Tausend Gedanken stürzten auf sie ein. Sie hatten keine Wiege, keine Windeln, keine Bekleidung für das Kind. Wie sollten sie es ernähren? Sie hatten auch keine Kuh, die ihnen Milch geben konnte. Verwirrt ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und zwang sich zur Ruhe. Das Kind fing wieder an zu wimmern. Das brachte sie dazu, sich zu sammeln. Zu allererst musste sie sich um das Kind kümmern. Als sie die Kette von der Decke nahm, hörte sie auf einmal eine befehlende Stimme in ihrem Kopf: „Sorgt dafür, dass Catalina diese Kette immer trägt! Sie ist von ihrer Mutter und wird sie beschützen. Sie darf sie niemals abnehmen!“ Wie im Traum nickte Sybille und wand sich dem Kind zu. „Du bist also ein Mädchen und heißt Catalina“, sagte sie leise zu dem kleinen Wesen, als sie es vorsichtig aus dem Korb hob. Sie war erstaunt, wie leicht dieses Kind war, das sie stumm mit seinen großen dunkelblauen Augen ansah. Ratlos nahm sie die ungewöhnliche Flasche in die Hand und besah sie sich von allen Seiten. Erschrocken drehte sie die Flasche wieder herum, da plötzlich Milch aus den kleinen Löchern der silbernen Spitze tropfte. „Du hast ja dein Essen gleich mitgebracht“, lachte sie leise das Kind auf ihrem Arm an. Sie begann, mit ihm zu sprechen, um sich selbst Mut zu machen und ihre Gedanken zu ordnen. „Die Milch ist kalt. Wir müssen sie aufwärmen. Feuer!“ Und schon lief sie mit dem Kind auf dem Arm zu der Feuerstelle und legte ein paar kleine Scheite in die noch glühende Asche vom Vortag. Es dauerte auch nicht lange und ein lustiges Feuer tanzte unter dem Wassertopf, den sie darüber schon gehängt hatte. Vorsichtig legte sie die tönerne Flasche mit der Milch in das Wasserbad und prüfte immer wieder die Temperatur. Dabei wiegte sie das Kind in ihrem Arm. Endlich erschien ihr die Milch warm genug und sie führte Catalina die silberne Spitze an den kleinen Mund. Das Kind schien die Flasche bereits zu kennen und fing sofort an, gierig daran zu saugen. Erleichtert beobachtete Sybille, wie das kleine Mädchen die Flasche schmatzend Schluck um Schluck lehrte.
In diesem Augenblick kehrte ihr sichtlich verwirrter Mann in die Hütte zurück. „Es ist niemand da, dem dieses Kind gehören könnte und …“, fing er an, verstummte dann aber bei dem Anblick, der sich ihm bot. Am Tisch saß seine Frau mit leuchtenden Augen und einem wunderschönen Kind im Arm, dem sie die Flasche gab. Vor Rührung bekam Loran feuchte Augen. Das hatte er sich immer gewünscht und nun war ihr sehnlichster Wunsch wie durch ein Wunder in Erfüllung gegangen. Still setzte er sich zu seiner Frau und streichelte ihr zärtlich das Gesicht. „Sie heißt Catalina“, erzählte sie ihm. „Woher weißt du das?“, fragte er erstaunt. „Von der Kette dort. Sie soll sie immer tragen, weil sie sie beschützt. Sie ist von Catalinas Mutter“, klärte ihn Sybille auf. Sanft fuhr er über Catalinas kleines Händchen. Eine warme Woge durchfuhr ihn, als sich die winzige Faust um einen seiner starken Finger schloss und ihn nicht mehr losließ. „Sie mag mich“, strahlte er. Sybille stellte die leere Flasche auf den Tisch zurück und fing an, Catalina sanft im Arm zu wiegen. Beide lachten fröhlich, als sich Catalina mit einem kräftigen Bäuerchen Luft machte. Plötzlich erstarb das Lachen in Sybilles Gesicht. „Loran, ich möchte sie nie wieder hergeben! Du hast wirklich niemanden gesehen, dem dieses Kind gehört?“, fragte sie ängstlich. Er schüttelte den Kopf und nahm nachdenklich die Kette, die unbeachtet auf dem Tisch gelegen hatte, in die Hand. Sofort hörte er dieselben Worte, von denen ihm seine Frau erzählt hatte. „Ich glaube, es gibt einen Grund dafür, dass sie bei uns ist, auch wenn ich dir nicht sagen kann, welchen“, antwortete er überzeugt und legte Catalina die Kette um. Wie zur Bestätigung leuchtete das Medaillon kurz auf. Sybille wirkte beruhigt, doch dann runzelte sie sogleich betrübt ihre Stirn. „Wie sollen wir sie ernähren? Wir haben doch gar keine Milch.“ „Doch, haben wir!“, widersprach Loran und lächelte verschmitzt. „Jemand hat eine Kuh mit einem schönen dicken Euter an dem Zaun von unserem Gemüsebeet angebunden. Das kann kein Zufall sein. Wir sollen uns um die Kleine hier kümmern und das werden wir auch!“ „Ja, das werden wir!“, bekräftigte Sybille.
Erleichtert seufzte sie auf, um gleich in den nächsten Schrecken auszubrechen. „Wir haben keine Windeln und keine Kleider für sie!“, rief sie. Loran schüttelte über die immer neuen Bedenken seiner Frau nachsichtig den Kopf. Für ihn waren alle Veränderungen, die jetzt durch das neue Mitglied ihrer kleinen Gemeinschaft auf sie zukamen, zu meistern. Er würde zwar in den nächsten Tagen eine Wiege für das Kind und einen Stall für die Kuh bauen müssen, doch würde er sich voller Freude an die Arbeit machen. „Sieh doch in der Truhe nach. Vielleicht findest du dort etwas Brauchbares“, schlug er vor. Sogleich drückte Sybille ihrem überraschten Mann das Kind in den Arm und eilte zum Schlafraum. In der Truhe bewahrte sie ihre wenige Mitgift auf. Dort musste es auch ein paar Leinentücher geben, die für die nötigste Bekleidung des Kindes ausreichen sollten. Wie erstaunt war sie, als sie den Deckel anhob. Bis oben hin war die Truhe angefüllt mit feinstem Leinen und Wollstoffen in den unterschiedlichsten Farben. Freudentränen liefen ihr die Wangen herab, als sie sich ganz schwach vor Glück an den Türrahmen lehnte. „Loran, dieses Kind ist ein Geschenk der Götter!“, sagte sie und wies mit der Hand auf die Truhe. Staunend trat er zu seiner Frau und nahm sie wortlos in den Arm. So wie er da jetzt in seiner kleine Hütte stand, Catalina auf dem einen Arm und Sybille in dem anderen, war er der glücklichste Mann in ganz Farusan.
Jedes Jahr kam Gaya bei dem Holzfäller und seiner Frau in Gestalt eines Tieres vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Sie gab sich den beiden bewusst nicht zu erkennen, denn sie wollte sich ein eigenes Bild davon machen, wie es Catalina bei ihren Pflegeeltern erging. Doch sie wurde nie enttäuscht. Loran und Sybille waren Catalina Eltern, wie sie liebevoller nicht zu einem leiblichen Kind hätten sein können. Als Catalina dem Säuglingsalter entwachsen war und nicht mehr täglich ihre Milch brauchte, hatten sie die Kuh verkauft. Von dem Geld hatten sich einen neuen Backofen bauen können, denn der alte war über die Jahre ausgebrannt und rissig geworden. Mit dem Holz des ehemaligen Kuhstalls hatte Loran die Hütte um einen Anbau erweitert, in dem sich die Schlafkammer für das Kind befand. Mehr als ihr Bett und ein kleiner Hocker fanden dort zwar nicht Platz, aber für einfache Leute wie den Holzfäller stellte es einen beträchtlichen Luxus dar, seiner Tochter einen eigenen Schlafraum zur Verfügung stellen zu können. So war über die Jahre aus der einfachen Hütte ein kleines Häuschen geworden.
Inzwischen waren zehn Jahre vergangen und Gaya war wieder einmal zu dem einsamen Haus des Holzfällers gekommen. Es war ein schöner sonniger Tag und ein leichter Wind sorgte dafür, dass es nicht zu heiß war. Die Luft war erfüllt von dem Duft des Frühsommers. Es roch süß nach den gelben Blüten der Farusbäume und aromatisch nach dem Harz der Nadelbäume. Als schwarz-weißer Vogel mit einem langen Schwanz ließ sie sich in einem der Bäume nieder. Dieser Vogel kam häufig in der Gegend vor und so blieb ihre Anwesenheit unbemerkt. Aufmerksam musterte sie das Haus und seine Umgebung. Seit sie das erste Mal hier gewesen war, hatte sich einiges verändert. Aus den ehemals kleinen Büschen am Rand des Anwesens, in deren Schatten Sybille die Waldorchidee gepflanzt hatte, hatte sich eine dichte hohe Hecke gebildet. Jetzt, im Sommer, war sie von Tausenden kleiner weißer Blüten übersät. Ihre Zweige wippten von den vielen kleinen Vögeln, die darin eifrig ihrem Brutgeschäft nachgingen. Eine Vielzahl verschiedenster Insekten sorgte für ein monotones Summen, das selbst in einigem Abstand von den Büschen zu hören war. Vor dem Haus stand eine neue Bank. Loran und Sybille wurden langsam älter und liebten es, nach getaner Arbeit in der Sonne zu sitzen und ihrer Tochter beim Spielen zuzusehen. Doch im Moment mussten sie wohl im Haus sein, denn Gaya konnte sie nirgends sehen. Catalina spielte hinter dem Haus. Von dort drang ihre helle Kinderstimme zu der Göttin. Da entdeckte Gaya etwas, was ihr äußerstes Missfallen erregte. Sie ließ sich zu der Hecke niedersinken und nahm dort, von den Büschen verborgen, ihre menschliche Gestalt an.
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