Jedoch gebot es ab und zu der Einhalt; Avas Magen war an solches Essen nicht mehr gewohnt, nur all zu oft musste sie sich übergeben. Diese Mengen und diese Art von Lebensmitteln waren ihr leider fremd geworden. Ava, das dreizehnjährige Mädchen, war sehr tapfer. Sie arbeitete sich schnell in ihre neue Umgebung ein. Die Bäckerfamilie war sehr nett zu ihr. Sie musste zwar früh aufstehen, gegen 3.00h, sehr beschwerlich für ein junges Mädchen, keine Schule mehr, kein Elternhaus mehr, aber sie packte fest zu und versuchte, ihren Alltag zu meistern. „Ich schaffe das schon, sagte sie sich immer wieder selbst“, wenn sie den Tränen nahe stand, weil der Lebensabriss, den sie durchlitt, ein schlimmer war. Sie war kaum ein Woche dort beschäftigt, war gerade dabei, ihre Kemenate zu betreten, weil sie todmüde in den Schlaf sinken wollte, da rief sie die Bäckerfrau eiligst mit aufgeregter Stimme wieder in den Bäckerladen zurück. Die Stimme klang sehr energisch, geradezu beängstigend mit Nachdruck, so dass Ava auf dem Absatz kehrt machte und eiligst die Treppe hinunter rannte. Was sie da zu sehen bekam – war unglaublich für sie. Ein verwahrloster junger Mann stand inmitten des Bäckerladens – es war ihr Bruder Peter. Sie erkannte ihn nicht sofort, er war knochendünn, mit Lumpen am Leib, konnte vor Kraftlosigkeit kaum stehen. Ava fiel fast in Ohnmacht, als sie ihn sah. Peter war vom Krieg zurück gekehrt. Er hatte sie gefunden. Gott hatte ihm den Weg gezeigt, wo sie war. Peter hatte nämlich keine Ahnung, wo seine Familie abgeblieben war. Er war geflohen, ins Nichts, als der Krieg zu Ende war. Er irrte von einer Stadt in die Nächste. Zu Fuß und nichts zu essen. Hatte keine Ahnung, wo sich irgendwer seiner Familie befand, oder ob überhaupt noch jemand lebte. Einfach immer nur weiter laufen und laufen und laufen. Als er eben zufällig in dieses Städtchen kam und auf der Straße Jemanden um ein altes Brot anbettelte. Dieser Jemand, ein alter Mann, sagte, er hätte nichts für ihn zu essen, aber dort vorne sei eine Bäckerei, dort könnte er ja mal nach Brot fragen, dort gäbe es eher welches. Es geschah. Peter ging zur Bäckerei. Im Laden bettelte er um ein Stück altes Brot. Die Bäckereisfrau ging hinter den Ladentisch und suchte nach Brot vom Vortag. Währenddessen befragte sie den schäbig aussehenden Mann, wer er sei und wonach er suche. Peter gab bereitwillig Auskunft. Erzählte von seiner verlorenen Familie und unter anderem von seiner kleinen Schwester Ava. Der Bäckersfrau blieb fast das Herz stehen, als sie zu diesem Mann sagte: „Die Ava arbeitet bei uns!“ Peter konnte sich nicht mehr rühren, vor Glück. Inzwischen war Ava die Treppe herunter gesprungen gekommen und stand nun vor ihm. Sie zerquetschten sich fast vor Freude. Die Bäckersfrau hatte auch Tränen in den Augen. Die Bedingungslosigkeit des Glücks. Dank sei Gott. Alle weinten. Ava, Peter, die Bäckerleute und alle Menschen, die gerade in den Bäckerladen eintraten, um etwas zu kaufen. Als sich alle Beteiligten wieder etwas gefangen hatten, reichte die Bäckersfrau dem Ausgemergelten, Wiedergefundenen sein Brot. Er bekam eine dicke Stulle. Niemand sprach groß etwas. Ava zog ihren Bruder mit die Stufen in ihre Kemenate hinauf und reichte ihm Seife und ein Handtuch. Damit nach und nach das Würdige wieder in sein Leben eintreten konnte. Mein Gott war sie froh, dass er noch lebte. Ava half ihm bei der Körperpflege und der Bäcker klopfte an die Kemenatentüre, weil er Peter ein frisches Hemd reichen wollte, welches er aus seinem Schrank geholt hatte, in weiser Voraussicht und in Anbetracht der Tatsache, weil er dermaßen zerlumpt aussah. Er reichte ihm ein Hemd aus dem er sowieso entwachsen war. Der Bäcker war ein festerer Mann, schon aus Hinsicht seines Berufes wegen – die guten Sachen galt es einfach ständig zu probieren, die er schließlich im Laden anbot, somit wuchs sein Bauch halt auch so mit. Also konnte er ein gute Tat anbringen, dem ausgenörgelten Peter eines dieser Hemden zu überreichen. Und die Bäckersfrau suchte währenddessen weiterhin im Kleiderschrank ihres Mannes nach einer ausrangierten Hose ihres Mannes, denn auch da musste sich etwas finden lassen, denn ihr Gatte war auch untenrum dicker geworden. So lag vor Avas Stube dann auch die neue Hose für Peter. Der konnte sein Glück kaum fassen. Niemand sagte den Eltern bis dahin etwas davon, dass Peter von Gott geleitet, wieder zur Familie fand. Ava wollte abends mit ihm frisch gerichtet zu den Eltern gehen und diese mit der frohen Botschaft überraschen. Jedoch langsam, denn es konnte sein, dass die Eltern vor lauter Freude dieses Glück nicht überstünden. Sie befürchtete einen Herzschlag, gerade bei ihrer Mutter und wollte die Eltern langsam und vorsichtig an ihr Glück herantragen. So geschah es dann auch. Peter wurde, so gut es eben ging in dieser kurzen Zeit, „restauriert“. Mit neuem Hemd, neuer Hose, gewaschen, den Bauch gefüllt und einem klopfendem Herzen. Die Zeichen der Zeit, die Zeichen des Krieges konnte man natürlich mit diesen Kleinigkeiten nicht kaschieren. Das ausgemergelte Gesicht, die Angst und die Zeichen des Krieges darin, der erschöpfte Körper, der nur noch aus Haut und Knochen bestand, das alles konnte in diesen wenigen Stunden natürlich nicht ausgelöscht werden. Aber es war das wichtigste überhaupt – Peter lebte und hatte zu seiner Familie zurückgefunden, wie durch ein Wunder. Ava und Peter waren sehr aufgeregt. Nach dem Erneuerungsprozess des Bruders machten die beiden sich auf den Weg zu den Eltern. Ihr beider Herz klopfte bis an den Hals. Sie nahmen sich an die Hand, wie Hänsel und Gretel und wanderten zielstrebig zum Hause, wo die Eltern untergebracht waren. Je näher sie kamen, desto aufgeregter wurden beide. Wie erwähnt, sie hatten ja keine Ahnung, wie die Eltern auf diese wundervolle Nachricht reagierten. Auch großes Glück wollte verarbeitet werden. An der Unterkunft der Eltern angekommen, so hatten die beiden vereinbart, sollte Peter erst einmal draußen bleiben. Ava wollte alleine eintreten, um die Eltern langsam an die Botschaft zu gewöhnen. Ein Gespräch mit ihnen zu führen, dass den Ausgang des Wiedergefundenen zur Folge hatte. Ava klopfte und trat bei den Eltern ein. Sie waren überrascht, dass Ava einfach so frei bekam und unter der Woche abends bei ihnen erschien. Schließlich war sie ja sonst bis zum späten Abend in Arbeit und danach ging Ava immer erschöpft sogleich zu Bett. Der kurze Schlaf war die einzige Freiheit, die ihr blieb. So staunten sie nicht schlecht, als Ava da unangemeldet, völlig überraschend an ihrer Behausung sich bemerkbar machte. Die Eltern spürten sofort, an Avas Nervosität, dass irgendetwas geschehen war. Ihr spontanes Auftauchen zu außergewöhnlicher Zeit hatte etwas zu bedeuten. Auch wenn Ava erst einmal ihr Erscheinen als normalen Besuch anbot. Ava versuchte, von ihrer Arbeit zu erzählen. Ihre Stimme jedoch flackerte, ihre Atmung war schnell. Der Vaddl hatte das Wort übernommen und sagte sehr eindeutig zu Ava: „So, meine Liebe, ich freue mich sehr, dass du uns einfach so besuchen kommst, während deiner Arbeitszeit, aber den einfachen Besuch schlechthin nehm' ich dir nicht ab! Ich bin dein Vater, ich spüre doch an deiner aufgeregten Stimmung, dass irgendetwas passiert war!“Da begann Ava haltlos zu weinen und sagte es einfach so heraus: „Peter steht draußen vor der Türe und wartet um Einlass.“Ein großer Moment des Schweigens entstand.Vaddl war der Erste, der sich wieder fing. „Worauf warten wir?“ schrie er auf und rannte zeitgleich zur Türe, um der frohen Botschaft entgegen zu eilen. Da stand er nun. Der verlorene Sohn. Hinter einer Tanne hatte sich Peter verschanzt und blickte verängstigt zur Eingangstüre und dem flackernden Kerzenlicht, dass er hinter dem kleinen Fenster erkannt hatte, wo sich die Umrisse seiner Eltern und seiner Schwester abzeichneten. Er beobachtete die Situation und erkannte, dass sich einer von Ihnen entfernt hatte und weg sprang, es war sein geliebter Vater, der soeben die Türe öffnete und mit offenen Armen und Tränen im Gesicht dem Verlorenen entgegeneilte.
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