Alexander Nadler - Handover

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Nachdem Claude Duchamp seinen Bruder tot in dessen Frankfurter Wohnung aufgefunden hat, macht er sich – gegen den Rat der Polizei – selbst auf die Suche nach dessen Mörder. So schwierig sich dabei das Auffinden und Zusammenfügen der einzelnen Puzzlesteine auch gestaltet, so wird ihm doch allmählich bewusst, dass sein Bruder allem Anschein nach einem weltweit operierenden Verbrechersyndikat zum Opfer gefallen ist. Doch warum?
Da er die Antwort auf diese Frage in Hong Kong zu finden hofft, macht er sich auf den Weg nach Asien, wo er bei einem Zwischenstation in Thailand bei einem mysteriösen Autounfall beinahe ums Leben kommt.
Während seiner Recherchen in Hong Kong, das kurz vor dem Handover an China steht, begegnet Claude Alicia, die er auf deren Einladung hin auf ihrer Konzerttournee durch die Volksrepublik begleitet. Zurück in Hong Kong lernt Claude während der Übergabefeierlichkeiten schließlich jenen Mann kennen, den er für den Tod seines Bruders verantwortlich macht.

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Ihm war klar, dass hier die um ihre Tochter besorgte Mutter sprach, und dass sie meinte, was sie sagte. Der Appell an die Respektierung des geäußerten Wunsches, der keinem, weder Isabel noch ihren Eltern, leichtgefallen zu sein schien, empfand er zwar verständlich und durchaus nachvollziehbar, ihn aber auch zu akzeptieren, dazu fand er sich so schnell nicht bereit.

„Würden Sie uns bitte einen Augenblick allein lassen, Frau Alberti.“ Isabels Mutter kam seiner Bitte unverzüglich nach, ging ins Haus voran. „Isabel, willst du wirklich, dass wir uns nicht wiedersehen?“, fuhr er - seiner Geliebten zugewandt - fort. „Glaubst du, ich kann dich so einfach vergessen, dich aus meinem Leben streichen? Die Stunden mit dir haben mir sehr viel bedeutet, sie waren etwas Besonderes! Glaube mir, nie habe ich ein Mädchen mehr geliebt, mehr begehrt als dich! Ich habe keine Angst vor dem, was kommen mag ... und noch gibt es Hoffnung!“

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet, Claude“, erwiderte die Angesprochene, Angeflehte. „Vielleicht kannst du verstehen, wie schwer es mir gefallen ist, dir dies zu sagen, aber glaube mir, ich halte es trotzdem für das Beste.“

Noch einmal zog er sie zu sich heran, starrte sie flehend an: „Wenn dies wirklich dein Wunsch ist, so werde ich ihn respektieren, obwohl ich es noch nicht glauben kann.“

„Wenn du mich liebst, und ich weiß, du tust dies, dann versuche mich und meine Eltern zu verstehen. Und bitte, bitte glaube mir, auch ich liebe dich, wider jede Vernunft, und jeden Tag, den wir zusammen sind, wird es nur noch schlimmer. Erspare uns beiden die Qual! Behalte die schönen Stunden, die wir zusammen verbracht haben in Erinnerung ... auch ich werde sie niemals vergessen. Selbst wenn wir uns nicht wiedersehen, so sollten wir in Freundschaft auseinandergehen, sollten uns in Zukunft an das Positive erinnern, das einer dem anderen gegeben hat.“

Mit zugeschnürter Kehle, die Stimme vom Anbranden unsäglicher Traurigkeit nahezu erstickt, murmelte er ein kaum vernehmbares: „Ja“, schmiegte sie liebevoller als jemals zuvor an sich und verharrte so schluchzend minutenlang mit ihr in der hereinbrechenden Nacht, unfähig sich von ihr zu lösen, ein Kapitel seines Lebens zu schließen, das doch eigentlich gerade erst begonnen hatte. Einander eng umschlungen haltend gingen sie schließlich ins Haus, wo er sie ein letztes Mal nach der Endgültigkeit ihres Wunsches befragte, den zu respektieren er anschließend Isabel und ihrer Mutter versprach, obgleich er dabei glaubte, sein Herz zerspringen zu fühlen. Wie es ihm letztendlich gelungen war, in diesem Moment einen Schlussstrich zu ziehen, konnte er im Nachhinein nur seiner ihm von klein auf anerzogenen Toleranz zuschreiben, die ihn allzeit nötigte, Wünsche und Eigenarten anderer Menschen so lange zu respektieren, solange sie ihren Mitmenschen dadurch keinen physischen oder irreversiblen psychischen Schaden zufügten. Isabels Mutter wusste um die Größe seines Opfers, bewunderte seine Haltung, denn ihr Bedauern, sich nicht unter günstigeren Vorzeichen kennengelernt zu haben, kam von Herzen. Mit beiden Händen drückte sie ihm zum Abschied die Hand - ganz Mutter. Und er scheute sich in diesem Augenblick nicht, Isabel vor den Augen ihrer Mutter auf Stirn und Wangen zu küssen; ihr Gesicht in seine Hände bettend, flüsterte er ihr noch zu: „Ich werde dich nie vergessen, Isabel! Gott beschütze dich!“

Eine Welt stürzte für ihn ein. Philipp nahm sich, trotz größter terminlicher Schwierigkeiten, ein paar Tage frei, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, was ihm allerdings nur sporadisch für Sekunden gelang, und zwar immer dann, wenn er Claude an ihre gemeinsamen Jugendstreiche erinnerte, die selbst ihre Eltern oftmals mit einem von Herzen kommenden Lachen quittiert hatten. Und doch tat ihm diese brüderliche Fürsorge gut, half die seelischen Wunden ein ganz klein wenig zu heilen. Niemals zuvor hatte er den Wert geschwisterlicher Liebe derart deutlich gespürt und wertgeschätzt wie in den Tagen und Wochen nach der so unerwartet gekommenen Trennung.

Ab und an war er versucht rauszufahren, beließ es aber jedes Mal bei einem Telefonat, in dem er sich bei Isabels Eltern nach dem Befinden ihrer Tochter erkundigte, wobei er sie ausdrücklich bat, Isabel nichts von seinem Anruf zu sagen. Zweimal begegnete er zufällig auch noch Isabels Vater in der Stadt, der ihm seine Hochachtung angesichts des ihm Abverlangten aussprach. Auch er gab sein Bedauern zum Ausdruck, sich nicht unter günstigeren Umständen kennengelernt zu haben, bat ihn noch einmal um Verständnis für den von Isabel gefassten Entschluss und wünschte ihm abschließend alles Glück der Welt. Zwei weitere Wochen blieb er noch bei Philipp, konnte es dann allerdings nicht mehr ertragen durch Straßen, über Plätze zu gehen, die für ihn derart mit Erinnerungen behaftet waren, woraufhin er sich entschloss abzureisen, nach Köln zurückzukehren. Zwar versuchte Philipp ihn umzustimmen, bemerkte jedoch rasch, dass nur ein Ortswechsel seinem Bruder helfen könne, den nötigen Abstand von den jüngsten Geschehnissen zu gewinnen.

Als er einige Monate darauf noch einmal seinen Bruder besuchte, vor seinem Sprung über den großen Teich, erkundigte er sich bei Philipp, ob er im Laufe der vergangenen Monate noch einmal etwas von Isabel gehört habe. Da ihm die Albertis offensichtlich nichts mitgeteilt hätten, so ließ ihn Philipp wissen, habe auch er sich dazu entschlossen, ihm nicht zu schreiben bzw. am Telefon zu sagen, dass Isabel bereits vor etwa zwei Monaten gestorben sei, und zwar an den Folgen einer Hirnhautentzündung, mit der ihr angegriffenes Immunsystem nicht fertig geworden sei. Am Schluss sei es ziemlich schnell gegangen, zum Glück habe sie, wie er nachträglich erfahren habe, nicht allzu sehr leiden müssen. Es sei ein riesiges Begräbnis gewesen, schließlich gehörten Isabels Eltern zu den angesehensten Bürgern der Stadt. Er selbst habe nur darüber gelesen, dabei gewesen sei er nicht, auch wisse er nicht, wo Isabel begraben liege. Dies habe er sich nicht zu fragen getraut, als er den Albertis nachträglich telefonisch sein Beileid aussprach, und da sie es von sich aus nicht gesagt hätten, habe er daraus geschlossen, dass sie das Kapitel, in dem sich die Wege der beiden Familien für kurze Zeit gekreuzt hatten, ein für alle Mal abschließen wollten.

Die Mitteilung von Isabels raschem Tod entsetzte ihn, weckte in ihm unter einer dünnen Decke des Verdrängt-Seins schmerzbeladene Erinnerungen an die viel zu wenigen glücklichen Stunden, die er an ihrer Seite hatte verbringen dürfen. Noch einmal folgte er durch Straßen und über Plätze Spuren, die sie in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte. Immer wieder tauchten ihre schlanken Finger vor seinen Augen auf, wie sie über den Skizzenblock huschten und so das Leben um sie herum mit wenigen gekonnt gesetzten Strichen einfingen. Um den peinigenden Gedankengängen zu entrinnen, zog er schließlich einen Schlussstrich, beschloss unverzüglich nach San Francisco zu gehen. Der so unerwartet frühzeitig gekommene Tod seiner einstigen Geliebten trieb ihn geradezu fort von allem, was ihm bis dahin lieb und teuer gewesen war. Einen Neuanfang hatte er vor Augen, soweit es einem Menschen möglich ist, in der Mitte seines Lebens neu anzufangen.

Montag, 14. April 1997, 10:21 Uhr

Um die Straßenecke biegend, taucht das Polizeipräsidium vor Claude auf, wohin ihn Krüger bei seinem morgendlichen Anruf für 10:30 Uhr bestellt hat. Schritt für Schritt spult er die letzten Meter bis zum Eingang herunter, orientiert sich drinnen in Richtung Aufzug, drückt die Ruftaste, die durch ihr Aufleuchten Warten signalisiert. Sekunden später öffnet sich die Aufzugstür, Claude tritt zwei Schritte vor und drückt den Knopf für den zweiten Stock, in dem Hauptkommissar Krüger sein Büro hat.

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