Beim leisen Summen des nach oben gleitenden Fahrstuhls lässt Claude nochmals stichpunktartig die Stationen des gestrigen Tages Revue passieren. Die Erinnerungen an seinen Bruder und Isabel sowie deren tragisches Ende bereiteten ihm erneut eine unruhige Nacht, für deren Ende er bei Anbruch des Tages dankbar war. Obwohl er es vorausahnte, war er über das erfolglose Klingeln bei den ehemaligen Nachbarn seines Bruders doch enttäuscht. Es verhielt sich ganz offensichtlich so, wie es ihm Schröders am Tag davor geschildert hatten. Ziellos schlenderte er daraufhin durch die Stadt, flüchtete zweimal vor kurzen Regenschauern in Cafés, in denen er sich überlegte, ob Philipp vielleicht auch einmal dort gewesen sei. In der Taunusanlage, in der Nähe des Japan Centers warfen ihm ein paar Mädchen, zumeist blonde, herausfordernde Blicke zu, für die er sich so ganz und gar nicht empfänglich zeigte. Zum Flirten, geschweige denn zu mehr, war ihm bei aller Liebe nicht zumute. Ob sie ihm seine Kühle, Distanziertheit, mit der er ihnen begegnete, als Arroganz oder Schüchternheit auslegten, oder ob sie ihn gar für einen vom anderen Ufer hielten, war ihm gleich. Er wartete auf den nächsten Tag, auf Montag, an dem er und die Polizei endlich wieder etwas unternehmen würden, könnten. Und so sehr er sich dabei das Gehirn zermarterte, er hatte nicht die leiseste Ahnung oder Idee, wer schuld am Tode seines Bruders sein könnte, in was für eine Sache dieser möglicherweise verstrickt gewesen war.
Die Zwei über der Fahrstuhltür leuchtet auf, die verchromte Tür gleitet zur Seite und gibt den Blick frei auf eine lange Reihe von Türen in einem noch länger erscheinenden Gang. Claudes Augen tasten die Schilder neben den einzelnen Zimmereingängen ab, auf der Suche nach der 217, hinter der ihn Krüger und sein Assistent Mihailovic bereits erwarten. Beide wirken gereizt, Spannung liegt in der Luft. Die Sonne verschwindet gerade hinter einer dunklen, auf möglichen Regen hindeutenden Wolkenbank; die dadurch eintretende Düsternis drückt zusätzlich auf die Atmosphäre in dem nicht allzu großen Raum, in dem eine Dunstglocke aus abgestandenem Kaffee und erkalteter Zigarettenasche hängt. Ordner und Aktenmappen stapeln sich am Schreibtisch und in den Regalen, Krüger kritzelt soeben noch einige Notizen auf seine papierne Schreibtischunterlage, die überzogen ist mit einer Flut von Telefonnummern, Adressen und Notizen. Aus den Nebenräumen dringt das Stimmengewirr einer rege geführten Debatte herüber, das immer wieder aufs Neue explosionsartig anschwillt, um im nächsten Augenblick wieder so weit in sich zusammenzusacken, dass nur einzelne Wortfetzen undeutlich zu vernehmen sind.
„Ah, guten Morgen Herr Duchamp“, begrüßt ihn Krüger im Aufstehen, den Kugelschreiber in einem letzten, weit ausholenden Bogen über das Papier führend. Er streckt Claude seine Rechte zur Begrüßung über seinen Arbeitsplatz hinweg entgegen und bittet ihn mit Worten und entsprechender Geste Platz zu nehmen, wobei er verbal gleichzeitig auf die Anwesenheit seines Kollegen hinweist: „Kommissar Mihailovic kennen Sie ja bereits. Aber bitte, nehmen Sie doch Platz.“
Die ersten Fragen sind mehr oder weniger belanglos, erkundigen sich nach dem Befinden und wiederholen zum Teil, was bereits am Tag der Auffindung Philipps besprochen worden ist. Krüger scheint Claudes Ungeduld zu spüren, denn unvermittelt konkretisieren sich Fragen und Sachverhalte: „Ehe ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen möchte, zunächst einmal, was wir bislang herausgefunden haben. Vielleicht fällt Ihnen ja etwas dazu ein. Ihr Bruder wurde mit einer 7,65er erschossen, aus höchstens zwei Meter Entfernung. Er war sofort tot. Die ballistischen Untersuchungen des Projektils haben bis jetzt nichts gebracht. In der Wohnung haben wir außer den Fingerabdrücken des Ermordeten noch die einiger anderer Personen gefunden, wobei diejenigen einer Person besonders häufig und in allen Zimmern zu finden sind. Spuren von Nagellack lassen vermuten, dass es sich hierbei um eine Frau handelt, und zwar höchstwahrscheinlich um eine Ihrem Bruder ziemlich nahestehende Frau. Darauf lassen die langen schwarzen Haare schließen, die vor allem im Badezimmer und Schlafzimmer vorhanden waren. Der Haarstruktur nach handelt es sich wahrscheinlich um eine Asiatin. Allerdings haben wir keine persönlichen Gegenstände dieser Person gefunden, zumindest nichts, was als solches sofort erkennbar wäre, weder Kleidungsstücke, Maniküre oder ähnliches. Was uns zu denken gibt, war Ihr Bruder doch laut Aussage seiner Nachbarn seit etwa zwei Monaten verlobt, und zwar mit einer Thailänderin. Somit dürfte es sich bei den Fingerabdrücken und den Haaren vermutlich um diejenigen seiner Verlobten handeln. Bei solch einer engen Beziehung ist es daher doch einigermaßen merkwürdig, dass wir keinerlei Utensilien der Dame gefunden haben. Einiges deutet darauf hin, dass sie beseitigt wurden. Warum jedoch, dies ist eine der wesentlichen Fragen, mit der wir uns beschäftigen. Sinn macht dies nur, wenn die Person direkt oder zumindest indirekt mit dem Verbrechen in Verbindung steht. Was hat Ihnen denn Ihr Bruder bezüglich seiner Freundschaft beziehungsweise Verlobung mitgeteilt?“
Die Augen beider Kriminalbeamten sind auf Claude gerichtet, den das Gehörte ebenso irritiert wie seine beiden Gesprächspartner. „Nichts, was mich wundert, denn wenn er sich schon verlobt hat, muss es etwas Ernstes gewesen sein. Philipp hätte niemals eine oberflächliche Affäre zum Anlass einer Verlobung genommen, dazu war er viel zu aufrichtig. Er muss das Mädchen wirklich geliebt haben! Daher erstaunt es mich umso mehr, dass er mich über einen derart wichtigen Schritt in seinem Leben nichts hat wissen lassen, pflegten wir uns doch stets über bedeutsame, einschneidende Geschehnisse in unserem Leben gegenseitig zu informieren. Aber was soll's, er wird seine Gründe gehabt haben.“ So gleichgültig wie es der Ton dieser Äußerung vermuten ließe, ist Claude diese unbeantwortet gebliebene Frage keineswegs, vielmehr war sie einer der zentralen Gedanken, die ihn am Vortag beschäftigt haben. „Haben Sie denn auf dem Verlobungsring keinen Hinweis gefunden, zum Beispiel auf den Namen der Verlobten?“
„Verlobungsring?“ Krüger stutzt. „Ihr Bruder trug keinen Ring, und sonst wo haben wir auch keinen gefunden. Besaß er denn überhaupt einen?“
„Angeblich ja. Nach Aussage von Frau Schröder, seiner Nachbarin, Sie wissen schon, hat er ihn ihr sogar gezeigt ... voller Stolz, wie die Dame mir erzählte“, klärt Claude den Hauptkommissar auf.
„Sie haben also mit Schröders gesprochen?“
„Ja, am Samstagnachmittag.“
„Uns gegenüber hat Frau Schröder nichts von einem Ring erwähnt. Auch der Obduktionsbericht vermerkt nichts in dieser Richtung. Was haben Ihnen Schröders sonst noch erzählt?“
Claude resümiert das samstägliche Gespräch, hin und wieder von kurzen Zwischenfragen der beiden Kriminalbeamten unterbrochen.
„Noch etwas Herr Duchamp.“ Krüger, der Claudes Ausführungen in zurückgelehnter Haltung zugehört hat, beugt sich nach vorne, beide Arme verschränkt auf dem Schreibtisch platzierend. „Ihr Bruder besaß doch sicherlich ein Adressen- und Rufnummernverzeichnis, oder nicht?“
„Natürlich, bei der Menge von Klienten und Models, das kann doch niemand im Kopf behalten. Warum?“
„Wir haben keines gefunden“, wirft Kommissar Mihailovic ein. „Der oder die Täter haben offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Echte Profiarbeit! Da wir somit bislang keinerlei Anhaltspunkte haben, mit wem Ihr Bruder hier in Frankfurt, aber auch andernorts verkehrte, möchten wir Sie noch einmal fragen, ob Ihr Bruder Ihnen gegenüber diesbezüglich nichts erwähnt hat. Zumindest, mit wem er in letzter Zeit Kontakt hatte. Denken Sie nach, auch scheinbar Nebensächliches kann eventuell von Bedeutung sein.“
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