Wilma Zingara - Die Rose auf dem Butterbrot
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Der traurige Wandel
Nie hätte einer der Familienangehörigen daran gedacht, dass sich an ihrer Lebenssituation je etwas ändern würde. Doch abends wenn alle zusammen saßen, in der großen „Kuchl“, die Familie und die Angestellten, durfte jeder etwas sagen, dass er für wichtig hielt und da wurde dann darüber gesprochen. Je nachdem, ob es ein Problem bei jemandem persönlich gab, oder frohe Botschaften zu tage gebracht wurden, alles wurde erhört und wenn es jemand wollte, dann durften die anderen ihr Beiwerk dazu bringen, einen Lösungsvorschlag für die Situation vorzuschlagen. Immer häufiger jedoch war es nicht ein einziges Problem, das eine einzelne Person erzählte und belastete, nein, es war eine Lage ausgebrochen, die alle betraf.„Die Russen sind im Anmarsch“, hörte man immer öfter; es war ein bedrohliches Gespräch in der Runde. Am Anfang, selten, dann immer regelmäßiger und von mehreren Personen, beobachtet, sowie von Verwandten weiter getragen.„Das macht Angst“, sagte Adalbert, als Herrscher und Regierender über sein Völkchen. Nie hätte man von ihm je so eine Aussage gehört. Doch der Einbruch und Vormarsch der Russen bedeutete Krieg. Krieg unter dem Regime von Hitler. Krieg heißt Tote und Verlust von Existenz, das wusste jeder. Das ging an niemandem einfach nur vorbei. So traf es jeden einzelnen bis aufs Mark, als zum ersten Mal ein Fliegeralarm einberufen wurde und alle Menschen in den Keller mussten. Morgens gegen 9.30h war der Fliegeralarm angesetzt. Schon einige Zeit vorher musste ein Kellerraum dafür vorgesehen werden. Das Radio hatte darüber berichtet. Diese Vorgänge gingen ganz schnell. Da Breslau die Großstadt in der Nähe war, 25 km entfernt vom Heimatort und der Flughafen noch näher, es waren nur 16 km, war die Wahrscheinlichkeit erheblich erhöht, baldmöglichst hautnah mit dem Krieg konfrontiert zu sein. Und so war es dann auch. Es ging ganz schnell und hatte zur Folge, dass es mittlerweile so war, dass die Tiefflieger bei Tage oftmals über die Köpfe der Menschen, der Kinder hinweg flogen. „Ich habe Gefühle in mir, die ich nicht beschreiben kann, es sind Krämpfe, die machen alles kaputt in mir“, sagte Ava zu ihrer Freundin Gerda. Nein, nicht sagte, Ava schrie es Gerda zu, während die Mädchen zusammen um ihr Leben rannten, um den nächsten Luftschutzbunker zu erreichen. Was war geschehen?... der Krieg war ausgebrochen und alles was sie je hatten stand in Frage. Sie hatten Angst vor der Ausweisung. Angst, dass ihr wundervolles Leben ein Ende finden könnte. So war es dann auch. Der Luftschutzkeller musste täglich gegen 9.30h benutzt werden. Es traf auch die Kinder in der Schule, die dort einen eigenen Bunkerraum hatten. Dann wiederholte sich der Fliegeralarm bis zu dreimal in der Nacht. Die Kinder wurden mit Gasmasken ausgebildet. Sie bekamen regelrecht Angst vor schönem Wetter, denn wenn die Sicht hervorragend war, war auch gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass die Flugzeuge kamen. Flugzeuge bedeuteten Angst und Angriff. Ava blieb, seither die Angst zurück, die Angst vorm Fliegen und der damit verbundene Schock, von oben, ja da oben könnte schlimmste Gefahr lauern. Sie hatte über ein halbes Jahrhundert benötigt, um endlich darüber reden zu können geschweige denn, dass sie jemals ein Flugzeug betrat. Nie hatte später Victoria, ihre Tochter, verstanden, warum sie Flugzeuge in jeglicher Form ablehnte. Nein, Ablehnung reichte in diesem Falle wohl nicht aus, sie verabscheute Flieger, egal ob groß oder klein, sie flog nie. Keine Einladung, die sie bekam, wurde angenommen. Ob es nun später ihr eigener Mann war, der ihr einen Rundflug schenkte, oder einer ihrer früheren Arbeitgeber ihr eine Flugreise zukommen lassen wollte, ihre Antwort war immer „nein“. „Bitte“, flehte Victoria sie oftmals an, warum bist du so negativ eingestellt, wenn es ums Fliegen geht? … Ava musste erst 75 Jahre alt werden und das sicherlich noch mit einem Berg innerer Qualen, bis sie endlich ihrer Tochter einmal zugestand: “Der fast unaufhörliche Fliegeralarm, hat mich in Angst und Schrecken versetzt, dass ich bis zum heutigen Tage keine Freude verspüre, egal welcher Art, wenn es um ein Flugzeug geht!“Der Krieg setzte sich in den Gliedern der Menschen fest. Ava war gerade mal elf Jahre alt, als der Krieg ihr Leben „grundwegs“ veränderte. Ihre zwei großen Brüder wurden in den Krieg einberufen. Ihre geliebten Brüder mussten Kriegsdienst leisten. Nur, ihr kleiner Bruder Joachim, gerade mal fünf Jahre alt, durfte bei der Familie bleiben und Wilhelm, der kränkelte sehr und war noch sehr jung, dreizehn Jahre alt, der durfte auch bleiben. Die Russen standen vor den Toren der Stadt. Jetzt galt, entweder sie belagern die Familie und das Anwesen, oder die Familie musste, wie die anderen Familien auch, fliehen. Fliehen aus dem eigenen Gut. „Was bedeutet das?“ fragte Ava sich selbst und ihre Familie. Verschwinden aus dem eigenen Leben, gehen aus deinem Dasein, ohne das du je etwas verbrochen hättest, ohne Schuld, nur Fliehen, weil Krieg ausgebrochen war.“ Wie soll ich das jemals verstehen“, fragte Ava ihre übrig gebliebene Familie? „Was wird aus meinen geliebten Brüdern? Werde ich die jemals wiedersehen? Wie kann ich jemals wieder glücklich werden? Werde ich diesen scheußlichen Krieg überleben? Und wenn ja, was passiert mir dann alles? Sterbe ich vielleicht am seelischen Schmerz? Verliere ich meine Eltern auch noch?“Das war eine sehr wichtige Frage. Der Adalbert sollte, genau wie seine großen Söhne in den Krieg einberufen werden. Diese Frage duldete keinen Aufschub. Die Muddl hatte schreckliche Angst um ihren Vaddl. Allein schon die Sorge, dass sie die drei nie wieder sehen könnte, zerriss ihr förmlich das Herz. „Vaddl geht nicht“, beschloss Muddl, die schon immer eine ungeheuerlich starke Frau gewesen war und jetzt mit Vehemenz diesem Wunsch Nachdruck verlieh. Zuerst versteckten sie Adalbert. Überall, wo es nur ging. Er konnte nicht mehr auf die Straße. „Aber wer geht schon freiwillig auf die Straße, wenn der Krieg vor der Haustüre steht?“Die Tatsache war unabdingbar. Die Flucht musste geschehen und zwar bald. Alle Angestellten gingen selbst. Ein Treck wurde bei Nacht und Nebel hergerichtet, ein Minimum zum Mitnehmen. Nur das was man auf dem Leibe trug, ein paar wenige Lebensmittel und Teppiche und Betten, da es bitterkalter Winter war. Die Schneeflocken rieselten vom Himmel, aber die Flucht bot keinen Aufschub. So wurde Vaddl in Teppiche gewickelt auf den Treck gelegt und das Leben hinter sich gelassen. Keiner konnte sich später so genau erinnern, was wirklich in den Herzen der Menschen in diesem Moment geschehen war, es passierte wie im Schock. Greta übernahm sozusagen das Zepter. Ihr Sohn Wilhelm, Ava, der kleine Joachim waren offiziell zusammen und der eben versteckte Vaddl. Alle hatten riesige Angst, dass er entdeckt werden konnte, dann war er verloren. Adalbert war damit Fahnenflüchter. Darauf stand Todesstrafe. Hätte Greta ihren Gatten freigegeben, dann wäre Adalbert ganz sicher ein Opfer des Krieges geworden. Das wussten alle. Adalbert hatte den 1. Weltkrieg körperlich unbeschadet überlebt. Adalbert hatte schon unter Bismarck gedient. Wer hätte dieses Mal schon mit Bestimmtheit sagen können, dass ihm nichts passiert. Es war schon das Gut und alles was dazu gehörte, samt Ansehen, erst Mal komplett verloren. „Die Angst und die Ausnahmesituation lässt uns alle über die Verhältnisse hinauswachsen. Ich tue Dinge, die ich noch nie getan habe“, sagte Greta zu Ava oftmals. Sie wollte Ava und den Brüdern zeigen, dass sie dem Stand der Dinge trotz hält. Ihre oftmals zitternden Hände vor Kälte, vor Hunger und vor der Ungewissheit, versuchte sie zu verstecken. Sie versuchte es. Sie war jetzt der alleinige Kapitän. Alle Ruder des Überlebens hatte sie an sich gerissen. Vaddl harrte in seinem Versteck nur aus. Immer in Gedanken, dass dieses Desaster irgendwann endete. Er hatte schon soviel erlebt. Er hatte eine schöne Kindheit, er hatte ein so herrliches Leben, … bis dieser Krieg kam. Er war selbst als dritter Sohn eines Bauern geboren. Daher sein Wissen über die landwirtschaftliche Kunst. Von klein auf gelernt und geliebt. Sein ältester Bruder Heinrich wurde Postinspektor. Daher kam auch seine spätere innere Verantwortung, in seinem eigenen Schaffen, sich der Postverteilung anzunehmen. Sein zweitältester Bruder Arthur hatte das Gut vom Vater übernommen. Auch seine Schwester Maria und seine Schwester Frida wurden Bäuerinnen. Adalbert hätte sich nie etwas anderes vorstellen können, als an Haus und Hof diese Dienste zu übernehmen. Das war er und das strahlte er von ganzem Herzen bedingungslos aus. Dieses Majestätische, Große in sich. Ständig verbunden mit der Natur und dem Wachstum, das aus seinen Händen geschaffen wurde. Die Verbindung zu Wind und Wetter. Kein Regen, kein Hagel, kein Blitz und Donner, noch große Hitze oder Sturm hätten ihm trotzen können. Das war Natur. Diesem allem fühlte Adalbert sich über alle Maßen verbunden. Dem Sein. Täglich die Witterung auf der Haut spüren zu dürfen. Das Wetter je nach Jahreszeit anzunehmen. Sich eins zu fühlen mit dem was der liebe Gott für einen vorgesehen hatte. Er haderte nie; weder mit den Wetterprognosen, noch mit dem Schicksal. „Ich kann es sowieso nicht ändern“, lächelte er besonnen und zog sich eben eine Jacke mehr oder weniger an, je nach Lage. In seinem Gesicht konnte man sein ganzes Leben fühlen, es war rein in sich. Im Sommer von der Sonne gezeichnet, gebräunt, ohne Sonnenschutzcreme, im Winter blass, jedoch unempfindlich gegenüber dem dicksten Schnee. Adalbert sah immer aus, als wenn sich das Wetter nach ihm ein Leben lang gerichtet hätte, weil er es annahm. Nie trotzte er dem von Gott gegebenen Weg. Nicht mal jetzt wo er versteckt unter den Teppichen nach Luft raffte in seiner fast aussichtslosen Position. Adalbert nahm das Leben als lebensbejahend an. Woran andere sich die Köpfe zerbarsten und jammerten, dies konnte Adalbert nie verstehen. “Mein Gott, das Wetter ist schon so lange so schlecht, ich finde es fürchterlich!“ sagten viele seiner Kumpels aus guten Zeiten, das konnte Adalbert nie verstehen. „Was soll ich denn daran ändern, an einer von Gott gegebenen Sache? Und vor allem warum sollte ich das ändern wollen?“ Sein Instinkt war fast animalisch, ein wunderbarer Zustand. Kleine Kinder und Tiere zeigten ihm stetig diesen Jetzt - Zustand und damit versuchte Adalbert in jeder seiner Situationen klar zu kommen. Wie ein Lebenspaket. Rundumversorgung des Annahmezustandes. „Was nutzt jammern? Es verbreitet schlechte Laune, sonst gar nichts“, sagte er und er hatte damit Recht. Nur so konnte er dem Schicksal eine überlebende Form schenken. Eben jetzt nicht mehr der reiche angesehene Gutsherr zu sein, sondern er war durch höhere Kräfte in eine schier aussichtslose Gefahr geraten. Bedingungsloses Annehmen des Lebens. Später, sehr viel später, als er schon kurz vor seinem 90. Geburtstag stand, da hatte Adalbert sogar sein Austreten aus dieser Welt als bejahend angenommen. Er bereitete sogar sein Ableben vor. Nicht voller Angst, oder Sorge, sondern aus bestehendem Zustand, dass wir alle einmal gehen müssen und deshalb hatte er in einer Neutralität und Vorsorge seine Beerdigung aufgeschrieben, wie die auszusehen hatte. Das war überhaupt nicht traurig, ganz im Gegenteil vollkommen realistisch und einfach für alle die da zurück geblieben waren. Er hatte sogar den Sargträgern zu Lebzeiten Trinkgeld gegeben, damit sie ihre Sache ordentlich machten und alles seinen von ihm gewünschten Rahmen erhielt. Alle Rechnungen, die seine Beerdigung betrafen, hatte er im voraus bezahlt. Er bestimmte die Lokalität seines Leichenschmauses und machte dazu trockene Witze. „Du trägst meinen Sarg“, sagte er zu einem der kräftigsten Totengräbern. „Dein Kumpel nicht, der hat zu schwache Arme. Ich hab' keine Lust, von Euch durchgeschüttelt zu werden.“ Und zog seinen Flachmann aus der fein genähten Weste und stieß mit den Totengräbern auf eine glückliche Zukunft an. Herrlich. Er hatte einfach diesen positiven verbundenen Zustand mit dem Sein. Auch als er später wirklich kurz vor seinem Tode war, er spürte es, als es soweit war, erzählte er seiner Lieblingsenkelin Victoria, dass es bald soweit wäre und das sie nicht traurig sein sollte, sondern es als normal und gegeben ansehen sollte, schließlich hätte er ein wunderbares Leben gelebt, seine geliebte Frau war damals ja nicht mehr da, seine Kinder weiß Gott groß, seine Kumpels nicht mehr belastbar. „Mit euch kann man nicht einmal mehr richtig Schnaps trinken“, „schalkte“ er zu seiner Enkelin, „ansonsten gäbe es auch keine tollen Mädels mehr, in die man sich verlieben könnte, er hätte alles gesehen, was er hätte sehen wollen, alles erlebt, was er erlebt haben wollte, keinen guten Sex mehr, also, liebes Kind, ich gehe und du brauchst nicht zu weinen, es ist alles gut so, ich werde immer bei dir bleiben in Gedanken.“ So hatte Victoria später nie sein Sterben beweint. Manchmal dachte Adalbert an die Zeit zurück, als er frierend im Treck versteckt war, wie früher im Winter auf seinem Gut die Schweine geschlachtet wurden und jedes mal ein großes Fest deshalb veranstaltet wurde. Viele Leute kamen da und es wurde gelacht, getrunken und gegessen bis die Sonne aufging. Aber er dachte nicht daran, weil er es bejammert hätte, nein. Zum einen hatte er enorm viel Zeit, als er so versteckt lag und sich nicht rühren durfte. Es konnte ja immer ein Trupp mit russischen Soldaten nach ihm fahnden und so malte er sich Geschichten in Gedanken aus und an ein geschlachtetes Schwein zu denken, war in dieser absurden Situation weiß Gott nicht das Schlechteste. Vor allem noch, es machte in Gedanken satt. Das brutzelnde Ferkel auf dem Spieß zu sehen, wie es sich langsam unter der Glut des Feuers räkelte und Runde um Runde knuspriger wurde, ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Er roch es förmlich. Er sah den Schweiß des Schlachters an seiner Stirn, als er langsam und bedächtig am Rad des aufgespickten Schweines drehte. Er spürte die Hitze des ausgehenden Feuers dort und sah die langen Hälse der erwartungsfreudigen Kinder, die den Schlachter permanent piesackten, wann das gute Stück denn endlich fertig wäre. „Wann gibt es denn die Würste?“ fragte der Stallknecht den Fleischer. Denn dieser war dafür der wichtigste Mann. Er trug ja die Verantwortung über die guten Stückchen. Nicht nur lecker Schwein auf Spieß und knackige Würste, auch in Büchsen wurde Schweinefleisch haltbar gemacht. Dies war alles das Resort des Fleischers. Dies alles stellte sich Adalbert immer wieder vor und er freute sich. Man glaubte es kaum. Oftmals schweiften seine Gedanken auch zurück an den 1. Weltkrieg. Er war dort Feldwebel gewesen. Und er hatte das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhalten. Voller Stolz. Die blinkende Uniform seiner dienenden Zeit bei der Garde in Potsdam und Berlin leuchtete in seinen Gedanken hell. Was war ich doch für ein schmucker, fescher Mann gewesen. Jung, aufblühend voller Träume und Visionen. Vor allem die Zeit in Berlin hatte er später seiner Lieblingsenkelin voller Vertrauen und Glück vererbt. Nun sein Vater war während des 1. Weltkrieges gefallen. Aber was hatte das mit ihm zu tun? Warum sollte er jetzt, als der 2. Weltkrieg ausgebrochen war, von Sorge getragen sein? Keine Warumfragen. Brächte nichts. Sorge half ihm nicht aus den Teppichen des Versteckes. Zuversicht, Vertrauen und Mut waren angesagt und das wollte er sich und seiner Familie beweisen. Nicht nur beweisen, das war er. Ein mutiger, vertrauenserweckender Mann voller Stolz und Selbstbewusstsein. Das sollte auch so bleiben, egal was geschah. Er wusste, dass sein Stadtgut nach seiner Flucht in russische Hände geraten war. Kurz vor diesem Ereignis hatten sich ja schon fremde Menschen in seinem Haus angesiedelt. Wie in jedem anderen Hause auch. Avas Zimmer wurde vom Veterinär in Anspruch genommen und sogar die Ställe mussten geteilt werden. Zwei davon wurden als Lazarett umgestaltet, bzw. notdürftig dafür eingerichtet. Sogar Avas Schule war als Lazarett umgebaut worden. Ganz allmählich und doch ganz schnell waren ja in der Stadt Gefangene von den Russen gehalten worden. Nicht offiziell, sondern unter vor gehaltener Hand. Auch Avas Schulzeit, die mit fünf Jahren begonnen hatte, ganz harmonisch und in liebevoller Eintracht mit dem Glauben und Vorsatz an eine schöne ruhige Zukunft, hatte sich im Vorfeld, ganz langsam zu einer unruhigen, nicht geradlinigen Einrichtung entwickelt. Mit anderen Worten: Ava wusste nach einiger Zeit, eben als der Krieg schon ausgebrochen war, morgens einfach nicht mehr, in welchen Räumlichkeiten überhaupt Unterricht stattfand. War ihr Klassenzimmer jetzt auch ein Lazarett, oder war heute einmal Schule darin? Wenn die Schulstunden im Klassenraum nicht eingenommen werden konnten, dann wichen die Lehrer oftmals ins Gemeindehaus aus, das an der Kirche lag, oder sie gingen ins Gymnasium, wenn es nicht auch sporadisch als „Krankenversorgeunterkunft“ umgestaltet worden war, oder in die hiesige Schlossschule, die den selben Zwecken diente. Mit all diesen Hindernissen, einschließlich den Ausbildungen an den Gasmasken, war eben der gesunde Alltag Schritt für Schritt einem Angstszenarium gewichen worden, so dass jedem, vom Kleinkind, bis hin zum Greise klar wurde, dass das herkömmliche Leben sich verabschiedet hatte und nur noch Flucht ein Ausweg war, ohne Heimat, ohne Ziel, ohne Gewissheit des Überlebens. Keiner wusste, wie es weiter gehen würde. Flucht – doch Flucht wohin? Doch wer wüsste schon, wie es im Leben weiter gehen würde? Was blieb, war die Hoffnung. Hoffnung, dass dies alles nur ein schlechter Traum war. Irgendwann, bald, vorbei. Die Gegenwart zählte. Die Gegenwart des Überlebens und die Gegenwart der Hoffnung. Die Hoffnung, dass die zwei Söhne, die in den Krieg einberufen wurden, wieder zurück kommen würden. Dass sie in den Leiden des Krieges von Gott gesegnet waren, überlebten, satt zu essen hätten, keine Verwundungen davontragen würden und bald in die Arme der Familie zurückkehren könnten. Wo immer es sein würde, wann immer es sein würde. „Ich fühle es“, sagte Greta zu ihrer kleinen Ava, nahm sie fest ihre starken Arme und drückte sie an ihre Mutterbrust. „Ich fühle, dass die beiden zurück kommen, ich fühle, dass sie unbeschadet aus dem Krieg heimkommen, ich weiß, dass wir alle wieder vereint sein werden.“ Dabei lief ihr eine dicke Träne über ihr raues Gesicht, vom grimmigen Winter und der mangelnden Pflege, gezeichnet. Doch wo zogen sie in ihrem Treck überhaupt hin? Was war ihr Ziel? Sie hatten sich einfach nur den anderen, die alle auch flüchteten, angeschlossen. Das war ein Riesen-Treck. Er war kilometerlang. Das Vorne war nicht zu sehen, das Hinten auch nicht. Sie waren mittendrin. Sie flüchteten einfach nur vor den Russen. Von denen sie wussten, wenn sie ihnen begegneten, nur schlimme Dinge folgen würden. Doch so ganz waren sie von den Russen nicht befreit. Diese beobachteten natürlich das Weggehen der Einheimischen. Teils von der Ferne, teils von Nah. Es eilte immer zu unbestimmten Zeiten ein Kurier mit schnellem Pferd, an ihnen vorbei, um ja sicher zu stellen, dass sie alle verschwanden und sie vollständig von deren Land Besitz nehmen konnten. Immer in Reichweite. Wachposten mit geladenen Gewehren begleiteten den Trupp, jedes Fehlverhalten ihrerseits konnte tödlich enden. Permanent wurden alle Flüchtenden ermahnt, besser gesagt angeschrien, wenn sie nur geringfügig vom Wege abkamen. Immer wieder versuchte Ava mit ihrem kleiner Joachim an der Hand, während des Trecks betteln zu gehen, denn ihr Essen war rationalisiert. Besser gesagt, es gab nur trocken Brot. Nichts anderes als trockenes Brot. Als der Trupp, der fast ununterbrochen, Tag und Nacht vorangetrieben wurde, einmal in einer alten Schule eingesperrt wurde, in einer sehr alten Schule, deren Keller von Minen unterlegt war, wurde ihnen sofort gedroht: „Wenn du Fehler machst, spreng‘ ich dich in die Luft, du Schwein!“ Das war der Wortlaut und die Umgangsweise mit Menschen, die sich keiner Schuld bewusst waren. Die ständige unbarmherzige Angst vor den Russen.An manchen Tagen wurden sie zu Fuß bis zu 50 km getrieben. Irgendwann kamen sie an einem Auffanglager an. Eine ehemalige Flugzeughalle. Vaddl blieb weiterhin versteckt auf dem Wagen. Wie hätte man ihn auch befreien können. Muddl hatte ihm immer wieder ihr letztes rationalisiertes Brot zugeschoben. Klamm heimlich mit der Bitte: „So Gott lass ihn niemanden finden, lass dieses Schicksal so schnell wie möglich an uns unbeschadet vorbei gehen.“Die Wägen blieben vor diesem Auffanglager stehen. Reihum so lange das Auge sah. Sporadisch wurden natürlich die Trecks von den Russen mit langen Stangen angestochen. Sie wollten kontrollieren, ob sich darin etwas bewegte. Sie untersuchten auch die Wägen nach Wertgegenständen, die sie den Flüchtlingen klauten. Doch so recht anfassen wollten sie die Sachen der Flüchtlinge nicht. Für die Russen waren die Flüchtlinge der Abschaum. Der Ekel. Das war Vaddls Glück. Niemand fasste ihn an. Keine Stange traf ihn. Er traute sich kaum zu atmen. Immer wenn es Nacht war schlich sich einer der Familie zum Wagen und versorgte die Pferde mit Wasser. Das auch rationalisiert wurde. Bei der Gelegenheit, meistens waren sie zu zweit, meist Muddl und eines ihrer Kinder, versuchte einer ein Stück altes Brot unter die Teppiche zu schieben. Vaddls Überleben. Im Auffanglager wurden ca. 3000 Menschen ca. drei Wochen lang zusammen gepfercht. 3000 wildfremde Menschen mit nichts, ohne „Privatsphäre“. Manche Menschen verstarben dabei, vor den Augen aller, manche wurden geboren, auch vor den Augen aller. Für ihren Kleinsten, Joachim, hatte Muddl eine Decke organisiert, er war gerade fünf Jahre alt. Muddl und der Rest der Familie deckten sich mit alten Zeitungen zu. Sie lebten, nein sie vegetierten, ohne Toilette, ohne Waschen. Dies war kein Leben mehr. Sechszehn Menschen bekamen ein altes Brot für den ganzen Tag. Wenn man Glück hatte, wurde es eine Schnitte, die brockenweise heimlich noch für Vaddl reichen musste. Eine Wassersuppe mit ein paar Erbsen darin gab es ab und an. Jeder bekam einen kaputten Magen, Durchfall und Mangelerscheinungen. Kraftlosigkeit, Müdigkeit, Wundheit und einen aufgeblähtes Inneres vom Nichts. Dazu kamen noch die menschlichen Diskriminierungen, die Fußtritte und die seelischen dauerhaften Demütigungen, das Anschreien und die Angst, es würde nie mehr enden. Manchmal dem Tode näher dem Leben. Auch die älteren Brüder, Ferdinand und Peter, waren in Kriegsgefangenschaft oftmals dem Tode näher, als dem Leben, aber davon wussten die anderen „Gott sei Dank“ nichts. Schon in Zeiten der russischen Aufkeimung, als die sich ganz allmählich auf dem schlesischen Hoheitsgebiet breit gemacht hatten, wurden die beiden Brüder aus Altersgründen aus dem heimischen Hof weg entsandt und wurden ja unfreiwillig zur militärischen Ausbildung gezwungen. Als sie dann durch die Flucht in Kriegsgefangenschaft gerieten, keiner wusste wohin, wurden sie einfach mit dem Gewehr auf der Brust überfallen und abtransportiert. Niemand hatte mehr etwas von ihnen gehört. Später, viel später, erzählte Peter seiner Familie: „Hätte es kein Schweinefutter gegeben, wir hätten nicht überlebt.“ Sie hatten den Schweinen im Stall ihr Futter geklaut, sonst wären sie verhungert. Wilhelm, der noch zu jung war, um militärisch zu dienen, wich seiner Mutter auf der Flucht kaum von der Seite. Er war ein sehr sensibler Junge, ohne seine Familie hätte er nicht nur durch die äußerlich schlimmen Folgen kaum überlebt, nein, seine Seele verkraftete die Zustände nicht. Bald wurde er sehr krank. Er bekam eine Blinddarmreizung. Hätte er sie zu einem Zeitpunkt bekommen, als kein Krieg herrschte, hätte man diese Reizung durch einen operativen Eingriff, Medikamente und liebevolle Zuwendung schnell in den Griff bekommen, doch unter diesen katastrophalen Zuständen ging es Wilhelm bald sehr, sehr schlecht. Vaddl erzählte später, „ich glaube, er suchte etwas um diesem grauenhaften Martyrium zu entfliehen.“ Er wollte nicht mehr. Er wünschte sich den Tod als sehnende Erlösung. So geschah es auch. Wilhelm starb, viel zu früh, an dem seelischen Leid und den Folgen einer Blinddarmreizung.
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