„Du weißt doch, dass es mit der Vernunft der Menschen nicht so weit her ist“, griff Claude in die Gesprächsrunde ein, das Resümee seines Bruders vorwegnehmend. „Der Mensch war, ist und bleibt Hedonist, daran hat sich seit den alten Römern, ja seit Urzeiten nichts geändert.“ Ein kurzes Stocken, dann fuhr Claude fort: „Wie der gute alte Juvenal auf die Frage nach den Wünschen und Bedürfnissen des Volkes zu antworten pflegte: Panem et circenses. Stimmt doch, oder? Gib den Leuten genug zu essen und verschaffe ihnen ein wenig Unterhaltung, mehr wollen sie doch meistens gar nicht. Aber wehe, du wagst es, ihnen davon etwas wegzunehmen, gar an ihr Gewissen zu appellieren, sie sollen davon etwas zum Wohle aller abtreten! Dann werden sie zu Raubtieren, von Solidarität keine Spur, denn die fordert für gewöhnlich nur derjenige, der unten ist, ist er erst einmal oben, streicht er das Wort in der Regel aus seinem Wortschatz.“
Thorwald nickte zustimmend: „Leider, … auch ich habe mich immer wieder gefragt, warum dies so ist, was man dagegen tun kann, wie man die Leute wachrütteln kann. Gemäß meinem Amt muss ich dies sogar, und ich möchte es auch. Zustimmung, geschweige denn Dank erntet man dafür allerdings nur in den wenigsten Fällen, doch sollten, müssen eben diese Anlass für uns sein, in unseren Bemühungen fortzufahren, trotz aller negativen Erfahrungen. Appelliert nie nur an andere, seid selber Vorbild, versucht es zumindest, denn nur so könnt ihr glaubwürdig sein und bleiben, nur so vermögt ihr eventuell doch den ein oder anderen zum Nachdenken, möglicherweise sogar zum Umschwenken anzuregen.“ Fast missionarisch klangen in diesem Moment seine Worte, nach denen er sein Leben ausrichtete solange ihn die Brüder kannten. Er war kein Schwärmer oder Phantast, er stand mit beiden Füßen voll im Leben und fühlte sich von den Schwächen der um ihn herum Lebenden eher angezogen und motiviert denn abgestoßen. Eben dies war es, was Philipp und Claude an ihm so bewunderten, weswegen sie ihn als hoffnungsvollen, Hoffnung ausstrahlenden und vermittelnden Vertreter seines Standes ansahen, denn nur Männer seines Formates waren ihrer Ansicht nach dazu befähigt, die dringend notwendigen Reformen innerhalb der Institution Kirche in die Wege zu leiten. Thorwald wusste genau, wie kritisch die beiden der Kirche gegenüberstanden, woran sie sich stießen. Und dies zu Recht, wie er ihnen gegenüber auch schon vor längerer Zeit eingestehen musste, denn auch ihm waren die verkrusteten Strukturen und die geforderte uneingeschränkte Hörigkeit mehr als nur ein Dorn im Auge, widersprach doch letztere für ihn, und so sahen es auch die beiden Brüder, geradezu der christlichen Forderung anderen gegenüber Toleranz zu üben, ganz besonders auch Andersdenkenden gegenüber. Doch damit hatte sich die Kirche schon in der Vergangenheit oftmals schwer getan, so ungern sie sich dies auch vorhalten ließ. Doch wie, so hatten sie sich bei vorangegangenen Diskussionen immer wieder aufs Neue gefragt, kann jemand Toleranz fordern, wenn er nicht selbst bereit ist, anderen gegenüber tolerant zu sein, den anderen in seiner Andersartigkeit zu akzeptieren. Solange dieser dadurch niemanden körperlich und psychisch schade, müsse dies oberster Grundsatz eines jeden Menschen sein, zumindest eines demokratisch, freigeistig gesinnten.
„Das ist ja gerade das Problem“, hatte Claude bei einer ihrer Gesprächsrunden bei diesem Punkt eingehakt, „jeder versteht sich bei uns als guter Demokrat, glaubt zumindest, ein solcher zu sein, kaum wird indes von ihm gefordert, sich zugunsten einer demokratisch gefundenen Mehrheit zu beugen, verlieren sich die meisten in zum Teil wüsten Beschimpfungen und hämischen Kommentaren, und einige wenige greifen gleich zur Gewalt. In solchen Situationen muss ich immer wieder an den Ausspruch eines meiner Lehrer denken, dessen mahnender Gehalt zu einem meiner Lebensleitsätze geworden ist. Es ging damals um eine Abstimmung in der Klasse, bei der einer meiner Klassenkameraden, der sich immer als starker Verfechter der Demokratie aufspielte, mehrheitlich überstimmt worden war. Als er das Ergebnis wutentbrannt kommentierte, appellierte eben dieser Lehrer mit folgenden Worten an meines Freundes Demokratieverständnis: ‚Gell Franz, Demokratie ist etwas Schönes, solange man in der Mehrheit ist!’ Ich habe das verdutzte Gesicht meines Freundes, in das schlagartig ein verlegenes Grinsen gemeißelt war, noch genau vor Augen. Ich halte diese Worte nach wie vor für eine der größten Lebensweisheiten, die ich bis heute gehört habe, sie sind quasi zu einer meiner gesellschaftspolitischen Leitlinien geworden, erinnern sie mich doch stark an Sokrates Spruch: ‚Es ist besser Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun!’ Wie einfach wäre es, würde sich jeder diese Lebensmaxime zu eigen machen!“ Der vorwurfsvolle Blick in Richtung des Geistlichen, wurde von jenem richtig interpretiert, wusste er doch, dass er nicht persönlich, sondern die von ihm vertretene Institution gemeint war, die sich diesen Leitsatz zwar gleichfalls auf ihr Fähnchen geschrieben hatte, sich selbst damit bei der praktischen Umsetzung im Alltag aber allzu oft schwertat, obwohl sie es tagtäglich in Predigten von ihren Gläubigen forderte.
„Ich weiß genau, was du meinst, Claude, worauf du anspielst.“ Thorwald wusste um das Dilemma, die Schwächen seiner Mitmenschen und vieler seiner Vorgesetzten. „Aus meiner Erfahrung heraus kann ich dir allerdings nur immer wieder raten: Lege die Latte nicht zu hoch, nicht für dich und nicht für andere, ansonsten wirst du entweder verrückt oder du stumpfst total ab. Verlange nicht zu viel von den Menschen, für derartig hochgesteckte Maximen fehlt es ihnen schlichtweg an Verständnis, dazu sind sie - entschuldige, wenn ich dies in dieser Deutlichkeit sage - mehrheitlich geistig ganz einfach zu beschränkt. Das ist nicht geschimpft, das ist eine Tatsache, auch wenn ich dies als Geistlicher vielleicht nicht sagen dürfte.“
„Du hast ja recht, aber irgendwie regt es mich trotzdem hin und wieder auf, obwohl wir dies schon zigmal durchgekaut haben.“ In Claudes Erregung mischte sich von Wut getränkte Resignation, der er jedoch nicht gestattete, nicht gestatten wollte, dass sie sich seiner bemächtigen könne, denn dies, dessen war er sich bewusst und spürte er, brächte ihn an einen Wendepunkt, von dem aus es nur noch bergabwärts gehen konnte, und dazu war er schlichtweg nicht bereit, ebenso wenig wie Philipp, der seinem Bruder moralische Rückendeckung gab.
„Wir haben alle unsere Durchhänger, erst vor ein paar Wochen habe ich mich gefragt, wozu ich das alles mache, warum ich mich eigentlich um das Wohl anderer kümmere, es wäre für mich doch viel einfacher, wenn ich mich nur um meine eigenen Angelegenheiten kümmern würde. Doch wenn du ein moralisches, ein wirkliches moralisches Gewissen hast, dann kannst du nicht aus deiner Haut, so sehr dich dies mitunter belasten mag, so oft du der Resignation nahe sein magst. Du kannst dies nicht einfach abstreifen, ablegen wie ein Kleidungsstück, es ist ein Stück von dir selbst, das bist du, da kann dir niemand helfen. Und im Grunde genommen willst du das auch gar nicht, nur muss du dir darüber im Klaren sein, dass du nur wenig, ganz wenig bewegen, bewirken kannst, die Welt im Ganzen wirst du voraussichtlich genauso wenig verändern wie dies Julius vermag oder ich dies kann. Die kleinen Schritte sind es, die uns moralisch immer wieder aufrichten, uns aufs Neue motivieren. Oder etwa nicht? Dass soll nicht heißen, dass man das große Ziel aus den Augen verliert, ganz im Gegenteil, nur muss man die Bescheidenheit seiner Mittel realistisch einzuschätzen lernen!“
Philipps Analyse kam einem Schlusswort gleich, das Gespräch mündete in ruhigere Bahnen ein, frischte Erinnerungen an Thorwalds Jugend und dessen beinahe brüderliche Beziehung zu Claudes und Philipps Vater auf, mit dem der Geistliche zur Schule gegangen war. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf sie sich vorübergehend aus den Augen verloren hatten, waren sich die beiden jungen Männer wieder über den Weg gelaufen und hatten fortan ihren Kampf gegen Ungerechtigkeit und Intoleranz gemeinsam geführt, wenn auch jeder auf seine eigene Art und Weise. Doch mindestens einmal in der Woche war Thorwald, der unmittelbar nach dem Krieg sein Theologiestudium aufgenommen hatte, zu ihnen zu Besuch gekommen, hatte sich mit seinem ehemaligen Klassenkameraden den Kopf darüber heiß diskutiert, was sie tun könnten, um für ein klein wenig mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt zu sorgen. Jahre später hatten diese Gespräche dann seinen Bruder und ihn von klein auf geprägt, ihnen gleichsam den Pfad ins Leben gewiesen, den sie bis heute nicht bereit waren zu verlassen. Aus diesen frühesten Kindheitstagen rührte auch die ersatzväterliche Beziehung zwischen ihnen her, jenes tiefverwurzelte Vertrauensverhältnis. Aber nicht nur derart ernste, sachliche Angelegenheiten und Überlegungen hatte sie in der Vergangenheit zusammengeschweißt, regelmäßig hatten die Duchamps zusammen mit ihrem Familienfreund Ausflüge unternommen, waren gemeinsam in Museen oder Ausstellungen gegangen, ab und an waren sie sogar gemeinsam in Urlaub gefahren. So wurde Julius für Philipp und Claude zum zweiten Vater, der ihnen dann auch die nötige Stütze war, als ihr Vater verschied.
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