„Nein. Ich weiß zwar nicht, warum es so lange dauert, doch noch haben sie den Leichnam nicht freigegeben. Lange kann es aber eigentlich nicht mehr dauern. Und wo? Ich hätte ihn gerne an der Seite meiner Eltern beigesetzt.“
„Schön. Du musst mich nur das genaue Datum wissen lassen.“ Ungläubig schüttelt Thorwald den Kopf: „Deine Nachricht heute Nacht hat mich schockiert, bis jetzt kann ich nicht recht glauben, was du mir gesagt hast. Erzähle mir, was eigentlich genau passiert ist.“
Während sie die Stadt durchqueren und deren Außenbezirke erreichen, lässt Claude - sich auf das Wesentliche konzentrierend - die vergangene Woche szenenhaft Revue passieren, gelegentlich unterbrochen von Fragen des Wagenlenkers, der die meiste Zeit konzentriert geradeaus schaut, nur sporadisch, und zwar immer dann, wenn er den Berichterstatter unterbricht, einen Blick über seine rechte Schulter wirft. Nach einer guten halben Stunde gleitet der altersschwache Personenwagen in die Hofeinfahrt des Pfarramtes. Claude ist bei der Anfahrt nicht entgangen, dass die Ortschaft seit seinem letzten Besuch merklich gewachsen ist, Neubaugebiete - umrahmt von architektonisch phantasielosen, omnipräsenten Industrie- und Gewerbeansiedlungen - das Ortsbild verschandeln. „Ist ja grässlich, was hier aus dem Boden gestampft wurde. Schöner ist der Ort dadurch nicht gerade geworden!“
„Ich habe dir doch gesagt, es hat sich nichts geändert, noch immer das gleiche Leid: Eine Hand wäscht die andere, und eine ist so schmutzig wie die andere.“
„Das so etwas genehmigt wird? Gibt es denn keine Bebauungspläne, Bauverordnungen?“
„Vergiss es, alles nur Makulatur. Es hält sich doch keiner daran. Und warum? Weil keiner, oder fast keiner etwas dagegen unternimmt, und wenn, dann fallen die Strafen derart gering aus, dass sie aus der Portokasse bezahlt werden können. Abschreckung also gleich Null! Und die meisten interessiert es doch ohnehin nicht, außer vielleicht man würde ihnen solch einen architektonischen Schandfleck direkt vor die eigene Nase setzen. Doch jetzt komm erst einmal herein.“
Im Pfarrhaus selbst hat sich dem ersten Anschein nach nichts geändert, zumindest nichts, was Claude auf den ersten Blick auffällt. Gewöhnlich kein Freund hoher Wohnräume, fühlt sich Claude in der vom dunklen Mobiliar und der von den an den Wänden hängenden beziehungsweise auf Sockeln und Podesten stehenden kleineren und größeren Kunstwerken geschaffenen behaglichen Atmosphäre sofort wieder wie zu Hause, durchflutet ihn zum ersten Mal seit dem Auffinden seines Bruders das Gefühl der Geborgenheit, des Nicht-Allein-Seins, wozu sicherlich auch die vielen Grünpflanzen beitragen, an denen er sich als großer Blumenliebhaber noch nie hat sattsehen können. Dazu die milde Nachmittagssonne, die von dünnen Wolkenschlieren zart verschleiert durch die beiden großen Glastüren in das Wohnzimmer hereinflutet, durch die man auf die Terrasse und in den Pfarrgarten gelangt, in dem unter anderem uralte Obstbäume stehen, die Jahr für Jahr reichliche Ernte bescheren. Wie oft haben er und sein Bruder sich an deren schmackhaften, mitunter schrumpeligen, da nicht auf Industrienorm getrimmten Früchten delektiert.
„Ich mache uns erst einmal einen Kaffee“, lässt sich Thorwald aus der Küche vernehmen. „Mache es dir inzwischen bequem.“
An den Terrassentüren stehend, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, gleiten Claudes Blicke über den von seinem väterlichen Freund liebevoll gepflegten Garten, in dem sie, wenn es die Temperaturen zuließen, zusammen mit Philipp so manch eine Nacht hindurch schwatzend gesessen sind. Schemenhaft taucht dabei das Bild seines Bruders vor ihm auf, wie er mit ihnen gelacht und geschimpft hat. Die die Sonne ganz allmählich immer stärker einhüllenden Wolkenformationen deuten auf Regen hin.
„So, der wird uns guttun“, reißt ihn der Geistliche aus seinen Tagträumen, ein Tablett mit zwei Tassen, einer Zuckerdose und einer Kaffeekanne vor sich her balancierend, das er auf dem ovalen Couchtisch abstellt, woraufhin er, nach dem Verteilen der Tassen, mit dem Eingießen des Kaffees beginnt, dessen verführerisches Aroma Sekunden später das Zimmer füllt und Claude an den Tisch lockt, wo er sich in einen der breiten, cremefarben bezogenen Sessel fallen lässt. „Trinkst du ihn immer noch schwarz?“
„Ja, schwarz wie die Nacht“, bestätigt Claude die Vermutung des Gastgebers.
Dieser sitzt noch nicht richtig, da springt er bereits wieder auf und holt von dem in der Zimmerecke stehenden Sideboard jenes ominöse Päckchen, dessentwegen Claude hier ist: „Entschuldige, fast hätte ich vergessen, weswegen du eigentlich gekommen bist. Hier ist der Brief, den ich dir gestern Abend vorgelesen habe, und dies ist das dazugehörende Päckchen.“
Claude nimmt beides entgegen, fingert das Briefpapier aus dem Umschlag und saugt die handschriftlich festgehaltenen Worte seines Bruders förmlich in sich auf. Das Schreiben trägt das Datum 1. April. ‚Leider kein Aprilscherz’, durchzuckt es den Leser. Einen ersten Schluck des noch immer brühheißen Kaffees zu sich nehmend, begutachtet er sodann das unscheinbare Päckchen, das möglicherweise von explosiver Sprengkraft ist. Da er rein äußerlich beim besten Willen nichts Auffälliges zu erkennen vermag, schneidet Claude mit Hilfe der von Thorwald herbeigeholten Schere das Klebeband durch, mit dem sein Bruder das Päckchen rundherum zugeklebt hat. Er ist selber über seine Ruhe erstaunt, mit der er den Kartondeckel öffnet und die drei dicken wattierten Umschläge herausnimmt, die er als Inhalt vorfindet. Ein weiteres Schreiben, wie er es zu finden gehofft hat, steckt indes nicht darin, und auch nicht in den drei Umschlägen, wie ihm ein erster flüchtiger Blick in alle drei verrät. Daher entnimmt er dem ersten der drei einen Packen säurefreier Spezialklarsichthüllen, in denen ordentlich sortiert Fotoabzüge stecken, einschließlich der jeweils dazugehörenden Negative. Seine Tasse zur Seite schiebend, breitet er sie vor sich auf dem Tisch aus, und zwar so, dass sie Thorwald, der schräg über Eck in einem der anderen Sessel Platz genommen hat, gleichfalls unter die Lupe nehmen kann. Rastlos, haltlos schweifen beider Blicke über die geheimnisumwitterten Fotos, jedoch ohne jedwedes greifbares Ergebnis.
„Sagen sie dir irgendetwas?“, forscht Claude bei seinem Freund nach, der ihm allerdings nur mit einem negierenden Kopfschütteln antworten kann. „Dann lass uns einmal in den zweiten Umschlag schauen“, versucht Claude ihm und sich Mut zu machen. Auch dieser enthält mehrere Dutzend Klarsichthüllen mit Aufnahmen, auf denen viele unterschiedliche, ihnen unbekannte Personen zu erkennen sind. Manche davon tauchen zwar immer wieder auf, meist allerdings mit verschiedenen Partnern oder Partnerinnen. Ein Hinweis darauf, wer diese sind und wo die Aufnahmen gemacht wurden, findet sich jedoch nicht. Als auch der Inhalt des letzten Umschlages ihnen beim ersten flüchtigen Überfliegen keine Anhaltspunkte liefert, beschließen sie, die Bilder noch einmal sorgfältig, Aufnahme für Aufnahme durchzugehen. Um eventuell wichtige Details oder Personen auf den 20 mal 30 Zentimeter großen Abzügen besser erkennen zu können, holt Thorwald ein Vergrößerungsglas.
Je länger und öfter sie die Aufnahmen in Augenschein nehmen, kristallisieren sich immer deutlicher einige Hauptakteure heraus, rund ein Dutzend Personen, die praktisch auf jedem der Fotos zu erkennen sind, zumindest eine von ihnen, manchmal auch mehrere, auf vier Aufnahmen sogar alle zusammen. Darunter befinden sich auch eine Frau und zwei Asiaten, allem Anschein nach Chinesen oder Vietnamesen. Bei den auf etlichen Aufnahmen auftauchenden Damen lässt sich nicht erkennen, in welcher Beziehung sie zu den darauf zu erkennenden Männern stehen, ob überhaupt eine besteht, doch fällt auf, dass auf diesen Bildern relativ häufig Pärchen auftauchen, wobei die dabei gezeigten Damen vielfach ganz offensichtlich asiatischen Ursprungs zu sein scheinen. Da es sich bei den Fotos fast ausnahmslos um Innenaufnahmen handelt, sehen sich Claude und sein Mit-Begutachter außerstande, ihnen bekannte Lokalitäten auszumachen, einige im Hintergrund beziehungsweise an den Randpartien zu erkennende, sich voneinander unterscheidende Details geben indes Anlass zu der Vermutung, dass die Bilder an verschiedenen Orten entstanden, und zwar großen- oder sogar größtenteils in Bars oder Nachtklubs, einige wenige aber auch in Restaurants oder Hotels. Aus der unter dem Vergrößerungsglas klar zu erkennenden groben Körnung zieht Claude die Schlussfolgerung, dass sein Bruder mit für ihn ungewöhnlich hochempfindlichem Schwarz-Weiß-Material gearbeitet haben muss, wofür auch die Ausleuchtung spricht, denn auf keiner einzigen der Aufnahmen ist der Einsatz von Blitzlicht oder einer anderen künstlichen Beleuchtungsquelle zu erkennen. Die feststellbare Grobkörnigkeit und die Tatsache, dass die Bilder unter Available-Light-Bedingungen entstanden, lassen Claude zu dem Ergebnis kommen, dass Philipp bei der Erstellung des vor ihm liegenden Bildmaterials mit reichlich miesen Lichtverhältnissen zu kämpfen gehabt haben muss und seine fotografische Aktivität wahrscheinlich möglichst unerkannt bleiben sollte.
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