Er hatte viele Bekannte und Kollegen, mit denen er sich gut verstand und eine Hand voll echter, langjähriger Freunde. Im Laufe der Jahre waren sie an entfernte Orte gezogen, hatten Familien gegründet und mit ihren eigenen Problemen zu tun. Man blieb in Kontakt, sah sich aber selten. Seine Freiheitsgrade waren im Laufe der Jahre weniger geworden. Selten ging er aus, familiäre und berufliche Verpflichtungen, überhaupt Zeitmangel, hatten die Möglichkeiten eingeschränkt, Kontakte zu pflegen und neue Freunde zu finden. Gelegentlich fühlte er sich einsam, ein Gefühl, das er früher nicht gekannt hatte.
Echte, tiefe Freundschaft und gemeinsam verbrachte Zeit mit Freunden waren ihm kostbar geworden. Es waren Glücksmomente, wenn sich fremde Menschen trotz der digitalen Durchdringung des Lebens an einem Tisch wie diesem trafen, einander näherkamen und zusammen fröhlich und glücklich sein konnten. War es möglich, dass die Menschen mehr und mehr die Fähigkeit zu solchen Begegnungen verloren? Ihm war es, als hätte ihn die Spielrunde auf einen Schlag von allem Schweren, aus aller latent empfundenen Isolation der vergangenen Jahre befreit. Lange war es her, dass er solch glückliche Leichtigkeit verspürt hatte.
Die Nacht war mondlos, das Gelände unbeleuchtet. Er hatte Mühe, den Rückweg ins Ferienhäuschen zu finden. Ab und zu blieb er stehen und betrachtete den lebhaft funkelnden Sternenhimmel. Abseits des Streulichts der Städte waren der Große Wagen, der Polarstern und das Band der Milchstraße in seltener Klarheit zu erkennen. Schon häufig hatte er in mondlosen Nächten den Sternenhimmel betrachtet, aber irgendetwas schien heute anders zu sein, eine merkwürdige Unruhe ging vom Himmel aus. Es dauerte einige Zeit, bis Fabian wahrnahm, dass die Unruhe nicht vom Himmel ausging, sondern von einem Geräusch. Ein sehr tiefer, bedrohlicher Brummton lag in der Luft. Der Ton erinnerte an das Brummen eines Transformators, nur war er tiefer und weniger gleichmäßig. Das Geräusch war nicht laut, aber deutlich wahrnehmbar und schien von etwas sehr Großem auszugehen. Voluminös und unheimlich zugleich war dieser Ton. Fabian konnte nicht feststellen, aus welcher Richtung das Brummen kam. Das Geräusch umhüllte ihn, kam von überall her. Lag es am Alkohol, den er getrunken hatte oder waren es gar die Vorboten eines Hörsturzes? Er fröstelte und tastete sich zurück ins Ferienhäuschen. Conny war im Wohnzimmer auf dem Sofa über einem Buch eingeschlafen, ihre gekrümmte Körperhaltung ließ Rückenschmerzen am nächsten Morgen befürchten, Fabian entschloss sich, seine Frau zu wecken. Conny gähnte, sie öffnete die Verandatür, um das Zimmer zu lüften. Gemeinsam traten sie auf den Balkon und betrachteten den sternenklaren Nachthimmel. Der Brummton war noch immer deutlich hörbar.
„Hörst du das auch?“, fragte Fabian. Conny hörte das Brummen ebenfalls, fand es unheimlich. Noch im Bett lauschten beide dem ominösen Ton, bis der Schlaf sie überkam. Am Morgen war das Geräusch verschwunden. Nach dem Frühstück suchte Conny mit ihrem Smartphone im Internet nach Informationen. „Tieffrequenter Brummton im Südwesten scheint lauter zu werden und wird von immer mehr Menschen gehört“, las sie aus einem wenige Tage alten Artikel der Stuttgarter Zeitung vor. Die Zeitung berichtete, dass seit einigen Jahren eine zunehmende Zahl von Menschen vor allem bei Nacht einen deutlichen Brummton hörte, der sie um ihren Schlaf brachte. Menschen, die die Fähigkeit besaßen, sehr tiefe Töne zu hören, mussten unter dem Geräusch besonders leiden. Bewohner der Region Stuttgart, einige Gebiete des Schwarzwaldes und die Schwäbische Alb waren durch das nächtliche Brummen besonders häufig beeinträchtigt. Messungen von Umweltbehörden hatten ergeben, dass es den tiefen Brummton tatsächlich gab, auch tagsüber, nur wurde er dann meist durch andere Geräuschen überdeckt. Der Brummton war in den vergangenen Monaten merklich lauter geworden, immer mehr Menschen hörten ihn und wandten sich hilfesuchend an die Behörden. Im Internet hatten sich mehrere Selbsthilfegruppen organisiert, um den Ursachen nachzugehen. Ergebnislos hatten die Behörden Kraftwerke, Fabriken, Gasleitungen, den Stuttgarter Flughafen, Eisenbahnstrecken und den unterirdischen Bahnhof von Stuttgart 21 als mögliche Geräuschquellen untersucht.
„Man könnte meinen, dass die Erde Magenknurren hat, die Frage ist nur, wen sie fressen möchte“, amüsierte sich Conny. „Wir trinken heute vor dem Schlafengehen eine Flasche Merlot, das vertreibt den Brummton“, entschied sie, „und wenn das nicht hilft, werde ich mich mit Endlos-Meeresrauschen aus dem Kopfhörer in den Schlaf wiegen lassen.“
Conny ahnte nicht, dass ihre scherzhaften Äußerungen Realität werden sollten. In den kommenden Nächten zog der Brummton bedrohlich herauf, sobald die Tagesgeräusche im Feriendorf der nächtlichen Stille wichen.
Am Nachmittag stand eine geführte Wanderung zum Lochenstein auf dem Programm des Feriendorfs. Der Lochenstein ist ein markanter Berg am Rande der Schwäbischen Alb. An klaren Tagen kann man vom Gipfel bis in den Schwarzwald und zu den Schweizer Alpen sehen. Eine fröhliche Schar hatte sich am Treffpunkt versammelt. Die Wanderung begann hinter dem Feriendorf, sie führte die Gruppe zunächst über die Hochfläche der Schwäbischen Alb, dann entlang der steilen Traufkante, die das Mittelgebirge vom vorgelagerten Tiefland trennt. Wunderschön war es hier, den Wanderern boten sich phantastische Ausblicke. Wiesen mit seltenen Blumen, Wacholderbüsche und tanzende Schmetterlinge wechselten sich mit Wäldern ab, an deren Rändern windgepeitschte, knorrige Buchen wuchsen. Gesunde Buchen waren selten geworden, der Klimawandel hatte diese Baumart stark dezimiert. Es duftete intensiv nach Kleeblüten, Wald und Sommer, über der weiten Hochfläche flimmerte die Nachmittagshitze. Fabian ließ den Blick über das malerische Land schweifen. Weite und allgegenwärtige Reinheit waren wohltuend. Archaisch, unberührt und gesund schien die Gegend zu sein, ein Hauch von Ewigkeit umwehte alles. Nichts verstellte den Blick, es gab keine Häuser, Straßen, Stromleitungen und auch keine Bohrtürme. Fabian verringerte das Gehtempo und ließ die Wandergruppe an sich vorbeiziehen bis sie außer Hörweite war. Er lauschte den Geräuschen, die ihn umgaben. Wenn er stehen blieb, verstummte das Rascheln, das seine Schritte dem knöcheltiefen Gras entlockten. Nur noch das Summen unzähliger, emsiger Insekten war dann zu hören, sogar Bienen gab es noch hier. Kein menschengemachtes Geräusch drang zu ihm, kein Flugzeug zerschnitt den Himmel mit einem Kondensstreifen. Ein Gefühl stellte sich ein, als befände er sich auf einem fremden, unbevölkerten Kontinent inmitten eines großen Ozeans. Die starken Eindrücke inspirierten ihn, seine Seele suchte nach einer Möglichkeit, das Gesehene zu verarbeiten und mitzuteilen. Es blieb jedoch keine Zeit, um zu verweilen. Wollte er nicht den Anschluss an die Wandergruppe verlieren, musste er sich beeilen. Im Urlaub hatte man zwar frei, aber selbst in dieser Zeit war man nicht völlig frei.
Fabian kam mit einem Ehepaar mittleren Alters ins Gespräch. Iris und Manfred hatten beide katholische Theologie studiert, Manfred war Priester. Sie hatten geheiratet, nachdem der Papst den Zölibat abgeschafft hatte. Am Gipfel angekommen, machten beide mit ihren Smartphones Selfies und Panorama-Videos, die sie umgehend bei Facebook und YouTube posteten. „Oh, kaum gepostet und schon fünf Likes“, freute sich Manfred. Iris grollte, weil Manfred Likes von Damen erhalten hatte, die sie nicht kannte. Ihr blieb jedoch keine Zeit sich daran aufzuhalten, sie musste noch ein Foto vom Sonnenuntergang posten. Fabian stand etwas beiseite und ließ die Szenerie auf sich wirken. Die beiden lebten jeder für sich in ihren digitalen Welten, das reelle Leben lief nebenher. Viel zu sagen hatten sie sich offenbar nicht. Auch der schöne Sonnenuntergang vermochte nicht, ihnen ein gemeinsames Erlebnis zu stiften.
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