Ich sehe auf meine Hände und Tränen schießen mir in die Augen. Verfluchte Alben! Welch unglückliches Schicksal hat uns in eure Hände gegeben? Was kann ich tun, um mein Volk zu retten? Vielleicht sehen wir in naher oder ferner Zukunft alle so aus, wenn wir fortwährend dieser Macht ausgesetzt sind; so nah am Berg.
Zunächst will ich mich umsehen, wie mir Alamon aufgetragen hat. Es könnte ja sein, dass mir dabei etwas einfällt. Doch, wohin ich auch blicke, nur Geröll des letzten Ausbruchs in verschiedenster Größe. Gigantische Brocken bis zum kleinsten zerriebenen Sandbröckchen. Da ist nichts Besonderes, nichts Auffälliges lässt sich entdecken. Bis auf …
In der gegenüber liegenden Seite erkenne ich durch den momentanen Lichteinfall eine Spalte im Fels. Jetzt, wo ich die eine Öffnung entdeckt habe, sehe ich immer mehr dieser Risse. Eine liegt nicht besonders hoch und ich erklimme recht leicht die Wand. Neugierig stecke ich meinen Kopf in das Loch und augenblicklich nimmt ein durchdringender Gestank mir den Atem. So etwas habe ich noch nie gerochen. Am nächsten kommt der Vergleich mit etwas fauligem. Nur mit einer Hand haltend baumele ich im Fels und ringe nach Atem. Widerwillig blicke ich zum Loch, hole tief Luft und sehe erneut hinein. Ein vergebliches Unterfangen, denn in dieser schwarzen Bodenlosigkeit ist überhaupt nichts auszumachen. Die anderen naheliegenden Spalten lasse ich aus. Ich erwarte dort kein anderes Ergebnis. Von einer entfernteren größeren Öffnung im Fels verspreche ich mir mehr. Die Öffnung ist so breit, wie ich groß bin und liegt nur ein bisschen höher in der Kraterwand. Dadurch fällt ein wenig mehr Licht hinein, doch auch hier ist nur der faulige Geruch und gähnende Schwärze zu finden.
Ich gebe auf. Nichts außer Steinen ist hier zu finden und die erscheinen mir wenig interessant. Ich kehre zu Adlerblick zurück, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Er hat nicht verdient, derart offen liegen zu bleiben. Auch wenn in diesen Krater kein anderes Lebewesen kommt gehört es sich, ihn zu bestatten. Ich lege seinen Leichnam leidlich gerade und bedecke ihn mit den Steinen, die um ihn herum liegen. Einen besonders großen will ich als Abschluss oben auflegen. Er ist sehr schwer und Wakan-Tanga will es, dass er mir aus den Händen gleitet und heftig auf dem Boden aufschlägt. Er zerbricht und legt ein, in vielen Farben schillerndes, glänzendes Inneres frei.
Das muss es wohl sein, wonach ich für Alamon suchen soll. Ja, ich bin mir sicher. So schön wie dieser Brocken ist, kann es nur so sein. Eigentlich habe ich als Zierde für den Grabhügel ein Stück von Adlerblicks Hemd zurück behalten. Dies nutze ich nun, um den Stein einzuwickeln und mir um den Leib zu binden. Jetzt schnell hier heraus. Vielleicht zeigt sich Alamon gnädig und lässt uns ziehen, wenn wir viele der glänzenden Steine besorgen. Ein Blick gen Himmel aber sagt mir, dass es für einen Aufbruch nun zu spät ist und so verbringe ich eine weitere Nacht am Boden des Kraters.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. Es ist hier alles sehr merkwürdig. Sonst bin ich mit dem ersten Licht schon wach. Ich habe auch weder Hunger noch Durst. Ob ich vielleicht doch mein Volk hier hinein führen sollte? Wir sähen dann zwar fürchterlich aus, wären aber vor den Alben in Sicherheit. Lebenslang hier unten zu vegetieren erscheint mir aber auch nicht sehr erstrebenswert. Erneut binde ich mir den Stein um und beginne dann mit dem Aufstieg. Fast wie erwartet, verändern sich Haut und Nägel wieder zurück. Wahrscheinlich sieht auch der Rest von mir nun wieder aus wie Lachsfänger auszusehen hat. Durch diese Rückbildung werde ich schlanker und fast wäre mir der Gesteinsbrocken in den Krater zurück gefallen. Fast im letzten Moment erst bemerke ich es. Ausgerechnet hier, wo ich kaum einen Stand habe und selbst dicht an die Wand geschmiegt hinten über kippe, wenn ich nicht mindestens eine Hand zum Halten nutze. Ich kann nur das umgebundene Tuch hoch ziehen und mit einer Hand versuchen, den Knoten fester nachzuziehen. Ungeheuer schwer wird so mein Weg nach oben. Quälend langsam erscheint mir mein Vorwärtskommen.
Endlich habe ich eine Stelle erreicht, an der ich sicher stehen kann und beide Hände frei habe. Schnell ist der bunte Stein dicht an meinem Körper gesichert. So fällt mir auch das Klettern wieder leichter und schon bald verspüre ich die neugierig tastenden Gedanken Alamons. Schnell ist er über die Geschehnisse, der letzten Tage informiert. Es ist erstaunlich, wie einfach man auf diese Weise Nachrichten austauschen kann. Doch es ist auch so ungemein deprimierend, nicht einen einzigen eigenen Gedanken haben zu können. Man fühlt sich geistig nackt und bloß.
Ein bekannter Geruch verlangt nach meiner Aufmerksamkeit. Faul! Ich sehe nach unten und erkenne, dass aus einigen der Öffnungen feiner Rauch aufsteigt, der so stinkt. Der wird doch nicht gerade jetzt ausbrechen wollen, schießt es mir mit Entsetzen durch den Kopf.
Dann solltest du dich beeilen, wenn du mir deinen Stein schenken willst, höre ich Alamons Gedanken.
So schnell als nur möglich erklimme ich den Kraterrand. Der Rauch hat nicht weiter zugenommen. Glück gehabt.
Mit zügigen Schritten eile ich den Vulkan hinab. Mein Volk ist auf mich aufmerksam gemacht worden und schleunigst eilen alle vor die Eishütten. Kein Ton kommt über ihre Lippen. Mit unbewegten Minen schauen sie mir nahezu unbeteiligt hinterher, als ich durch ihre Mitte gehe. Beängstigend. Sehen so lebende Tote aus?
Die Verbannten bilden einen großen Kreis um uns.
Dann komme ich vor dem Albenfürsten zu stehen. Selbstverständlich in dem gebührenden Abstand. Warum stehen Lieblicher Sonnenstrahl und Morgentau neben ihm? Ich sehe die Angst in ihren Augen. Furchtsam klammern sie sich aneinander. So stolze und starke Frauen waren sie einst; ein kümmerliches Bild sind sie nun. Was ist in diesen zwei Tagen hier geschehen? Leicht schüttelt Lieblicher Sonnenstrahl den Kopf, als wolle sie mir etwas sagen, aber ich verstehe es nicht.
Umständlich nestle ich bei diesen Gedanken den Stein aus dem Tuch und zeige ihn Alamon mit weit vorgestreckten Armen.
Dies ist, was ich am Kraterboden fand, Alamon, sage ich.
Ein Wunder, Lachsfänger. Wirklich, ein großes Wunder. Du findest im Vulkan einen Stein. Und so außergewöhnlich einfach und grau. Dafür brauchtest du zwei Tage? Du enttäuschst mich. Ich glaube, dafür muss ich nun eine deiner beiden Frauen bestrafen. Du darfst wählen, welche für deine Unfähigkeit leiden muss, sagt Alamon höhnisch.
Voll Entsetzen schaue ich zwischen dem Alben und meinen Frauen hin und her. Dann besehe ich mir den Stein. Tatsächlich, er hat jegliche Farbe verloren. Intuitiv und voller Wut schleudere ich den Stein in Richtung des Albenfürsten. Der hat aber wohl schon diesen Angriff erwartet und hält, augenscheinlich ohne große Anstrengung, die Zwei als Schutzschild vor sich. Dabei schweben sie leicht über dem Boden. Lieblicher Sonnenstrahl wird direkt zwischen den Augen getroffen. Der Schlag ist so heftig, dass sofort ihr Blut spritzt.
Alamon schleudert die zwei Frauen von sich und während Morgentau den Sturz abfängt und wieder auf die Beine kommt, bleibt Lieblicher Sonnenstahl verkrümmt und leblos mir zu Füßen liegen. Ihre gebrochenen Augen starren mich an. Ich bin wie gelähmt.
Von meinem Volk ist kein Ton zu hören. Keiner erhebt sich gegen Alamon. Bin ich allein fähig, sich zu bewegen? Was ist mit euch?
Ergreift ihn, ruft Alamon laut und aus den Reihen der Verbannten eilen zwei Mann heraus und packen mich fest an den Armen. Ich versuche, mich gegen ihren Griff zu wehren, doch es gelingt mir nicht.
Hört mich an, erhebt Alamon erneut seine Stimme. Von nun an werdet ihr unser Volk sein. Ihr werdet uns bedingungslos dienen, für uns kämpfen und für uns sterben. Und eines Tages wird euch durch uns die Erde gehören.
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