Fabian legte sich auf den Rücken und schloss die Augen. „Wüüa-Wümm, Wüüa-Wamm, Mjam-Mjam-Mjamm, Wüüüü“, sang Frau Schneider. Zwischen den einzelnen Tonfolgen machte sie Pausen, damit Fabian den Gesang wiederholen konnte. Frau Schneider massierte dabei sein Zwerchfell und triggerte kraftvoll seine Nackenmuskulatur.
„Das ist ein fieser Punkt, tut es hier weh?“, fragte sie. Es tat höllisch weh. Sie fand sein rechtes Schulterblatt, das seit einigen Tagen verspannt war und bearbeitete es, nichts entging ihr. Die Behandlung dauerte wohl zwanzig Minuten, andächtig lauschte Fabian dem Gesang seiner Therapeutin. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solch schöne Stimme singen gehört, schon gar nicht so nahe an seinem Ohr. Kraftvoll klar, warm und unbeschreiblich melodiös sang Frau Schneider. Ihre zierliche Gestalt ließ eine solch voluminöse Stimme nicht vermuten. Er fühlte, wie sich tief in seinem Inneren Spannungen lösten, von deren Existenz er nichts gewusst hatte. Es war ihm, als würde seine Seele aus einem Käfig befreit.
„So, setzen sie sich langsam hin und lassen sie noch einige Atemzüge durchgehen“, bat Frau Schneider. Fabian setzte sich benommen auf die Behandlungsliege und ließ die Beine baumeln.
„Wie fühlen sie sich?“
„Ich fühle mich sehr leicht, und eben merke ich, dass die Stimme viel weniger kratzig ist als vorhin, auch muss ich nicht mehr räuspern.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ja, ich höre es. Wir machen jetzt noch Sprech- und Atemübungen, dazu habe ich ein Gedicht ausgewählt.“
Es war das Gedicht ‚Der Mann im Mond‘ von Mascha Kaléko. Frau Schneider sprach jeweils eine Zeile auswendig vor, er musste nachsprechen und zuvor ganz langsam tief einatmen. In diesem Gedicht geht es um Träume, die der Mann im Mond allnächtlich an Silberschnüren in die Abendbäume hängt. Seine Frau, die Mondfrau, spinnt diese Träume passend für verschiedenste Menschen. Am Ende des Gedichts bekommt der Leser einen Traum geschenkt.
http://www.schulzens.de/Grundschule/Allgemeines/Gedichte_3/gedichte_3.html
Fabian gefiel es. Er fühlte, wie eine künstlerische Saite in seinem Inneren leise zu schwingen begann. Ein schönes Gedicht konnte bei ihm eine starke Wirkung entfalten, ihn ganz persönlich ansprechen. In seiner Phantasie verschmolzen dann Poesie und Realität. Wie schön, Frau Schneider schenkte ihm mittels eines Gedichts einen handgesponnenen Traum. Er war hier in einer wundersamen, wunderbaren Welt. Voll Heiterkeit und dem Nachhall schöner Töne in seinem Inneren trat er den Heimweg an.
Es regnete sintflutartig. Fabian nahm den Fuß vom Gas, der Scheibenwischer konnte die Wassermassen kaum noch bewältigen.
„Highway to hell, als ob die Welt gleich untergeht“, meinte Wolfram, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß. Wiederum ging die Fahrt auf der B 27 Richtung Süden, die Burg Hohenzollern lag bereits hinter ihnen. Sie passierten die Stadt Balingen, am Horizont tauchten die Bohrtürme einer großen Energieplantage auf. Der Wagen verließ die Bundesstraße, über viele Kilometer führte ihr Weg entlang des stark gesicherten Zauns der Anlage. Jenseits des Stacheldrahts wechselten sich Bohrtürme, riesige Silos, technische Anlagen und Gebäude ab. Ein Gewirr dicker Rohrleitungen schien die Infrastrukturen netzartig miteinander zu verbinden, aus dicken Schloten im Hintergrund stieg weißer Wasserdampf auf. Sie kamen an eine Einfahrt, die mit einem Rolltor gesichert war. Ein bewaffneter, uniformierter Mann verließ das Pförtnergebäude und kam auf sie zu. Fabian reichte die Terminbestätigung aus dem Fenster, draußen trommelte der Regen auf das Blechdach, unter dem ihr Wagen stand.
„In Ordnung“, sagte der uniformierte Mann. „Folgen sie der Straße etwa 200 m bis zum Verwaltungsgebäude, sie werden dort erwartet.“
Eine Sekretärin führte sie zum Büro des Niederlassungsleiters. „Jack Crown, es freut mich, sie im Namen der First German-American Fracking Company begrüßen zu dürfen.“ Ein hochgewachsener Mann von etwa 50 Jahren begrüßte sie in perfektem Deutsch mit leicht amerikanischem Akzent. Die Männer tauschten ihre Visitenkarten und ließen sich an einem Besprechungstisch nieder, auf dem eine Thermoskanne und Kaffeetassen standen. Fabian blickte auf die Visitenkarte seines Gesprächspartners.
First German-American Fracking Company Berlin, Chicago
Jack Crown
Managing Engineer Central Europe
war darauf zu lesen. Das in Gold geprägte Firmenlogo und der hochwertige Karton ließen wirtschaftlichen Erfolg und stolzes Selbstverständnis der Firma erahnen.
“Bei ihrer Reportage für das ‚International Energy Magazine‘ sind wir ihnen natürlich gerne behilflich. Ich denke, dass es sinnvoll ist, wenn wir ihnen zunächst einen Film über unsere Energieplantage zeigen“, fuhr der Amerikaner fort.
Herr Crown schenkte Kaffee ein und startete per Fernbedienung einen riesigen Bildschirm, der fast eine komplette Wand des Raums ausfüllte. Fabian und Wolfram machten sich Notizen. Alles an dieser Energieplantage war von monströsen Dimensionen. Über 100 Quadratkilometer war die Anlage groß, vor Betriebsaufnahme hatten mehrere Dörfer umgesiedelt werden müssen, die Einwohner hatten vom Konzern wegen des Verlusts ihrer Heimat großzügige Entschädigungszahlungen erhalten. Es folgte Filmaufnahmen von Pipelines mit Durchmessern, dass ein Kleinbus darin fahren könnte. Seit fünf Jahren war die Anlage in Betrieb, jährlich wurden mehrere Millionen Tonnen Öl und Gas gefördert, etwa die Hälfte der Vorräte schlummerten noch im Untergrund. Über zwei unterirdische Pipelines wurden die gewonnenen Rohstoffe zu einer Raffinerie nach Karlsruhe gepumpt und dort weiterverarbeitet. Die Präsentation war zu Ende, Herr Crown schlug eine Rundfahrt im firmeneigenen Geländewage über die Anlage vor. Draußen hatte der Regen weiter zugenommen, Hagel trommelte ohrenbetäubend auf das Dach des Fahrzeugs, die Insassen konnten sich nur schreiend unterhalten. Schemenhaft tauchten riesige Bohrtürme aus dem Regen auf.
„Wie tief bohren sie denn hier?“, brüllte Fabian gegen den Lärm an.
„Um an das Öl und Gas zu kommen, müssen wir etwa zwei Kilometer tief bohren, teilweise auch noch sehr viel tiefer, weil sich Öl und Gas entlang von natürlichen Risssystemen bis weit in das Grundgebirge hinein verlagert haben“, erklärte Mr. Crown.
Sie kamen an eine riesige Halle, die von Bohrtürmen umstanden war.
„Was geschieht hier?“, fragt Wolfram.
„Das ist einer der zahlreichen Plätze, wo wir aus Wasser, Quarzsand und Chemikalien die Frackingflüssigkeit herstellen. Die Flüssigkeit wird über Rohrleitungen zu den umliegenden Bohrlöchern gepumpt und dort mit Hilfe von Kompressoren in den Untergrund gepresst. Wir haben ein eigenes Wasserwerk, der Quarzsand wird über den eigenen Bahnanschluss angeliefert.“
„Welche Chemikalien werden für die Frackingflüssigkeit verwendet?“, wollte Fabian wissen.
„Das ist Betriebsgeheimnis. Ich kann ihnen nur sagen, dass ungiftige Zusätze auf Nanotechnologie-Basis enthalten sind, die dafür sorgen, dass die Flüssigkeit leichter ins Gestein gepresst werden kann“.
„Und die Kompressoren, mit welchen Betriebsdrücken arbeiten die?“, bohrte Fabian weiter nach. Herr Crown antwortete nicht, er hielt am Straßenrand an und blickte auf sein Smartphone, eben musste eine wichtige Nachricht eingegangen sein. Es folgte ein kurzes Telefonat in englischer Sprache.
„Gentlemen, wir müssen unsere Rundfahrt abbrechen, ich werde dringend im Büro gebraucht. Ich habe meine Sekretärin eben gebeten, ihnen unsere Standortpräsentation auszudrucken, diese enthält zahlreiche Informationen über unsere Anlage aus erster Hand.“ Er wendete den Geländewagen, in zügiger Fahrt ging es zurück. Auf der Rückfahrt telefonierte Herr Crown pausenlos, sie hatten keine Gelegenheit, weitere Frage zu stellen. Fabian war unzufrieden, er räusperte sich, die laute Unterhaltung hatte seiner angeschlagenen Stimme zugesetzt. Er wandte sich um und warf Wolfram, der auf dem Rücksitz saß, einen kurzen Blick zu. Auch ohne Worte bestand Einigkeit darüber, dass Herr Crown kein Interesse hatte, technische Details zum Betrieb der Anlage preiszugeben. Noch immer tosten Hagel und Regen. Bevor sie aus dem Geländewagen stiegen, verabschiedeten sich die Männer. Die Sekretärin erwartete sie mit Regenschirmen am Eingang des Verwaltungsgebäudes, die angekündigten Unterlagen hatte sie in einer Mappe mitgebracht. Fabian und Wolfram stiegen in ihr eigenes Fahrzeug, um die Heimreise anzutreten. Erst als sie das Rolltor der Anlage passiert hatten, kam die Unterhaltung in Gang.
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