Der gute Wandel
Nach schier endlosen Monaten des Flüchtens erreichte der gesamte Treck irgendwann ein Territorium, welches außerhalb der Grenze der russischen politischen Interessenlagen lag.Sie kamen in ein bayrisches Einzugsgebiet, die Oberpfalz. Dorthin löste sich der russische Begleitzug auf und die Menschen waren sozusagen wieder sich selbst überlassen. Verwahrlost, ohne Geld und Gut, ohne Ziel, ohne Arbeit, ohne Dach über dem Kopf. Ohne zu wissen, was sie mit sich anfangen sollten. Aber sie hatten sich selbst wieder. Da galt es in erster Hinsicht ihre Grundbedürfnisse zu decken. Vaddl, der das Desaster vollkommen versteckt überlebte und vor allem unbemerkt von allen; das glich einem Wunder. Er konnte nach Auflösung der russischen Kontrolle, wieder aus seinem Teppichlager frei entsteigen. Er selbst hatte es nach eigener Auffassung, dem bedingungslosen Glauben ans Gute zu verdanken, dass er jetzt hier stand und einfach nur lebte. Er wusste es mit einer inneren Bestimmtheit, dass dies der einzige Grund war. Er nahm seine Muddl fest in seine Arme und sagte: „Mein Schatz, jetzt fangen wir halt wieder von vorne an, was macht das schon.“ Alle weinten. Sie hatten ihre beiden jüngsten Kinder bei sich, Ava und Joachim. Was, wie erwähnt, mit den anderen beiden Söhnen war, wusste niemand. Die Sorge, die sie jetzt trug, wie kommen wir zu einer Unterkunft und wie bekommen wir Arbeit und Nahrung. Da sie ja nichts hatten, nur die Dinge auf ihrem Leib, konnten sie nicht für ihre Kinder sorgen. Welch grausames Gefühl in Eltern. Ava war mittlerweile dreizehn Jahre alt, kurz vor Vollendung ihres vierzehnten Geburtstages. Sie beschlossen zusammen, dass Ava in einen Haushalt gehen sollte, wo sie sich ihr Brot alleine verdienen konnte. Das konnte Ava am besten, sich in einem Haushalt nützlich machen. Vor allem wäre sie versorgt, hätte Essen und Trinken, ein Bett und Arbeit. Einen Beruf, ja gar fortführende Schulausbildung, hatte Ava ja nicht erlernen können, sie war ja noch ein Schulkind gewesen. So geschah es nun. Sie gingen zusammen zu einer Bäckerei und boten ihr Kind für Dienste an. Die Bäckerei wählten sie bewusst, Bäckerei hieß immer Essen können. Sie hatten trotz allem Glück, die Bäckerei-Familie suchte eine Gehilfin. Sie boten Ava eine Dachkammer zum Schlafen und drei Mahlzeiten an. Sie gaben ihr Kind viel zu früh aus ihrer elterlichen Obhut. Voller Schmerzen taten sie es. Aber was hätten sie anderes tun können, um ihrer Tochter das Überleben zu ermöglichen?So wahr es war – sie konnten sich nicht um Ava kümmern. Ava sollte ja leben. Vaddl und Muddl hatten keine Bleibe und kein Geld. Sie hatten jetzt noch den kleinen Joachim, eben gerade mal fünf Jahre alt. Joachim war auch der Einzige gewesen, der während der Flucht von den Russen seine Decke behalten konnte. Joachim war ja noch ein Kleinkind. Die anderen mussten während ihrer Flucht, gerade im Auffanglager, sich ausschließlich mit alten Zeitungen begnügen. Sie wussten gar nicht mehr, wie sich eine Wolldecke anfühlte. Ava wurde da schon als „Erwachsene“ behandelt, trotz ihrer dreizehn Jahre. So auch nun. Sie musste arbeiten gehen, wie eine Erwachsene, obwohl sie weiß Gott ein Kind war. Noch nicht einmal in der Pubertät. Sie hatte gar keine Ahnung davon, im Prinzip, soviel Selbstverantwortung zu übernehmen. Doch durch den Einbruch des Krieges und die Flucht aus der Heimat war sie eine Überlebenskämpferin geworden. Vom reichen, wohlbehüteten, „allzeitversorgtem“, prädestiniertem Kind, in ein bettelarmes Flüchtlingswesen, welches nicht nur die Wandelung zum Erwachsenen hätte leben sollen, sondern auch sie musste wie unter Schock die Unbarmherzigkeit des Lebens erspüren durch den Krieg. So landete sie nun bei dieser Bäckerei, wo es zu essen gab, Arbeit und ein Bett für sie. Aber keine elterliche Fürsorge, keine Warmherzigkeit, oder Geborgenheit. Ava hatte diesen Zustand nie verarbeitet. Erst im hohen Alter, als sie über siebzig Jahre alt gewesen war, begann sie ja davon zu erzählen und gab gleichzeitig zu, dass ihr durch diese schrecklichen Erlebnisse nicht nur die Jugend abhanden kam, sondern auch später jegliches Verständnis bei ihrem eigenen Kind hierfür. Ava blieb diesbezüglich lebenslänglich eine Glucke. Doch ganz spät, erst durch das Erzählen dieser Erfahrungen konnte ihre eigenes Kind, als dieses schon erwachsen war, dieses „Nicht-loslassen-Verhalten“ von Ava nachvollziehen. Vaddl und Muddl wanderten nach Abgabe ihres Kindes umher und suchten sich Bauern, bei denen sie am Hofe arbeiten konnten. Das hatten sie gelernt. Sie waren Landwirte. Mit Joachim an der Hand auf der Suche nach einem Schlafplatz, wohl im Heu, hätte ihnen schon gereicht und schwere Arbeit, die sie in Kauf nahmen, nur um einen Unterschlupfplatz zu finden; von einer neuen Heimat war da gar keine Rede. Auch sie fanden bei einem Bauern eine Bleibe. Nicht im Heu, sondern ein karges Zimmer neben dem Stall, wo sie mit Joachim notdürftig leben konnten. Dafür mussten beide aber den ganzen Tag hart am Felde arbeiten, von morgens früh, sehr früh 4.30h im Stall, bis es abends dunkel wurde. Für das kleine Zimmer mit einem alten Bett für alle drei, einem alten Tisch, ohne Strom. Dafür bekamen sie auch zu essen, kein drei Gänge Menü, doch zumindest Kartoffel, Brot und ab und an eine Suppe. Ava durfte dort nur ab und zu auf Besuch kommen, aber schlafen konnte sie bei ihren Eltern nicht – es gab einfach kein Platz für sie. Vaddl nahm seine Ava, also sie am Sonntagnachmittag, ihre einzige arbeitsfreie Zeit, wo sie Ausgang bekam, fest in den Arm und sagte zu ihr: „Ava, mein Kind, ich glaube bedingungslos daran, dass wir alle wieder sehr glücklich werden. Doch glücklich bin ich jetzt schon, wenn ich Dich in meine Arme schließen darf und wir alle überlebt haben.“ Ava weinte. Trotzdem konnte sie wieder, wenn auch schweren Herzens, zu ihrer Arbeitsstelle zurückkehren und wurde in Gedanken von Mut bestärkt. Ava hatte von dieser Zeit in ihrem Leben lebenslängliche Süchte zurückbehalten. Zum einen Teil, wie erwähnt, das nicht loslassen können ihrer späteren Familie, sowie das fast krampfhafte Hinterherrennen nach Essen. Ava bot zeitlebens jedem immer und überall Essen an. Dabei ging es nicht um Hunger, oder um Spezialitäten, sondern immer nur ums permanente Essen schlechthin. Ihr eigenes Kind hatte es später nie verstanden, warum ihre Mutter ihr fast pausenlos Nahrungsmittel zukommen lassen wollte. Selbst als Victoria später sagte, sie sei satt, überhörte Ava dies grundsätzlich. Sie häufte ihrem Kind nochmals einen Schöpfer drauf. Da gab es sehr viel Streit in der Familie diesbezüglich. Auch war Ava später im Besitz zweier Kühlschränke und einer riesigen Tiefkühltruhe, die zeitlebens drohte, an Überfüllung zu platzen, denn sie war immer voll. Zu jeder Jahreszeit. Erst als Ava, wie erwähnt, in die Jahre gekommen war, rückte sie mit dieser Wahrheit der Kriegserlebnisse heraus und ihr eigenes Kind konnte somit im Erwachsenenalter zumindest ihre Verhaltensformen verstehen. Auch hatte Ava, als sie von der Bäckerfamilie aufgenommen wurde, vom gleichen Zeitpunkt an, Heißhunger auf die vielen Köstlichkeiten, die durch das gesamte Haus zogen. Überall war dieser intensive Geruch von Backwaren. Nach dieser enthaltsamen Zeit, der Entbehrungen sämtlicher Genüsse, nur des Überlebens gedacht, überkamen Ava dauerhafte Gelüste, diese Köstlichkeiten zu probieren. Und sie tat es auch. Alle Anschnitte, alle Reste drum herum, alle Krümel in den Backschüsseln, fielen Ava zum Opfer. Mit einer Begierde überkam sie dieser Appetit. Die Bäckerleute ließen Ava gewähren. Sie hatten von ihr erfahren, welches Schicksal sie und ihre Eltern im Kriege erlangt hatten und vor allem, sie sahen es Ava an, welches Leid ihr widerfahren war. Ava war ausgemergelt, blass, unterernährt, mit Mangelerscheinungen. Da war es für die Bäckerleute eher eine Wohltat, Ava bei diesen Heißhungerattacken zu beobachten.
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