Wie bei fast all ihren Gesprächen, verließen sie das Terrain der seichten Konversation auch bei diesem Gespräch nach nicht allzu langer Zeit wieder und kamen, geradezu zwangsweise, erneut auf heiklere Themen zu sprechen, zu denen unter anderem ein Bauskandal in Thorwalds Gemeinde zählte, in den auch die Gemeindeverwaltung verstrickt war, die sich mit derartiger Unverfrorenheit über Rechtsverordnungen und Verträge hinwegsetzte, dass es diesmal Thorwald war, der sich ereiferte: „Ich kann euch nur sagen, wenn ich all die Gemeinderäte Sonntag für Sonntag bei mir in der Kirche sitzen sehe, wie sie frömmelnd die Unschuldsengel spielen, da wird mir schlecht. Denn kaum sind sie zur Kirchentür hinaus, setzen sie ihre Schweinereien fort, diese Heuchler. Spielen sich auf wie kleine Feudalherren, die mit ihren Mitbürgern umgehen können wie es ihnen beliebt, dabei sind sie lediglich deren gewählte Vertreter, die die Interessen ihrer Wähler zu vertreten haben, nicht ihre eigenen. Und weist man sie darauf hin, so schämen sie sich nicht einmal dafür, im Gegenteil, oft beschimpfen sie dich, dann bis du der Buhmann. Aber eben dies ist ja gegenwärtig eines unserer Grundübel, niemand schämt sich mehr für etwas, jedem wird heute fast alles nachgesehen, verziehen. Ganz gleich, was er auch angestellt hat, irgendeine fadenscheinige Entschuldigung findet sich immer, nur auf dem kleinen Mann wird rumgetrampelt. Klaut ein Arbeitsloser oder ein altes Mütterlein aus schierer wirtschaftlicher Not eine Kleinigkeit, dann ist die Justiz schnell herbei, fährt hingegen ein Politiker im Suff jemanden tot, so wird seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt, wenn er nicht gleich ganz freigesprochen wird, seiner gesellschaftlichen Position wegen, wie es dann meist so schön heißt. Oder wird einer der noblen Herren der Korruption oder des Amtsmissbrauches überführt, na gut, dann verschwindet er halt vorübergehend von der Bildfläche, wird aus der Schusslinie genommen, spätestens zwei, drei Jahre später taucht er dann mit neuem Glorienschein wieder auf und tut so, als sei nie etwas passiert. Und was mich dabei am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass alle vergessen zu haben scheinen, dass er Dreck am Stecken hat. Ich bin nicht nachtragend, ich bin sehr wohl für Verzeihen und Vergeben, doch dann bitte schön allen gegenüber in gleichem Maße. Ich allerdings würde mich zunächst einmal in Grund und Boden schämen, würde ich eines derartigen Vergehens überführt, doch davon ist in unseren Tagen kaum noch irgendwo etwas zu spüren. Scham hat nichts mit Erniedrigung zu tun, ist keine Schwäche, im Gegenteil, wer sich noch schämen kann, beweist, dass er bereut, sich seiner Schuld bewusst ist, und dies ist schließlich die Voraussetzung, wenn ich mich, mein Verhalten ändern will. Scham ist ein Zeichen der Stärke, der charakterlichen Stärke, und daran mangelt es unserer Gesellschaft ganz gewaltig!“
Wie mit einem Brenneisen gebrannt hatten sich diese Worte damals in Claudes Bewusstsein eingeprägt, und mehr oder weniger tagtäglich fand er sie aufs Neue bestätigt, wann immer er die Zeitung aufschlug, Nachrichten sah, las oder hörte. Es war wirklich erstaunlich, oder besser beängstigend, mit welcher Dreistigkeit und Schamlosigkeit beispielsweise die gewählten Vertreter des Volkes einen oftmals zur Weißglut treiben konnten, diese ihre Bürger belogen, sie für dumm zu verkauften versuchten. Doch brauchten sie sich dann andererseits nicht zu wundern, wenn das Volk Politikverdrossenheit zeigt, den Staat seinerseits zu hintergehen versucht, wo es nur kann. Wer Vorbildfunktion innehat und dieser nicht gerecht wird, darf nicht erstaunt sein, dass seinen leeren Appellen nicht Folge geleistet wird.
„In wenigen Minuten erreichen wir Freiburg Hauptbahnhof. Dort haben Sie Anschluss an Intercity...“ Die von unregelmäßigem Knacken zerhackte Lautsprecherdurchsage holt Claude zurück in die Gegenwart. Der Zug rattert mittlerweile bereits durch die Vor-orte der badischen Stadt, die ihn, wie bei den allermeisten seiner vorherigen Besuche, mit Sonnenschein empfängt. Und während sich das Tempo allmählich verringert, die sich in Richtung Ausstieg begebenden Fahrgäste bei der Einfahrt auf das Bahnhofsgelände durch den wiederholten Gleiswechsel im Gang hin und her geschaukelt werden, packt Claude seine paar in der Ablage über ihm verstauten Sachen zusammen und tritt sodann aus dem Abteil auf den Gang hinaus. Mit einem letzten sachten Rucken kommt der Zug zum Stehen, der Bahnsteiglautsprecher verkündet dessen Ankunft und gibt diverse Anschlusszüge auf den Nachbargleisen durch. Ein lauer Frühlingswind streicht den Bahnsteig entlang, der von einem quirligen Menschengeflecht belebt ist. Ein suchender Blick nach rechts, dann nach links - noch ist Thorwald in dem Gewirr und Gewusel der eilends ihren Anschlusszügen Zustrebenden und der sich gemächlich gen Ausgang Orientierenden nicht auszumachen. Erst als Claude ein paar Schritte in Richtung Bahnsteigmitte getan und noch mehrere Male um sich geblickt hat, macht er die Gestalt seines Abholers zwischen zwei Grüppchen Jugendlicher aus, die zwei Waggons weiter stehen. Der plötzlich zum Gruß hochgereckte Arm signalisiert ihm, dass ihn jener nunmehr gleichfalls erkannt hat. Sekunden später liegen sie einander in den Armen, sich gegenseitig freundschaftlich kräftig auf die Schultern klopfend.
Thorwald, zivil gekleidet, hält Claude mit ausgestreckten Armen vor sich, so als wolle er den Neuankömmling einer Musterung unterziehen: „Schön, dass du da bist, auch wenn der Anlass kein besonders erfreulicher ist.“
„Ich freue mich auch, dich zu sehen.“ Claude langt zu seinem Pilotenkoffer, den er bei der Begrüßung neben sich gestellt hat, woraufhin sich beide in Richtung Bahnhofsausgang in Bewegung setzen.
‚Er fährt ja immer noch den gleichen betagten Opel Kombi’, denkt Claude, als ihm Thorwald am Parkplatz die Wagentür öffnet. „Und wie geht es dir und deiner Gemeinde?“
Die leichte Ironie im zweiten Teil des Satzes ist dem Geistlichen nicht entgangen: „Danke, mir geht es soweit ganz gut, was indes meine Gemeinde anbelangt, so ist so ziemlich alles beim Alten geblieben. Knatsch hier, Knatsch da, Schweinereien hier, Schweinereien da, und jeder schiebt die Schuld auf den anderen. Mit einem Wort: Business as usual.” Das Schulterzucken zeugt nicht von Resignation, deutet nur an, dass sich der Redner der Realität voll bewusst und keineswegs bereit ist, sich in einem sinnlosen Kampf gegen Windmühlen aufzureiben. „Und du, was treibst du zur Zeit?“
„Wie du ja weißt, lebe ich seit etwa einem Jahr in San Francisco und gehe dort meiner Fotografiererei nach.“
„San Francisco ... eine schöne Stadt, zumindest nach alle dem, was ich im Fernsehen und in Zeitschriften gesehen und gelesen habe.“
„Oh ja, wozu auch ihre Bewohner einen Gutteil beitragen, ihre Freundlichkeit, ihr lockerer Umgang miteinander. Du solltest mich einmal besuchen kommen.“
„Gehst du denn wieder zurück?“
„Ich denke schon, was hält mich hier noch, jetzt wo Philipp tot ist.“ Zum ersten Mal seit ihrem Wiedersehen am Bahnhof wurde das Faktum, das letztendlich Anlass für Claudes Besuch ist, klipp und klar ausgesprochen, lässt das Gespräch für einige Sekunden ruhen. „Ich will nur abwarten, was die Untersuchungen der Polizei ergeben, d.h. ich werde voraussichtlich schon noch eine Weile im Lande sein, denn momentan scheint sie noch völlig im Dunkeln zu tappen. Und selbstverständlich muss ich mich um Philipps Beerdigung kümmern. In diesem Zusammenhang ist mir nach meinem Anruf gestern Abend die Idee gekommen, ob nicht du die Totenmesse und die Beisetzung von Philipp übernehmen möchtest. Ich glaube, dies wäre auch Philipps Wunsch gewesen.“
Ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern gibt Thorwald seine Einwilligung: „Selbstverständlich, gar keine Frage. Weißt du schon wann und wo?“
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