Da Claude für den Moment keine weiteren Informationen mehr erhalten zu können glaubt, verabschiedet er sich: „Nochmals vielen Dank dafür, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.“
„Nichts zu danken, und falls Sie noch Fragen haben sollten, so stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.“ Aus ihrem zarten, warmen Händedruck spürt Claude das Vermögen heraus, offenherzige Zärtlichkeit und Liebe geben zu können.
Längst ist der Abend hereingebrochen, wie er beim Verlassen des Hauses registriert, die Straßenlaternen werfen ihre Lichtkegel auf Bürgersteig und Fahrbahn, beleuchten einzelne Passanten, die zielstrebig an ihm vorbeihasten beziehungsweise ihm entgegenkommen, meist mit hochgestülptem Kragen, da ein frischer Abendwind doch merklich für Abkühlung gesorgt hat.
Statt eventuell Antworten auf die eine oder andere seiner Fragen erhalten zu haben, türmen sich nunmehr noch mehr ungelöste in seinen Gehirnzellen auf, sich abwechselnd in sein Bewusstsein drängend und einer Beantwortung harrend, dominiert von der alles entscheidenden, quälendsten Frage: ‚Warum Philipp, warum er?’
Dienstag, 15. April 1997, 8:54 Uhr
Zum ersten Mal seit er in der Stadt ist, schmeckt es ihm, die ofenfrischen Brötchen und Croissants regen seinen in den letzten Tagen flauen Appetit nachhaltig an, lassen ihn noch einmal in das Körbchen langen. Ein zweites Kännchen Kaffee steht auch schon parat, um seine ungewohnt heftigen Essgelüste zu stillen. Sich in die Zeitung vertiefend, wird das Stimmengewirr der anderen Frühstücksgäste gedanklich ausgeklinkt, die Augen tasten die einzelnen Zeitungsseiten ab, auf der Suche nach einer Meldung, einer Notiz, die im Zusammenhang mit dem Tode seines Bruders steht, stehen könnte - erfolglos. Kaum dass er die sich nähernde Person der Bedienung wahrnimmt, die, sobald sie seinen Tisch erreicht hat, ihn mit der Nennung seines Namens aus seiner gedanklichen Versunkenheit herausreißt: „Herr Duchamp, ein Anruf für Sie.“
„Für mich?“
„Ja.“ Verdutzt nimmt er das gereichte schnurlose Telefon entgegen; „Ja, hallo, hier Claude Duchamp.“
„Guten Morgen, Herr Duchamp“, schallt ihm eine sonore Stimme entgegen. „Mein Name ist Clemens, Rainer Clemens, ich bin Chefredakteur des Brennpunkt. Ich habe gestern erst von dem tragischen Tod Ihres Bruders erfahren. Diesbezüglich möchte ich Ihnen zunächst mein Beileid aussprechen.“ Die eintretende Pause ist zu kurz, als dass Claude seine Gedanken sammeln und mit einer Zwischenfrage einhaken könnte. „Ich weiß nicht, inwieweit Sie in die Angelegenheiten Ihres Bruders eingeweiht sind, jedenfalls hat er mit mir vor knapp zwei Wochen Kontakt aufgenommen und behauptet, er habe brisantes Material gesammelt, das er mir zukommen lassen wolle, sobald er seine Recherchen abgeschlossen habe. Worum genau es dabei ging, hat er mir allerdings nicht gesagt, nur dass es für Wirbel und einen deftigen Skandal sorgen werde. Da ich Ihren Bruder von früher kenne und weiß, dass er kein Aufschneider ist, habe ich seine Andeutungen ernst genommen. Und er klang wirklich sehr ernst, beinahe besorgt. Nur wie gesagt, worum es ging, darüber hat er nichts gesagt. Daher wollte ich nun von Ihnen gerne wissen, ob Sie möglicherweise eine Ahnung haben, was Ihr Bruder damit gemeint haben könnte?“
So überraschend der Anruf selbst für ihn ist, so unvermutet kommen für Claude die gemachten Andeutungen des Mannes am anderen Ende der Leitung. „Nein, tut mir leid, Philipp hat mir gegenüber nichts Derartiges erwähnt, auch kann ich mir nicht vorstellen, was er damit gemeint haben könnte.“ Philipps Anruf, seine kümmerlichen Hinweise, aus denen jedoch unmissverständliche Besorgnis herauszuhören gewesen war, all dies erscheint für Claude mit einem Schlag in einem völlig neuen Licht, viel realer, weniger spekulativ als bisher. Doch davon will er Clemens nichts mitteilen, schließlich weiß er selbst noch viel zu wenig von der ganzen Sache - und ungelegte Eier sind nun einmal nicht seine Sache. „Was hat Ihnen mein Bruder denn gesagt? Gar nichts Konkretes?“ Insgeheim kennt er die Antwort im Voraus, doch möchte er sich Sicherheit verschaffen, aus Angst, einer Spur, mag sie auch noch so vage sein, nicht genügend nachgegangen zu sein.
„Nein, nichts. Deswegen rufe ich Sie ja an, ich dachte, möglicherweise habe er Ihnen mehr erzählt als mir. Nur eben äußerst brisant muss das Ganze sein, daran ließ Ihr Bruder keinen Zweifel. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, könnten Sie mich informieren, falls Sie etwas herausfinden. Es muss dabei unter anderem um Fotomaterial gehen. Schauen Sie doch einmal das Archiv Ihres Bruders durch, vielleicht stoßen Sie dort auf etwas.“
„Möglich. Sobald ich Zugang zu der Wohnung habe, werde ich mich umschauen. Sollte ich dabei auf etwas stoßen, so lasse ich es Sie wissen.“ Nachdem sich Claude Clemens' Rufnummer notiert hat, erkundigt er sich bei diesem danach, woher er denn die seine habe.
„Ach wissen Sie, als Journalist hat man da so seine Kontakte zur Polizei. Schließlich braucht die uns auch einmal wieder.“
Claude ist enttäuscht über die leichtfertige Verletzung seiner Privatsphäre von Seiten der staatlichen Ordnungshüter. „Haben Sie der Polizei auch von dem Anruf, der Ihnen gemachten Offerte erzählt?“
„Nein, wo denken Sie hin, wir lassen uns die Story doch nicht klauen. Denen habe ich nur gesagt, dass es um ein Interview mit Ihnen gehe. Ihr Bruder war schließlich kein Unbekannter, meines Erachtens nach sogar einer der größten seiner Branche, hinzu kam noch sein großes soziales Engagement, mit dem er gleichfalls immer wieder für Aufsehen sorgte, denken Sie doch nur an sein Eintreten für unterdrückte Völker und Minderheiten am Rande einer der letzten UN-Menschenrechtsdebatten. Damals ist er sicherlich dem einen oder anderen auf den Schlips getreten.“ Längst in Gedanken versunken, nimmt Claude die Abschiedsfloskeln seines Gesprächspartners nur noch im Unterbewusstsein wahr, nuschelt gleichfalls einige höfliche Worte in den Apparat und legt diesen nach Beendigung des Gesprächs vor sich auf den Tisch, die Tasse mit dem zwischenzeitlich stark abgekühlten Kaffee reflexartig an den Mund führend.
In der Tat hatte sich Philipp mit seinem couragierten Eintreten für andere, zumeist in ihrer Existenz bedrohte Menschen und Völker nicht nur Freunde geschaffen, dazu legte er seine Finger zu direkt auf die Wunden, schonte nicht mit Kritik, gegenüber niemandem, ganz gleich welchen Posten jener bekleidete. Angst vor großen Namen hatte er nie gekannt. Und wer der großen Herren, oder auch Damen, hat es schon gerne, wenn man ihnen die Wahrheit unverblümt ins Gesicht sagt, sie auf Widersprüchlichkeiten, Scheinheiligkeiten aufmerksam macht. Das in solchen Fällen für gewöhnlich einsetzende Gefasel von sozial- oder gar weltpolitischen Zwängen ließ sein Bruder nicht gelten, ihm ging es um Offenheit und Ehrlichkeit, um Zivilcourage, die Bereitschaft, auch Unliebsames auszusprechen. Es war ihm geradezu zum Hobby geworden, die leeren Worthülsen, mit denen sich bei der breiten Masse hochangesehene Persönlichkeiten zu profilieren suchten, wie Seifenblasen zerplatzen zu lassen. Schönrederei, das publikumsheischende Herunterleiern pragmatischer Formeln und Floskeln, die einen ins beste Rampenlicht bugsieren sollen, derlei fast schon heuchlerisches Benimm waren seinem Bruder ebenso fremd und zuwider wie ihm selbst. Selbstverständlich nahmen einem dies die Ertappten übel, ob dies allerdings als Motiv für einen Mord ausreichte, daran mag Claude nicht so recht glauben, denn so offen und unmissverständlich Philipp auf Fehler, Fehlverhalten oder gar Rechtswidrigkeiten hinwies, genauso diplomatisch verstand er es stets, seinem Gegenüber die Möglichkeit eines einigermaßen ehrenvollen Rückzuges zu belassen. Nie war es Philipp nur darum gegangen, den anderen bloßzustellen, seine Absicht war es vielmehr gewesen, den anderen wachzurütteln und ihm gleichzeitig einen Pfad aufzuzeigen, wie er aus der Ecke, in die er sich durch sein widersprüchliches Verhalten manövriert hatte, wieder herauskommen könnte. Dass kaum einer der Betroffenen darauf einging, war nicht seines Bruders Schuld gewesen, zu verführerisch und wichtig waren offensichtlich Macht und Geld, Ansehen und Vorteile, die sich die Angegriffenen verschafft hatten und auf die sie - zumindest zum Teil - hätten verzichten müssen, wären sie ihrem Gewissen, ihrem Schamgefühl und nicht ihrer Habgier gefolgt. Stundenlange, nächtelange Gespräche hatte er mit seinem Bruder diesbezüglich geführt, hatten sie nach Auswegen gesucht, Möglichkeiten, die Menschen aus ihrem, so schien es ihnen, immer sinnenleereren, dem reinen Hedonismus verfallenen Egotrip herauszureißen. Am Ende blieb jedoch jedes Mal die unbeantwortete, möglicherweise unbeantwortbare, ihren eigenen Standpunkt in Zweifel ziehende Frage unausgesprochen im Raum stehen, ob es nicht möglicherweise sie es seien, die so ganz anders, eventuell sogar abartig seien, denn offensichtlich gefiel sich die überwiegende Mehrheit der Menschheit in ihrer Rolle als krakelender, mal zu Tote betrübter, mal vor freudiger Ekstase laut jauchzender Totengräber, der Tag für Tag ein klein wenig weiter an seiner eigenen dunklen Gruft werkelt. Manchmal war am Ende eines solchen Gesprächs der von Ratlosigkeit gezeugte blanke Zynismus bei ihnen durchgebrochen, letztendlich stellten sie sich dann jedoch immer wieder aufs Neue ihrer Pflicht, denn es wollte nicht in ihre Schädel, warum sie als vernunftbegabte Wesen, wofür sie die Spezies Mensch trotz allem an und für sich hielten, tatenlos mit ansehen sollten, wie Verblendung und Ignoranz, Trägheit und Raffgier, Intoleranz und blinder Fortschrittswahn diesen Planeten leichtfertig aufs Spiel setzten. Dass sie sich oftmals wie die sprichwörtlichen Rufer in der Wüste vorkamen, vermochte ihrem Engagement keinen Abbruch zu tun, denn der Zuspruch von Menschen, deren Urteil ihnen wichtig war, bestärkte sie in ihrer Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein, keinem Irrglauben verfallen zu sein, keinem Hirngespinst hinterherzujagen. „Sicherlich ein recht dorniger Weg, den wir da gegangen sind“, resümiert Claude leise vor sich hin brummelnd im Gedenken an seinen ermordeten Bruder, „aber ich verspreche dir, ihn weiter zu gehen!“
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