Frau Schneider hatte ihm konzentriert zugehört. „In der Summe war ihr Pensum in den vergangenen Jahren eindeutig zu viel für sie. Manche Menschen bekommen einen Herzinfarkt oder Magenbeschwerden, wenn sie andauernd überlastet sind. Bei ihnen ist die Stimme erkrankt, dies scheint ihr Schwachpunkt zu sein. Es ist gut, dass sie die Therapie nicht länger aufgeschoben haben, vermutlich hätte ihre Stimme bald vollständig versagt. Aber keine Sorge, ihr Leiden ist gut therapierbar, sie sind bei uns in guten Händen. Wir werden Übungen machen, die die Muskeln ihres Stimmapparats trainieren, ganz so wie ein Bodybuilder seine Bauchmuskeln zu einem Sixpack trainiert. Wichtig für die Stimme ist, dass sie, tagsüber genügend trinken, vermeiden sie Alkohol, Tabak und scharfe Gewürze. Diese Dinge belasten ihre Stimme. Summen sie ab und zu vor sich hin oder singen sie ein Lied. Alles, was den Kehlkopf zum schwingen bringt, ist gut für ihre Stimme.“ Während sie redete, hatte sie ihn intensiv und freundlich angesehen. Fabian war es, als hätte sie versucht in seinen Augen und in seinem Gesicht zu lesen, als sei es ihr wichtig, nichts zu übersehen, was für die Therapie von Bedeutung sein könnte. Er fühlte sich tatsächlich gut aufgehoben bei Frau Schneider, sie schien ihre Arbeit als Berufung und nicht nur als Job zu verstehen.
„Wie wird die Behandlung nun konkret ablaufen?“, fragte er. „Wir werden Stimmübungen machen, um ihren Stimmapparat zu trainieren. Parallel erhalten sie atemtherapeutische Massagen. Außerdem zeige ich ihnen gymnastische Übungen, die ihren Gleichgewichtssinn und ihre Körperhaltung stärken. Stimme, Körperhaltung und Atmung hängen untrennbar zusammen. Eine gesunde Atmung und eine gute Körperhaltung sind Voraussetzung für eine gesunde, kräftige Stimme. Auch werden wir mit Hilfe von Gedichten Sprechübungen machen.“
Fabian lächelte, seine Gedanken schweiften ab. In früheren Jahren hatte er zum eigenen Vergnügen Gedichte und Geschichten verfasst. Seine Mutter und ein Onkel waren talentierte Maler, ein Großvater war schriftstellerisch tätig gewesen, die Großmutter eine beachtete Geigerin. Er wusste, dass Kreativität und die Liebe zur Kunst in seinen Genen schlummerte und freute sich auf die kommenden Therapiestunden.
„Zum Abschluss zeige ich ihnen noch eine kleine Übung“, holte Frau Schneider ihn aus seinen Gedanken zurück.
„Zählen sie auf zwanzig“, Fabian gehorchte, seine Stimme klang rau.
„Nun ziehen sie mit der rechten Hand einen imaginären Draht aus ihrem Mund und singen sie dabei ein gedehntes wüüüüüü. Dabei stehen sie aufrecht und fixieren durchs Fenster einen Punkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.“
Sie machte es vor und Fabian wiederholte die Übung einige Male.
„Nun zählen sie nochmals auf zwanzig“, Fabian zählte. Zu seinem eigenen Erstaunen war seine Stimme deutlich geschmeidiger als zuvor, für einige Augenblicke ließ auch der Räusperreiz nach. Frau Schneider nickte und lächelte ihn freundlich an. Die Therapiestunde war zu Ende, mit leichtem Herzen und guter Laune stieg er auf sein Mountainbike und fuhr nach Hause. Es war ihm, als lägen heilsame und kurzweilige Termine vor ihm.
In den kommenden Tagen arbeiteten sich Fabian und Wolfram nach und nach in ihr neues Thema ein. Sie werteten Datenbanken aus, sichteten Statistiken und Veröffentlichungen. Erstaunlich war, dass annährend der gesamte Öl- und Gasbedarf des Landes seit wenigen Jahren aus heimischen Quellen gedeckt wurde. Größte Anstrengungen waren unternommen worden, Deutschland aus der Abhängigkeit globaler Lieferengpässe zu befreien. Neuartige Fracking-Technologien hatten es möglich gemacht, Öl und Gas auch noch aus Gesteinen zu gewinnen, in denen diese fossilen Brennstoffe nur in geringen Konzentrationen enthalten und zudem fest eingeschlossen waren. In weiten Teilen des Landes gab es im Untergrund Gesteine, die ausgebeutet werden konnten, an vielen Orten waren riesige Energieplantagen entstanden, die Fracking betrieben. Öl und Gas im eigenen Land zu fördern war alternativlos geworden. Der Ausbau regenerativer Energien war in den vergangenen Jahrzehnten zu spät und zu zögerlich in Gang gekommen, die Elektromobilität hatte sich wider Erwarten nicht durchgesetzt, noch immer dominierte der Verbrennungsmotor. Angesichts des drohenden Mobilitätsverlusts waren Kritiker, die der neuen Fördertechnologie wegen Umweltrisiken zunächst kritisch gegenüberstanden, weitgehend verstummt. Gelegentlich kam es tatsächlich zu Havarien, mussten Trinkwasserbrunnen aufgegeben werden, weil durch die Ölförderung Grundwasser verseucht wurde. In einem regen- und wasserreichen Land konnte jedoch auf andere Trinkwasservorkommen ausgewichen werden, betroffene Wasserwerke wurden entschädigt und stillgelegt. Die Energieförderung erfolgte durch private Frackinggesellschaften, die ihre Konzessionen vom Staat ersteigerten. Es ging dabei um hohe Milliardenbeträge, die sich die Unternehmen jedoch problemlos am Kapitalmarkt beschaffen konnten. Seit der Banken- und Finanzkrise im Jahr 2008 hatte sich das Zinsniveau nicht mehr erholt, rund um den Erdball suchten Kapitalanleger nach Geldanlagemöglichkeiten. Ein Engagement in deutsche Energieplantagen und in Fracking bescherte den internationalen Investoren attraktive Renditen. Alles hing mit allem zusammen.
„Ich denke, dass wir uns einen guten Überblick verschafft haben“, Wolfram saß an seinem Schreibtisch und legte ein Dokument zur Seite. Fabian stand in der Tür, um ihn zum gemeinsamen Mittagessen im Bistro abzuholen.
„Die Quellen beginnen sich zu wiederholen, und irgendwie hat man das Gefühl, alles schon einmal in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gesehen zu haben“, fuhr er fort.
„Mir geht es ähnlich“, erwiderte Fabian, „für unsere Reportage benötigen wir Informationen, die neu sind, am besten Insiderwissen. Aus meiner früheren Geologentätigkeit habe ich noch Kontakt zu einigen ehemaligen Kollegen, vielleicht kann ich etwas Wissenswertes in Erfahrung bringen.“ Mittlerweile hatten sie das Bistro erreicht, als Tagesgericht gab es hausgemachte Maultaschen, garniert mit Röstzwiebeln, dazu warmen Kartoffelsalat.
„Gut, dass es in dieser schnelllebigen Zeit wenigstes einige unverrückbare Dinge gibt, zum Beispiel die schwäbische Küche und den Trollinger“, freute sich Wolfram.
„Ja, hoffen wir, dass keiner auf die Idee kommt, Maultaschen zu erfinden, die man an jeder Ecke über das Smartphone am 3D-Drucker ausdrucken kann. Das würde auch noch den traditionellen Restaurants den Todesstoß versetzen“, gab Fabian augenzwinkernd zu bedenken.
„Ein interessantes Geschäftsmodell“, fand Wolfram, „aber ich habe mein Smartphone letzte Woche verloren. Bevor ich mir die Maultaschen-App runterladen kann, muss ich mir erst ein neues Gerät kaufen.“
„Glückwunsch, kannst meines haben“, bot Fabian großzügig an. „Als ich es nach dem Urlaub wieder einschaltete, hatte sich das Ding während meiner Abwesenheit 165 Mails eingefangen, es ist und bleibt eine Plage mit diesen Geräten.“ Sie lachten und stießen mit einem Trollinger der Lage „Untertürkheimer Gips“ an.
„Eigentlich sollte ich keinen Alkohol trinken. Meine Stimmtherapeutin meinte, das sei nicht gut für die Stimme“, erinnerte sich Fabian an die Worte von Frau Schneider.
„Du spinnst“, knurrte Wolfram, „pass bloß auf, dass sie dich nicht auch noch zum Vegetarier mutiert. Ich glaube, ich muss mit dieser Dame ein ernstes Wort reden.“
Es war Freitag, ab 12:00 Uhr stand es ihnen frei, das Wochenende anzutreten. Beide hatten genügend Überstunden, und das gerade begonnene Projekt erlaubte noch einige Mußestunden. Den restlichen Nachmittag verbrachten sie zusammen im Bistro und überließen die Arbeit sich selbst. Sie pflegten ein gemeinsames Hobby, das ihnen half, Stress abzubauen: Es bereitete ihnen manch heimliches Vergnügen, die Körpersprache ihrer Mitmenschen zu beobachten und zu deuten. Im Internet gab es hierzu auf YouTube allerhand Lehrvideos, mit deren Hilfe sie bemerkenswerte Kenntnisse erworben hatten. In der Mittagspause war das gut besuchte Bistro regelmäßig ihr Trainingscamp, um das theoretisch erworbene Wissen in der Praxis zu überprüfen. Einigen Gästen, die das Bistro ebenfalls regelmäßig besuchten, hatten sie Spitznamen gegeben. „Obelix“ war ein Herr mit mächtiger Leibesfülle, die „Schmerzensfrau“ hatte auffällige Piercings, die beim Stechen zweifellos erhebliche Schmerzen verursacht haben mussten und „der Fraßgierige“ fiel durch außergewöhnlichen Appetit und schlechte Tischmanieren auf.
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