Alamon spricht zu uns: Sicherlich würden unsere Diener es freudig begrüßen, würden wir euch nun allesamt auf den Berg jagen, uns etwas von der Kraft, die in diesem Vulkan schlummert, zu holen. Es gäbe herrliche Kämpfe, denn jeder wöllte der Erste sein. Aber wir haben größeres mit euch vor. Ihr sollt unser Volk werden, das wir mehren wollen und mit dem wir gegen die Götter Krieg führen wollen. Daher begnügen wir uns damit, einen Einzigen zu beauftragen. Nun, wen nehmen wir denn?
Mit diesen Worten ist der Albenfürst einfach so in unseren Haufen hinein gegangen. Wären wir frei in unserem Willen, er käme nicht mehr lebendig aus unserer Mitte heraus. So aber hat er Macht über uns und kann sicher sein, dass ihm kein Leid geschieht. Jeder weicht vor ihm zur Seite und ein breiter Weg entsteht. Vor Hauptling Adlerblick bleibt er stehen.
Natürlich, sagt er. Wer ist besser für solch eine gefährliche Arbeit geeignet, als der Oberste dieses Stammes.
Er legt ihm seinen Arm auf die Schulter, vielleicht aber auch nur die Hand. Sie steckt tief im Ärmel und ist nicht zu sehen.
Nun lieber Adlerblick, dir gebührt die Ehre auf den Berg und in den Krater hinab zu steigen. Dort sollte dir auffallen, was uns von Wert ist. Finde es und bring es mir. Beeile dich.
Unser Häuptling hat gänzlich die Gesichtsfarbe verloren. So blass habe ich noch keinen unseres Volkes gesehen. Er wendet sich wortlos um und läuft eiligst los. Der Berg war damals noch nicht so hoch wie heute. Noch wurde nicht allzu viel Lava aufgeschüttet.
Wir sehen zu, bis er oben am Rand angekommen ist. Dann steigt er hinein. Die Alben und ihre Schergen lassen uns allein. Wortlos warten wir. Nicht im Geringsten kommt ein Wille zum Widerstand auf. Wir haben uns nichts zu sagen.
Am Erschrecken einiger unserer Gruppe erkenne ich, dass erneut ein Alb erscheint. Ich spüre es förmlich. Wen werden sie nun erwählen? Mit Bangen erwarte ich, meinen Namen zu hören. Sie kennen uns. Vielleicht können sie unsere Gedanken lesen.
Warum denn eigentlich nicht. Du bist ein schlauer Kerl, höre ich Alamon in meinem Rücken. Dreh dich nur um zu mir. Du weißt, dass ich mit dir rede, Lachsfänger.
Ob ich will oder nicht, ich muss ihn ansehen.
Der Auftrag ist der Gleiche. Doch gib acht, dass du nicht auch abstürzt, Sonst schick ich dir deine beiden Weiber hinterher, droht er.
Willenlos gleich einer Puppe mach ich mich auf den Weg. Je höher ich komme, desto freier fühle ich mich wieder. Der Bann Alamons lässt nach. Ich kann frei denken. Offensichtlich können die Alben und ihre fürchterlichen Diener nicht hierher. Vermutlich haben sie hier keine Macht. Ich müsste unseren Stamm hierher bringen. Irgendwie würde sich dann vielleicht ein Weg finden, den Alben zu entkommen.
Ich hab ja schon gesagt, dass du ein schlauer Kerl bist, drängt sich Alamons Stimme in meine Gedanken. Der Ton passt überhaupt nicht zu der Abneigung, die ich gegenüber dem Alben empfinde. Er wirkt offen und ehrlich. Was bedeutet das?
Vergiss alle Fluchtpläne, vernehme ich weiter seine Gedanken.. Wer den Krater verlässt, wird sofort wieder von uns bemerkt. Ihr würdet elendig verhungern. Oder ihr wartet auf den nächsten Ausbruch. Dann können wir in weitem Umkreis eure gebratenen Gebeine aufsammeln und unseren Dienern schenken. Vielleicht schmeckt ihnen in Vulkanfeuer gebratenes Menschenfleisch.
Auch wenn diese Unterhaltung tonlos war, empfinde ich doch die Häme, die darin steckt. Ich drehe mich um. Meine Leute sind ein Haufen kleiner Wesen. Irgendwo weit abseits sehe ich den schwarzen Fleck im weißen Schnee, der wahrscheinlich Alamon heißt.
Ich zucke mit den Schultern und erkenne unsere Ohnmacht. Unser Schicksal ist besiegelt.
Der Abstieg ist zunächst leichter als erwartet. Hier kann man eigentlich nicht abstürzen. Sagt, Alamon, was ist mit Adlerblick geschehen, will ich wissen. Und dabei will ich auch erkennen, ob irgendwann seine Gedanken mich nicht mehr erreichen.
Du hast recht, er ist nicht abgestürzt. Er hat sich das Leben genommen, der Spaßverderber, bekomme ich zur Antwort.
Warum?
Das wirst du noch früh genug selbst erkennen. Klettere weiter.
Allmählich wird der Abstieg schwieriger, denn ich finde immer weniger Möglichkeiten, mich festzuhalten. Kräftemäßig aber wird es immer leichter, so als würden meine Muskeln erstarken, obwohl mein Körper mehr und mehr schmerzt. Schon vor geraumer Zeit habe ich meine Fäustlinge ausgezogen, um besser greifen zu können. Der Fels wird wärmer. Je tiefer ich komme, desto größer sind die Schmerzen in jeder Faser meines Körpers. Beim nächsten Griff bemerke ich, dass meine Haut dunkler wird und ich sehe meine Hand, die Finger, alles wird breiter, muskulöser, stärker. Zudem sprießen Haare, wo früher glatte Haut war. Die Nägel werden krallenartig lang und hart, behindern aber nicht das Greifen, sodass ich weiter, nein, sogar leichter mich am Fels halten kann.
Was ist das? Was passiert mit mir, Alamon?
Du wirst respektlos, Lachsfänger. Wo bleibt der mir gebührende Titel? Wie wär es mit Albenfürst? Du wirst es noch lernen.
Um deine Frage zu beantworten: Du badest soeben in unser aller Macht.
Eure Macht? Erzählt mir mehr, Fürst der Alben, frage ich nach.
Na also, geht doch.
Alamon scheint amüsiert zu sein.
Dir alles zu erzählen dauert zu lange. Es soll dir genügen zu wissen, dass wir Alben an diesen Berg gefesselt sind, denn unsere Lebenskraft und die Kraft unserer Magie, alles das wurde im Boden tief versenkt. Daraufhin hat sich der Vulkan gebildet, weil die Erde sich gegen diesen Eingriff wehrt. Mit jedem Ausbruch werden kleine Teilchen davon heraus geschleudert. Ich will wissen, ob es jetzt einen Zugang in den Fels gibt. Ob sich irgendeine Höhle oder dergleichen finden lässt.
Ich spüre, dass du schon sehr bald außerhalb meines Bereiches bist, in dem ich dich erreichen kann. Sieh dich gründlich um, ob du etwas Besonderes entdeckst, gleich, wie es aussieht. Versuch dein Glück. Es soll dein Schaden nicht sein. Ich warte auf dich und wenn du Erfolg hast, mache ich einen ganz Großen aus dir.
Ich fühle den Druck in meinem Kopf schwinden. Darf ich deswegen nun glauben, ich sei für mich allein? So ganz allein? Zunächst kümmere ich mich erst einmal um meinen Abstieg auf den Grund des Vulkans. Inwendig geht es deutlich tiefer hinab, als von außen hinauf.
Als ich unten angekommen bin, sehe ich, dass sich mein ganzer Körper verändert hat. Es erschreckt mich zu tiefst. Soweit unbedeckt sehe ich auf der Haut fellähnliche Behaarung. Nicht sehr lang, aber dicht und wärmend. Die Hände erinnern mich entfernt an tierische Krallen an dicken Pranken. Doch die Finger sind weiterhin ausgebildet und ich spüre eine enorme Kraft, als ich einen Stein neben mir aufhebe. In geringer Entfernung sehe ich in der beginnenden Dämmerung ein dunkles Bündel liegen. Es ist nicht mehr hell genug, als ich es erreiche und ich muss die Untersuchung auf morgen verschieben.
Ich kauere mich auf den Boden wie ein kleines Kind und schlafe traumlos.
* * * * *
Beim ersten Morgenlicht erwache ich. Was ich für ein Bündel hielt, ist tatsächlich ein menschliches Wesen, das an einem dicken Felsbrocken liegt, als habe es sich darum gekauert und wolle es nicht mehr loslassen. Ich löse die Umklammerung und drehe es auf den Rücken. Voll Entsetzen stelle ich fest, dass das Bündel Häuptling Adlerblick ist. Oder sollte ich sagen, er war es? Ich erkenne ihn nur an den Gewandfetzen, die noch an ihm hängen. Er hat sich sehr verändert, um es gelinde auszudrücken.
Haare an jeglicher Körperstelle. Das Haupthaar schwarz und zottelig. Muskulös, Krallenpranken statt Händen. Widerwillig muss ich Übereinstimmungen mit meinen Händen und Armen zugeben.
So also sehe wohl auch ich aus. Die Ohren sind klein und erinnern an einen Kojoten. Die Knochen über den Augen haben sich stark nach vorn geschoben und überschatten nun enorm die Augen. Das Nasenbein wirkt dadurch als läge es tiefer. Es mündet in einer Nase, der man anscheinend die Spitze abgeschnitten hat. Weit offen liegen die Nasenlöcher. Die Augen hat er im Tod weit aufgerissen und ich blicke in starre schwarze Augen. So schwarz, dass man nicht einmal einen Unterschied zur Pupille feststellen kann. Die Lippen liegen wulstig über den nach vorne erweiterten Kiefern. Adlerblicks Kiefer ist mehrfach gebrochen und geben den Blick auf mehr als die üblichen Zähne frei. Es wirkt wie ein Raubtiergebiss und hat tatsächlich stark ausgebildete Reißzähne. In seinem Körper gibt es wohl kaum noch einen heilen Knochen. Arme und Beine liegen völlig verdreht neben dem geschundenen Leib. Insgesamt ist der Tote gegenüber seinen Lebzeiten einiges kleiner, dafür aber deutlich breiter geworden. Ein Wunder, dass der Schädel bei seinem Sturz nicht völlig zu Matsch wurde. Das Blut seiner offenen Wunden ist rot und getrocknet. Wenigstens die Farbe des Lebenssaftes ist noch geblieben. Sonst hat dieses tote Wesen vor mir kaum noch etwas mit dem alten Häuptling gemein.
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