>Hütet euch vor der schwarzen< hörte ich noch die letzten Worte von Stummer Fisch. Meinte er schwarze Gestalt? Meinte er jenes Wesen, das uns winkte? Adlerblick sah mich an. Er musste doch die Zweifel in meinem Gesicht sehen, oder nicht?
Auf mit euch. Wir werden erwartet. Es ist, wie unser alter Medewiwin vorausgesagt hat, rief er und übersah mein Kopfschütteln. Mir war absolut nicht wohl in meiner Haut, aber noch war ich nicht so mächtig und anerkannt wie mein Vorgänger. Noch durfte ich keinen Widerspruch wagen. Was hätte ich auch sagen sollen. Die Götter hätten mir eine Warnung zukommen lassen? Das wäre eine Lüge. Was hätte Stummer Fisch getan? Hätte er gelogen? Meine Überlegungen sind zwecklos. Sicherlich war unser Schicksal besiegelt.
Jeder nahm sein Bündel auf und stapfte hin zu diesem schwarzen Mann. Er kam uns wohl entgegen, denn der Abstand zwischen uns wurde schnell kleiner. Als wir in Rufweite waren hörten wir: Willkommen, ihr müden Wanderer.
Schließlich standen wir uns gegenüber.
Ein ganz herzliches Willkommen auf der Insel der gottgleichen Alben, begrüßt uns der Fremde. Der große Alamon freut sich, euch kennen zu lernen.
Das Wesen ist sichtbar auf uns zu gekommen, doch sehe ich dahinter keinerlei Spuren. Eine Gestalt, die in dieser Kälte nur einen leichten schwarzen Umhang trägt, ohne Spuren über Schnee wandeln kann und sich gottgleich nennt, muss ein Abgesandter Wakan-Tangas sein. Das sagt mir mein Gefühl und ich werfe mich ehrfürchtig in den Schnee. Auch die anderen meines Stammes tun es mir nach.
Erhebt euch, meine lieben Freunde, schmeichelt uns der Mann.
Vertrauen und Wärme breitet sich in meinem Körper aus. Mit strahlendem Gesicht blicke ich den Gesandten an. Allen anderen ergeht es ebenso.
Sicher seid ihr erschöpft und müde von der langen weiten Reise. Lasst mich euch Kraft geben, eure Last leichter zu tragen.
Kaum, dass er das gesagt hat meine ich, die größten Bäume ausreißen zu können, wären welche in der Nähe.
Folgt mir. Es ist noch ein gutes Stück Weg bis in unser Dorf.
Er dreht um und geht uns voraus. Tatsächlich: Keine Spur eines Fußes. Mit neuer Kraft fällt es uns nicht schwer, ihm zu folgen. Er hält genau auf einen großen Berg zu, über dem eine dicke Wolke hängt. Vorbei an seltsamen rundlichen Häusern aus Eis, die sich in großer Zahl um den Fuß des Berges finden, geht es immer näher an den Berg heran.
Ich sehe eine Gruppe von weiteren schwarz gewandeten Wesen, vor denen unser Führer schließlich halt macht. Die größte Gestalt tritt hervor und sagt:
Ich grüße euch, Fremde, und heiße euch auf unserer Insel willkommen. Ich bin Alamon, der Große.
Unverständliches Murren der anderen schwarz gekleideten. War das Zustimmung oder Widerspruch? Ich habe nichts verstanden. Natürlich, wie soll ich auch die Sprache von Göttlichen verstehen können. Es ist für mich schon ein Wunder, dass diese Wesen ganz offensichtlich unsere Sprache sehr gut beherrschen. So mancher Stamm in unserer alten Heimat war dazu nicht in der Lage.
Ein kurzer Wink nach hinten und das Murren verstummt.
Uns ist schon seit langem bekannt, dass ihr hier her kommen würdet, darum haben wir das große Meer für euch frieren lassen und euch den Weg bereitet. Seht wir haben auch Hütten errichtet, wie sie bei uns üblich sind. Darin könnt ihr euch ausruhen und neue Kraft sammeln, denn wir benötigen Hilfe von euch. Nur einen kleinen Dienst. Doch dazu später mehr. Nun suche sich ein jeder für sich und seine Familie ein Haus. Alsbald werden wir euch essen bringen lassen. Dass es euch an nichts fehlt, dafür werden unsere Helfer sorgen.
Alamon winkt und urplötzlich kriechen aus den Rundhütten unsäglich viele Wesen, die nicht alles Menschen sein können. Auch sie tragen schwarze Umhänge, aber im Gegensatz zu den gottgleichen Alben ist ihr Kopf sichtbar und unverhüllt.
Ja, dafür sorgen wir, grölen viele Mäuler und es klingt irgendwie hässlich.
Mit einem unsichtbaren aber spürbaren Lächeln neigt sich der große Alamon und gibt den Weg zu den zugewiesenen Hütten frei.
Im Augenblick kann ich nicht denken. Gleich einer Herde Vieh trotten wir los und verteilen uns.
Zuerst schaue ich, ob nicht jemand in dieser seltsamen Herberge auf uns wartet. Nein, sie ist völlig leer. Nacheinander kommen Morgentau und lieblicher Sonnenstrahl mit unserer Habe hinein. Während meine Zweitfrau unsere Sachen verteilt und Decken zum Sitzen auslegt, blickt mich meine Sonne fragend stumm an.
Du erwartest doch wohl jetzt nicht von mir eine Erklärung, oder? Ich habe nicht gesehen, was Stummer Fisch gesehen hat. Ich weiß nicht, ob das hier gut oder schlecht ist. Ich hab noch nicht mit Wakan-Tanga gesprochen.
Das wirst du auch nicht, mischt sich Morgentau ein. Du bist kein Medewiwin. Mein Vater war einer und was er sah war wahr. Du bist nur eine Puppe und ein Handlanger für Adlerblick, unseren Häuptling.
Dann sage mir doch, will ich wissen, was wir davon zu halten haben. War es das, was dein Vater gesehen hat? Was sollen wir hier in dieser unwirtlichen Welt?
Die einschmeichelnde besänftigende Wirkung der Worte des Alben ist verschwunden. Ich fühle mich äußerst unbehaglich und in Gefahr.
Niedergeschlagen muss Morgentau zugeben, dass sie darauf keine Antwort hat. Sie hat nur übersetzt, was ihr der Vater mit Zeichen gezeigt hat.
Hier, meine süßen Häppchen, leckeren Fisch für euch. Lasst es euch schmecken, plärrt eine hässliche Stimme von draußen und ein Bündel getrockneter Fisch fliegen herein. Er durftet recht gut und wir essen, trotz aller Ängste und Sorgen, gierig.
Diese Nacht machte ich kein Auge zu.“
„Für den Empfang hatten die Alben dafür gesorgt, dass die Verbannten sich in ihren Eishütten verstecken sollten und erst auf Geheiß Alamons hervor kommen sollten.“, reißt mich Gilbret aus den Bildern. Nun sollten die Schergen dafür Sorge tragen, dass keiner das Dorf verlassen könne. Aber es war ihnen verboten, den Menschen etwas anzutun. Noch war das böse Spiel für sie nicht eröffnet. Mit hässlichen und giftigen Bemerkungen durch die offenen Eingänge schüchterten sie die Neuankömmlinge ein. Sie johlen und lärmen zwischen den kalten Hütten, als gäbe es eine große Feier. Es wurde für alle eine unruhige und beängstigende Nacht.“
„In dieser Nacht nun“, fährt Gilbret fort, „berichtet Lunarus von seiner Entdeckung. Höchst erstaunt nimmt Alamon diese Nachricht zur Kenntnis und verfällt in tiefes Grübeln.
Das ändert an meinem Plan für morgen nichts, meint er dann. Ich muss wissen, ob unsere Macht im Krater irgendwie erreichbar ist. Für die weitere Verwendung der Menschen aber ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Ich habe da schon so meine Vorstellungen. Das wird die Verbannten überhaupt nicht erfreuen. Ihr vermeintliches Spielzeug wird am Ende mit ihnen spielen; sehr grausame Spiele.“
„Es kommt ein neuer Morgen.“, erzählt nun wieder Lachsfänger.
„Alles aus den Hütten, ruft Lunarus, der mit der weiteren Betreuung der Menschen bedacht wurde. Und wie wir betreut wurden. Nicht eine Minute wurden wir aus den Augen gelassen. Die Meute umlagerte uns wie eine Beute.“
Lachsfänger zeigt mir wieder packende Bilder. Mit langen Stangen schlagen die Verbannten auf die Dächer der Eishütten, um die Menschen heraus zu treiben.
„Furchtsam, wie gejagtes Wild, drängen wir uns zu einem wahllosen Haufen zusammen. Unseren Häuptling hat man irgendwo in der Mitte zu finden. Irgendwie ist es passiert, dass ich ganz vorne zu stehen komme.
Macht euch bereit, den großen Alamon mit freudigen Hochrufen zu begrüßen, verlangt Lunarus. Die Worte sind zwingend und keinem gelingt es, bei des Alben Anblick zu schweigen. Wir alle schreien unser Hoch aus vollem Halse. Sind wir noch einer eigenmächtigen Regung fähig? Ich glaube nicht. Zumindest nicht, solange wir uns einem schwarz Vermummten gegenüber sehen.
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