Ich kam dann auf das Gymnasium, was meinem Lerneifer entsprach. Ich war ehrgeizig und hatte teilweise ziemliche Prüfungsangst. Besonders vor Lateinklausuren habe ich mich nicht selten übergeben. Die ersten heißen Küsse gab es mit Eva im Landschulheim. Danach wollte sie nichts mehr von mir wissen. Mit Fünfzehn habe ich angefangen zu rauchen und zu trinken und mit ein paar coolen Typen auf Partys abzuhängen. Meine erste Vinyl-Scheibe, die ich von meinem Taschengeld kaufte, war von den Sex Pistols. Zuzuordnen waren wir der linksalternativen Punkszene mit einer Verachtung auf alles, was etabliert-spießig und bürgerlich war. Ich war wie mein Freund Patrick aber eher auch ein Sympathisant, der selbst zu artig und bürgerlich war. Im zarten Alter von Sechzehn hatte ich meine erste Beziehung, die allerdings nicht lange hielt. Mit Carola gings weniger um große Gefühle als um das Sammeln von Erfahrungen.
Besonders viel, auch für das anschließende Studium, habe ich von meinem Lehrer im Leistungskurs Geschichte gelernt. Er hat uns unter anderem die Analyse von Quellen und Statistiken nähergebracht. Außerdem war er sehr unterhaltsam und hat den Stoff mit schauspielerischen Einlagen aufgelockert.
Die Abiturprüfungen waren der Vorbote einer richtigen Krise, weil ich unter dem selbst auferlegten Leistungsdruck die Segel streichen musste. Monatelang hatte ich mich akribisch vorbereitet, viel zu viel gelernt und dann versagten Körper und Seele. Mir war übel, ich zitterte, ich war nicht prüfungsfähig. Zwei Wochen später habe ich dann die Leistungskursprüfungen allein nachgeschrieben. Insgesamt bin ich unter meinen Möglichkeiten geblieben, ich war aber doch froh, mein Abitur mit 2,0 bestanden zu haben und dass ich mit den anderen zusammen feiern konnte. Man muss hier der psychoanalytischen Deutung nicht folgen. Es gibt viele Schüler, die leistungsorientiert sind, um ein gutes Abitur, das ersehnte Studium oder einen guten Job zu bekommen und die nicht an einer Depression erkranken. Die Geschehnisse hätten aber ein Warnzeichen sein müssen, das psychotherapeutische Aufmerksamkeit verdient hätte. Meine Eltern haben bezüglich meiner schulischen Aktivitäten und Leistungen nie Vorgaben gemacht, die ich etwa hätte erfüllen wollen. Ich war ein sehr selbständiger Schüler. Später im Studium oder im Job wollte ich auch gut sein, um mich selbst zu verwirklichen und mir schließlich Wohlstand zu erarbeiten. Das lief allerdings häufig nicht ohne Anspannung ab, bis ich mir in vielen Bereichen Routine erarbeitete.
Mit ein paar gutachterlichen Tricks bin ich um den von mir gefürchteten Wehrdienst herumgekommen und habe in Kiel angefangen, Politikwissenschaft und Geschichte zu studieren. Zunächst wohnte ich in einer kleinen möblierten Wohnung unter dem Dach, die so ungastlich war, dass ich mehr Zeit bei meinen Eltern zuhause verbrachte. Ich tat mich schwer, mich von zu Hause abzunabeln. Erst als sich die Wohnsituation verbesserte und ich mit zwei Freunden in eine geräumige Dreizimmer-Wohnung in der Gutenbergstraße zog, konnte das Studentenleben so richtig beginnen. Ich hatte ein paar nette platonische Freundinnen, mit denen ich meine Freizeit auf Partys und beim Sport verbrachte und die wichtigen Dinge der Welt diskutierte. Mit anderen ergab sich ab und zu ein One-Night-Stand, die Sehnsucht nach einer funktionierenden festen Beziehung wurde aber nicht gestillt.
Zwischenzeitlich hatte ich es mit einer neuen Studienkombination versucht: Politik, Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Ich scheiterte aber an den Mathematik-Propädeutika für VWL. Ich beschloss, dass sich die Welt auch ohne Lineare Algebra und Analysis für mich weiterdrehen konnte und sattelte nochmal auf die Studienkombination Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Pädagogik um. Dabei blieb es dann auch bis zum Schluss. In vielen Dingen bin ich ein Spätzünder. Manches brauchte einen zweiten Anlauf oder dritten Versuch, aber wenn ich mich mal für etwas entschieden habe, dann ziehe ich es auch bis zum Ende durch.
Im Frühjahr 1990 lernte ich Anja aus Berlin kennen, die in Kiel Ernährungswissenschaften studierte. Wir haben versucht, eine Beziehung zu führen, aber irgendwie war sie ihrem Exfreund und ihrem Familienleben in Berlin noch so verbunden, dass das, was wir hatten, nach und nach wieder auseinanderging.
1990/1991 entstand für mich ein neues Handicap: Aus dem Nichts bekam ich fürchterliche Rückenschmerzen. Über Monate war der Ischiasnerv gereizt, und ich konnte kaum laufen. Die Untersuchungen im Computertomographen ergaben, dass eine Bandscheibenprotosion vorliegt, die Vorstufe zu einem Bandscheibenvorfall. Die Ärzte konnten sich aber nicht erklären, warum dieser Befund solche Schmerzen hervorruft und die medikamentöse Therapie kaum griff. Ich hatte schon das unbestimmte Gefühl, dass das schmerzhafte Leiden psychosomatisch sei. Bei Freunden stellte ich nicht selten die Frage, „ob alles mit uns in Ordnung ist und was unsere Freundschaft ausmacht“. Ich überdachte also meine Beziehungen, ich kam aber nicht zu einer wirklichen Interpretation meiner Beschwerden.
Dann lernte ich an der Uni Silke kennen, die unter dem Strich meine Welt völlig ins Wanken bringen sollte. Sie hatte langes, kastanienfarbenes Haar, dunkle Augen und eine Weiblichkeit, der ich praktisch verfallen bin. Sie spielte die Verruchte, war frankophil, Anhängerin eines „Savoir Vivre“ und auch sonst Gelüsten nicht abgeneigt. Wir hatten eine leidenschaftliche Affäre miteinander, trafen uns, gingen miteinander ins Bett. Mir ging es körperlich schnell besser. Aber seelisch war das Ganze wie ein Hase-und-Igel-Spiel. Während die Frau mit Format die Liaison genoss nach dem Motto „Kleiner lass´ mich mal sehen…“, war ich von den Interaktionen so fasziniert, um nicht zu sagen hörig, so dass ich über meine Gefühle überhaupt nicht im Klaren war. Es war ein Rausch, der mit einem Urlaub in einem Ferienhaus auf der dänischen Insel Bornholm sein vorläufiges Ende nahm. In diesem Haus hatten wir ausschweifenden Sex an allen möglichen Orten. Aber – das ist wichtig für die spätere Bewältigung meiner Krise – es gab auch eine Situation, in der Silke nicht sprach und erst nach einfühlsamen Nachfragen zugab, dass sie manchmal in dunkle Löcher fiel und nichts dagegen machen könne. Ich sagte ihr, ich akzeptiere sie mit allem und fühlte eine besondere Nähe. Irgendwie hatte ich auch immer noch das Ziel einer festen Beziehung, wozu sie aber nicht in der Lage war. Als nach dem Urlaub die Treffen aufhörten (Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan…der Mohr kann gehen), da begann bei mir die Eifersucht und Wut. Ohne mit Silke direkt zu reden, ließ ich bei Freunden kein gutes Haar an ihr. Ich hatte den Verdacht, dass ich nicht der einzige Mann war. „Nymphomanin“ geisterte in meinem Hirn herum. Sie hatte mich so verletzt, dass ich die Aspekte, wie alles zusammenhing, in ellenlangen Monologen aufschrieb, irgendwie um das Ganze zu verarbeiten. Das Gegenteil war aber der Fall. Ich habe die Geschehnisse konserviert und solange auch in meinem Kopf bewegt, bis ich nicht mehr abschalten konnte. Ich habe völlig die Kontrolle verloren. In Panik bin ich eines frühen Morgens im Sommer in mein Auto gestiegen und von Kiel zu meinen Eltern gefahren. Unterwegs auf der Landstraße beobachtete ich, wie eine junge Frau mit dunklen Haaren hinter einem Bushäuschen hervorkam und ihr Kleid zurechtschob. Ich hätte schwören können, dass diese Frau Silke war. Wahnvorstellungen nahmen Besitz von mir. Ich war völlig durch bei Rot.
In der Logik einer narzisstischen Krise waren äußere Bestätigungsfaktoren weggebrochen, und ich entwickelte eine existenzielle Selbstwertkrise mit Depression und Suizidalität. Man kann die Geschichte aber auch lediglich als kritisches Lebensereignis („Life Event“) interpretieren. Die Trennung als Verlust einer wichtigen Bezugsperson bzw. die sexuelle Begegnung und ihr Wegfall als belastende Lebenssituation waren der Auslöser für die Depression und Psychose.
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