sie. Aber mit diesem Thema wolle sie sich nicht lange aufhalten, schrieb sie ihrem Brieffreund, denn es versetze ihr Stiche im Herzen.
Isas und Rudis Korrespondenz florierte.
Ihr Bedarf an Briefmarken nahm enorm zu. Zusätzlich musste sie den armen Häftling ordentlich mit den kostbaren Papierschnitzeln füttern. Des Öfteren steckte sie sogar 30 oder 50 Euro zwischen das Briefpapier, wenn er mal wieder seine Wochenration frühzeitig verbraucht hatte, oder Schulden an Mitgefangene abzahlen musste. Sie machte diese kleinen Geschenke gerne und glaubte echte Hilfe zu leisten.
Die Spannung stieg und es knisterte zwischen den Zeilen. Übermorgen würde sie zu ihm in die Anstalt fahren und einen lebendigen Rudi zum Anfassen bekommen. Wie aufregend! Isa war stolz die Angst vor dem Neuem überwunden zu haben. Keiner der Familie schöpfte Verdacht. So fiel es auch nicht auf, wenn Isa in bester Laune die alltäglichen Aufgaben vollbrachte. Den Kontakt mit Rudi wertete sie als echten Glücksfall.
Auf dem Weg zu Traudl hielt sie bei einer Konditorei an und kaufte eine bunte Palette an Kalorienbomben. Traudl wartete mit Kaffee auf sie. Ihre Freundin wohnte am anderen Ende der Stadt in einem komfortablen Einfamilienhaus. Dort verbrachte sie mit ihren drei Kindern die Zeit überwiegend alleine, denn ihr Mann war oft monatelang als Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes unterwegs. Aber das störte Traudl kaum und kümmerte sich intensiv um die Kinder.
Isa hängte ihre Jacke an die Garderobe, während Traudl aus dem Wohn-Ess-Zimmer zu ihr sprach. Ein langer, weiß gefliester Flur führte in den großen Wohnraum. Zuvor konnte man in die Küche abzweigen. Als Isa gerade diesen Bereich passieren wollte, zuckte sie zusammen und blieb abrupt stehen. Ein dunkelgrauer, lebendiger Mopp kam aus der Küche gehoppelt und lief ihr direkt vor die Füße. Mit einem lauten „HUCH!“ blickte sie auf das unförmige Zotteltier.
„Was ist passiert?“, rief Traudl. Sie steckte ihren Kopf in den Flur und lachte sogleich: „Keine Angst! Der Hund tut nichts. Er heißt Hubertus und gehört meiner Mutter. Ich habe dir doch davon erzählt!“ Isa fasste sich schnell.
„Ich habe auch keine Angst! Er stand nur plötzlich im Weg und ehrlich gesagt, ist er nicht gleich als Hund erkennbar!“ Meine Güte, ist das Viech hässlich, dachte sie insgeheim. Ein müdes Hundeaugenpaar blickte sie gelangweilt an und der kleine Kerl blieb einfach mitten im Weg stehen.
„Hubertus komm! Jetzt komm, beweg dich!“, befahl Traudl mit lauter Stimme, aber der Hund wackelte nicht einmal mit dem Ohr. Isa stieg über ihn hinweg.
„Du, ich glaube, der weiß gar nicht, dass er Hubertus heißt! Welch ein großer Name für einen Wackeldackel!“ Isa schüttelte den Kopf. „Deine Zugehfrau ist sicherlich hocherfreut über die bewegliche Putzhilfe. Der fegt mit seinem Hängebauch alle Flusen zusammen. Da muss sie ihn nur noch kräftig ausschütteln und Hund und Boden sind sauber!“ Isa amüsierte sich über diese Vorstellung.
„Ja der arme Wuffi! Meiner Mutter ist sein Aussehen egal. Wasser und Shampoo hat der wohl noch nie gesehen. Aber Fressen ist seine große Leidenschaft und jede Art von Bewegung ist ihm ein Greul!“
„Na, ich denke da gibt es viele Menschen, die den gleichen Lebensstil pflegen!“ Beide lachten. Der runde Kaffeetisch war für vier Personen gedeckt.
„Wen hast du sonst noch eingeladen?“, wollte Isa wissen.
„Frau Breuer-Ochs und meine Heilpraktikerin!“
„Oh nein, die Breuer! Du weißt doch, dass ich die Frau mit ihrem großspurigem Gehabe nicht ausstehen kann!“ Isa war enttäuscht.
„Ach Isa, da stehst du doch locker drüber, oder?“ Und schon klingelte es an der Tür. Missmutig setzte sich Isa an den Tisch und bereitete sich auf eine angespannte Stunde vor. Während im Flur Traudl die anderen Damen empfing und alle laut durcheinander plapperten, musterte Isa die Rüschchen-Tischdecke. Unwillkürlich dachte sie an Traudls Hochzeitskleid. Eigentlich war Josefs Vorschlag gar nicht so übel. Dieser Gedanke erheiterte sie wieder.
Dann begrüßte sie die beiden anderen Gäste und überspielte ihre Antipathie. Frau Breuer-Ochs führte von Beginn an das Wort und unterhielt sich ausschließlich mit Traudl. Die Heilpraktikerin verdiente vermutlich zu wenig Geld, um nur ein Wort an sie zu verschwenden. Und Isa neidete sie den tollen Mann, oder hegte Missachtung, weil sie nur als medizinisch technische Assistentin gearbeitet hatte und keine Studierte war, so wie Frau Sozialpädagogin Breuer-Ochs.
Zum Glück erschienen kurze Zeit später Traudls Kinder. Alle drei stürmten in die Wohnung, als es zu regnen begann. Wie die Orgelpfeifen standen sie vor dem Kaffeetisch. Frau Breuer-Ochs verlor in diesem Moment alle Aufmerksamkeit, denn die Kinder posaunten ihre Forderungen aus.
„Mama, ich habe Durst!“, rief die Mittlere.
„Wo ist denn der Hubi!“, fragte der Älteste.
„Du meinst Berti!“, verbesserte ihn die Mittlere. Isa war die einzige, die den Kinderansturm begrüßte und nutzte die Gelegenheit zur Flucht: „Okay! Alle in die Küche mitkommen zum Kakaotrinken und Kuchenfuttern!“
„Jaaa...!“ Die Rasselbande stürzte in die Küche und drängte sich um die Anrichte. Nur die Kleinste packte den Hubertus, der die heruntergefallenen Kuchenkrümel aufschleckte. Ihre speckigen Kinderarme wurden von dem Schmuddelhund völlig überdeckt. Die Kleine schien überglücklich und verkündete laut: „Ich habe dich lieb, Tussi!“
Jetzt wurde Isa klar, warum der Hund auf seinen Namen nicht hörte. Wie sollte er auch, wenn jeder nach ihm anders rief. Hubi, Berti, Tussi!
Am liebsten aßen die Kinder Marmorkuchen. Sie stopften ihre Münder voll und Ruhe kehrte ein. Nach ein paar Minuten fragte Isa: „Seid ihr alle satt?“
„Hm, hm!“ Die Kinder nickten.
„Dann seid brav und geht in eure Zimmer. Die Mama hat noch Besuch!“
„Ist gut Tante Isar!“ Isa schmunzelte und schickte die Meute die Treppe hoch. Dann zog sie die Schiebetür zum Esszimmer auf.
„Traudl? Ich muss jetzt gehen! Brauchst nicht mit an die Tür. Ich weiß wo es lang geht. Vielen Dank! Und bis bald!“
„Servus Isar!“ Traudl verstand und zwinkerte ihr kurz zu.
Isa schritt den langen Flur zur Garderobe. Sie zog ihre Jacke über und sprang zum Wagen. Mit verschränkten Armen suchte sie Schutz vor dem garstigen Wind. Nur schnell weg! Irgendwas machte sie ruhelos. Ihre Gedanken weilten ständig bei Rudi. Was er wohl gerade tat? Wie schaut es in einem Gefängnis überhaupt aus? Wie sehen Kriminelle aus? Ist es dort gefährlich? Was würde geschehen, wenn Josef dahinter käme? Zu viele Fragen kreisten wie ein Karussell in ihrem Kopf. Aber noch herrschte eine Atmosphäre, die sie als Abenteuer empfand.
Samstag, sechs Uhr morgens, sprang der Radiowecker an. Isa lag bereits seit einer halben Stunde wach. Ihre innere Uhr weckte sie immer früher, wenn es um einen wichtigen Termin ging. Heute war es so weit, in ein paar Stunden würde sie Rudi treffen. Voller Enthusiasmus und Leichtigkeit hüpfte sie aus dem warmen Bett und gleich unter die Dusche.
Was ziehe ich nur an, überlegte sie unter den Wasserstrahlen. Sie entschied sich für eine weiße Bluse, eine enge Jeans gehalten von einem teuren Westerngürtel. Die schwarzen Stiefeletten passten prima zur schwarzen Nappalederjacke. Eine ganz normale Alltagstracht. Selbst mit 70 würde sie noch so rumlaufen. „Ja, das bin ich – keine Show!“ Isa drehte sich zufrieden vor dem Spiegel.
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