„Bauschäden auf der Burg Hohenzollern – Denkmalbehörde prüft, ob Reparaturarbeiten nach Erdbeben 1978 ordnungsgemäß ausgeführt wurden“, las sie laut vor. Im Kommentar zum Artikel wurden Überlegungen angestellt, ob mangelhafte Reparaturarbeiten aus den 70erJahren tatsächlich die Ursache für den plötzlich eingetretenen Bauschaden sein konnten. Der befragte Sachverständige hielt dies für wenig wahrscheinlich. In diesem Fall, so führte er aus, wären zunächst kleine Risse aufgetreten, die sich ganz allmählich verbreitert hätten. Die Familie packte die Koffer, belud das Auto, nahm Abschied von ihrem Häuschen und trat die Heimreise nach Stuttgart an.
Ihr Zuhause lag oberhalb des Stuttgarter Talkessels am Rande der Stadt. Bei gutem Wetter fuhr Fabian mit dem Mountainbike ins Büro, jahrelanges Training hatte aus ihm einen ausdauernden Fahrer gemacht. Am Wochenende unternahm er gelegentlich weite Touren, die ihn bis auf die Schwäbische Alb oder in den Schwarzwald führten.
Fabian schwang sich am ersten Arbeitstag gut gelaunt auf sein Bike. In rasender Fahrt ging es bergab in den Talkessel, die Redaktion befand sich im Heusteigviertel. Wegen eines Rohrbruchs musste er die letzten Meter durch knietiefes Wasser fahren. Seine durchnässte Hose und die triefenden Schuhe lösten bei Frau Mayer, seiner Sekretärin, Heiterkeit aus.
„Damit sie sich nicht erkälten“, Frau Mayer brachte ihm eine Tasse Kaffee und berichtete ihm, was sich während seines Urlaubs in der Redaktion zugetragen hatte: „Das ‚International Energy Magazine‘ hat der Redaktion den Auftrag erteilt, ein Sonderheft zum Thema Energiegewinnung und Versorgungssicherheit in Deutschland zu machen. Aus der letzten Redaktionsbesprechung weiß ich, dass es dabei hautsächlich um das Thema Fracking gehen soll. Die Geschäftsführung hat entschieden, dass sie und Herr Burger das Sonderheft recherchieren und schreiben sollen.“
Zufrieden nahm Fabian einen Schluck aus der Kaffeetasse. „Gut, ich werde nachher gleich mal mit Herrn Burger reden, aber zuvor muss ich telefonieren.“
Frau Mayer verließ sein Büro. Fabian räusperte sich, der starke Kaffee bekam seiner Stimme nicht. Im Urlaub hatte er sich vorgenommen, einen Logopäden ausfindig zu machen, um endlich die überanstrengte Stimme behandeln zu lassen. Er recherchierte im Internet, seitenweise wurden logopädische Praxen aufgelistet, jede warb mit allerlei Heilsversprechen. Aus praktischen Gründen entschied er sich letztlich für eine Adresse in der Nähe der Redaktion. Er rief an und vereinbarte einen ersten Behandlungstermin am selben Tag nach Feierabend.
„Servus Fabian, wie ich sehe hast du den Weg wieder hierher gefunden.“ Wolfram Burger stand in der Tür und freute sich über die Rückkehr seines Kollegen.
„Servus Wolfram, hast du schon den aktuellen Speiseplan vom Bistro?“, grüßte Fabian zurück.
Die beiden arbeiteten seit vielen Jahren zusammen, sie gingen locker miteinander um und vertrauten einander. Wolfram Burger, gebürtiger Mittelfranke, war ungefähr Mitte 50. Seine schütteren Haare waren in mehreren schwarzen Strähnen quer über das Haupt gekämmt, sie schienen an der Kopfhaut zu kleben, bedeckten diese jedoch nur streifenweise. Er war Physiker und Verfahrenstechniker, in seiner Freizeit zudem leidenschaftlicher Musiker. Mit Hilfe von selbst geschriebener Software komponierte er Filmmusik und gregorianische Chorstücke, die er mit Hilfe von Synthesizern zu musikalischem Leben erweckte. Auch entwickelte er mit einigem Erfolg Apps, um zukünftige Börsenkurse vorauszuberechnen. In seinem privaten Online-Shop bot er Musik und Apps zum Download an.
Ein zerknittertes Sakko, das orange-weiß gestreifte Hemd und die ausgebeulten Jeans ließen einen Junggesellen erahnen, der es aufgegeben hatte, sich um eine elegante Garderobe zu kümmern. Allen, die ihn kannten, waren diese Äußerlichkeiten egal. Mehrere Schicksalsschläge hatten ihn zu einem milden, gnädigen Menschen reifen lassen. Stets war er freundlich, zuverlässig und hilfsbereit.
„Wir haben den Auftrag, etwas über Fracking zu schreiben“, kam Wolfram auf die Arbeit zu sprechen.
„Hätte schlimmer kommen können“, erwiderte Fabian, „erinnerst du dich an die Reportage über die versteinerten Fledermäuse? Ein halbes Jahr Arbeit und kurz vor der Veröffentlichung sind wir dahintergekommen, dass es sich um perfekte Fälschungen handelte, handmade in China“. Sie sahen sich an und lachten. Im Laufe der Jahre waren sie ein eingespieltes Team geworden. Sie bearbeiteten vor allem naturwissenschaftliche Themen aus den Bereichen Astronomie, Physik und Geowissenschaften. In den folgenden Stunden stellten sie erste Überlegungen zu ihrer neuen Aufgabe an, Inhalt und Ziel der Reportage wurden erörtert. Zunächst galt es jedoch, Datenbanken, Institutionen und Experten zu konsultieren, um das aktuelle Wissen aufzuarbeiten.
Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub war zu Ende. Fabian fuhr mit dem Mountainbike in die nahe gelegene Türstraße, die Logopädiepraxis befand sich in einem gründerzeitlichen Backsteingebäude. Er klingelte, ein automatischer Türöffner ließ ihn eintreten. Im Flur der Praxis befand sich ein Wartebereich mit mehreren Stühlen, die Rezeption war nicht besetzt. Etwas unschlüssig nahm Fabian auf einem der Stühle Platz. Er war früh dran, offenbar waren alle Logopäden gerade in Therapiesitzungen. Durch die geschlossenen Türen der Behandlungsräume ringsum drangen seltsam summende, blubbernde und singende Laute, die immer wieder durch anleitende Worte der Therapeuten unterbrochen wurden.
„Bitte die Straßenschuhe ausziehen und Filzpantoffel anziehen“, stand auf einem Schild neben einer Kiste mit verschiedenfarbigen Filzpantoffeln.
„Wo bin ich da hingeraten?“, fragte er sich und schlüpfte mit Befremden in ein Paar grüngelb gestreifte Filzpantoffeln. Pünktlich um 17:00 Uhr öffneten sich die Türen der Behandlungszimmer, es war „Schichtwechsel“. Patienten verließen die Praxis, neue Patienten traten ein. Eine junge Frau kam auf Fabian zu. „Guten Abend, sie sind sicher Herr Dr. Marz. Freut mich sehr, mein Name ist Sarah Schneider, ich bin ihre Stimmtherapeutin.“
Sarah Schneider war Mitte 20, zierlich und sehr sportlich. Ihre Körperhaltung war aufrecht, die Bewegungen durch jahrelanges Faszientraining geschmeidig wie die einer Katze. Sie hatte schulterlange, kastanienbraune Locken und braune Augen.
Frau Schneider sprach Hochdeutsch und hatte feine Manieren, sie trug ein lilafarbenes Oberteil, die Farbe der Therapeuten und der Kreativen.
Die Therapie begann mit einer ausführlichen Anamnese. Fabian berichtete von seinem Räusperreiz, der ihn schon lange quälte. Verschiedene Ärzte hatte er aufgesucht, allerhand Ursachen waren ausgeschlossen worden, eine überlastete Stimme erschien Dr. Glückmann letztlich als der wahrscheinlichste Grund für sein Leiden.
„Das ist gut möglich, ihre Stimme klingt rau und etwas kratzig“, stellte Frau Schneider fest.
„Müssen Sie häufig gegen Widerstände anreden, fühlen sie sich stimmlich oft angestrengt?“
Fabian dachte nach. In der Redaktion kam es tatsächlich oft vor, dass unterschiedliche Auffassungen ausdiskutiert wurden. Diese Auseinandersetzungen strengten ihn an, auch wenn sie sachlich ausgetragen wurden. Dazu kamen zahlreiche Besprechungen und Telefonate, die seine Stimme beanspruchten. Zuhause forderten zwei kleine Kinder viel Stimmkraft bei der Erziehungsarbeit, es strengte ihn tatsächlich an, laut und disziplinierend zu reden. Dazu kam noch der gerade abgeschlossene Umbau seines Hauses. Er hatte es alt und abgewohnt gekauft, die Renovierung hatte mehr als zwei Jahre gedauert. Zahlreiche Besprechungen und aufreibende Auseinandersetzungen mit Handwerkern und dem Architekten hatten ihn emotional und stimmlich erschöpft. Dr. Glückmann hatte ihm geraten, beruflich kürzer zu treten, die Situation in der Redaktion ließ dies nicht zu. Ab und zu fühlte er sich am Rande eines Burnouts, vielleicht hatte er bereits eine leichte Form dieser Erkrankung entwickelt. Ja, er fühlte sich schon seit längerer Zeit nicht richtig „gut drin“ in seinem Leben, irgendwie auf halbem Wege verkantet und steckengeblieben, so sein bildlicher Vergleich. Ohne fremde Hilfe schien er sich aus dieser misslichen Lage nicht befreien zu können.
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