„Das Ganze sieht mir irgendwie nach Unterwelt- oder Rotlichtmilieu aus“, resümiert Claude seine Analysen zu Thorwald gewandt, „nur ist mir nicht ganz klar, was Philipp da gesucht hat und wer all die Personen auf den Fotos sind. Soviel ich weiß, hat sich mein Bruder sonst nie in derlei Etablissements aufgehalten. Schade, dass er nichts dazu geschrieben hat, dann ließe sich vielleicht erkennen, worin die Brisanz dieser Bilder besteht, denn offen gesagt, so sehen sie für mich recht harmlos aus.“
„Stimmt, so recht schlau werde ich auch nicht daraus. Und Philipp hat dir gegenüber bei seinem letzten Telefonat nicht irgendeine Andeutung gemacht?“
„Nein, er hat mir ja noch nicht einmal gesagt, dass er dieses Material an dich geschickt hat. Nur dass er in irgendetwas hineingeraten sei, wodurch er sich bedroht fühlte, aber offensichtlich nicht so sehr, dass er um sein Leben fürchtete, denn sonst hätte er mir sicherlich mehr mitgeteilt.“ Sind diese Aufnahmen, die sich über den großen Couchtisch, auf der Couch und dem dritten Sessel ausbreiten, tatsächlich der Grund für Philipps Tod, oder haben sie mit dem Mord gar nichts zu tun? Alles ist so widersprüchlich, dem Ganzen fehlt die Logik, die Sorgfalt, die Claude von seinem Bruder gewohnt ist. Dass er den Bildern keinen Kommentar beigelegt, sie nicht einmal beschriftet hat, aus alle dem vermag er nur den Schluss zu ziehen, dass der Ermordete sie überstürzt zusammengestellt und abgeschickt hat, trotz der in dem mitgeschickten Schreiben auch auf seine Person Bezug nehmenden Äußerung davon ausgehend, nur er selber werde das Material weiter verwenden.
„Es wäre enorm wichtig zu wissen, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Nur so können wir eventuell herausfinden, um wen es sich bei den Abgebildeten handelt und warum das Material Philipps Ansicht nach so wichtig ist.“
„Wie wäre es, wenn du in Frankfurt zur Polizei gehst? Alt scheinen die Aufnahmen ja nicht zu sein, sonst hätte dich Philipp schon früher informiert, und wie du selbst erwähnt hast, hat dein Bruder in letzter Zeit fast ausschließlich in und um Frankfurt gearbeitet. Also durchaus möglich, dass die Aufnahmen in Frankfurt gemacht wurden, entsprechende Etablissements...“, Thorwald zeigt auf eine Reihe von Bildern, die aller Wahrscheinlichkeit nach im Rotlichtmilieu gemacht wurden, „...gibt es dort ja genug. Möglicherweise erkennt man bei der Polizei die eine oder andere Person auf den Bildern. Etwas Besseres fällt mir im Moment leider nicht ein.“
„Einen Versuch ist es zumindest wert.“ Claude überlegt, ob er den Kriminalbeamten bei der Vorlage der Fotos reinen Wein einschenken, ihnen alles im Zusammenhang damit Stehende erzählen soll. Da ihm gegenwärtig nichts sehnlicher am Herzen liegt als die Aufklärung des Mordes, wird ihm gar nichts anderes übrig bleiben. Doch schon in diesem Augenblick fasst er den Entschluss, den Beamten notfalls nur Abzüge auszuhändigen, die Originale hingegen keinesfalls aus den Händen zu geben. „Ich gehe morgen ... halt nein, morgen ist ja Samstag … also dann eben am Montag aufs Präsidium, mal sehen, ob die mir dort Auskunft geben können beziehungsweise ich ihnen damit weiterhelfen kann.“
Erfreut darüber, dass das bevorstehende Wochenende eine sofortige Abreise Claudes nicht erforderlich macht, lädt ihn der Geistliche ein: „Dann kannst du das Wochenende bei mir bleiben. Das wird dir guttun, außerdem können wir uns schon einmal Gedanken über die Beisetzung machen. Und vielleicht fällt uns ja doch noch etwas zu den Bildern ein.“
Claude zögert nicht lange, leistet der Einladung gerne Folge, beharrt allerdings darauf, bereits am Sonntagvormittag abreisen zu wollen, um am nächsten Morgen gleich den Hauptkommissar aufsuchen zu können, wie er vorgibt, insgeheim jedoch mit dem Hintergedanken, nach seiner Rückkehr nach Frankfurt zunächst einmal neue Abzüge der Aufnahmen anzufertigen.
„Ich weiß schon, du willst erst noch Abzüge anfertigen, ehe du zur Polizei gehst“, hat Thorwald ihn durchschaut, womit er Claude ein weiteres Mal beweist, wie genau er ihn kennt, er ihm nichts zu verheimlichen imstande ist. „Stimmt's?“
Claudes breites Lächeln ist an und für sich Antwort genug: „Ja. Es ist schlimm mit dir“, foppt er ihn, „für dich bin ich der reinste gläserne Kasten.“ ‚Einen solchen Freund bräuchte jeder Mensch’, geht es ihm durch den Kopf. „Weißt du was, ich habe Hunger bekommen. Hast du zufällig von dem phantastischen Landschinken im Haus?“
„Aber sicher, extra heute für dich besorgt!“ Während Claude die ausgebreiteten Fotos zusammenschiebt und in die Kuverts zurücksteckt, trägt der Hausherr das Kaffeegeschirr in die Küche, in die ihm sein Gast sodann folgt, den würzigen Geschmack des über offenem Feuer geräucherten Bauernschinkens auf der Zunge, mit dem Thorwald seinen Bruder und ihn in all den Jahren bei jedem ihrer Besuche kulinarisch zu verwöhnen wusste.
Sonntag, 20. April 1997, 20:15 Uhr
Später als gewollt ist es geworden, doch Thorwald bestand darauf, dass Claude vor seiner Abfahrt noch in aller Gemütlichkeit mit ihm zu Mittag essen müsse. Und da die nachmittägliche Verbindung nicht die allerbeste war, kehrt er erst jetzt in Philipps Wohnung zurück, die ihn mit der gleichen - da schicksalsbehafteten - abweisenden Trostlosigkeit empfängt, wie er sie bei seinen vorausgegangenen Besuchen kennengelernt hat, trotz ihrer an und für sich behaglichen Einrichtung, für die Claude angesichts der Umstände indes kein Auge hat, ihm ganz einfach die nötige Sensibilität dafür abgeht.
Noch in voller Montur, orientiert er sich sofort in Richtung Labor, in dem er sich rasch einen Überblick über die Vorräte an Entwickler, Stoppbad und Fixierer verschafft, ehe er seine Jacke ablegt und seinem Pilotenkoffer die drei Umschläge mit den Fotos entnimmt. Umschlagweise die Negative auf dem großen Arbeitstisch sortierend, schaltet er, nachdem er alle notwendigen Vorbereitungen abgeschlossen hat, das Rotlicht ein und die übrige Zimmerbeleuchtung aus. Obwohl er seit Längerem nicht mehr selbst im Labor gearbeitet hat, führt er alle Handgriffe mit der Routine eines Fachmannes durch, so als ob er seit Jahren nichts anderes tun würde. Da es in diesem Fall nicht um Fine Prints geht, ist er auch nicht darum bemüht, das Allerletzte aus den Bildern herauszuholen, lediglich Schärfe und soweit als möglich klare Erkennbarkeit der abgebildeten Personen spielen eine Rolle. Mit der Präzision eines Uhrwerkes hantiert er mit Vergrößerer, Fotopapier, Chemikalienbädern und Trockenmaschine, der er die fertigen Prints nach jeweils wenigen Minuten entnimmt und sie auf dem zweiten Arbeitstisch ablegt.
Nach Anfertigung zweier kompletter Bildersätze pickt er sich ein halbes Dutzend Negative heraus, auf denen jene Personen besonders deutlich zu erkennen sind, die jenes sich am Vortag herauskristallisiert habende rätselhafte Sextett bilden, dessen Vertreter - gemeinsam, einzeln oder gruppenweise in verschiedenen Konstellationen - auf nahezu jeder der Aufnahmen auszumachen sind. Da es sich bei ihnen offensichtlich um Schlüsselfiguren handelt, fertigt Claude von ihnen zusätzlich noch extra vergrößerte Porträtausschnitte an.
Als er das letzte Blatt Fotopapier aus dem Fixierbad zieht, verrät ihm der Blick auf die Uhr, dass es bereits halb zwei geworden ist. Da er trotz der fortgeschrittenen Stunde noch keine Müdigkeit verspürt, sein Geist im Gegenteil viel zu aufgedreht ist, rafft er die Fotos zusammen und nimmt sie, zusammen mit seinem Koffer und seiner Jacke ins Wohnzimmer mit, wo er sie auf dem Fußboden ausbreitet, um sie dort einer weiteren Inspektion zu unterziehen, in der stillen Hoffnung, unter Umständen doch noch ein Detail auf den nunmehr großformatigen Abzügen auszumachen, das Thorwald und ihm zuvor entgangen ist, obgleich sie die Originalabzüge am Samstag und Sonntag noch mehrere Male gemeinsam einer gründlichen Prüfung unterzogen haben, wobei er sich nunmehr zunächst die sechs vergrößerten Einzelporträts einprägt, ehe er sich daranmacht, die übrigen Aufnahmen Stück für Stück unter die Lupe zu nehmen. Zu wirklich neuen Erkenntnissen vermag er allerdings auch nach sorgfältigster Prüfung nicht zu gelangen, dazu ist es offensichtlich unumgänglich, so seine abschließende Erkenntnis, irgendwie mehr über die Identität der abgelichteten Personen in Erfahrung zu bringen.
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