Sich den Kopf ob dieser Frage zermarternd durchstreicht Claude die Wohnung immer und immer wieder, in der Hoffnung, dass sich irgendein Hinweis finden möge, der ihm weiterhelfen könnte. Von den Wänden, den Möbeln, all dem Sammelsurium, das sein Bruder im Laufe seines abwechslungsreichen, von zahllosen Reisen geprägten Berufslebens zusammengetragen hat und das nunmehr Schränke, Vitrinen und Regale füllt, strahlt ihm nichtssagende Leere entgegen, die seine Ratlosigkeit nur noch steigert, ihn schier verzweifeln lässt. Ermattet vom erfolglosen Malträtieren seiner grauen Zellen, sinkt er schließlich in einen der Sessel im Wohnzimmer nieder, gönnt er sich zum ersten Mal seit er die schicksalsbehaftete Wohnung betreten hat eine gefühlsmäßige Pause, lässt sich ganz einfach hängen, die Augen geschlossen, versuchend, den allzu regen Geist allmählich auszublenden, wobei die Geräusche des Hauses und der Straße langsam aber sicher die Oberhand gewinnen, das noch immer Entsetzliche, Unbegreifliche wie mit einem narkotisierenden Schleier zudeckend. Doch noch ehe dieser unregelmäßig gewebte Geräuschteppich seine letzten geistigen Regungen zu schlucken vermag, quasi im Dreiviertelschlaf, durchzuckt ihn eine tief aus seiner schlaftrunkenen Gedankenwelt hervortauchende Idee, die ihn mit einem Schlag wieder hellwach macht. ‚Dass ich da nicht schon früher daran gedacht habe’, geht er mit sich selbst ins Gericht. Dass seine Gedanken durch den urplötzlich am anderen Ende des Tunnels auftauchenden Lichtblick erneut unter Koordinationsschwierigkeiten leiden, wird ihm erst bewusst, als er nach dem instinktiven Ergreifen des Telefonhörers und dem Wählen der sich ins Gedächtnis gerufenen Rufnummer gewahr wird, dass keinerlei Summ- oder Freischaltton zu vernehmen, die Leitung tot ist. Warum, darauf findet er zwar keine schlüssige Antwort, wundert sich aber auch nicht sonderlich darüber.
Auf ein vorbeifahrendes Taxi zu warten oder eines von den Nachbarn aus zu bestellen, erscheint ihm in diesem Augenblick zu kompliziert, zu nervtötend, und angesichts der vorgerückten Stunde als unpassend, zudem tut ihm ein wenig abendliche Frischluft gut. Die Fahrzeuge und Fußgänger, die auf dem Weg bis zu seinem Hotel an ihm vorbeigleiten und -huschen, nimmt er nur als uniforme Schattengestalten wahr, zu sehr hängt er gedanklich seinem neuen Hoffnungsträger hinterher. Aufgeregt wie ein Primaner vor einer entscheidenden Klassenarbeit, sucht er in seinen Jackentaschen nach seinem Zimmerschlüssel, den er, auch dies ein deutliches Zeichen seiner Erregtheit, ungewohnt ungelenk ins Schloss steckt. Das Zimmer betretend hastet er schnurstracks zum Telefon. Endlich. Hastig tippt er die Zahlen der Rufnummer, die er - um sich ihrer Richtigkeit zu vergewissern - auf dem Weg zum Hotel in seinem Adressenbuch nachgeschaut hat, nach dem Abheben des Hörers in den Telefonapparat. Den vom Tickern der Schaltzentrale erfüllten Sekunden, während derer die Verbindung hergestellt wird, folgen ebenso nervenzehrende, in denen der Hörer am anderen Ende der Leitung nicht abgehoben wird, so dass mit jedem Klingelton Claudes Hoffnung auf rasche Beantwortung der ihn peinigenden Frage Stück für Stück dahinschwindet. Kaum noch erwartet, ist sein Bemühen doch noch von Erfolg gekrönt.
„Ja, bitte“, schallt ihm eine verschlafene Stimme entgegen, „hier Thorwald.“
Der schlaftrunkene Klang lässt Claude auf den Wecker am Nachttisch blicken, wodurch sein schlechtes Gewissen wachgerufen wird. „Entschuldigen Sie bitte, Hochwürden, dass ich Sie so spät anrufe. Hier spricht Claude Duchamp.“
„Claude!“ Wie weggeblasen ist offensichtlich die Müdigkeit des Angerufenen, und auch wenn ihn Claude nicht sehen kann, so ist er sich ganz sicher, dass in diesem Augenblick zumindest ein freudiges Lächeln über das Antlitz seines Gesprächspartners huscht. „Mein Gott, wo steckst du? Warum hast du dich so lange nicht gerührt? Und überhaupt, seit wann bist du so förmlich, seit wann siezt du mich?“
Claudes schlechtes Gewissen wird durch Thorwalds Fragen nicht gerade gelindert. „Ach wissen Sie ... weißt du“, druckst er herum, „es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, ich dachte mir, vielleicht bist du mir böse, zumal ich deine beiden Briefe nicht beantwortet habe, die du mir vor Monaten geschrieben hast. Aber du kennst mich ja, ich war schon immer ein Schreibmuffel.“
Auch ohne optischen Kontakt vermag sich Claude das stumme, verständnisvolle, verzeihende Lächeln des aus seinem ersten Schlaf Gerissenen vor Augen zu rufen, dazu kennen sich beide zu lange und zu gut. „Schön, dass du dich mal wieder meldest. Die vorgerückte Uhrzeit lässt mich allerdings vermuten, dass du einen ganz besonders triftigen Grund dafür hast. Oder hast du nur die Zeitdifferenz vergessen?“
Diese Worte sind für Claude ein weiterer Beleg dafür, wie vertraut er dem anderen ist, dieser allerdings gleichzeitig davon ausgeht, dass er ihn aus seiner neuen Wahlheimat aus anruft. „Ja, du hast recht, ich rufe dich tatsächlich aus einem ganz besonderen Grund an, allerdings nicht aus den Staaten, sondern von Frankfurt aus.“ Er lässt seinem Gesprächspartner ein paar Sekunden zum gedanklichen Verdauen, zur mentalen Neuorientierung. „Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast, dass Philipp tot ist. Und genau...“
„Was? Was sagst du da? Philipp ist tot? Nein, davon weiß ich nichts! Wie ist das geschehen, wo, wann?“ Thorwalds Erregung mischt scharfe Unterklänge in die ansonsten so sanfte Stimme; kein Wort indes zum Standort des Anrufers.
„Er ist ermordet worden, letzten Donnerstag.“
„Ermordet? Philipp ermordet?“ Solange sie sich auch schon kennen, nie zuvor hat Claude den Geistlichen derart verwirrt, konsterniert gehört. Wie sehr ihn diese mitten in der Nacht so unvermutet übermittelte schreckliche Nachricht emotional getroffen hat, belegt das Schweigen, das zum Sammeln der Gedanken benötigt wird. „Das kann, das will ich einfach nicht glauben. Philipp hat doch nie jemandem etwas zuleide getan.“ ‚Das haben viele Opfer nicht’, kommentiert Claude diese Feststellung im Stillen für sich selbst. „Hat man den Täter schon?“
„Nein. Sei mir bitte nicht böse, wenn ich dir jetzt nicht die ganze Geschichte erzähle, auch wenn mein Anruf etwas mit Philipps Tod zu tun hat. Was ich wissen möchte, ist, ob du in den letzten paar Wochen einen Brief oder ein Päckchen von Philipp erhalten hast?“
„Nein, oder besser gesagt, ich weiß es nicht. Weißt du, ich war die letzten drei Wochen in der Bretagne und bin erst heute Nachmittag zurückgekommen. Daher habe ich noch keine Zeit gehabt, all meine Post durchzuschauen. Und eben aufgrund meiner Abwesenheit habe ich in letzter Zeit auch keine deutschen Zeitungen gelesen oder Nachrichten gehört. Wenn es für dich wichtig ist, schaue ich gleich einmal nach.“
„Es ist sogar sehr wichtig, sonst hätte ich dich auch nicht zu dieser Tageszeit gestört.“
„Gut, warte bitten einen Augenblick, ich gehe nachschauen.“
Von quälender Hoffnung geprägte Minuten verstreichen, während derer Claude endlich dazu kommt seine Jacke und Schuhe auszuziehen und sich eine Cola einzugießen, deren Kühlschrankfrische ihm belebend durch die Kehle rinnt.
„Claude, bist du dran?“
„Ja. Und?“
„Du hast recht gehabt, es ist tatsächlich ein Päckchen von Philipp während meiner Abwesenheit eingetroffen. Ich habe es hier vor mir liegen. Obendrauf ist ein Begleitschreiben geklebt. Soll ich es öffnen?“
„Natürlich. Lies es mir bitte vor.“ Claude hört das Rascheln am anderen Ende der Leitung, das ihm signalisiert, dass die Beantwortung seiner Frage kurz bevorsteht.
„Hörst du? Ich lese dir jetzt den Brief deines Bruders vor. ‚Lieber Julius, zunächst möchte ich mich bei dir entschuldigen, dass ich erst heute wieder von mir hören lasse. Auch wenn meine Entschuldigung abgedroschen klingt und unter guten Freunden eigentlich kein Argument sein dürfte, so kann ich zu meiner Verteidigung nur vorbringen, dass mich mein enger Terminplan in den letzten Monaten derart eingebunden hat, dass ich keine Zeit fand, mich eher bei dir zu melden. Und da wir stets ehrlich zueinander waren, möchte ich dir auch nichts vorflunkern, sondern dir offen eingestehen, dass ich mir heute nur deswegen Zeit für diese Zeilen nehme, weil ich mich möglicherweise in einer nicht ganz ungefährlichen Situation befinde, deren Ausgang ich derzeit nicht abschätzen kann. Ich habe dich mehrmals telefonisch zu erreichen versucht, doch warst du nie zu Hause. Daher schreibe ich dir nunmehr und möchte dich bitten, das mitgeschickte Päckchen bei dir aufzubewahren, bis entweder ich es selbst wieder abhole oder mein Bruder dies tut. Obwohl ich weiß, dass dies an und für sich unnötig ist, möchte ich dich bitten, das Päckchen nicht zu öffnen. Ich belaste dich nur äußerst ungern damit, doch bist du außer meinem Bruder die einzige Person, der ich uneingeschränkt vertraue. Pass gut auf dich auf, wobei ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen. Dein Philipp.’“
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